07.04.1980

BERGBAUAngst vor dem Korb

Zum Fiasko geriet die Beschäftigung von Südkoreanern im deutschen Bergbau. Die Koreaner fühlen sich ausgebeutet, die Ruhr-Manager kommen sich ausgenutzt vor.
Der Schweinezüchter Kan Yong Ki gab seinen Job auf, der Kaufmann Sun Kyung Suk machte seinen Laden zu, und der Bauarbeiter Choi Kil Young ließ die Kelle fallen -- sie alle wollten Kohle machen im deutschen Bergbau.
Im Südkorea des Generals Park Chung Hee galt ein Arbeitsvertrag mit deutschen Bergbaugesellschaften als das große Los. Ganze Sippen karrten mit dem Ochsengespann aus den Provinzen Kangwan oder Chungchong in die Hauptstadt Seoul, um die große Reise vorzubereiten.
Über 6000 sind seit Mitte der sechziger Jahre aus dem Land der Morgenstille, wie Korea zu deutsch heißt, in die Pütts von Gelsenkirchen und Oberhausen gekommen. Und vielen ging es inzwischen wie Sun Kyung Suk und seinem Kumpel Lee Myeong Ho: Sie wurden gefeuert, weil sie den Anforderungen S.99 nicht gewachsen waren. Mancher auch kehrte als Versehrter heim, wie Choi Kil Young, der seinen linken Mittelfinger verlor.
"Sie sind Opfer der Ausbeutung", behauptet nun der Koreaner Lee Samuel, Sozialberater der evangelischen Kirche in Bochum -- in dessen Heimatland Elendsberichte erscheinen, als hätten hierzulande die Kohle-Barone noch immer das Sagen. "Viel Schweiß und Blut" werde vergossen, so schrieb unter Pseudonym ein koreanischer Bergmann für die Monatszeitschrift "Choong Ang", die Maloche sei "für unsere asiatischen Körper" zu hart.
"Ausgenutzt" fühlen sich indessen auch die Zechen-Herren, so Alfons von Bronk, Personalchef der Ruhrkohle AG (RAG): "Wir haben mit unseren koreanischen Gästen so viele Probleme wie mit keiner anderen Nationalität."
Mal fuhr eine Gruppe, wie auf Zeche Ewald in Herten, nicht ein, weil sie gegen die Entlassung eines Landsmannes protestierte; mal drohten deutsche Kumpel, wie ein RAG-Vorstandsmitglied berichtet, das Gezähe hinzuschmeißen, weil es im Streb wieder Zoff unter den Asiaten gab: "Da lob'' ich mir unsere Türken."
Die Moslems seien wenigstens bei der Arbeit kalkulierbar, dagegen ist "keiner so oft krank wie die Koreaner", klagt Bronk, "auf manchen Zechen fehlten bisweilen bis zu 70 Prozent". Im Durchschnitt ist der Krankenstand der 20- bis 35jährigen Koreaner (Dezember 1979: 27,15 Prozent) noch ein Drittel höher als bei den über 50jährigen Deutschen (18,57 Prozent). Wie immer man es betrachtet: In jeder Beziehung ist Korea-Krieg auf den bundesdeutschen Zechen.
Dabei hatte alles so völkerverbindend angefangen. Im Zuge eines Pilot-Projekts der Hamborner Bergbau AG hatte der damalige Außenminister Walter Scheel im Februar 1970 mit dem südkoreanischen Botschafter Kim Young Choo eine "Vereinbarung über die Zulassung koreanischer Bergarbeiter zur vorübergehenden Beschäftigung im deutschen Steinkohlenbergbau" geschlossen, in der die Beschäftigung "auf drei Jahre befristet" wurde. Voraussetzung des deutschen Steinkohlebergbaues war zudem "eine mindestens einjährige Erfahrung" unter Tage.
Es sollte für die Koreaner ein "training on the job" sein, so Personalchef Horst Tüburg von der Bergbau AG Niederrhein. Aber daneben natürlich, räumt Vorstandsmitglied Heinz Gentz ein, "konnten wir die auch gut als vollwertige Kräfte gebrauchen".
Der reine Hilfswille war es offenbar nicht, der Arbeitgeber und Vermittler beseelte. Die mit den Asiaten geschlossenen Arbeitsverträge, kritisiert zum Beispiel der Bochumer Anwalt Horst Welkoborsky, der allein über 30 Koreaner gegen die Ruhrkohle vertreten hat, "sind an der Grenze zur Sittenwidrigkeit". Denn die Arbeitserlaubnis in der Bundesrepublik ist auf eine bestimmte Zeche beschränkt; Eintragung im Paß des Koreaners Choi Kil Young: "Gilt nur für die Tätigkeit bei der Bergbau AG Lippe -- Schachtanlage Ewald in Herten. Sie erlischt bei Aufgabe dieses Arbeitsplatzes und bei gesundheitlichen Bedenken."
Wem das Arbeitsverhältnis -- wie im Fall Choi, der in gut einem Jahr 109 Arbeitstage krankfeierte -- gekündigt wird, bleibt nur die Heimreise. Er hat, trotz entsprechender Beiträge, weder Anspruch auf Arbeitslosengeld, noch kann er sich neue Arbeit suchen, der Platz im Wohnheim muß geräumt werden. Choi, der seine Sippe unterhalten muß, wurde zurückgeschickt.
Mit dem Training on the job ist es auch nicht weit her. Zwar steht im Vertrag, daß der Arbeitnehmer Gelegenheit erhalte, "sich mit den wesentlichen Arbeitsvorgängen des Untertagebetriebs vertraut zu machen". Aber "bis auf eine Handvoll" (Bronk) sind die Koreaner geblieben, was sie waren: Neubergleute.
Kein Wunder allerdings, denn entgegen der politischen Abrede kam da aus Korea alles mögliche, nur selten Bergleute. Die Auswahl in Seoul wurde von einer "Korea Overseas Development Corporation" getroffen, die regelmäßig wegen Korruptionsvorwürfen ins Gerede gerät.
Als immer häufiger Koreaner auftauchten, die es schon mit der Angst kriegten, wenn sie den Förderkorb nur sahen, da schickte die Ruhrkohle als Inspekteur einen Fachmann übers Meer, Diplom-Ingenieur Willy Borchardt.
Der Experte machte unter den Probanden viele Berufe aus. Einen diplomierten Physiker etwa, Teppichhändler, Soldaten und immer wieder Reisbauern. Borchardt fragte das kleine Einmaleins der Kumpel ab: Wie man zum Beispiel einen Preßluftschlauch flickt, wenn ein Stein draufgefallen ist, oder wie man einen Holzstempel anschlägt. Beantworten konnte es zunächst nur eine Minderheit, doch die anderen bekamen rasch Nachhilfe: "Fragen und Antworten wurden nach einem Tag auf der Straße gehandelt."
Bald musterte Borchardt die Knappen nach einem neuen Verfahren. Wer wenigstens Schwielen an den Händen oder gar einen blauen Daumen ("Bergmannsmal") hatte, wurde genommen. Abgewiesen wurden Hunderte. "Da gab es erschütternde Szenen", sagt Borchardt, "die hatten monatelang auf diesen Tag gewartet."
Die Gewinner einer Reise ins Revier bekamen zur Einstimmung Auszüge S.102 aus Bergverordnungen und ein Merkblatt über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Westdeutschland. Im "Land ihrer Träume" (Sozialberater Lee) angekommen, gingen die meisten erst mal zur Bank, um einen Kredit für zu Hause aufzunehmen.
"Wir mußten zwölf Monate ohne Arbeit warten", schrieb ein Koreaner an seine Bergwerksdirektion, "wir sind alle mit großen Schulden nach Deutschland gekommen." Allein die Schmiergelder, die Choi Kil Young bezahlte, betrugen ein siebenfaches Monatsgehalt -- 5000 Mark.
Die kleinwüchsigen und offenbar anfälligen Koreaner haben nicht nur Geldsorgen; sie klagen vor allem über Anpassungsschwierigkeiten, für die zunächst "jeder Verständnis hat" (Bronk). "Heimweh, fremdes Essen, ungewohnte Arbeit" zählt Berater Lee auf, und die Zeit hilft da nicht. Selbst die Gruppe, die zu Hause schon Kohle losgemacht hat, tut sich im deutschen Pütt auch nach Monaten noch schwer.
"Ich arbeitete", schrieb der auf Friedrich Heinrich im Kamp-Lintfort gekündigte Kumpel Lee Min Yong, "manchmal mit Tränen in den Augen und Zähneknirschen. Aber ohne Geld, mit leeren Händen kann ich nicht in die Heimat zurückkehren, wo keine Verdienstmöglichkeiten für unsere sechs Familien sind."
Am schlimmsten wohl geht es auf Zeche Ewald in Herten zu, wo die Kohle teilweise nicht von Schrämmaschinen und Hobeln abgebaut wird, sondern wie früher mit dem schweren Abbauhammer.
Bei solchem Abbau ist die Leistung des einzelnen noch am ehesten zu messen. Die Koreaner schaffen nicht einmal die Mindestmenge, vom Akkord ganz zu schweigen -- aber sie fühlen sich dennoch unterbezahlt. Die Deutschen wiederum wollen davon nichts hören. Kein anderer Kumpel werde es hinnehmen, so Peter Heinrich, Betriebsrat auf Ewald, "wenn die Koreaner ein gesondertes Gedinge bekämen".
Auf Ewald -- wo jährlich fast 3,5 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert werden, ein Sechstel der südkoreanischen Jahresproduktion -- ist die Abgangsquote denn auch besonders groß. Allein im ersten Quartal dieses Jahres gingen 26 von 72 Koreanern vorzeitig zurück in die Heimat.
Dem Arbeitgeber wird der Rausschmiß leichtgemacht, seit alle Verträge mit einer, wie auch das Landesarbeitsgericht Hamm urteilte, "ungewöhnlichen" Klausel versehen wurden: "Aus personen- und verhaltensbedingten Gründen" kann das ohnehin befristete Verhältnis schon vorzeitig gelöst werden. Sozialberater Lee: "Damit können die alles machen."
Die Ruhrkohle-Manager dagegen sind erbost über den Vorwurf, "daß wir als Ausbeuter dargestellt werden" (Gentz). Ein "Minimum von Belastbarkeit" müsse schließlich erwartet werden, sonst komme der "ganze Betrieb durcheinander".
Auffällig ist in der Tat, daß sich die Koreaner um so anfälliger zeigen, je länger sie in der Bundesrepublik sind. Im ersten Jahr sind durchschnittlich 6,6 Prozent, im zweiten schon 15,8 Prozent krank; im dritten, wenn es denn erreicht wird, ist jeder vierte koreanische Arbeiter ein Kranker.
Derzeit sind noch 600 Südkoreaner im Revier beschäftigt, aber sie werden wohl die letzten sein. Neue Kumpels aus dem Fernen Osten sollen nicht mehr angeworben werden; das "koreanische Abenteuer", sagt Vorstand Gentz erleichtert, sei nun bald vorbei.
S.99 In ihrem Wohnheim in Dinslaken. * S.102 Bei einer Karate-Vorführung in Kamp-Lintfort. *

DER SPIEGEL 15/1980
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