03.11.1980

„Was in Polen geschieht, ist unsere Sache“

Vor ein paar Monaten noch war er für die Welt außerhalb Danzigs ein Niemand. Dann stieg er zum Arbeiterführer ganz Polens auf: Lech Walesa, 37, Vater von sechs Kindern und gläubiger Katholik, zwang die KP zu unerhörten Zugeständnissen. Die DDR schottete sich ab, Prag drohte, Moskau bestellte KP-Chef Kania zum Rapport.
Ob er denn, so fragte ihn am Tag nach dem Danziger Sieg ein amerikanischer Fernsehreporter, niemals Angst gehabt habe, den ungleichen Kampf gegen die allmächtige Partei zu verlieren.
Streikführer Lech Walesa von der Danziger Leninwerft ins Mikrophon: "Nein, vor dem Verlieren nicht", und nach einer kurzen Pause: "Aber Angst hatte ich für den Fall, daß wir gewinnen."
Daß solche Skepsis keine kokette Bescheidenheit oder gar raffinierte Taktik war, sondern für Realitätssinn zeugte, haben spätestens die Ereignisse der vergangenen Woche in Polen auf dramatische Weise belegt.
Denn Lech Walesa, der Mann, der seit knapp drei Monaten Polen, den Ostblock und einen Teil der übrigen Welt in Atem hält, der allein vom Mandat eines inzwischen ins Mystische gewachsenen Vertrauens seiner Mitbürger getragen, vom Danziger Streikführer zum Sprecher der größten polnischen Massenorganisation, der "Unabhängigen, selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarität" mit über sieben Millionen Mitgliedern (rund 60 Prozent aller Arbeitnehmer) aufstieg, scheint die polnische Staats- und Parteimacht aus den Angeln zu heben.
In einem Sturmlauf, der nicht nur in der Geschichte des Sozialismus ohne Beispiel ist, hat dieser bis zum Sommer nahezu unbekannte proletarische Revolutionär gewaltlos, allein auf die Disziplin und die Solidarität seiner Kollegen vertrauend, einige der als uneinnehmbar geltenden Bastionen des einst allmächtigen Staats- und Parteiapparats geschleift.
Was in revolutionären Liedern, an deren Texte kein kommunistischer Funktionär mehr glaubt, was an pathetisch-kitschigen Heldengestalten des sozialistischen Theaters oder Films einem gelangweilten Publikum bis zum Überdruß vorgeführt wurde, machte dieser nur 1,60 Meter kleine Mann mit dem übergroßen Schnauzbart in den fast täglichen Fernsehberichten für Millionen Menschen zu einer faszinierenden Realität und für den Sowjetkommunismus zur Beklemmung: Alle Räder stehen still, wenn unser starker Arm es will.
Ohne auch nur Namen zu nennen oder Forderungen zu stellen, hat er in den vergangenen Wochen einen mächtigen Staats-Gewerkschaftschef zum Teufel gejagt und dessen Nachfolger zum Offenbarungseid eines Führers ohne Gefolgschaft gezwungen.
Walesa und seine streikenden Docker von Danzig waren es, die einen polnischen Premier Babiuch, und wenig später sogar einen Parteichef Gierek, stürzten -- und mit den Großen des Systems eine Hundertschaft von Spitzenfunktionären, die in einem Polen, S.143 wie es sich die Walesas vorstellen, fehl am Platze wären.
So Trauriges war der geheiligten Kommunistischen Partei in einem Ostblockstaat auch bei den bisherigen Rebellionen noch nicht widerfahren, weder in Ost-Berlin 1953, noch in Budapest 1956, noch in Prag 1968: Da gab eine ratlose Führung Position um Position preis, opferte den Parteichef, ließ mit Freien Gewerkschaften an ihrem Machtmonopol rütteln, stellte damit praktisch die eigene politische Existenz zur Disposition, zog sich vom Papst in Moskau die Anklage auf den Hals, Glauben und Herrschaft des "realen Sozialismus" zu gefährden -- und alles, alles half nichts.
Böse Erfahrungen früher und der schnelle Durchbruch jetzt gaben der Arbeiterbewegung eine Eigendynamik, die in der vergangenen Woche kaum noch zu bremsen schien, und stellten den neuen Parteichef Kania vor ein fast unlösbares Dilemma:
Er mußte, wollte er den Ausbruch neuer, schon angekündigter Streiks verhindern, nach unten Glaubwürdigkeit zu gewinnen suchen, beweisen, daß er es mit der Erfüllung seiner Versprechen auf mehr Freiheit ehrlich meint.
Gleichzeitig aber mußte er gegenüber Moskau dartun, daß sein Nachgeben in Wahrheit nicht systemverändernd sei, er es also mit seinen Versprechen nach unten nicht ehrlich meint.
Vorige Woche trieb der Konflikt einer Entscheidung zu, unter düsteren Begleitzeichen: In Warschau brannte das Aeroflot-Büro, die Versorgungslage wurde dramatischer. Im ganzen Land war nicht nur Fleisch, waren auch Kartoffeln und Zucker vom Markt verschwunden.
Unter dem Druck neuer elf Forderungen aus Danzig, gleich mit Streikdrohung für den 12. November garniert, traten Kania und Premier Pinkowski zum Rapport in Moskau an, der Vergleich mit dem Treffen von Cierna, wo Dubcek und Co. Ende Juli 1968 von den Kremlchefs eine letzte Frist zur Bereinigung der Lage erhielten, lag auf der Hand.
Damals marschierten drei Wochen später die Truppen des Warschauer Paktes. Jetzt stellte eine lakonisch-beredte "Tass"-Erklärung fest, imperialistische Kräfte seien in Polen am Werk, und Leonid Breschnew sei zuversichtlich, "daß die Kommunisten und Werktätigen des brüderlich verbundenen Polens die vor ihm stehenden akuten Probleme ... zu lösen vermögen".
Unzweideutig klang es aus Prag, die Ereignisse in Polen erinnerten "an die Aktivitäten der antisozialistischen Kräfte in der CSSR während der Krisenjahre 1968/69".
In Polen diktierten Streikführer Walesa und seine Kollegen aus Stettin und Kattowitz inzwischen der bedrängten Parteiführung die Bedingungen für einen Neubeginn, der in Moskau als Ausbruch schierer Häresie erscheinen muß:
Strikte Erfüllung der 21 von der Regierung akzeptierten Danziger Forderungen, von der Parteipresse seitdem "Gesellschaftsvertrag" genannt, von Arbeiterführer Walesa für unabdingbar erklärt.
"Wer ist dieser Kerl?" hatte Parteichef Gierek Mitte August im permanent tagenden Krisenstab seines Politbüros ungläubig gefragt, als sich die Meldungen über die geschickte Verhandlungstaktik dieses Niemand aus Danzig häuften. Doch die Dossiers, die ihm die Geheimpolizisten vorzeigen konnten, gaben nur Auskunft darüber, daß da einer gewann, der von ganz unten kam und nichts zu verlieren hatte.
Heute, nicht mal drei Monate später, kennt ihn in Polen jedermann -- doch die wichtigste Frage blieb für Anhänger wie für Feinde unbeantwortet:
Ist er Polens neuer Nationalheld, der mit kühn kalkuliertem Plan das Land aus Krise und Misere führt, oder ein verbohrter Fanatiker, der mit seiner kompromißlosen Prinzipienreiterei die militärische Intervention der aufgebrachten Sowjets auslöst?
Ist dieser Lech Walesa (ausgesprochen: Wauenssa) einer von jenen glaubensstarken Märtyrern für Gerechtigkeit, von denen es in der polnischen Geschichte viele gibt, oder nur ein frommer Narr, der nichts von den Grenzen des politisch Machbaren versteht? Handelt er aus sich heraus, oder wird er von der Basis getrieben, oder gar von intellektuellen Systemgegnern gelenkt?
Die Biographie des erst 37jährigen könnte aus einem Lehrbuch für polnische Soziologen stammen, so sehr personifiziert der Arbeiterführer die Entwicklung Volkspolens vom rückständigen Agrarstaat zur elftstärksten Industrienation der Welt.
Wie die meisten Polen seiner Generation stammt Lech Walesa vom Land. Er ist in dem Dorf Popowo in der Umgebung von Bydgoszcz (Bromberg) zwei Jahre vor Kriegsende als Sohn eines Tischlers und einer Kleinbäuerin geboren. Nach der Grundschule sucht er sich eine Lehrstelle als Elektromonteur.
Die Walesas, eine kopfstarke Sippe, sind fromme Leute, wie die meisten im Dorf. Mit der Politik oder gar der Partei haben sie nicht viel im Sinn, werden in ihrer ländlichen Abgeschiedenheit aber auch von den Funktionären weitgehend in Ruhe gelassen.
Als Elektromonteur bekommt Lech Walesa 1967 auf der Danziger Leninwerft einen Job und wird schon ein Jahr später als 24jähriger für den Betriebsrat vorgeschlagen. Ein Kollege von damals: "Er konnte gut reden und hatte keine Angst vor großen Tieren."
Im Dezember 1970, beim Arbeiteraufstand in den Küstenstädten, ist der Elektromonteur und Gewerkschafter Walesa Mitglied des Arbeiterrats auf der Leninwerft. Aber der Aufstand wird von Polizei und Miliz blutig niedergeschlagen, 45 Arbeiter finden dabei nach offiziellen Angaben den Tod, darunter auch Walesa-Kollegen aus der Danziger Werft.
Nach dem Sturz von Parteichef Gomulka verhandelt eine Docker-Delegation S.145 am 25. Januar 1971 mit dem eigens angereisten neuen Parteichef Gierek, auch Walesa ist dabei. Gierek verspricht Arbeiter-Selbstverwaltung und beteuert, daß unter seiner Führung nie wieder auf Arbeiter geschossen werde.
Im Frühjahr 1976 wird Walesa wegen seines Eintretens für die Bildung Freier Gewerkschaften von der Leninwerft mit der Begründung "präventive Maßnahme" entlassen, obgleich er als Betriebsrat verschärftem Kündigungsschutz unterliegt.
Seitdem, vier Jahre lang, war Lech Walesa ohne feste Arbeit und mußte seine Familie -- er hatte 1969 die ehemalige Blumenbinderin Miroslawa geheiratet -- mit Gelegenheitsjobs und der Unterstützung von Freunden durchbringen. Walesa: "Wo ich mich auch vorstellte -- sobald der Personalchef mein Arbeitsbuch sah, war die eben noch freie Stelle schon besetzt."
Seine Eltern waren 1973 zu einem Verwandtenbesuch in die USA gereist. Da die Mutter bei einem Autounfall in New Jersey ums Leben kam, entschloß sich sein Vater, der bis heute so gut wie kein Wort Englisch versteht, bei dem Walesa-Clan in den Staaten zu bleiben. Gesehen hat er den inzwischen weltberühmten Sohn seither nicht und hofft, daß der, "wo er doch jetzt mit Ministern verkehrt", einen Paß für eine USA-Reise bekommt.
Bis zu seinem Rausschmiß lebte Sohn Lech wie ein Durchschnitts-Pole: Die schnell wachsende Familie -- die Walesas sind strenggläubige Katholiken -- mußte sich mit einer Zweizimmerwohnung von 26 Quadratmetern begnügen, er ging regelmäßig zur Messe, beschäftigte sich viel mit seinen Kindern, sein gelegentliches Vergnügen war Zuschauen beim Fußballspiel.
Was den arbeitslosen Elektromonteur freilich von seinen Nachbarn unterschied, war sein verbissener Kampf für gewerkschaftliche Rechte. Das brachte ihn in Kontakt zu dem 1976 von Warschauer Intellektuellen gegründeten "Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" (KOR), das sich unter der anhaltenden Repression der Geheimpolizei schnell zu einer Keimzelle wachsender Opposition gegen die Partei entwickelte.
Als am Vorabend des 1. Mai 1978 in Danzig die "Freie Gewerkschaft des Küstengebiets" gegründet wurde, war Walesa auch dabei. Einen Aufruf an die Arbeiter unterschrieb als Verantwortlicher für das Gründungs-Komitee der Danziger Werft-Ingenieur Andrzej Gwiazda -- heute Walesas engster Mitarbeiter in der Gewerkschaft "Solidarität".
Seit 1978 war Lech Walesa Mitarbeiter der vom KOR inspirierten Untergrund-Zeitschrift "Robotnik Wybrzeza" (Der Arbeiter der Küste), die sich für die Gründung einer Freien Gewerkschaft als legitime Vertretung der Arbeiter einsetzte.
Weil die Zeitschrift Namen und Anschrift der Verfasser offen bekannte, hatte die Geheimpolizei den proletarischen Dissidenten bald ausgemacht. "Bis zu hundert Mal wurde ich in diesen Jahren festgenommen oder vorgeladen", erinnert sich Walesa heute.
Besonders scharf war die Danziger Polizei darauf aus, am jährlichen Gedenktag des Danziger Arbeiter-Massakers von 1970 den Veteranen von damals unter Verschluß zu halten.
Doch als die Polizei im Dezember 1978 sogar mit Spürhunden nach ihm suchte, hatten ihn Kollegen versteckt. Ungehindert konnte Walesa auf dem Werftgelände seine Gedenkrede halten; die 3000 Arbeiter, die zur Gedenkfeier gekommen waren, bildeten mit ihren Leibern einen undurchdringlichen Ring und schützten ihn so vor der Verhaftung.
Im Jahr darauf schmuggelten ihn die Docker in einem Container durch das Werfttor. Walesa forderte in seiner Gedenkrede für die erschossenen Kollegen "die Solidarität aller Polen im Kampf um ihre Rechte", mit nachhaltigem Echo.
Denn als nach einer Welle von Lohnstreiks im ganzen Land am 14. August dieses Jahres auch die Arbeiter der Danziger Leninwerft in den Ausstand traten, war eine ihrer wichtigsten Forderungen die sofortige Wiedereinstellung des vor vier Jahren widerrechtlich S.149 entlassenen Betriebsratsmitglieds Lech Walesa.
Der hatte gerade mal einen Job in einem anderen Danziger Betrieb. Mit einer Taxe wurde der Gesuchte auf die Werft gebracht, so lange mußte Werftdirektor Wojcik, der die Arbeiter zu beruhigen versuchte, auf einem Bagger stehend warten.
Zwei Tage später geschah etwas, worüber Lech Walesa heute nicht mehr gerne spricht, und was nicht nur die eigene Karriere, sondern wohl auch die Entwicklung Polens in eine andere Richtung gelenkt hätte: Walesa wollte den Streik auf der Danziger Leninwerft beenden.
Ihre Forderungen, so erklärte er im Streikkomitee, seien eigentlich erfüllt: die Wiedereinstellung der aus politischen Gründen entlassenen Kollegen und das Versprechen, die Löhne zu erhöhen; es sei also an der Zeit, nach Hause zu gehen.
Aber die Mehrheit im Komitee stimmte gegen ihn, sie wollte den Streik bis zur Erfüllung präzis benannter Punkte fortsetzen. Walesa fügte sich der Mehrheit und war sofort bereit, deren Argumente mit Entschiedenheit zu vertreten, mitunter sogar allzu heißblütig.
Als Werftdirektor Wojcik, um die Agitation zu unterbinden, die Funkzentrale der Werft lahmlegen ließ, stürmte Walesa mit ein paar schwergewichtigen Anhängern in die Direktions-Etage und drohte Wojcik zu verprügeln.
Nur Freund Gwiazda, auch er Mitglied im Streikkomitee, konnte das Schlimmste verhindern und brachte die Anlage schließlich durch gütliche Regelung auch wieder in Gang.
Doch dann wieder andere Szenen: Walesa ist es, der sich die Delegationen der anderen Betriebe, die sich dem Streik anschließen wollen, geduldig anhört.
Er hört überhaupt jedem zu, mit der Geduld eines Beichtvaters, tröstet, wo nötig, und versucht die ständig wachsende Zahl der Mitstreikenden auf Rücksichtnahme und Solidarität einzuschwören -- sein Lieblingswort wird schließlich das Markenzeichen seiner Bewegung.
Als die Zeitungen von "antisozialistischen Hintermännern" auf der Danziger Werft schreiben und dabei mehrmals den Namen KOR nennen, den auf der Werft kaum einer der Arbeiter kennt, hält Walesa einen Vortrag: Er erklärt die Geschichte und die Ziele des KOR, sagt, daß dessen Mitarbeiter die Freunde der Arbeiter seien und keiner auf die Provokationen der Presse hereinfallen solle.
Eines Tages versucht im Großen Saal, wo die Delegierten des inzwischen überbetrieblichen Streikkomitees beraten, ein Mann eine Verteidigungsrede auf Parteichef Gierek zu halten. Die Arbeiter werden unsicher, bis Anna S.151 Walentynowicz, auch sie eine Veteranin der Kämpfe vom Jahr 1970 und aus politischen Gründen entlassen, den Mann als einen Provokateur entlarvt: "Ich kenne ihn gut, er ist der Beamte, der mich viele Jahre verfolgt hat."
Die aufgebrachte Menge will den Identifizierten lynchen, Walesa geht dazwischen und droht seinen Posten niederzulegen, wenn dem Mann etwas geschehe. Die Arbeiter murren, aber sie gehorchen.
Sie gehorchen ihm auch, als er ein striktes Alkoholverbot ausspricht und empfiehlt, die Abgesandten der Regierung aus Warschau höflich zu behandeln. Selbst die Rauhbeinigsten sind bereit, mit ihrem Sprecher Walesa die sonntägliche Messe auf dem Werftgelände zu besuchen.
Walesa nimmt es gelassen hin, daß sich die Docker über seine ungehemmt zur Schau gestellte Religiösität mitunter lustig machen. Der Witz kursiert: "Wenn du Leschek nach der Uhrzeit fragst, fragt der erst mal zurück: Und was sagt der Papst dazu?"
Aber als Kardinal Wyszynski auf dem Höhepunkt des Streiks in Tschenstochau eine erstmals vom Fernsehen übertragene Messe liest und dabei den Arbeiterkampf nur lahm unterstützt, läßt der enttäuschte Walesa unter dem Bild der Madonna am Werfttor einen Zettel anbringen, mit der Aufschrift: "Die Madonna streikt".
Ganze 17 Tage und Nächte hält Walesa sein bis auf 200 000 Streikende anwachsendes Arbeiterheer gegen Drohungen und Verlockungen diszipliniert zusammen.
Dann sind die Forderungen der Streikenden -- an deren Erfüllung vorher niemand gedacht hatte, von der verunsicherten Parteiführung angenommen, und Walesa ist der Sieger.
Vorher geplant hat die historische Kraftprobe weder Walesa noch ein anderer im Streikkomitee. Sicher, Walesa und seine Kollegen standen in diesem Macht-Marathon nicht allein. Millionen Werktätiger in ganz Polen zeigten offen ihre Anteilnahme und Sympathie -- aber es gab auch aktive Helfer.
Die Freunde von KOR, wie die Dissidentenführer Kuron und Michnik, auf die sich die polnische, später die sowjetische Parteipresse als angebliche "antisozialistische Hintermänner" einschoß, hatten gewiß nicht die größten Chancen dabei. Sie kamen erst am Tag des Streikendes auf ausdrückliche Intervention von Walesa aus dem Gefängnis frei -- er hatte die Forderung nach ihrer Freilassung in das 21 Punkte-Programm aufgenommen.
Die juristischen und politischen Berater, die den Streikenden beim Aufsetzen der Texte und beim Prüfen des Vertragsentwurfs halfen, gehören auch heute noch zum Beraterstab der Gewerkschaft "Solidarität".
Vor allem der Warschauer Rechtsanwalt Sila Nowicki hat sich um die "Solidarität" verdient gemacht; ein inzwischen älterer Herr, der schon nach den Studentenrevolten von 1968 die Angeklagten mutig verteidigte.
Aber auch Tadeuz Mazowiecki, Chefredakteur der katholischen Zeitschrift "Wiez" (Das Band), die von der Parlamentariergruppe "Znak" herausgegeben wird, war von Anfang an dabei.
Walesa hat nie verschwiegen, daß er beträchtliche Geldspenden für seine Gewerkschaft bekommen hat, auch von Sympathisanten aus dem westlichen Ausland. Walesa: "Es gibt keine Hilfe, die uns politisch peinlich wäre."
Aber Einfluß auf die Streikziele oder die spätere Gewerkschaftsarbeit, so Walesa, hätten weder die einen noch die anderen gehabt -- und er geht davon aus, daß ihm alle glauben.
Mit der gleichen Unbefangenheit berichtet er auch, die Partei habe versucht, ihn mit lukrativen Angeboten "wie Villen, Wagen, Geld -- alles" zu bestechen, und von seinem Mentor, dem Kardinal Wyczynski, plaudert er aus, der habe ihm "den Vorschlag gemacht, doch die Leitung der offiziellen Gewerkschaften zu übernehmen".
Seine Manie, die neue Gewerkschaft als unpolitische, "rein soziale Organisation" hinzustellen, wirkte schon in der Gründerzeit reichlich arglos -heute weiß Walesa längst, daß er die Rolle nicht durchhalten kann: Der Konflikt mit dem zur Zeit schwächeren Rivalen, der polnischen KP, war von Anfang an unausweichlich.
Doch Ende August, nach den historischen Konsequenzen seiner "ewerkschaftsgründung befragt, kann Walesa noch poltern: Was geht " " mich die Geschichte an, mich interessieren unsere 21 " " Forderungen, und die erste und wichtigste realisieren wir " " jetzt, unsere Gewerkschaft. Ich kämpfe nicht für die " " Historie, ich kämpfe für die Leute. "
Noch ist der zierliche Mann, auf den das Bild eines Arbeiterhelden nicht passen will, der alte. Im gleichen zerknitterten braunen Konfektionsanzug, in dem er mit Vizepremier Jagielski auf der Danziger Werft vor die Mikrophone trat, sitzt er nun in seinem Büro in der fünften Etage des ehemaligen Danziger Vorstadthotels "Morski", dem Hauptquartier der "Solidarität".
Nur eins hat sich geändert, und daß Walesa dieses offensichtlich politisch gemeinte Präsent ohne Scheu annahm, spricht für sein gutes Gewissen: Die acht Walesas -- die jüngste Tochter S.153 kam während der dramatischen Streikwochen zur Welt -- sind in ein Appartement von 114 Quadratmetern umgezogen, für polnische Verhältnisse fast schon eine Luxuswohnung.
Bis Mitte September ist dem Arbeiterführer, der seinen gerade erst wiedergewonnenen Job auf der Leninwerft aufgegeben hat, um, wie er es nun ausdrückt, "eine Mission zu erfüllen" noch unklar, wie die neue Gewerkschaft aussehen soll: "Hier gibt es keine Schulen für so etwas, hier waren immer nur die alten Gewerkschaften, und die Ausbildung dort war nicht das Wahre."
Nur eins glaubt er zu wissen: Seine neue Gewerkschaft soll auf Danzig, höchstens noch auf die Küstenregion beschränkt bleiben: "Ich habe hier so viel Arbeit, daß ich mich um den Rest von Polen nicht kümmern kann."
Doch schon zwei Wochen später, auf dem Treffen von 300 Delegierten von Gründungs-Komitees aus dem ganzen Land wird er überstimmt: Gegen seinen Willen bekommt die neue Gewerkschaft einen gesamtpolnischen Dachverband, Danzig wird die Zentrale.
Schon liegen über drei Millionen Anmeldungen für die neue Gewerkschaft vor, als die provisorische Führung, inzwischen auch mit den Vertretern der weitaus militanteren Bergarbeiter aus Schlesien besetzt, Ende September bei einem Warschauer Gericht die Statuten zur Genehmigung einreicht, vertritt die "Solidarität" schon über fünf Millionen Menschen.
Walesa sieht ein, daß er der Aufgabe, eine solche Massenorganisation zu führen, nicht mehr gewachsen ist, daß ihn die damit verbundenen Organisationsprobleme überfordern, daß er in Gefahr gerät, den für ihn so wichtigen Kontakt mit der Basis zu verlieren.
Auch andere Kollegen in der Vorstandsrunde wie sein Danziger Freund Gwiadza wissen um die Grenzen von Walesas Fähigkeiten, aber das taktische Kalkül in dem noch nicht gewonnenen Kampf verbietet es, die erfolgreiche Galionsfigur auszuwechseln.
Die bis in ihre Grundfesten erschütterte Partei hat vorerst zuviel mit sich selbst zu tun, als daß sie die Schwierigkeiten in der "Solidarität" verfolgen könnte. Parteichef Kania ist bis zur Selbstverleugnung darum bemüht, den von ihm gutgeheißenen "Gesellschaftsvertrag" mit den Streikenden zu erfüllen.
Noch glaubt die Parteiführung wohl auch, der Sog der neuen Gewerkschaft könne nachlassen, man könne die Bewegung irgendwie integrieren oder korrumpieren. Selbst einen Warnstreik der Danziger Leit-Gewerkschaft, der die Verwirklichung ihrer Forderungen beschleunigen soll, nimmt die Warschauer Führung gelassen hin.
Auf der 6. Plenarsitzung des ZK der polnischen KP nimmt Parteichef Kania nach ausführlicher Selbstkritik an der bisherigen Wirtschafts- und Informationspolitik auch zu den neuen Gewerkschaften Stellung. "s klingt fast wie ein Lob: Wir nehmen mit Befriedigung alle " " Informationen zur Kenntnis, die konstruktive Initativen oder " " die positive Haltung der neuen Gewerkschaften betreffen. Wir " " verlassen uns darauf, daß die Organisatoren dafür Sorge " " tragen, das politische Erscheinungsbild der Bewegung in " " Übereinstimmung mit den Vereinbarungen und den Interessen der " " Arbeiter zu bestätigen und zu gestalten. Wir zählen auf sie, " " daß sie sich dem notwendigen Schutz der Rechte der Arbeiter " " widmen und auch ihre staatsbürgerliche Einstellung gegenüber " " dem Staat formen. "
Walesa, im internen Kreis noch immer auf eine unpolitische Sozialpartnerschaft mit dem Staat aus, wird, ob er es nun will oder nicht, zum Juniorpartner der Partei, zum Ordnungsfaktor im Staat deklariert -- ein Gefangener seiner Erfolge.
Parteichef Kania weiß sehr wohl, daß sein Reformprogramm -- Dezentralisierung der Industrie, volle Garantie des Eigentums der privaten Bauern, Stärkung des Parlaments, Erweiterung der Rechte für die lokalen Verwaltungen -- nur greifen kann, wenn die Unabhängigen Gewerkschaften mitziehen.
Kritik an den Konzessionen bekommt er aus den eigenen Reihen. Vor allem die ZK-Sekretäre Grabski und Olszowski, als scharfe Kritiker Giereks aus dem Machtzentrum entfernt und erst auf dem Höhepunkt der Streikwelle wieder in die Parteiführung aufgenommen, werfen dem Parteichef vor, die Prinzipien der Partei zu verwässern.
Walesa braucht lange, bis er das neue Rollenspiel versteht -- aber als er Mitte Oktober zu einer Tournee durch Südpolen startet, ist er ein Gewandelter. Schon allein die Route, die er wählt, weckt fatale Vergleiche: Auf S.154 fast den gleichen Etappen fuhr im Sommer vergangenen Jahres der polnische Papst Wojtyla durchs Land, so wie er sucht nun Walesa das Bad in der Menge.
In Krakau, von 30 000 Anhängern jubelnd durch die Straßen getragen, nimmt er hin, daß ihn die Begeisterten mit dem polnischen Nationalhelden Tadeusz Kosciuszko vergleichen, der vor 186 Jahren von Krakau aus den Aufstand gegen die russischen Besatzer anführte.
Walesa, dem es vor ein paar Wochen nur um "meine Gewerkschaft" ging, nun zu den Krakauern: "Auch ich, Lech Walesa, will mich an diesem historischen Ort verpflichten, dem Volke zu dienen und alles zu tun, wozu ihr mich beruft."
In Tschenstochau läßt er sich mit religiösen Hymnen von der Menge feiern, im Fußballstadion von Tarnow muß er auf Wunsch des Volkes eine Ehrenrunde drehen, damit alle den neuen Volkshelden aus der Nähe betrachten können.
Plötzlich wird Walesa auch offen politisch. In Nowa Huta weist er die Kritik des Prager Politbüro-Mitglieds Vasil Bilak an den polnischen Ereignissen scharf zurück: "Was in Polen geschieht, ist unsere Sache. Wir sind dabei, einen polnischen Sozialismus auf die Beine zu stellen. Jeder hat seine eigenen Probleme. Wir wollen keinerlei Einmischung in die inneren Angelegenheiten unseres Landes."
In Kattowitz rügt er die von Parteichef Kania angekurbelte Kampagne gegen korrupte Parteibonzen: ''"Jetzt ist nicht die Zeit, Menschen ins Gefängnis zu werfen. Am besten wäre es, wenn sie auf einem Blatt Papier alles aufschreiben, was sie illegal erworben haben und es einfach zurückgeben."
Aber nicht, was er sagt, sondern wie er es sagt, begeistert die Menge. Seine Sätze sind kurz und von sprachlicher Originalität, weit entfernt von dem öden Parteichinesisch der Funktionäre. Wie auf der Danziger Werft vermittelt er auch auf seiner Rundreise das Bild eines Mannes, der an das, was er sagt, auch glaubt.
Vorletzte Woche setzte der Staat an, den zur Schau getragenen Konsens mit der Gewerkschaft zu beenden und dem "realen Sozialismus" endlich wieder zu seinem Recht zu verhelfen: Mit einem juristischen Trick versuchte er über den Richter Koscielniak, den neuen Gewerkschaftsbund bei der Annahme der Statuten an die Kette zu legen.
Ohne Diskussion mit den Gewerkschaften änderte der Richter die Satzung in zwei enscheidenden Punkten: In Artikel 1 schrieb er zusätzlich die ausdrückliche Anerkennung der Führungsrolle der Partei hinein, die Paragraphen 32 und 33 über das Sreikrecht modifizierte er: "Die Organisation des Streiks darf nicht im Widerspruch zu den gültigen Gesetzen stehen."
Vergebens appellierten die polnischen Parteizeitungen an die Gewerkschaft, auf diesen "Kompromiß" einzugehen. Für die Tauben im Vorstand der Gewerkschaft "Solidarität", die mit einer Beschwerde und möglichen Revision erst einmal den Rechtsweg ausschöpfen wollten und davor warnten, durch eine überscharfe Reaktion das Erreichte wieder aufs Spiel zu setzen, brachen schlechte Zeiten an.
Denn die Falken im Vorstand machten auf einer stürmischen Sitzung im Danziger Hauptquartier überdeutlich klar, daß derartige Manipulationsversuche die Arbeiterräte schon nach den Aufständen 1956, 1970 und zuletzt 1976 um den Erfolg gebracht hätten, eine unabweisbare Tatsache.
Das alte Mißtrauen gegen den schon mehrmals erlebten Versuch, die Arbeitervertretungen nach ersten, im Streik gemachten Zugeständnissen wieder an die Kette der Partei zu legen, war wieder da: Lech Walesa, im Herzen wohl eher auf der Seite der Tauben, machte sich zum Sprecher der Falken.
Ein Teufelskreis entstand, aus dem es für beide Seiten so gut wie keinen Ausweg gibt. Parteichef Kania weiß nur zu gut, daß ihm die Gewerkschaft als Ordnungs- und Stabilisierungsfaktor nur dann nützlich sein kann, wenn sie so deutlich wie nur möglich von der Staatspartei unabhängig bleibt.
Die Führer der "Solidarität" wissen andererseits nur zu gut, daß eine polnische KP, die auf Dauer neben sich eine auch noch personell stärkere, wirklich unabhängige Gewerkschaft dulden würde, ihre Existenzberechtigung aufgegeben hätte. Sie wäre der Anfang vom Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen -- oder das erste kommunistische System mit wirklicher Opposition entstünde.
Unter derartigem Druck suchte Parteichef Kania Trost und Beistand bei jenem Partner, der schon mehrmals der Partei gegen allzu liberale Wünsche zur Hilfe kam: der polnischen Kirche.
Die polnische Bischofskonferenz hat zwar grundsätzlich der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft zugestimmt, schon aus Sorge, die Anhänglichkeit der Arbeiter sonst zu verlieren.
Doch bevor sich der greise Kardinal Wyszynski vorletzte Woche auf die Reise nach Rom zum Papst machte, führte er ein langes Gespräch mit Parteichef Kania. Worüber die beiden ungleichen Hirten gesprochen haben, blieb geheim. Aber in Warschau halten sich hartnäckig Gerüchte, Kania habe darum ersucht, daß der Papst gegenüber Walesa und seiner Gewerkschaftsführung ein mäßigendes Machtwort spreche und der treue Sohn der Kirche dann gehorche.
Beim Rapport Kanias in Moskau ging es offenbar hastig zu: Die Polen blieben nur fünf Stunden. Eile tat not.
Denn am Freitagvormittag mußte sich Premier Pinkowski auf einem ultimativ erzwungenen Treffen einer 40köpfigen Delegation der Gewerkschaft "Solidarität" unter der Leitung von Lech Walesa stellen. Wichtigste Forderung in einem neuen Elf-Punkte-Programm: Zurücknahme der vom Gericht vorgenommenen Veränderungen der Statuten.
Mit einer Streikdrohung unterstrich die "Solidarität" ihre Forderungen: Am 12. November, einen Tag nach dem Nationalfeiertag, der an das Ende des Ersten Weltkrieges und damit die Staatsneugründung erinnert, sollte in ganz Polen die Arbeit niedergelegt werden.
Zu Anfang eines 14stündigen Verhandlungs-Marathons einigten sich Pinkowski und Walesa, bis zum 8. November nichts zu unternehmen, was die Lage verschärfen könnte.
Doch in der Nacht zum vorigen Samstag ging man auseinander, ohne das vorbereitete Kommunique unterzeichnet zu haben. Walesas Furcht vor dem Sieg schien berechtigt.
S.151
Was geht mich die Geschichte an, mich interessieren unsere 21
Forderungen, und die erste und wichtigste realisieren wir jetzt,
unsere Gewerkschaft. Ich kämpfe nicht für die Historie, ich kämpfe
für die Leute.
*
S.153
Wir nehmen mit Befriedigung alle Informationen zur Kenntnis, die
konstruktive Initativen oder die positive Haltung der neuen
Gewerkschaften betreffen. Wir verlassen uns darauf, daß die
Organisatoren dafür Sorge tragen, das politische Erscheinungsbild
der Bewegung in Übereinstimmung mit den Vereinbarungen und den
Interessen der Arbeiter zu bestätigen und zu gestalten. Wir zählen
auf sie, daß sie sich dem notwendigen Schutz der Rechte der Arbeiter
widmen und auch ihre staatsbürgerliche Einstellung gegenüber dem
Staat formen.
*
S.143 Am vorigen Donnerstag. * S.145 Mit der Gewerkschafterin Anna Walentynowicz. * S.151 In Nowy Targ mit einer Axt, die ihm Arbeiter als Symbol der Macht überreicht haben. *

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