16.06.1980

SCHWEIZFreiheit für Grönland

Gewalttätig kämpfen in Zürich Jugendliche für ein selbstverwaltetes Kulturhaus. Falsch reagierende Behörden liefern der Revolte immer neuen Antrieb.
Es war wie 1968 in Berlin bei Springer: Nur unter Polizeischutz und mit einstündiger Verspätung konnte in der Nacht zum vergangenen Dienstag die "Neue Zürcher Zeitung" ("NZZ") ausgeliefert werden.
Mehrere hundert Jugendliche belagerten das Druckhaus, schlitzten Lieferwagenreifen auf, steckten Papier-Container in Brand und warfen Fensterscheiben ein, bevor sie in einer Tränengaswolke flüchteten.
Doch anders als vor zwölf Jahren in Berlin wurden in der vergangenen Woche in Zürich keine politischen Reden gehalten. Zu hören waren bestenfalls Nonsens-Parolen: "Macht aus diesem Staat Gurkensalat", "Freiheit für Grönland, nieder mit dem Packeis". Mit Marx und Marcuse, stellten ergraute junge Linke enttäuscht fest, haben diese Jugendlichen nichts im Sinn, Gewalt aber akzeptieren sie -- und das kam im behäbigen, wohlhabenden Zürich so:
Seit Jahren verspricht die Stadtregierung den jungen Zürchern ein eigenes Kulturhaus. Anstatt aber die dafür vorgesehene "Rote Fabrik", einen unter Denkmalschutz stehenden alten Backsteinbau, herzurichten, vermieteten die S.111 Behörden Teile des Gebäudes anderweitig.
Wo nichtkommerzielle Rockkonzerte und Sponti-Feten stattfinden sollten, lagern heute -- neben alten Autoreifen -- Opernkulissen. Die Oper liegt den Stadtvätern nämlich weit näher als Rock- oder Popmusik, von der Stadtpräsident Sigmund Widmer nicht sagen mag, "ob sie zum kulturellen Bereich zu zählen ist".
Deshalb sind Widmer und seinen Kollegen die kulturellen Bedürfnisse der Jugend pro Jahr nicht einmal eine halbe Million Franken wert. Die Oper dagegen wird nicht nur satt subventioniert (über 26 Millionen Franken), sie soll jetzt auch noch für 61 Millionen umgebaut werden.
Gegen diesen "etablierten Kulturbetrieb" wollten vor zwei Wochen Jugendliche, aufgerufen durch eine "Arbeitsgruppe Rote Fabrik", demonstrieren. Ob zuerst Pflastersteine flogen, wie die Polizei behauptet, oder ob die Ordnungshüter provozierten, ist unklar, klar dagegen, daß Zürich noch nie so schlimme Straßenschlachten erlebte.
Plündernd und brandschatzend zogen junge Zürcher durch die Stadt, aber nicht, um sich zu bereichern, sondern um zu zerstören. Unter dem Gummibolzenhagel der Polizei häuften sie Mobiliar von Straßencafes zu Barrikaden und zündeten sie an. Sie kippten eroberte Fernseher in die Limmat, zerrissen teure Boutique-Kleider und warfen Pelzmäntel auf die sonst so piekfeinen Einkaufsstraßen Zürichs.
Was als Demonstration für eine eigenständige Jugend-Kultur begann, geriet zu einem Ausbruch von lange angestautem Frust, gar Haß gegen alles Etablierte, Maßvolle, Angepaßte.
Aber nicht Söhne und Töchter aus bürgerlichen Häusern, nicht Schüler und Studenten wie 1968 protestierten hier gegen die Überfluß- und Wegwerfkultur ihrer Väter. Es waren vielmehr Zukurzkommende, Ausgestoßene, "proletarische und subproletarische Typen aus unteren Schichten", wie das linke Studentenblatt "Konzept" erstaunt feststellte, die ihre Aggressionen auslebten. Daß es sie in der vermeintlich so idyllischen Schweiz überhaupt gibt, war für viele und auch viele Schweizer die große Überraschung.
Kenner der Zürcher Jugendszene wie die Professoren Gerhard Schmidtchen und Lorenz Löffler waren weniger überrascht. Denn aus Untersuchungen im Drogenmilieu wußte der Soziologe Schmidtchen, daß sich "ein großer Teil der Jugend politisch nicht repräsentiert und übergangen fühlt". Er warnte deshalb öffentlich davor, angesichts der Gewalttaten die Probleme der Jugendlichen S.112 zu übersehen: "Sie haben interessante Motive ... auch wenn sie darüber vor einem Reporter-Mikrophon nichts Druckreifes zu sagen wissen."
Seine verständnisvollen Worte über die "Randalierer", "Krawallbrüder" und "Kriminellen", wie die Jugendlichen von der fassungslosen und empörten Öffentlichkeit pauschal genannt werden, brachten dem deutschen Professor umgehend schwere Vorwürfe ein. Seine Argumente, schrieb das "Badener Tagblatt", seien eine "hinterhältige demagogische Verzerrung".
Nicht nur verbale Abfuhr holte sich Schmidtchens Kollege Lorenz Löffler, 50, Chef des Ethnologischen Seminars der Universität. Der Erziehungsdirektor des Kantons Zürich, Regierungsrat Alfred Gilgen, bezichtigte den Wissenschaftler nach den Ausschreitungen, er habe das "Klima angeheizt", und legte ihm nahe, zu kündigen.
Grund: Löffler weigerte sich, dem erzkonservativen Regierungsrat einen Video-Film auszuhändigen, den seine Studenten im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit über "kommunale Medien" von den Opernhaus-Krawallen aufgezeichnet hatten.
Daß der Neun-Minuten-Film entsprechend dem Forschungsvorhaben dann auf einer Versammlung der Jugendlichen gezeigt wurde, bezeichnete Gilgen als "Mißbrauch von Universitätsmaterial zur politischen Agitation" und verbot jede weitere Aufführung.
Damit brachte der rechte Gilgen zustande, was linke Studenten während mehr als einer Woche vergeblich versucht hatten: Die Gassen-Rebellion sprang auf die Uni über. Mehr als 2000 Studenten, Punker, Rocker und Spontis versammelten sich vergangenen Montag im Lichthof der Universität und setzten die Vorführung des verbotenen Films durch.
Gilgens Eingriff in die Freiheit der Forschung machte alle Versuche der Stadtregierung zunichte, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Nach der Demonstration in der Universität zogen die Jugendlichen, die sich eine Woche lang ruhig verhalten hatten, wieder durch die Straßen und belagerten schließlich das Druckhaus der "Neuen Zürcher Zeitung", nicht ohne Grund. Denn "fassungslos" hatte die konservative "NZZ" in einem zynischen Kommentar der Stadtregierung vorgeworfen, sie habe "vor dem Radau kapituliert", da sie der Forderung nach einem selbstverwalteten Kulturhaus teilweise nachkommen wollte.
Ähnlich militant wie das rechte Bürgerblatt zeigte sich auch Alfred Gilgen. Er fand es "fragwürdig und heikel, durch Entgegenkommen den Frieden wiederherzustellen", ohne Garantie, "daß dies ein grundsätzlicher Friede ist".

DER SPIEGEL 25/1980
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