03.11.1980

DDRVerlorene Zeit

Die Entscheidung der DDR gegen die Sommerzeit, im Westen als neues Abgrenzungsmanöver gewertet, hat vor allem ökonomische Gründe.
Wolfgang Rauchfuß, stellvertretender Vorsitzender des DDR-Ministerrats, war voll des Lobes für die neue Sache.
Die Sommerzeit, schwärmte er im Februar dieses Jahres vor Parteijournalisten, bringe nur Gutes: Die "ganze zweite Schicht" habe eine Stunde mehr Tageslicht, die Republik könne Energie einsparen, die Produktivität gesteigert werden. Zudem sei die Umstellung medizinisch völlig unbedenklich.
Wichtiger aber noch, so Rauchfuß: "Es entspricht sowohl den eigenen Interessen der DDR als auch ihrer internationalen Verantwortung als bedeutendes Transitland, sich diesem Rhythmus anzupassen, der mehr und mehr zur Norm in Europa wird."
Acht Monate später pfeift die DDR auf ihre internationale Verantwortung. In einer 16-Zeilen-Meldung verkündete "Neues Deutschland" am Dienstag voriger Woche, die DDR-Uhren würden 1981 nicht wieder um eine Stunde vorgestellt. Aufgrund wissenschaftlicher "Gutachten, die der Regierung der DDR vorliegen", so begründet das SED-Blatt lapidar die Kehrtwendung, "und der im Jahre 1980 gemachten Erfahrungen ist es nicht zweckmäßig, das Experiment mit der Sommerzeit im nächsten Jahr zu wiederholen". Es habe keine wirtschaftlichen S.42 Vorteile gebracht, sondern nur "zusätzliche Kosten".
Die Entscheidung der Einheitssozialisten, von aufgeregten Politikern sofort zum neuen Fall ostdeutscher Abgrenzungshysterie hochstilisiert, überraschte die Bundesregierung nicht. Schon am 16. Oktober hatte die DDR-Mission in Bonn das Kanzleramt von dem geplanten Beschluß im Ministerrat informiert -- inklusive offizieller Begründung.
Tatsächlich dürfte die Ersparnis von rund 100 Millionen Kilowattstunden (DDR-Verbrauch jährlich: 100 Milliarden kWh) auf anderem Gebiet wieder wettgemacht worden sein: Die Ostdeutschen nutzten etwa die langen Sommerabende zu zusätzlichen Autotrips ins Grüne und verbrauchten so mehr Benzin als sonst.
Sollte der DDR-Nachbar Polen bei der Sommerzeit bleiben, bringt die Entscheidung dem gesamten Ostblock sogar noch Vorteile beim Energie-Verbrauch: Durch den entstehenden Zeitunterschied zum sozialistischen Bruderland wird das östliche Stromverbundsystem "Frieden" zumindest in den Spitzenzeiten entlastet.
Für die Abgrenzung zur Bundesrepublik bringt der partielle Verzicht auf die deutsch-deutsche Zeit dagegen so gut wie nichts. Zwar dürften zahlreiche DDR-Bürger aus Termingründen dann ZDF-"heute" oder ARD-"Tagesschau" verpassen, doch zum Ausgleich liegen für die West-Fernseher vom Osten "heute-journal" oder "Tagesthemen" günstiger. Und Tagesbesucher aus dem Westen gewinnen sogar eine Ost-Stunde.
Gleichwohl verstärkt die Zeit-Maßnahme den Eindruck, daß die SED zwischen sich und die Kapitalisten im Westen mehr Distanz legen will.
Seit Ost-Berlin am 13. Oktober das Eintrittsgeld in die Deutsche Demokratische Republik drastisch erhöhte und damit den Besucherstrom nachhaltig drosselte, ist die SED-Führung bemüht, Bonn und ihren eigenen Bürgern den neuen Kurs zu demonstrieren: Mal verbot das DDR-Außenministerium westdeutschen Korrespondenten von der Synode der evangelisch-lutherischen Landeskirche Sachsens zu berichten, mal machte es die Dreherlaubnis für ein West-Fernsehteam wieder rückgängig.
Im Land selbst rollt derzeit eine neue Agitationswelle der Staatspartei; wegen der steten Einmischung in die inneren Angelegenheiten der DDR durch die "imperialistischen Massenmedien" (SED-Chef Erich Honecker) sollten die Ostdeutschen von nun an tunlichst aufs West-TV verzichten --Anlaß für Tatarenmeldungen, wonach in der Ost-Republik Fernseh-Apparate verkauft werden sollen, die weder ARD noch ZDF empfangen können.
Die gesamtdeutsche Zeit gibt die Bundesregierung bereits verloren. Zwar beauftragte der Kanzler seinen Ständigen Bonner Vertreter in Ost-Berlin, Günter Gaus, zu erkunden, welche Chancen es gebe, den Sommerzeit-Beschluß wieder rückgängig zu machen. Doch intern ist Bonn bereits entschlossen, es auf einen deutsch-deutschen Zeitsalat ankommen zu lassen und nicht aus der westeuropäischen Sommerzeit-Front auszubrechen.
Außerdem gibt es für die Westdeutschen handfeste ökonomische Gründe, auch 1981 ihre Uhren vorzustellen: Die Flugplan-Konferenzen im Luftverkehr sind bereits beendet; machte Bonn aus Rücksicht auf den anderen deutschen Staat die Sommerzeit nicht mit, entstünden der Lufthansa Verluste in Millionenhöhe.
Die Schwierigkeiten, die aus den zwei Zeitsystemen entstehen, sind dagegen billiger zu bewältigen. Die Bundesbahn etwa muß veränderte Abfahrt- und Ankunftstermine für den Interzonenverkehr drucken lassen, Ost-Besucher haben sich auf neue Zeiten einzurichten.
Komplizierter ist die Lage in Berlin, wo es sommers Ost- und Westzeit geben wird: Vergeßliche Zeitgenossen könnten in Verwirrung geraten, wenn die westliche U-Bahn, die um 12 Uhr auf dem Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße hält, erst um 13.10 Uhr wieder in West-Berlin eintrifft.

DER SPIEGEL 45/1980
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