25.08.1980

Meditationen über ein Menschenopfer

Angela Praesent über Kate Millett und ihr Buch „Im Basement“ Die amerikanische Feministin Kate Millett, 46, ist durch ihr Buch „Sexus und Herrschaft“ bekannt geworden. - Angela Praesent ist Verlagslektorin und Herausgeberin der Taschenbuchreihe „Neue Frau“.
Ich wünschte, es gäbe dieses Buch nicht. Es ist ein Buch über die Qual und das Quälen und noch ein paar Dinge, von denen ich wünschte, es gäbe sie nicht. Über die zu sagen, es gibt sie nicht, ich versucht bin. Ein Buch, das die Autorin 14 Jahre lang gequält hat, das mich quält und jeden seiner Leser quälen wird.
Die Fakten, zunächst. (Hätte doch jemand eine kristallene sozialpsychologische Studie darüber verfaßt. Hätte doch wenigstens irgendein mannhafter Artist der Distanzierung darüber geschrieben, Truman Capote, oder Norman Mailer, wozu haben wir die. Nein, es muß Kate Millett sein, die mitten in das Grauen hineinschlüpft, es passiv und aktiv zu ihrem persönlichen macht.)
"Am 26. Oktober 1965 wurde in Indianapolis, Indiana, die abgezehrte Leiche eines sechzehnjährigen Mädchens namens Sylvia Likens in einem Hinterschlafzimmer von Gertrude Baniszewskis Haus in der New York Street aufgefunden. Die Leiche war mit Wunden übersät, und die Worte ''Ich bin eine Prostituierte und stolz darauf'' waren auf ihren Bauch geritzt. Sylvias Eltern hatten sie und ihre jüngere Schwester, Jenny Likens, im Juli bei Gertrude in Pflege gegeben.
"Die Schläge und Mißhandlungen, die Sylvia während der Sommermonate erleiden mußte, hatten sich bis September so gesteigert, daß sie die letzten Wochen ihres Lebens als Gefangene im Keller des Hauses zubrachte. Gertrude Baniszewski wurde zusammen mit drei ihrer jugendlichen Kinder und zwei Jungen aus der Nachbarschaft, Coy Hubbard und Richard Hobbs, des Mordes angeklagt."
Die siebenunddreißigjährige "Gerty" Baniszewski, die während des Prozesses jede Beteiligung an den wochenlangen Folterungen (mit glühenden Nadeln, Bügeleisen und Gardinenstangen, mit siedendem Wasser und Colaflaschen, mit Judogriffen, brennenden Zigaretten, Fußtritten in die Vagina, Fesselung und Nahrungsentzug) leugnet, wird schließlich wegen vorsätzlichen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
Ihre halbwüchsigen Mittäter, über die sie eine lückenlose Übertragungsmacht besessen zu haben scheint, Nachbarsjungen und einige ihrer eigenen sieben Kinder, werden freigesprochen oder erhalten kürzere Haftstrafen. Alle sind sie in den Augen der gutachtenden Psychiater zurechnungsfähig.
Wochenlang waren in der dichtbesiedelten proletarischen Wohngegend die Schreie des Opfers zu hören gewesen, aber niemand hatte die Polizei verständigt. Insgesamt zwanzig Jugendliche aus der Nachbarschaft nahmen an den Grausamkeiten teil. Alle schwiegen bis über Sylvias Tod hinaus. Obwohl die Türen offenstanden, unternahmen die beiden "Pflegekinder" kaum Fluchtversuche. Einmal trug Gertrude Baniszewski einem ihrer Söhne auf, Sylvia in eine weit entfernte Gegend zu führen und dort zu "verlieren" -- Sylvia folgte ihm zurück in ihren Kellerkerker.
Obwohl sie noch fast verhungert zehn Pfund mehr wog als die ältere Frau, obwohl sie bereits eine Handbreit größer war als ihre Mörderin, hat sie sich niemals gewehrt. Im Gegenteil, sie scheint den letzten Rest von Kraft und Würde darauf verwendet zu haben, sich nicht zu wehren, nicht zu weinen. Und damit die tödliche Passion der anderen erst recht herausgefordert zu haben.
Wenn sie, auf einer kotverschmutzten Matratze unter der Kellertreppe angefesselt, nach Tagen des Hungers plötzlich einen einzelnen Cracker angeboten bekommt, sagt sie: "Gib ihn dem Hund. Der hat mehr Hunger als ich." Als man ihr, die noch nie mit einem Mann geschlafen hat, den Satz "Ich bin eine Prostituierte und stolz darauf" (Gertrude muß ihrer orthographisch unsicheren Bande das schwierige Wort "Prostituierte" auf einem Zettel vorschreiben) in den Bauch gebrannt hat, ereignet sich dieser Dialog: "Gerty sagte, sie sollen sie hinaufbringen, und sie brachten sie hinauf in die Küche, und Gerty sagte, ''Sylvia, was wirst du jetzt tun? Du kannst nicht heiraten, du kannst dich vor niemandem ausziehen. Was wirst du jetzt tun?" Sylvia sagte, ''Da kann man nichts machen, jetzt ist es eben drauf.''"
In der Commedia dell''arte unserer christlichen Kulturen spricht nur eine Figur solche Sätze: der/die Heilige. Und um solche Tiefenmuster in unserer kollektiven Seele, nicht um die Rekonstruktion eines merkwürdigen Kriminalfalls, geht es Kate Millett in diesem Buch; um die erstaunliche, urpoetische Fähigkeit noch der Ärmsten und Unbelehrtesten, in Grenzsituationen (der Leidenschaft, der Todesnähe) jahrtausendealte Mythen, Märchen, Szenarios neu aufzuführen.
"Im Basement"
( Kate Millett: "Im Basement. ) ( Meditationen über ein Menschenopfer". ) ( Deutsch von Erica Fischer. Verlag ) ( Kiepenheuer & Witsch, Köln; 400 Seiten; ) ( 39,80 Mark. )
ist die Geschichte eines realen Mordes, aber auch eine Heiligenlegende; das Märchen von Hänsel, Gretel, Aschenputtel und der Hexe; der Mythos vom feuerspeienden Ungeheuer und vom grausamen, auf die Jugend eifersüchtigen Gott.
Soweit (so nah) wirkt "Im Basement" entsetzlich wahr. Aber Kate Millett verengt den Ur-Mythos, der da im plastikverpesteten amerikanischen Mittelwesten des Jahres 1965 wieder einmal ausagiert wurde, durch ihre radikale Überidentifikation auf genau die Hälfte -- auf die weibliche Hilfe der Menschheit:
"Denn ich war Sylvia Likens. Sie war ich. Sie war sechzehn. Ich war es S.154 gewesen ... Seither hast du mich begleitet, eine Teufelssaat, ein Alptraum, mein eigener Alptraum, der Alptraum der Jugend, des Erwachsenwerdens eines weiblichen Kindes, des Frauwerdens in einer uns feindlichen Welt, einer Welt, die wir verloren haben und in der wir überall an unsere Niederlage erinnert werden. Was du ertragen hast, ein Sinnbild dafür. Daß es dir von der Hand einer Frau zugefügt wurde, der schlimmste Teil der Geschichte ... Wer sonst könnte geeigneter sein, eine Kind-Frau zu zerstören?"
Man braucht Milletts berühmtes theoretisches Werk "Sexus und Herrschaft" (Sexual Politics, 1970) nicht zu kennen, um hier das alte kulturanthropologische Konstrukt von der Bezwingung des Matriarchats durch das Patriarchat durchschimmern zu sehen. Für sie ist Sylvia nicht einfach der/die Heilige mit dem ewig überflüssigen Tod, von dem man sich distanzieren kann (wie ich als Achtjährige in den Religionsstunden immer trotzig dachte: für mich hätte Christus nicht sterben müssen).
Kate Millett reduziert die Menschheitsgeschichte auf das Bild von der Opfer-Frau und dem Zerstörer-Mann (hier vertreten durch die Handlangerin Gertrude, die Sylvia rituell antut, was die Männer ihr angetan haben). Fatal einleuchtend diese Verengung, wie alle grandiosen Torheiten; wie alle geschlossenen Denksysteme blindmachend für sperrige Beobachtungen.
"Und man sieht die Zeile über die Prostituierte und weiß ... daß sie sie der Sexualität wegen umgebracht haben. Weil sie sie hatte ... Wie eine Krankheit ... Weil sie, unverheiratet und sechzehn Jahre alt, für die Welt um sie herum Sexualität verkörperte. Und das ist eine Art Verbrechen. Deshalb ist ihre Ermordung Strafe."
Kate Millett macht aus Sylvias Tod (und Gertrudes Mord) die große Parabel des universalen -- nicht nur christlich-westlichen -- Puritanismus. Referiert in großen Exkursen über die rituelle afrikanische Klitorisbeschneidung, über viktorianische Methoden der Masturbationsverhinderung und sieht überall in der Welt und der Geschichte nur ein einziges teuflisches Ziel: die Unterdrückung der weiblichen Sexualität.
"Wie durchtrieben, daß der Wunsch der männlichen Gesellschaft, die Frau zu kastrieren, von Frauen als ihren Handlangern ausgeführt wird; Frauen, die in ihrer Jugend selbst verstümmelt wurden, verbittert und begierig zu garantieren, daß die jungen niemals jene Freuden erfahren, auf die sie selbst verzichten mußten ... Weiblich sein heißt also sterben."
Wie stockblind Kate Millett da auf ihre eigene Überdehnung des Begriffspaars Weiblich-Männlich hereingefallen ist. Da sitzt sie, eine von uns, die wir endlich davongekommen sind -lebendig und gleichwohl weiblich, ökonomisch, sexuell und intellektuell nicht einen Deut mehr auf andere angewiesen als Männer auch --, und rüttelt zwanghaft an den Tintestäben ihres selbsterbauten Begriffskäfigs.
Helfen wir ihr aufräumen: In Auschwitz wurden nicht nur Frauen ermordet. Charles Manson und seine gemischte Truppe haben nicht nur Sharon Tate, sondern auch ihre männlichen Gäste hingeschlachtet.
Gerade die männlichen schwarzen Amerikaner wurden (und werden) ihrer als bedrohlich empfundenen Sexualität wegen gelyncht. Auch männliche Kinder werden von ihren Eltern mißhandelt. Auch Jungen wurden, nicht nur zu viktorianischen Zeiten, gewalttätig und seelentötend am Onanieren, an Lust gehindert. Auch Jesus ist gestorben, haben wir gelernt.
Lauter weibliche Opfer böser Hexen, verbitterter, entmachteter Matriarchinnen? Was taugt eine Mord-Theorie, die schon den nächsten Mord nicht mehr zu erklären vermag? Wenn wir beginnen, jedes unterlegene Wesen "weiblich" zu nennen, müssen wir es aufgeben, über wirkliche Menschen -- Männer und Frauen -- und was sie einander antun, nachzudenken. Oder endlose Mißverständnisse in Kauf nehmen.
Welche Ironie: Kate Millett, die vorzüglich Ausgebildete (Ph. D. von der Columbia University), die mehrfach Ausdrucksfähige (Bildhauerin, Wissenschaftlerin, Dichterin), versucht vierzehn qualvolle Jahre lang, sich in das Denkfühlen eines gefolterten Mädchens und einer Mörderin zu versetzen.
Sie, die niemand, auch keine mütterliche Hexe, daran hindert, mit Männern und Frauen Lust und Liebe zu teilen und davon zu schreiben -- ihr Roman "Sita" gehört zu den großen Liebesgeschichten dieses Jahrhunderts --, sperrt sich selbst in den Käfig der Sprachlosen. Erfindet, als müsse sie S.155 sich für das eigene Davonkommen aus der traditionellen Frauenrolle geißeln, innere Monologe, die nie gedacht, sondern eben blutig ausagiert worden sind. Ihre Gertrude Baniszewski klingt so:
"Sylvia weigert sich einfach, das Leben ernst zu nehmen, seine Härten und Geheimnisse, den Willen Gottes, die Last. Ihre Aufgabe, die vor ihr liegt, ist, eine Frau zu sein. Es sieht so aus, als hätte sie nicht einmal den leisesten Schimmer, was das eigentlich bedeutet. Mein Unterricht führt zu nichts ... Weil sie Widerstand leistet. Sie weigert sich, erwachsen zu werden, wirklich erwachsen. Sie möchte entkommen. Eine Ausnahme sein. Und genauso leichtlebig wie ein Junge. Ein Wildfang, das ist sie, möchte überhaupt keine Frau werden. Also muß ich sie zwingen."
Das ist wohl unverkennbar das Denken der Mütter, die wir kennen und denen wir, sehr lebendig, entkommen sind. Auf die Mörderin Gertrude gemünzt, ist es nur papierene Interpretation.
Die wirkliche Hexe sagte bei ihrer Verhaftung einen einzigen Satz, der mehr wiegt als Kate Milletts verbal nachgestellte Sadismus-Ergüsse, einen, dem man hinter die Worthaut kommen möchte: "Sylvia suchte etwas. Ich habe nie erfahren, was es war."
Was immer Sylvia suchte, sicher ist es nicht in den Worten enthalten, die Millett ihr unterschiebt: "Wenn einem eine Frau so was antut, ist es anders. Vor Männern habe ich mich schon immer gefürchtet, seit ich mich erinnern kann. Aber nicht vor einer anderen Frau. Einer Mama. Das ist es, warum mich Gertrude so weit gebracht hat, daß ich jetzt nichts mehr machen kann ... Wenn ich sie nur umstimmen könnte, wenn sie mich vielleicht unter ihrer Gemeinheit doch auch echt gern hat ..."
Frauen sind nach Kate Milletts Definition "zu endloser Wiederholung eines uralten, unbefriedbaren Schicksals verurteilte Opfer". Es steckt so viel falsch investiertes Herzblut einer gescheiten Frau in diesem raunenden, nur mythisch hinterfütterten Determinismus, daß es schwerfällt, das hier einzig klärende Wort "Quatsch" auszusprechen.
Aber können wir es uns leisten, solche Pseudoerkenntnisse ernst zu nehmen? Sylvia ist Gertrudes Opfer, die Nachbarskinder sind Gertrudes Opfer, Gertrude ist das Opfer der Männer. Und diese Männer sind gewißlich die Opfer von gekränkten Hexen wie Gertrude.
Kurzum, wir alle sind Opfer. Ein Begriff, der alle umfaßt, ist untauglich. Ein Buch, das solche Begriffe aufbaut, auch. Selbst, wenn es vor ungeheuerlichen Details nur so strotzt. Wie dem, daß es in Gertrude Baniszewskis Zehn-Personen-Haushalt am Ende nur einen einzigen Löffel gab. Obwohl man Löffel stehlen kann, die Eiscremepackungen gratis beiliegen ...
Wie zerbröselt müssen Menschen sein, die angesichts eines einzigen Löffels nicht zur Selbsthilfe schreiten. Darüber hat kaum ein Prozeßbeobachter nachgedacht. Außer Kate Millett.
Kate Millett ist nicht Sylvia.
Sie macht sich verbrecherisch -weil andere (Frauen) lähmend -- klein, wenn sie Sylvia fatalistisch nachruft: "Es mag Augenblicke gegeben haben, wo du eine Chance gehabt hättest, wenn dir deine Erziehung die Überlebensfähigkeit mitgegeben hätte (das hat sie bei keiner von uns, denn ihr Zweck ist, uns so verletzbar und wehrlos wie nur möglich zu halten)."
Wer sich ausdrücken kann wie Kate Millett, ist überlebensfähig, nicht wehrlos wie Sylvia.
Es gibt Bücher, nach denen man ein Gegengift braucht. Nach der Lektüre von "Im Basement" sollte man es mit ein paar Seiten Freud versuchen. Vielleicht mit "Ein Kind wird geschlagen"? (Band XII der Gesamtausgabe.)
Ach hätten doch Truman Capote oder Norman Mailer ...
S.153 Kate Millett: "Im Basement. Meditationen über ein Menschenopfer". Deutsch von Erica Fischer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 400 Seiten; 39,80 Mark. * Links: Mittäter Richard Hobbs. *
Von Angela Praesent

DER SPIEGEL 35/1980
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