03.11.1980

„Hier wird nicht gemeckert, hier gibt's Dampf“

Der britische Publizist Tim Garton Ash über das Danziger Gewerkschaftshaus der „Solidarität“
Wir fordern Registrierung der unabhängigen Gewerkschaft 'Solidarität'", die rote Farbe auf dem weißen Plakat ist etwas verflossen im trüben Herbstregen. Aber das Plakat steht noch, so gut wie die Forderung.
"Auf das Wort der Regierung können wir einfach nicht mehr vertrauen", sagt ein junger Organisator von "Solidarität" im Hotel Morski, dem Sitz der Gewerkschaft. Er hatte an das Versprechen von Vizepremier Jagielski am Tag des historischen Kompromisses in der Leninwerft noch geglaubt: Sie wüßten, "wie Polen mit Polen reden" müßten.
"Der schönste Tag meiner Ferien", die Schularbeit stammt von achtjährigen Mädchen, gemalt für die in der besetzten Leninwerft. Da steht in großen kindlichen Buchstaben: "Wir wollen freie unabhängige Gewerkschaften." Das Bild hängt im Fenster des schmuddeligen Hotel Morski, daneben die neueste Information von "Solidarität", eine Menschenmenge liest aufmerksam und diskutiert. Vom frühen Morgen bis in den Abend steht die Menschenschlange, die geduldig auf jede neue Veröffentlichung wartet.
Unser Taxifahrer packt mich am Arm: "Haben Sie gesehen? Professor Kowalik hält einen Vortrag." Er zeigt die Ankündigung. Dr. Tadeusz Kowalik leitet am 4. November ein Seminar über "Soziale und ökonomische Probleme der Gewerkschaften", für den Taxifahrer offenbar eine höchst aufregende Nachricht.
Der Drang nach Information ist auch unter den Arbeitern fühlbar. Sie warten mehr als eine Stunde an diesem nassen Oktoberabend vor dem Hoteleingang auf die neuesten Flugblätter, eine riesige Schlange, unauffällige Kleidung: viele Lederjacken und Schiffermützen, ernste Gesichter, grell erleuchtet von einer großen Lampe.
Wissen ist Macht, das wissen offenbar alle. Sogar die Partei -- Tageszeitungen sind sofort vergriffen. Dies wissend, tut die Regierung alles, die Informationsmöglichkeiten der neuen Gewerkschaften einzuschränken.
Der Pressesprecher von "Solidarität", der Danziger Literat Lech Badkowski, sagt es mit beredtem Achselzucken: Fast das einzige, was er gedruckt bekommen hat, ist seine neue Visitenkarte, mit vollem Titel und zwei Adressen: "MKZ NSZZ Solidarnosc, Gdansk, ul. Grundwaldzka 103", das ist die inoffiziell offizielle Anschrift des Gewerkschaftsdachverbandes im vierten Stock des Hotels Morski.
Die Zimmer der Gewerkschafter sind klein, wenige billige Möbelstücke, billige Farben, bröckelnder Anstrich, wie von einem Seemannshospiz zu erwarten.
Badkowski weiß aus eigener Erfahrung, wie die Behörden ihre Versprechen vom August bislang gehalten haben: Eine von ihm redigierte "Solidarität"-Kolumne sollte in einer Danziger Lokalzeitung erscheinen. Seit Wochen ist sie nicht erschienen. Die Zensur hat so viel darin herumgestrichen, daß es sich nicht mehr lohnte.
So steht die Frage des rechtlichen Status an erster Stelle: Die Gewerkschaftsführung verlangt die Abschaffung der Gummiparagraphen: der aufgezwungenen Anerkennung der "führenden Rolle der Partei", der nebeligen Formulierung des Streikrechts.
Todmüde, offenbar nur noch wachgehalten durch viele Gläser starken Tees, suchen führende Gewerkschafter wie der Ingenieur Andrzej Gwiazda und seine Frau Joanna Duda-Gwiazda -- eine Rosa-Luxemburg-Gestalt oder, wie manche in der besetzten Leninwerft sagen, eine "Jeanne d'Arc" -nach den Grenzen des Möglichen. Und das in einem Land, in dem das Unmögliche schon geschehen und das Unmachbare gemacht ist.
Auf diesem völlig unbekannten Terrain gibt es natürlich unterschiedliche Meinungen über den besten Weg. Es wäre aber falsch, von "Falken" oder "Tauben" in der Gewerkschaftsführung zu sprechen.
Ob Walesa die Streikdrohung etwas milder ausdrückt oder Gwiazda etwas barscher, in ihren Grundpositionen sind sich die alten Gründungsmitglieder des Streikkomitees einig, genauso wie ihre Gegner in der Partei.
Auch in dem strategischen Konzept, daß disziplinierte Warnstreiks eine durchaus brauchbare Waffe seien, stimmen sie überein, allerdings nur um den zögernden Apparat zu zwingen, die Danziger Versprechen einzuhalten.
Problematischer sieht es bei den Intellektuellen aus. Walesa und seine Gewerkschafter wurden von drei verschiedenen (wenn auch miteinander verflochtenen) "Experten"-Gruppen beraten. KOR-Mitglieder, allen voran Jacek Kuron, stehen ihm zur linken, die katholische Expertenkommission (führend: Chefredakteur Tadeusz Mazowiecki) zur rechten Hand. Ein vom Episkopat entsandter Beraterkreis sitzt, sicher weniger einflußreich, irgendwo in der Mitte.
In den Danziger Kulissen bestimmen diese Gruppen das Feld. Spannungen aber gibt es eher unter den Intellektuellen als zwischen Intellektuellen und Arbeiterführern. Tadeusz Mazowiecki, ein durch persönliche Erfahrung zur Vorsicht neigender katholischer Kulturpolitiker, hat sich für die Rechte der inhaftierten KOR-Mitglieder nicht besonders stark eingesetzt. S.149 Mit dem demokratischen Sozialisten Jacek Kuron versteht er sich, so ein Kenner, "nicht immer glänzend".
Aber Kurons drei Seiten langer "Offener Brief" zur Verteidigung des Komitees für gesellschaftliche Selbstverteidigung (KOR) ist im Fenster des Hotels Morski zu lesen, daneben ein Sympathie- und Solidaritätsbekenntnis der Danziger.
Man hat den Eindruck, daß Walesa es sehr gut versteht, seine manchmal streitenden Berater diplomatisch zu lenken.
Hinzu kommt, daß die Partei- und Staatsführung, offensichtlich auf ein Auseinanderbrechen der "Solidaritäts"-Führung hoffend, mit ihren letzten Schritten genau das Gegenteil des Angestrebten bewirkt hat. Vor allem der Gerichtscoup am 24. Oktober hat die Mitglieder der "Solidaritäts"-Führung wieder solidarisiert; "Schocktherapie" sagt einer.
Im gemütlichen russischen Lokal an der Ulica Grunwaldzka beschreibt ein junger Aktivist von "Solidarität" eine viel größere Gefahr. Der studierte Soziologe, seit 1968 in der Universitätsopposition engagiert, sieht jetzt einen fast unaufhaltsamen "gesellschaftlichen Druck": Die Versorgungslage wird nicht besser, die Arbeiter haben bisher von den versprochenen Lohnerhöhungen nicht viel gesehen.
So hatten sie die Hoffnung, daß die Danziger Abkommen mindestens im geistig-politischen Klima etwas ändern werden. Ein "Polityka"-Journalist formulierte es so: Die Regierung kann den Arbeitern sowieso nicht viel mehr Brot geben, vielleicht könnten sie dafür etwas mehr Wahrheit anbieten.
Das ist bisher nur ausnahmsweise geschehen. Lech Badkowski meint sogar: "Nach 35 Jahren Lügen glauben sie der Parteizeitung nicht mehr, auch dann nicht, wenn sie jetzt ab und zu mal die Wahrheit schreibt."
Die Arbeiter, so der Danziger, fühlen sich von der Regierung schikaniert, Mißmut und Militanz steigen: "Hier wird nicht nur gemeckert, hier gibt es Dampf."
Nur die starke persönliche Autorität von Walesa hat die Fabrikarbeiter in Ursus von einem wilden Streik abgehalten. Die Gefahr, daß neue Streiks in anderen Industriegebieten, etwa den Bergwerken Schlesiens, ausbrechen, sieht Walesa sehr wohl.
Der Druck von unten, von der millionenstarken Gewerkschaftsbasis auf die Gewerkschaftsführung, wird nur dann nachlassen, wenn die Regierung von sich aus -- und baldigst -- konkrete Zeichen guten Willens gibt. Für die Basis sind Klarheit in puncto Rechtsstatus und ein echter Wandel in der Informationspolitik in diesem Augenblick noch wichtiger als mehr Geld und mehr Lebensmittel -- das ist der Gesamteindruck, den viele Delegationen und Meldungen geben, die im Hotel Morski eintreffen.
So bleibt die Frage, ob die Kania-Führung überhaupt selbst zu einer solchen grundsätzlichen Wandlung fähig ist. "Wenn nicht ...", ein Organisator von "Solidarität" läßt den Satz unbeendet.
Am Abend, im Dunkeln und bei Sturmregen, die vorderen Balkons nur im vierten Stock hell erleuchtet, wo die rot-weißen Fahnen wehen, sieht das Hotel Morski fast wie ein Linienschiff aus. Die "Solidarität" macht viel Dampf auf in den Kesseln. Die fährt, wie Polen selbst, ins Ungewisse.
Von Timothy Garton Ash

DER SPIEGEL 45/1980
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