18.02.1980

ERDGASWird voll abgewälzt

Drastische Forderungen der Lieferländer werden den Gaspreis für die Endverbraucher bis zum April nächsten Jahres um 80 Prozent hochjagen.
Drei Stunden lang verhandelte Klaus Liesen, Chef der Essener Ruhrgas AG, in Moskau um Gaspreise und Lieferverträge. Bedrückt verließ er dann die Zentrale des sowjetischen Sojusgasexport.
Der Deutsche hatte seine Gesprächspartner nicht von ihrem harten Kurs abbringen können: Die Sowjets wollen die Anfang der 70er Jahre mit der Essener Ruhrgas geschlossenen Verträge über die Lieferung von elf Milliarden Kubikmeter Erdgas kippen. Die Verträge, ursprünglich mit einer Laufzeit bis zum Jahr 2000, seien nicht mehr gültig.
Mit einem Schlag wollen die Sowjets ihre Gaspreise auf das um rund ein Drittel höhere Ölpreisniveau hochdrücken. Für das laufende Jahr soll die Ruhrgas, der mit Abstand größte Gastrust Europas, Nachschlag zahlen.
Die zweite Forderung der Sowjets: Ab sofort soll jede von den Ölländern diktierte Erhöhung der Ölpreise in gleichem Zug und in gleicher Höhe auch für den Gaspreis gelten.
Für Millionen deutscher Mieter und Eigenheimbesitzer, die teils für viel Geld ihre Heizungen gerade erst auf Gas umgestellt haben, wird das böse Folgen bringen: Sie müssen damit rechnen, daß Gas bis zum April nächsten Jahres 80 Prozent teurer wird.
Bisher waren die Endverbraucher, die Heizungen und Herde mit Erdgas betreiben, bei den Preissprüngen für Energie gut weggekommen.
Ein Jahr lang ließen sich die Gasverkäufer Zeit, ehe sie nachzogen, wenn die Ölverkäufer ihre Preise erhöhten. Außerdem verlangten sie dabei im Schnitt nur 70 Prozent dessen, was die Opec mehr kassierte.
Die Gasbosse blieben allerdings nur deshalb so bescheiden, weil sie günstige Abmachungen mit ihren drei Lieferländern ausgehandelt hatten. In den Kontrakten mit der Ruhrgas AG hatten sich die Lieferanten verpflichten müssen, ihre Gaspreise nur bescheiden heraufzusetzen.
Kaum hatten sich vor wenigen Tagen die Forderungen der Sowjets in den europäischen Konzernetagen herumgesprochen, da regten sich auch die Holländer und die Norweger, die beiden anderen Lieferanten der Deutschen.
Die niederländischen Gasförderer hängten sich voll an die Moskauer Forderung. Sie pumpen, seit Mitte der sechziger Jahre, jährlich etwa 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Groningen in das deutsche Netz.
Dagegen blieben die Norweger, die jährlich rund 8 Milliarden Kubikmeter aus ihrem Ekofisk-Feld in der Nordsee nach Emden liefern, mit ihren Preisforderungen relativ bescheiden. Ihre Gaspreise lagen bereits um rund 20 Prozent über denen der anderen Lieferanten.
Die Ruhrgas reagierte prompt. Obwohl die neuen Konditionen noch längst nicht feststehen, schockierte Ruhrgas-Chef Liesen seine Kunden mit der deftigsten Nachschlagsforderung, die sein Unternehmen jemals präsentierte.
In rund 70 gleichlautenden Schreiben vom 31. Januar bat der Energie-Manager von der Ruhr seine Abnehmer "um Verständnis": Die Gaspreise seien "drastisch unter dem auf dem Wärmemarkt für Heizöl bestehenden Preisniveau zurückgeblieben".
In drei Etappen sollen nun bis zum 1. April 1981 Stadtwerke und industrielle Kunden dem Essener Gasgiganten rund 35 Prozent mehr zahlen.
Hinzu kommt ein weiterer Preisaufschlag: Am 1. April muß die Ruhrgas, wie in den bestehenden Verträgen vereinbart, zur Angleichung von Ölpreiserhöhungen aus früheren Jahren weitere rund 20 Prozent mehr an ihre Lieferanten zahlen.
Dieser Aufschlag wird im April 1981 erneut fällig. Denn dann gilt es, den Gaspreis an die neuerlichen Opec-Erhöhungen des Jahres 1980 anzupassen.
Was das für die Verbraucher bedeutet, ist klar. Sowohl der Sonder-Nachschlag als auch die vertraglichen Jahresaufschläge werden voll auf sie abgewälzt werden. Zwischen Gas und Heizöl dürfte es danach keine Preisdifferenz mehr geben.
Münchens Bürgermeister Winfried Zehetmeier, dessen Stadt dieser Tage von besonders harten Preisaufschlägen überrascht wurde, will die Hoffnung noch nicht aufgeben, daß den Verbrauchern diese Preisexplosion erspart bleibt. "Wir müssen", meint der Münchner, "an die Sowjets appellieren, ihre Verträge einzuhalten."

DER SPIEGEL 8/1980
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