11.02.1980

SCHRIFTSTELLERNarren aus der Zelle

Peter-Paul Zahl - seit über sieben Jahren in Haft - erhielt den Bremer Förderpreis für Literatur. Zur Verleihung bekam er Ausgang.
Bremens allzeit bereiter CDU-Vorsitzender Bernd Neumann, der schon Erich-Fried-Gedichte "lieber verbrannt sehen" wollte, erblickte einen "Skandal höchsten Ausmaßes": Den Bremer Förderpreis für Literatur erhalte in diesem Jahr ein "geistiger Wegbereiter des Terrorismus" und das noch für ein Buch, das "Anleitungen zu kriminellen Handlungen" enthalte. Die Bürgerschaft, forderte er, habe sich von der Preisvergabe zu distanzieren.
Unglaubliches war geschehen: Die unabhängige Jury der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung (Mitglieder unter anderen: Walter Kempowski, Heinar Kipphardt, Alexander Kluge, Uwe Timm) hatte beschlossen, Peter-Paul Zahl für seinen Schelmenroman "Die Glücklichen"
( Peter-Paul Zahl: "Die Glücklichen". ) ( Rotbuch Verlag, Berlin 1979; 528 ) ( Seiten, 28 Mark. )
zu ehren -- mit 5000 Mark aus der Stadtkasse.
Und der zu allem Überdruß der Tageszeitung "Die Welt" noch "gutgenährte Knastologe" durfte zur Preisverleihung gar seine Zelle verlassen und in Bremen persönlich erscheinen.
Der kulturpolitische Eklat -- wer ehrt schon einen "Verbrecher" -reichte zum Rufmord. Zahl gehöre "zum Kern der Anarcho-Szene", wetterte CDU-Neumann, selbst der neue Roman lasse Buße und Besserung nicht erkennen.
Die Literatur-Stiftung hatte zweifellos einem delikaten Epos hanseatischen Segen gegeben: Zahl, durch eine Schießerei mit Polizisten und die folgenden S.198 Urteile berühmt geworden (siehe Seite 80), beschreibt in "Die Glücklichen" ein liebenswürdiges Berliner Ganoven-Quintett. Seine Figuren aus dem Kreuzberger Milieu knacken Autos, klauen Geld, brechen bei hohen Herren ein und schrecken selbst vor einem Brandanschlag nicht zurück. Doch des Knastschreibers Sympathie gilt eindeutig nicht den Geschädigten, sondern den Akteuren, 500 Seiten lang, ohne Kompromiß.
Zahl hat sich im Laufe von nun über sieben Jahren Haft nicht beugen lassen. Er ist Linker geblieben, Kritiker. Daß er nicht zum Renegaten wurde, hat ihm aber nicht nur ständigen Argwohn der Düsseldorfer Justiz eingetragen, sondern in der liberalen Presse auch einen guten Ruf als politischer Essayist und Lyriker. Mit "Die Glücklichen" avancierte er nun sogar zum Chronisten der Gegenkultur. Er hatte damit mehr Glück als mit dem Roh-Text "Isolation", den das Gericht 1974 ohne einsehbaren Grund als gefährlich für "Sicherheit und Ordnung der Anstalt" einstufte und lange unter Verschluß hielt.
"Die Glücklichen" -- Ergebnis sechsjähriger Straf-Arbeit -- durften ungehindert erscheinen. Es geht um die Einbrecher-Familie Hemmers -- Mutter und drei Söhne --, die die Fabrikarbeit, den Fließbandstreß, das Märkische Viertel für mörderisch hält. Um der seelenvernichtenden Eintönigkeit zu entgehen, gaunert sie sich ihren Lebensunterhalt zusammen.
Jörg Hemmers, der Jüngste der Familie und Hauptfigur des Romans, ist zudem ein politisch wacher Kopf: Die Einsicht in den Klassencharakter der Gesellschaft verscheucht ihm jedweden Gewissensbiß. Seine Freundin Ilona macht er im Lauf des Buches von einer heroinsüchtigen Hure zur aufgeklärten Kriminellen -- ihren "erdegang beschreibt Zahl als beispielhafte Karriere: Kurz und gu", " Ilona B. beschloß, den ehrenwerten Beruf einer " " Einsteigdiebin, der Schränkerin, wie sie auch sagten, von der " " Pike auf zu lernen, und diese Ausbildung mit der in " " gesellschaftsbezogener Theorie zu verknüpfen. "
Der Roman spielt Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, die Berliner politische Szene ist in Aufruhr. Zahl selber taucht namentlich im Buch auf -als linker Drucker, der er damals war. Wegen einer Aktion der "Glücklichen" gerät er in unglückseligen Kontakt mit der Polizei.
1971 tauchte er ab in die "Grauzone" des politischen Lebens. Und so sind "Die Glücklichen" wohl auch literarische Idealtypen jener politischen Halbwelt, in der Zahl bis zu seiner Verhaftung 1972 lebte.
Er schildert diese Zeit fast ohne Bitterkeit: "Es gibt den Suff, und die Welt riecht nach Äpfeln." Seine kriminellen Akteure sind verblüffend zärtlich zueinander. Sie haben Familiensinn wie die besten Familien nicht, ihr subkulturelles Milieu ist ein Idyll mit unverkennbar bürgerlichen Zügen: Jörg gilt als guter Koch und hat Bildung, sie leben gern in Häusern mit Stuck, schwärmen vom Urlaub oder gar vom Leben in Spanien. Sie haben Sinn für Philosophie und Handwerk. Fast brave Kinder also.
Zahl wollte aus der Zelle heraus Narren beschreiben. Sinnbilder vom anderen Leben, vom anderen Menschen zu entwerfen gilt ihm als vornehmste Aufgabe des Knastschreibers. Über Hölderlin schrieb er "inmal: Der "Irre" in seinem Turm, in seiner Isolation hat mir " " etwas zu sagen. Er zeigt mir, wie Leben und Kommunikation " " aussehen könnte. Ein "Irrer" wie Ezra Pound, die Schizos und " " die Erschlagenen, die Verfolgten und die Rebellen, sie " " zeigten - wie Lerchen über einem Weizenfeld im Spätsommer - " " was möglich ist: das Unmögliche. "
Zahl wollte in der "deutschen Knastliteratur die subversive und subjektive Seite" herausstellen und den "Knacki" nicht als "Getriebenen" darstellen, "der durch die ungeheuren Räderwerke der Justiz durchgemangelt wird".
Aber sein oppositionelles Helden-Epos geriet ihm eher zur idealisierenden, ausweglosen Burleske. Seine Schelmen gondeln am Schluß in einem Ballon durch die Luft, gen Süden. Das ist schön und farbenprächtig vorstellbar, aber als politische Utopie kaum brauchbar.
Zahl packte so ungefähr alles in diesen Monumental-Roman, was er früher schon in Gedichten und Aufsätzen angeschnitten hatte. Man muß sich in diesem Buch durchkämpfen. Es wirkt wie ein Gestrüpp, kaum durchschaubar für einen, der Zahls Biographie nicht genau kennt.
Hermann Peter Piwitt, der in Bremen die Laudatio auf den Knastschreiber hielt, schrieb in der "Frankfurter Rundschau": "Ab Seite hundert gab ich es auf, in Peter-Paul Zahls 500 Seiten starkem Roman den berühmten roten Faden im Auge zu behalten." Und Fritz J. Raddatz meinte in der "Zeit", das Buch sei "an den Haft-Schäden zerbrochen".
Aber nicht ein möglicherweise mißlungener Roman ist Grund für die Schelte um den Bremer Förderpreis, sondern eine mißliebige "Unperson" (Zahl über Zahl). Unbeirrt vom stichhaltigen Wiederaufnahme-Antrag der Rechtsanwälte, der ebenfalls in Bremen zur Sprache kam, dreschen Rechtspresse und CDU weiter auf Zahl ein.
Der "Weiße Ring", Fernseh-Fahnder Eduard Zimmermanns "Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern", monierte Zahls "terroristische und verfassungsfeindliche Ziele" und beschwerte sich in einem offenen Brief bei Bremens Bürgermeister Koschnick. Im nordrhein-westfälischen Landtag zerpflückte die CDU-Opposition "Die Glücklichen".
Auch Schriftstellerkollege und Dorfschullehrer Walter Kempowski distanzierte sich vom Förderpreis -- zwölf Tage nach der Verleihung, acht Wochen nach der Nominierung. Bei den Feierlichkeiten in Bremen sah er noch keinen Anlaß, seine Abwesenheit beim einstimmigen Jurybeschluß zu reklamieren. Kniefall vor Springers Feuilletons?
S.198
Kurz und gut, Ilona B. beschloß, den ehrenwerten Beruf einer
Einsteigdiebin, der Schränkerin, wie sie auch sagten, von der Pike
auf zu lernen, und diese Ausbildung mit der in
gesellschaftsbezogener Theorie zu verknüpfen.
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Der "Irre" in seinem Turm, in seiner Isolation hat mir etwas zu
sagen. Er zeigt mir, wie Leben und Kommunikation aussehen könnte.
Ein "Irrer" wie Ezra Pound, die Schizos und die Erschlagenen, die
Verfolgten und die Rebellen, sie zeigten - wie Lerchen über einem
Weizenfeld im Spätsommer - was möglich ist: das Unmögliche.
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S.197 Peter-Paul Zahl: "Die Glücklichen". Rotbuch Verlag, Berlin 1979; 528 Seiten, 28 Mark. *

DER SPIEGEL 7/1980
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