18.02.1980

Milch und Fleisch werden knapp

SED-Chef Honecker über drohende Versorgungsmängel
Am 25. Januar dieses Jahres berichtete SED-Generalsekretär Erich Honecker den Ersten Sekretären der Kreisleitungen über die innen- und außenpolitische Lage. Die Rede wurde nur auszugsweise veröffentlicht -- 60 Seiten blieben unter Verschluß. Aus gutem Grund: Die wirtschaftliche Lage ist schlimmer, als die Bevölkerung bereits jetzt erfahren soll.
Wie im letzten Jahr wird auch 1980 die Versorgung mit Fleisch und Wurst, Milch und Käse knapp. Grund: Die letzte Getreideernte fiel so schlecht aus, daß für das Vieh zuwenig übrigbleibt. Wegen des Mangels an "Futterkonzentraten" (dazu ist auch eiweißreiches Getreide nötig) droht ein starker Rückgang des Angebots an Fleisch -- und damit Verärgerung in der Bevölkerung.
Daß die Getreideernte um eine Million Tonnen unter dem Plan blieb, ist nach Honecker Schuld der SED-Leitungen in den Bezirken Magdeburg, Frankfurt/Oder, Schwerin und Neubrandenburg. Nicht das Wetter sei an dem schlechten Produktionsergebnis schuld, sondern die Bezirksleiter, denen eine "politisch verantwortungsbewußte Einstellung zum Getreide" fehle.
Getreide für das Vieh, so der SED-Chef weiter, könne nicht durch andere Futtermittel ersetzt werden. Um Versorgungsschwierigkeiten (und damit innenpolitische Unruhe) zu vermeiden, sei die Einfuhr von Getreide oder anderem Kraftfutter notwendig.
Dafür jedoch muß die DDR kostbare Devisen opfern -- und Honecker weiß nicht, woher er die nehmen soll: "Unsere Exportprodukte", kanzelte er die auch für Industriebetriebe zuständigen Provinzfunktionäre ab, "bringen nicht die notwendigen Erlöse für den Import"; und das liege einmal daran, daß DDR-Waren auf dem Weltmarkt zu geringe Preise erzielten, zum anderen an der unzulänglichen Qualität: Mängel im "weltmarktfähigen Veredelungsgrad".
So sei die Konsumgüterproduktion für den Export erheblich zurückgegangen, ebenso die Erzeugung von Konsumgütern für den inländischen Verbrauch "mit Gütezeichen Q" (DDR-Symbol für Produkte von höchster Qualität).
Vorbildlich löse hingegen die Bundesrepublik manche ökonomischen Probleme -- Honecker hatte sich beispielsweise so gründlich über westdeutsche Recycling-Methoden informiert, daß er den Genossen aufs Prozent genau angeben konnte, welcher Anteil der verschiedenen "Altrohstoffe in der BRD" wiederverarbeitet würden; die DDR hingegen verwerte zuwenig Schrott, Glas, Papier und Lumpen.
Ausfälle in der Getreideernte, Rückgänge im Konsumgüterexport und dazu steigende Energiekosten -- so düster schien dem SED-Generalsekretär die Situation, daß er gleich eine Sofortmaßnahme verkündete: Sämtliche Steinkohle-Einfuhren aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet werden gestoppt, sofern die DDR nicht vertraglich zur Abnahme verpflichtet ist.
Das eingesparte Geld braucht Honecker für einen noch wichtigeren Rohstoff -- Öl, das bald erheblich teurer wird. Denn die Sowjet-Union, der Hauptlieferant der DDR, folgt mit einem gewissen Zeitabstand dem Ölpreisniveau auf dem Weltmarkt.
Mit einem der Verantwortlichen für den neuen Kostenschub, dem Iran, rechnete Honecker denn auch gleich ab. Der SED-Chef über die Regierung des Ajatollah Chomeini: "Konzeptionsloser Haufen, religiös fanatisch."

DER SPIEGEL 8/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Milch und Fleisch werden knapp

  • Schildkröten-Prothese: Pedro läuft jetzt auf Rädern
  • Machtkampf der Tories: Der Populist gegen den Moderaten
  • Klimaprotest in NRW: Aktivisten stürmen Tagebau
  • Ehrenlegion Frankreichs: Elton John zum Ritter ernannt