18.02.1980

ROHSTOFFEZu den Ohren raus

Preissprünge an den Metall-Märkten und Erfolgsmeldungen des Rohstoff-Konzerns Preussag trieben den Kurs der Volksaktie auf ungewohnte Höhe.
Gute Manager, weiß Günther Saßmannshausen, erkennt man daran, daß sie "ordentlich Gewinn machen".
Wenn es denn so ist, gibt es neuerdings einen mehr -- den Chef des hannoverschen Rohstoff-Kombinats Preussag, Günther Saßmannshausen. Der Misch-Konzern, fand dieser Tage ein Frankfurter Bankier, "hat 1979 so viel Geld verdient, daß es denen zu den Ohren rauskommt".
Und das wissen inzwischen nicht nur Bankiers. Angeheizt durch immer neue Nachrichten über knapper werdende Rohstoffe, wurde Preussag auch für Börsenprofis wieder interessant: Die 100-Mark-Aktie, die im vergangenen Jahr noch für 145 Mark zu haben war, ist inzwischen mehr als 200 wert.
Rund 150 000 westdeutsche Bürger, Miteigentümer der Preussag, hören so gute Nachrichten besonders gern. Ihnen hatte Wirtschaftsminister Ludwig Erhard vor gut 20 Jahren die Aktien des damaligen Bundesunternehmens als Vermögensanlage des kleinen Mannes angedient. Doch lange Zeit brachten die Papiere den Volksaktionären nur Verdruß.
Der überwiegend volkseigene Konzern -- nur die Westdeutsche Landesbank hält mit knapp 40 Prozent ein größeres Aktienpaket -- lavierte jahrelang am Rande des Bankrotts. Böse Fehlentscheidungen des Saßmannshausen-Vorgängers Friedrich Krämer, der den Rohstoff-Konzern mit der Fertigung von branchenfremden Artikeln wie Lippenstiften und Fußpuder belastete, brachten die Aktionäre um ihre Dividende. Erst für dieses Jahr soll die Preussag-Aktie wieder etwas abwerfen.
Als Krämer 1972 ging, machte sich sein Nachfolger Saßmannshausen, ein dickschädeliger Westfale von knapp zwei Meter Länge, sofort daran, verlustreiche Konzernsparten abzustoßen, etwa unrentable Kohlenzechen. Oft war es freilich eher Glück als die Einsicht in betriebswirtschaftliche Notwendigkeiten, wenn der neue Preussag-Chef Erfolg hatte.
So wollte Saßmannshausen 1973 eine Kohlenzeche in Ibbenbüren schließen. Politiker mußten ihm lange zureden und 90 Millionen Mark versprechen, ehe der Preussag-Chef sich entschloß, den Kumpels in der strukturschwachen Region die Arbeitsplätze auch weiterhin zu garantieren.
Es war nicht zum Schaden der Preussag. Schon im vergangenen Jahr verschönte das Ergebnis aus Ibbenbüren die Erfolgsrechnung um 50 Millionen Mark. Angesichts ständig steigender Energiepreise verheißt die Zukunft weiteren Zufluß.
Auch Erdöl und Gas bringen dem Misch-Konzern inzwischen reichen Gewinn. Rund 500 000 Tonnen pumpen die Hannoveraner jährlich in Bayern und dem Emsland aus dem Boden. Die Menge ist zwar läppisch -- knapp die Hälfte einer saudiarabischen Tagesproduktion --, verschafft der Preussag aber immerhin 100 Millionen Mark Gewinn.
Mehr noch bringt das Gas. Während die Ölförderung mangels Masse in Deutschland langsam zurückgeht, schlossen emsige Preussag-Ingenieure neue Erdgasfelder in Niedersachsen auf. Der Fund erfreut die Preussag-Männer um so mehr, als Gas im Gefolge des Öls immer teurer wird (siehe Seite 32).
Andere heimische Ressourcen zieren, seit die Rohstoff-Preise weltweit steigen, längst die Erfolgsberichte des Konzerns. So fördert die Preussag nahe Goslar am Rammelsberg sowie in Bad Grund beträchtliche Mengen an Blei und Zink zutage. Jede dritte Tonne Blei und Zink, die in Deutschland produziert wird, kommt aus dem Harz.
Im vergangenen Jahr stiegen die Bleipreise an den großen Metall-Börsen der Welt, in London und New York, im Schnitt um 15 Prozent. Auch Zink wurde, nach einer Flaute im vergangenen Sommer, inzwischen 30 Prozent teurer.
Überdies geben die Harzer Gruben einen weiteren unverhofften Zusatzgewinn her. Rund 32 Tonnen Silber werden jährlich zusammen mit Blei und Zink aus dem Gestein gebrochen. Und der Silberpreis hat sich im vergangenen Jahr verfünffacht.
Findige Börsenspezialisten rechneten nach, daß beim derzeitigen Silberpreis in diesem Jahr für die Preussag über 60 Millionen Mark drin sein müßten. Derartige Rechnungen trieben den Kurs der Aktie weiter in die Höhe.
Auf längere Sicht jedoch scheint eine Neuerwerbung der Preussag noch bessere Aussichten zu bieten als das Harzer Silber: Für knapp 100 Millionen Mark hatte Saßmannshausen vor zwei Jahren die Mehrheit des britischen Metall-Konzerns Amalgamated Metal Corporation (AMC) zusammengekauft.
Damit sicherten sich die Niedersachsen die Kontrolle über die größte Zinnhütte der Welt im malaysischen Penang. Quer über den Globus besitzt die AMC zudem verschiedene Erzgruben und Handelsfirmen.
Über die AMC verschaffte sich Saßmannshausen auch Zugang zum exklusiven Händler-Zirkel an der Londoner Metall-Börse. Die während der Börsenzeit oft hektischen Preissprünge sind so besser zu nutzen. "Das kann man nicht von Goslar aus", weiß Saßmannshausen.
Und schließlich führte der Preussag-Chef mit dem Erwerb der AMC vor, wie sich der Tätigkeitsbereich eines Konzerns gewinnbringend abrunden läßt: Die britische Tochter hält eine 20-Prozent-Beteiligung an der größten Kupferhütte Europas, der Norddeutschen Affinerie in Hamburg.
Für die Auslastung der Affinerie aber dürfte wiederum die Mutter sorgen: Die Preussag ist an der Erschließung eines riesigen Kupfervorkommens auf den Fidschi-Inseln beteiligt.
Derartige Erfolgserlebnisse machen wohl Mut. Nach der jüngsten Idee aus der Konzernzentrale geht es nun auf die Suche nach dem Stoff der Stoffe in unseren Tagen: Die Niedersachsen möchten sich noch in diesem Jahr eine veritable Ölquelle in Nordamerika zulegen.
Auch damit aber will sich Saßmannshausen dann nicht zufriedengeben. Solange die Preise für Kupfer und Zink, für Silber und Blei steigen, scheint jeder Neuerwerb einer Grube oder eines Verarbeiters lohnend. Und im Überfluß werden die meisten Metalle auf absehbare Zeit kaum vorhanden sein.
So ist vor den neureichen Preussag-Managern kaum ein Rohstoff-Besitz der Erde sicher. Im hannoverschen Preussag-Haus, ein paar Meter vom trüben Leineflüßchen entfernt, verspricht der Chef: "Wir suchen überall auf der Welt."

DER SPIEGEL 8/1980
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