07.04.1980

„Ich sollte ihn erschießen“

SPIEGEL-Interview mit den Palästinensern Frangi und Salameh über Geheimdienst-Praktiken der Israelis Zehn Jahre lang spionierte der Palästinenser Suleimal Salameh nach eigenen Angaben für den israelischen Geheimdienst im Nahen Osten und in Deutschland. Sein letzter Auftrag: Im März, so behauptet er, sollte er den PLO-Vertreter in Bonn, Frangi, ermorden. Salameh und Frangi erheben Vorwürfe gegen die israelische Botschaft.
SALAMEH (überreicht Frangi einen Blumenstrauß): Diese Blumen für Abdallah Al Frangi, der als ein ehrenhafter und aufrechter Revolutionär für seine Sache kämpft. Diese Rosen anstelle einer Kugel, die er heute von mir in den Kopf kriegen sollte.
SPIEGEL: Herr Frangi, auf Sie ist ein Anschlag vorbereitet worden? Wie haben Sie davon erfahren?
FRANGI: Am 23. Januar kam Salameh zum erstenmal in mein Büro in die Bonner Kaiserstraße. Er sagte mir, daß er in Beerscheba geboren sei, dort wo auch meine Familie herkommt. Jetzt sei er in Not, er brauche Geld, ob ich ihm helfen könne.
SALAMEH: Abdallah war überrascht, daß ich gleich Geld von ihm wollte, aber er hat seine Taschen geleert und auf den Tisch gelegt, was er hatte -- es waren so etwa 80 Mark.
SPIEGEL: Aber Sie sind nicht auf eigene Initiative zu Frangi gegangen?
SALAMEH: Ich bin im Auftrag der Israelis zu ihm gegangen. Ich sollte mich mit ihm in Verbindung setzen und sein Vertrauen gewinnen. Ich habe Abdallah auch von einem gemeinsamen Freund erzählt, Gamal el-Scharif, der jetzt Minister im jordanischen Kabinett ist; und so habe ich bald auch sein Zutrauen gewonnen.
SPIEGEL: Sie arbeiten also für den israelischen Geheimdienst. Seit wann?
SALAMEH: Angefangen habe ich schon 1970, aber nach Deutschland bin ich erst im letzten Jahr geschickt worden.
SPIEGEL: Herr Frangi, haben Sie keinen Verdacht geschöpft, als Salameh bei Ihnen auftauchte?
FRANGI: Zuerst nicht, er kam dann bald wieder, wollte einen Paß von uns besorgt haben, telephonierte auch noch häufiger, und dabei bekam ich allmählich ein komisches Gefühl, weil er einige Fragen nicht recht beantwortete. Meinen Namen sprach er mit falscher Betonung aus, so wie ein Libanese. Ich habe ihn immer mißtrauischer ausgefragt, bis ich ihm ganz einfach sagte: Wer hat dich geschickt?
SPIEGEL: Er hat dann gestanden?
FRANGI: Nein, er wurde aufgeregt, wollte nicht im Büro reden, weil er wohl Angst hatte vor Abhörgeräten. Wir haben uns ins Auto gesetzt und sind herumgefahren. Schließlich habe ich sehr lange mit ihm im Haus der Arabischen Liga geredet. Das war Anfang März. Erst auf hartnäckiges Fragen kam einiges heraus: Die Israelis hätten ihm aufgetragen, er solle versuchen, bei uns im Büro zu arbeiten. Sie fragten auch, ob er einen Koffer dort hinterlassen könne, mit Sprengstoff.
SPIEGEL: War das ein klarer Auftrag?
FRANGI: Wohl noch nicht. Sie gingen auch gleich davon ab, als Salameh nicht wollte. Erst später, es war am Freitag vor zwei Wochen, wurde es konkreter.
SALAMEH: Ich war für 22 Uhr in die israelische Botschaft bestellt. Dort fragte mich Jacques, mit dem ich auch früher schon öfter gesprochen hatte, ob ich bereit sei, einen Anschlag auf Frangi auszuüben. Ich sollte ihn vor dem Haus in der Kaiserstraße erschießen.
SPIEGEL: Wie war der Plan?
SALAMEH: Jacques sagte mir, ich solle mit Frangi einen Termin ausmachen für Dienstag, den 25. März, abends gegen 20 Uhr. Entweder sollte ich ihn im Büro treffen und ihn bitten, mich anschließend zum Bahnhof zu fahren, oder aber, wir könnten uns im Hotel Bristol treffen, wo ich schon früher mit ihm verabredet war. In beiden Fällen war vorgesehen, daß ich ihn auf dem Weg zu seinem Auto, das immer unter der Reuter-Brücke steht, erschieße.
SPIEGEL: Hatten Sie denn überhaupt eine Waffe?
SALAMEH: Die Einzelheiten sollten an dem Dienstag besprochen werstellt. Dann hätte ich auch eine Pistole gekriegt.
FRANGI: Noch am Freitagabend nach diesem Gespräch hat er mich angerufen. Wir haben verabredet, uns gleich zu treffen, und zwar nicht in Bonn, sondern in Köln auf dem Bahnhof, Gleis 4. Wir sind dann im Auto nach Gelsenkirchen gefahren, wo er seine Wohnung hat. Er hat mir von dem Plan erzählt.
SPIEGEL: Wußten Sie, daß Salameh an diesem Abend in der Botschaft war?
FRANGI: Seit er zum erstenmal von seiner Tätigkeit für die Israelis erzählt hat, wußte ich immer genau, wann er sich mit ihnen traf. Zuerst waren wir auch mißtrauisch, haben ihn beobachten lassen, haben aber gesehen, wie er S.124 tatsächlich in Godesberg in die Botschaft ging.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht gleich nach seinem Geständnis dafür gesorgt, daß er das Land verläßt?
FRANGI: Wir haben das auch überlegt. Aber wir wollten zunächst weitersehen, zu welchem Zweck die Israelis ihn engagiert haben. Erst als der Plan deutlicher erkennbar wurde, haben wir vereinbart, daß er zu dem Termin am Dienstag um zehn Uhr nicht mehr erscheinen sollte.
SPIEGEL: Warum haben Sie nicht weitergemacht, bis ganz handfeste Indizien vorlagen, etwa die Übergabe der Pistole?
FRANGI: Das war uns zu gefährlich. Möglicherweise hätten wir die Sache nicht unter Kontrolle behalten können. Salameh hatte auch Angst gekriegt, die Israelis könnten entdecken, daß er nun alles verraten hat.
SPIEGEL: Wie, Herr Salameh, sollten Sie nach diesem abenteuerlichen Plan heil davonkommen?
SALAMEH: Die Israelis haben mir gesagt, ich brauchte keine Sorge zu haben: Da steht ein Wagen ganz in der Nähe, der mich sofort danach mitnimmt. Du kriegst einen Paß und wirst nach Israel gebracht. Dort kannst du in den besetzten Gebieten eine wichtige Stellung haben. Du wirst gut belohnt werden. Aber ich hatte schon Angst, die Israelis könnten mich hinterher als Mitwisser beseitigen.
SPIEGEL: Warum, Herr Frangi, sollten die Israelis solche riskanten Aktionen in der Bundesrepublik planen?
FRANGI: So groß war das Risiko nicht, im Gegenteil. Wäre der Anschlag gelungen, hätte es geheißen: Die Palästinenser bringen sich wieder gegenseitig um. So war es auch schon in anderen Fällen, in Paris, Rom, Kopenhagen. Ich bin Anhänger der gemäßigten Linie, man hätte gesagt, die Radikalen haben zugeschlagen, und das hätte den Israelis ins Konzept gepaßt. Die Bundesrepublik wäre zum Kampfplatz geworden, die guten deutschen Beziehungen zur Palästinensischen Befreiungsorganisation Arafats wären gestört worden.
SPIEGEL: Wieso wollten die Israelis ausgerechnet Salameh einsetzen?
FRANGI: Er hat immerhin viele Jahre für sie gearbeitet, und sie haben ihn wohl nicht von ungefähr nach Deutschland geschickt. Außerdem haben sie auch noch einen anderen auf mich angesetzt. Aber darüber kann ich nichts sagen, um ihn und seine Familie nicht zu gefährden.
SPIEGEL: Wie hat der israelische Geheimdienst Sie angeheuert, Herr Salameh?
SALAMEH: Ich habe im Sechs-Tage-Krieg 1967 für die Palästinensische Befreiungsarmee (PLA) gekämpft und wurde 1968 in Jordanien, wegen illegalen Waffenbesitzes, ins Gefängnis gesteckt. Dort habe ich einen Mann kennengelernt, der heißt Asaad Hilmi Bitar. Nach unserer Entlassung trafen wir uns wieder, und er bat mich um eine automatische Waffe. Ich habe ihm eine Kalaschnikow besorgt. Damit hat er am hellichten Tag, in einem Cafe in Amman, einen Mann erschossen, der hieß Mustafa el-Dasch. Seither lebte er im Untergrund, floh über Damaskus nach Ankara und hat dort einen israelischen Agenten kennengelernt mit Namen David ...
SPIEGEL: ... der drehte Bitar um ...
SALAMEH: Jedenfalls fragte dieser David ihn über seine Bekanntschaften S.125 und Freunde aus und schickte ihn nach Amman, wo er sich mit uns in Verbindung setzen wollte. Mir sagte Bitar, ich solle mit ihm nach Ankara in die amerikanische Botschaft kommen, dort könne ich einen Mann des amerikanischen Geheimdienstes treffen.
In Ankara hat Bitar zum erstenmal offen gesagt, in Wirklichkeit handele es sich um die israelische Botschaft. Ich traf dort David, der fragte mich, ob ich mitarbeiten will. Er stellte mir einen israelischen Paß aus, zahlte alle Kosten für mein Hotel am Atatürk-Platz und für meinen Aufenthalt. Ich bekam auch ein El-Al-Flugticket und sollte nach Tel Aviv reisen. Dort würde ich am Flugplatz erwartet. Das war 1970.
SPIEGEL: Wie konnten Sie als palästinensischer Freiheitskämpfer für die Israelis arbeiten?
SALAMEH: Für mich war das ein Abenteuer. Außerdem wollte ich meine Heimat Palästina wiedersehen. Auf diesem Weg konnte ich legal zurück in meine Heimat.
SPIEGEL: Was erwarteten die Israelis von Ihnen?
SALAMEH: Ich bekam in Tel Aviv eine schöne Wohnung mitten in der Stadt. Regelmäßig kamen Geheimdienstler und fragten mich ständig nach einem Thema: Was ich über die Widerstandsbewegung weiß. Ich hatte viele Freunde, Verwandte und Bekannte in der Widerstandsbewegung. Ich kannte Gruppen, die in den besetzten Gebieten gearbeitet haben. Darüber habe ich berichtet.
SPIEGEL: Für Geld?
SALAMEH: Sie waren nicht knauserig. Für meine erste Aufgabe haben sie mir 6000 Dollar gegeben. Ich sollte in Amman Büros und Stützpunkte der Palästinenser auskundschaften, auch über deren Aktivitäten in den besetzten Gebieten weiter berichten. Zu diesem Zweck erhielt ich ein Ticket Rom--Beirut--Amman und einen Paß mit einem gefälschten deutschen Visum. So sah es aus, als ob ich aus Deutschland komme.
SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Berichte abgeliefert?
SALAMEH: Die haben mir erst einmal beigebracht, wie ich Geheimbriefe schreibe. Ich sollte normal mit Tinte schreiben und zwischen die Zeilen mit Geheimtinte die Informationen. Alle Briefe sollten nach Wien geschickt werden, dafür habe ich die Postfachnummern bekommen.
SPIEGEL: Welche anderen Aufträge hatten Sie?
SALAMEH: Die Israelis waren auch an Ägypten interessiert. Ich sollte Informationen vor allem über die Raketenstellungen sammeln, die im Osten von Kairo stationiert waren. Von Kairo habe ich meine Informationen an einen Palästinenser gegeben, der auch israelischer Agent war und meinen Brief in Ankara direkt an David übergeben hat. Derselbe Agent hat mir auch Geld mit zurückgebracht, 6000 Dollar. Das Geld war mir ausgegangen, weil ich länger als vorgesehen in Ägypten geblieben bin.
SPIEGEL: Seither haben Sie fest für die Israelis gearbeitet?
SALAMEH: Ja, in verschiedenen Städten des Nahen Ostens, vor allem aber in Jordanien, immer mit neuen gefälschten Pässen. Ich habe so viele Namen bekommen, daß ich den echten schon bald nicht mehr weiß. Ständig habe ich mit David Kontakt gehalten, ihn häufig in Ankara, aber auch schon mal in Rom getroffen. Und einmal bin ich erwischt worden, von den Irakis. Die haben mich gefoltert, mit Elektro-Methoden, aber die haben nie herausgebracht, daß ich israelischer Agent war.
SPIEGEL: Wie wurden Sie nach Deutschland beordert?
SALAMEH: Im Februar 1979 erhielt ich in Amman eine Postkarte aus Ankara. Diese Postkarte war mit einem Mikrofilm präpariert, der Anweisungen und Instruktionen enthielt, die man mit Hilfe eines Gerätes lesen kann. Darin hieß es: Du sollst in die Bundesrepublik Deutschland reisen und als Palästinenser politisches Asyl beantragen. Ich wußte nicht, warum ich diesen Auftrag bekam. Aber so stand es drauf. Ich sollte zuerst nach Berlin-Ost fliegen und von dort nach Berlin-West gehen. Ich habe beim Ausländeramt den Antrag gestellt, das Sozialamt hat mir ein Zimmer zugewiesen im Heim Nr. 77. Aber was mir merkwürdig erschien: Kaum bin ich einen Monat in dem S.126 Heim, da kam schon die Genehmigung, nach Westdeutschland überzusiedeln. Und die Asyl-Genehmigung kam auch bald.
SPIEGEL: Was ist da merkwürdig?
SALAMEH: Alles ging so schnell. Andere Palästinenser müssen oft viele Monate oder auch jahrelang warten. Bei mir lief es reibungslos. Eine Frau im Sozialamt hat mir geholfen, ich vermute, sie arbeitet mit den Israelis zusammen.
SPIEGEL: Wann hat sich der Geheimdienst wieder mit Ihnen in Verbindung gesetzt?
SALAMEH: Einmal, es war im Mai letztes Jahr, sprach mich in Gelsenkirchen, wo ich wohnte, auf der Straße ein Mann an, auf Arabisch, Abu Saki. Er sagte mir, ich soll mich unverzüglich telephonisch in Bonn melden, Telephon: Bonn 02221/82 31, und nach Jacques fragen. Ich habe angerufen, und eine Stimme sagte: Israelische Botschaft, Schalom. Aber Jacques war in einer Besprechung, es kam ein Herr ans Telephon, der hieß Didi. Er sagte: "Herzlich willkommen, endlich mal" und gab mir einen Termin. Ich sollte ihn in der Botschaft treffen. Er sagte, es gibt viele Palästinenser, die zu unserer Botschaft wegen ihrer Personalpapiere kommen. Ich bin hingefahren und habe mich dort vorgestellt unter meinem Decknamen Abu Jalil. Ein Beamter hat mich nach Waffen untersucht. Darüber war ich beleidigt. Aber er beruhigte mich, selbst Botschaftsangehörige müßten untersucht werden.
SPIEGEL: Dort bekamen Sie dann neue Instruktionen?
SALAMEH: Didi hat mich erst ausgefragt, wie war die Behandlung in Berlin, in Gelsenkirchen, aber er war S.127 bestens informiert. Die erste Begegnung dauerte eine halbe Stunde. Er hat mir 1000 Mark gegeben und von mir verlangt, ich solle ständig telephonisch mit ihnen in Verbindung bleiben, jede Woche ein- bis zweimal. Das habe ich getan. Bei einem Gespräch kündigte er an, ein Experte aus meiner Heimat möchte gerne mit dir sprechen. Als wir uns trafen, erklärte er, er komme von el-Beit. Den Geheimdienst in Israel nennt man el-Beit, auf deutsch: das Haus. Der Experte erinnerte mich daran, daß der frühere israelische Gouverneur in meiner Heimat Gutes für meine Familie und meinen Stamm getan hat. Aus Dankbarkeit sollte ich jetzt neue Aufgaben übernehmen und Israel helfen. El-Beit habe volles Vertrauen zu mir. Meine erste Aufgabe war, in Gelsenkirchen und Umgebung alle Informationen über die vielen dort lebenden Araber zu sammeln, woher sie kommen, wie sie heißen, ihre Aktivitäten, zu welchen palästinensischen Gruppen sie gehören. Jeden, der irgendwie mit der PLO zusammenarbeitet, sollte ich sofort melden. Außerdem sollte ich andere anwerben für den Geheimdienst.
SPIEGEL: Wie sollten Sie dabei vorgehen?
SALAMEH: Zuerst mal sollte ich mich mit den Leuten unterhalten und herausfinden, was sagst du zu der Politik der Bundesrepublik oder der amerikanischen Politik, um so festzustellen, zu welcher Richtung mein Gesprächspartner gehört. Die nächste Stufe sah so aus: Wenn ich merkte, der hat eine gewisse Bereitschaft, dann habe ich ihm zu imponieren versucht. Ich bin mit ihm Erster Klasse Eisenbahn gefahren, habe ihn zum Essen im Speisewagen eingeladen, ihn mit der Taxe abgeholt, so was imponiert einem, der S.129 nichts hat, und er tut etwas dafür, um auch so leben zu können. So wird die schlimme soziale Lage der Asylanten ausgenutzt.
SPIEGEL: Hatten Sie Erfolg?
SALAMEH: Ja, ich habe drei Palästinenser angeworben. Die haben Pässe bekommen, dazu Geld und sind in den Libanon geschickt worden. Dort sollten sie den Kontakt mit ihren Familien wieder aufnehmen und in den Reihen der Widerstandsbewegung spionieren.
Einer von ihnen hat den Decknamen Georg Hanna bekommen. Sein Bruder ist ein Offizier in der El-Fatah-Organisation. Er ist von hier nach Damaskus mit einem Mercedes 350 SEL gefahren. Er schrieb mir in einem Brief aus Damaskus: Es lebe die Revolution, die Revolution wird siegen. Das heißt, wie verabredet, er habe inzwischen seine Kontakte aufgenommen.
Der zweite, sein Deckname ist Mussa el-Fukaha, hat 6000 Mark von der israelischen Botschaft auf ein Konto der Sparkasse in Gelsenkirchen bekommen. Dieser Mann hat das Geld gekriegt, weil er sich einen Wagen gekauft hatte für 9000 Mark, 3000 Mark waren bereits angezahlt. Auch er sollte in die Reihen der El Fatah einsickern, er hat mir auch schon einen Brief geschrieben. Auch der dritte, Said Mohammed Suleiman, ist jetzt in Beirut, wo er Verwandte hat.
SPIEGEL: Die drei laufen noch frei herum?
SALAMEH: Ich habe Namen und Adressen an Abdallah Frangi gegeben, und er hat weiter gehandelt. Wie, weiß ich nicht.
FRANGI: Sagen wir, sie stehen unter dem Schutz der PLO. Ja, sie sind verhaftet worden. Ein vierter wird noch beobachtet. Wir wissen ganz genau, wo er ist, was er tut. Den Namen will ich nicht nennen. Es ist derjenige, der die Briefe Salamehs aus Kairo nach Ankara mitgenommen und das Geld gebracht hat.
SALAMEH: Er hat mich einmal in Gelsenkirchen besucht und erzählt, mir geht es ausgezeichnet, ich verfüge über Autos, ich fliege überall hin, vor kurzem war ich in Amerika mit einem bestimmten Auftrag gewesen.
SPIEGEL: Wieviel hat man Ihnen bezahlt?
SALAMEH: Ich habe, seit ich in Deutschland bin, fast 25 000 Mark bekommen. Ich habe Kinder, die von mir ernährt werden, die wohnen in Jordanien. Spesen gab es extra. Taxiquittungen wurden erstattet. Ich habe genug gekriegt, manchmal 2000, manchmal 3000, je nachdem.
Sie waren sogar bereit, mich an einer Bar in Gelsenkirchen zu beteiligen. Partner war ein Türke. Die Miete betrug 1500 Mark, die andere Hälfte zahlt der Türke. Die Bar soll als Kontakt-Treffpunkt mit Palästinensern dienen. Jeden Tag um zwei Uhr mußte ich am Telephon sein. Der Türke durfte um zwei Uhr nicht ans Telephon gehen. Wenn in dieser Zeit einer anrief, waren es die Israelis, die irgendwelche Instruktionen gaben.
Außerdem haben sie meine Wohnung bezahlt. Ich hatte nämlich zwei Wohnungen. Eine gute mit Heizung, in der Horster Straße 191, sie kostet 350 S.132 Mark pro Monat, und in der Horster Straße 147 hatte ich noch eine vom Sozialamt.
SPIEGEL: Haben Sie auch noch einen Beruf ausgeübt?
SALAMEH: Damit nicht auffällt, daß es mir besser geht als den anderen, haben sie von mir verlangt, daß ich arbeiten soll. Ich habe zwei Monate in einer Zentralheizungsfirma in Gelsenkirchen-Schalke gearbeitet. Als mir gekündigt wurde, haben die Israelis mich aufgefordert, zum Arbeitsamt zu gehen und mich als Arbeitsloser zu melden.
SPIEGEL: Und wie kamen Sie zu Ihrem dritten Auftrag, dem Frangi-Büro in Bonn?
SALAMEH: Als ich es fertiggebracht hatte, Georg anzuwerben, habe ich den Jacques in der Botschaft getroffen. Er sagte, also das Verteidigungsministerium drückt Ihnen für Ihre Arbeit seine Dankbarkeit aus. Sie haben einen fabelhaften Mann angeworben.
SPIEGEL: Wie sieht Jacques aus?
SALAMEH: Ich schätze, er ist 1,65 groß, hat braune Haut, etwas heller als Abdallah, trägt eine medizinische Brille, keinen Schnurrbart, ist grauhaarig, hat vorne ein wenig Haarausfall, ist etwa 37/38 Jahre alt, schätze ich. Er spricht sehr gut Arabisch. Er hat nur Schwierigkeiten, das Wort Habibi ("mein Lieber") auszusprechen, es hat einen Rachenlaut dabei. Didi trägt eine Perücke. Ich habe das einmal gemerkt, weil sie nicht richtig gesessen hat. Er ist ungefähr 35 bis 40 Jahre.
SPIEGEL: Haben Sie jetzt Angst vor den Israelis?
SALAMEH: Ich kann mir vorstellen, daß sie mich gerne zum Schweigen bringen oder sich an meiner Familie rächen wollen. Ich sitze hier wie auf heißer Kohle. Ich habe mein Schicksal jetzt in die Hände der PLO gegeben. Sie haben mir versprochen, daß sie meine Familie in Sicherheit bringen, und ich werde jetzt gleich, nach Ende des Gesprächs, aus Ost-Berlin nach Beirut fliegen.
SPIEGEL: Sie haben keine Angst, daß die PLO ihrerseits Sie bestraft?
SALAMEH: Ich erwarte schon eine Strafe, und das geschieht mir recht. Aber Abdallah Frangi hat mir versprochen, es werde ein gerechtes Verfahren sein. Zwar ging es mir ausgezeichnet. Aber trotz des schönen Lebens habe ich immer ein schlechtes Gewissen gehabt. Letzter Anstoß, damit aufzuhören, war meine Bekanntschaft mit Abdallah. Er hat mir geholfen, so einen Menschen konnte ich nicht töten.
SPIEGEL: Wollen Sie Jacques nicht Bescheid sagen, daß jetzt alles zu Ende ist?
SALAMEH (springt zum Telephon): Ja, ich rufe ihn an.
FRANGI (hält ihn zurück): Nein, laß sein. Das ist zu gefährlich.
S.123 Mit Redakteuren Paul Lersch (l.) und Adel S. Elias im Berliner SPIEGEL-Büro. *

DER SPIEGEL 15/1980
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