11.02.1980

EISHOCKEYLieder und Schläge

Jahrzehntelang dienten bundesdeutsche Eishockey-Nationalmannschaften den Russen und Tschechoslowaken als Zielscheiben. Meist kassierten sie pro Spiel zehn Tore und mehr.
Den da kenn' ich noch aus Landshut", sagte CSSR-Trainer Karel Gut und zeigte auf den deutschen Stürmer Gerd Truntschka. Im Spiel lernte der frühere Landshuter Trainer Gut den jungen Bayern richtig kennen. Beim 4:4 gegen den vierfachen Weltmeister CSSR schoß Truntschka das schönste Tor des Abends.
"Durak" -- Trottel --, schimpfte der sowjetische Torhüter Wladislaw Tretjak, als der Füssener Uli Egen das dritte Tor gegen ihn erzielt hatte. Die Russen siegten in Garmisch-Partenkirchen nur 7:4. Vor acht Jahren hatten sie an gleicher Stelle noch 17:0 gewonnen.
Zwei Wochen vor dem Olympiaturnier in Lake Placid schafften die Sowjets im zweiten Spiel gegen die Deutschen lediglich ein 4:2. Fünf der sechs Treffer in beiden Spielen erzielte die jüngste der vier deutschen Sturmreihen: Gerd Truntschka, 21, Holger Meitinger, 22, und Uli Egen, 23.
"Hinter dem Sturm der Youngster", schrieb der "Sport-Informations-Dienst", "klaffte eine bedenkliche Kluft." Die Münchner "Sport-Illustrierte" weiß auch warum: "Im Eishockey steht der Beste abseits." Gemeint war der Landshuter Erich Kühnhackl, dessen Tore 1976 in Innsbruck den Bundesdeutschen sensationell zur Bronzemedaille verholfen hatten.
Diesmal ließ der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) den sogar von amerikanischen Profi-Klubs umworbenen Torjäger daheim. "Aus disziplinarischen Gründen", erklärte DEB-Funktionär Heinz Henschel.
Kühnhackl hatte sich 1978 vor der Weltmeisterschaft in Moskau nach Streitigkeiten mit den DEB-Bossen krank gemeldet. Für 650 000 Mark Ablöse war der Torschützenkönig der Bundesliga vom EV Landshut zum Kölner EK gegangen und strich ein Jahresgehalt von mehr als 200 000 Mark ein.
Die Kaufsumme von 650 000 Mark brachte ein Kölner in einem Aktenkoffer nach Landshut. Verabredungsgemäß fragte er auf einer Kirmes nach dem Präsidenten der Landshuter, um "endlich cash zu machen".
Nur noch schwer vermochten danach DEB-Funktionäre den Olympiaausrichtern klarzumachen, daß es sich keineswegs um einen Verstoß gegen das Amateurstatut handele.
Wie auch immer, Bundestrainer Hans Rampf verzichtete wie schon bei der WM in Moskau "mit größtem Bedauern" auf Kühnhackl. "Mit ihm hätten wir noch eine zweite Sturmreihe gehabt, die Weltniveau besitzt." Nun muß sich Friseurmeister Rampf vorwiegend auf den Junioren-Sturm verlassen.
Gerd Truntschka wechselte inzwischen für 40 000 Mark netto jährlich nach Köln, während Kühnhackl zum EV Landshut zurückkehrte.
"Vor lauter Geld und Statut vergessen Klubs und Spieler die Nationalmannschaft", murrt Rampf. Am besten vermag er noch die jungen Spieler für Olympia zu begeistern.
Außer dem Junioren-Sturm verfügt Rampf über zwei junge Torhüter, Sigmund Suttner und Bernd Englbrecht, die bereits zur internationalen Klasse zählen.
Rampfs junge Spieler führten in der Umkleidekabine wieder etwas ein, was seit 20 Jahren unterblieben ist: gemeinschaftlichen Gesang.
"Die Zeit unserer zweistelligen Siege gegen die Deutschen ist vorbei", vermutet CSSR-Trainer Gut. Und der sowjetische Trainer Wiktor Tichonow, sonst meist mürrisch in sein Notizbuch vertieft, in das er alle wichtigen Szenen eines Spiels einträgt, schwärmte: "Die Deutschen waren im Angriff sehr stark, besonders die jungen Leute."
Doch der deutsche Mannschaftskapitän Rainer Philipp mißtraut den Russen und sagt: "Ich weiß nicht, ob sie die beiden Spiele gegen uns ernst genommen haben." Tatsächlich erhöhten die Russen im ersten Spiel, als die Deutschen nach einem 0:3-Rückstand auf 3:3 aufgeholt hatten, im letzten Drittel auf 7:3, bevor Egen zum 4:7 verkürzte.
"Die BRD-Spieler kann man als sehr kämpferisch bezeichnen", urteilte der frühere CSSR-Trainer Dr. Jano Starsi, der jetzt den Bundesligaklub SC Rießersee drillt. "Sie neigen aber zu Fouls und Schlägereien." Deswegen bestehe die Gefahr, daß zu häufig Deutsche auf der Strafbank sitzen.
"Das ist mein alter Kummer", bestätigte Bundestrainer Rampf. "Wer es zu toll treibt, fliegt in Lake Placid aus der Mannschaft."

DER SPIEGEL 7/1980
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