07.04.1980

OSTFRIESENMutten wi starben

Selbst die Nazis wagten es nicht, den Ostfriesen das liebste Getränk wegzunehmen. Über den abnormen Hang dieses Volksstammes zum Tee gibt es nun auch Literatur.
Daß man um Emden, Leer und Aurich herum, in Deutschlands tiefster Provinz und bis zu zwei Metern unter dem Meeresspiegel, zum Frühstück drei Tassen Tee und ein Stück Torf zu sich nimmt oder daß ein Vierkampf dort aus Lesen, Schreiben, Rechnen und Teebeutelweitwurf besteht, sind natürlich Ostfriesenwitze.
Es gibt aber auch andere Geschichten, etwa die, daß die Ostfriesen zumindest eine Parole der französischen Revolution auf Anhieb begriffen haben: "Liberte". Kein Witz, denn "lieber Tee" wollen sie immer, er bedeutet ihnen, so ein Lokalblatt, "mehr, als man außerhalb unserer Grenzen zu ahnen vermag".
Ihrem Tee sind die Ostfriesen derart verfallen, daß es nicht nur bei der Tee-Firma Bünting in Leer "von früh bis spät obligatorisch" (Werbeleiter Adolf Langwisch) ist, für die achtzig Beschäftigten das Heißgetränk vorzuhalten. Vier Teepausen gehören auch sonst zur normalen Tageseinteilung der Einheimischen, und daß mehr und mehr Betriebe wegen kürzerer Arbeitszeiten als früher dazu übergegangen sind, Kaffee zu kochen, was schneller geht, findet der Leerer Verleger Theo Schuster "schon pervertiert".
Tee ist bei den rund 400 000 Ostfriesen zwischen Marsch und Moor ein solches Thema, daß Verleger Schuster, auf norddeutsche Kultur und Landeskunde spezialisiert, den Journalisten und gebürtigen Ostfriesen Johann Haddinga ermuntert hat, nun aber auch "Das Buch vom ostfriesischen Tee" zu schreiben -- an die sieben Pfund davon werden dort schließlich pro Kopf und Jahr verzehrt; Bundesdurchschnitt: 220 Gramm.
Daß es ein Ostfriese, wenn er nur alt genug wird, in seinem Leben auf gut und gern 300 000 "Koppkes" bringt, hat die aromatischen Krümel im Lauf der Zeit verschiedentlich sogar zum Politikum gemacht. Mindestens einmal verdankte der langjährige Bundestagsabgeordnete Georg Peters aus Norden dem Tee seine Wiederwahl ins Bonner Parlament, als er nämlich 1953 erfolgreich für die Senkung der Teesteuer kämpfte und seine Gegner ihm vorwarfen, er habe Wähler statt mit Speck mit Tee gefangen.
Und als mit der Rationierung bei Kriegsbeginn 1939 Tee wie Kaffee als entbehrliche Genußmittel eingestuft und nur als "einmalige Sonderzuteilungen" ausgegeben wurden, hielten es sogar die Nationalsozialisten für angebracht, in einem behördlich festgelegten "Ostfriesischen Teetrinkerbezirk" eine "Teekarte" für extra Teerationen einzuführen, die ein "Oldenburger Teeverteilungsschlüssel" festsetzte.
Für die üblichen vier Teezeiten am Tag aber reichte auch das nicht, so daß die Friesen in ihrer Not zusätzlich zu synthetischen Teetabletten, eine Mark das Stück, zu "Austauschgetränken" wie "Holunda" und sogar zu Brombeerblättern und Kamille greifen mußten. Als der Krieg zu Ende war, kamen gottlob die Hamsterer von Rhein und Ruhr mit Tee zum Tausch gegen ostfriesische Butter, und manches ostfriesische Mädchen tat's für Tee statt für Chesterfield.
Daß Tee zum regelrechten Mittelpunkt des Daseins ausgerechnet und -außer in England und vorübergehend in Holland -- allein in Ostfriesland wurde, führt Fachautor Haddinga auf die traditionell engen Bindungen zu Amsterdam zurück. Dort hatten Überseefahrer das neumodische Genußmittel vor drei Jahrhunderten erstmals angelandet. Mitschuldig ist auch die "Königlich-Preußische Asiatische Compagnie in Emden nach Canton und China", die sich 1751 im Beisein des Alten Fritzen etabliert hatte. Schon von der ersten Fahrt brachte das Kompanie-Schiff "König von Preußen" 546 676 Pfund Tee aus dem Fernen Osten nach Ostfriesland mit.
Von da an übte in der ganzen Gegend, in der einst sogar die Frauen "dem Trunk ergeben und oft sogar schwer berauscht von dem Hamburger Bier" gewesen waren, der Tee auch "als Ersatz für die spirituösen Getränke" seine "sänftigende und mildernde Einwirkung auf das Familienleben" aus -- wie der Historiker Onno Klopp voriges Jahrhundert notierte.
Bald war Tee, wie die ostfriesischen Landstände der preußischen Regierung schrieben, "so tief eingewurzelt, daß die Natur des Menschen schon durch eine schöpferische Kraft müßte umgekehrt werden, wenn sie diesen Getränken auf einmal gute Nacht sagen sollte". Dabei ist es geblieben.
Wie eh und je wird Tee in Ostfriesland nach strengen Regeln zubereitet und getrunken: Pro Person und Tasse ein Löffelchen Teeblätter in immer dieselbe Kanne, mit sprudelnd kochendem Wasser, am besten Regenwasser, eben bedecken, drei Minuten ziehen lassen, wenn es belebend, fünf Minuten, wenn es beruhigend wirken soll, dann den Rest nachgießen, Kandis in die Tasse, Tee dazu, Sahne obendrauf -- und um Ostfrieslands willen nicht umrühren.
Obwohl Heinrich Heine fand, daß Tee "sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet", und der Liselotte von der Pfalz das "wie Heu und Mist, mon Dieu" schmeckte, bauten die Ostfriesen ihre Teerituale immer komplizierter aus. So dürfen Fremde nicht vergessen, am Ende den Löffel in die Tasse zu legen. Denn sonst wird pausenlos nachgeschenkt, und deshalb mußte schon mal einer, wie erzählt wird, fünfzig Tassen zu sich nehmen.
Kornelius Bontekoe, holländischer Leibarzt des Großen Kurfürsten, hielt allerdings sogar den täglichen Verzehr von 300 Tassen für völlig unschädlich. Und mehr gilt in Ostfriesland besser als nix, denn, so die weitverbreitete Ansicht: "Wenn wi keen Tee hebben, mutten wi starben."

DER SPIEGEL 15/1980
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