18.02.1980

GEHEIMDIENSTEPapier vom Konditor

Deutsche und israelische Geheimdienstexperten kritisieren die PLO-Kontakte von BKA-Chef Horst Herold. Der politische Schaden sei größer als der Nutzen für die Terroristenfahnder.
Freunde, findet Horst Herold, Chef des deutschen Bundeskriminalamtes, muß man erwerben, wo man kann -- und sei es in Terroristenkreisen: Seit rund einem Jahr unterhält er rege Kontakte zur Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Das Beiruter Hauptquartier der Organisation ist beliebtes Reiseziel deutscher Kriminalbeamter, und zum Gegenbesuch kommen immer mal Kämpfer von Jassir Arafats El-Fatah in Herolds Wiesbadener Fahndungszentrale.
Und Horst Herold weiß genau, was er an seinen orientalischen Verbündeten hat: "Die haben ihre Leute überall in den arabischen Ländern, sie gehören überall zur Oberschicht", und deshalb sei "der Nachrichtendienst der PLO -neben dem israelischen -- der beste".
Doch des Fahnders neue Freunde bringen zunehmend Ärger -- im In- und Ausland. Auf Widerstand und Skepsis stößt der Wiesbadener gleichermaßen bei deutschen und israelischen Geheimdiensten. Höchst suspekt ist ihnen das "Stillhalteabkommen", das Herold -- von seinem Dienstherrn, dem Innenminister Gerhart Baum wohlwollend gefördert -- im letzten Frühjahr schloß.
Das Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die PLO, so versicherte dem BKA-Chef ein Mitglied des Fatah-Zentralkomitees, Abu el-Haul, werde die Bundesrepublik mit Terroranschlägen verschonen und deutsche Polit-Kriminelle nicht unterstützen. Dafür erhofften sich die Palästinenser politische Aufwertung.
Für Rafael Eitan, den Anti-Terrorberater des Ministerpräsidenten Menachem Begin, indes sind dergleichen Geschäfte nicht nur unseriös, sondern auch leichtfertig. Eitan: "Wenn die auf Zusagen der Palästinenser vertrauen, dann sind die naiv."
Kritik erntet Herold aber auch im Inland. Vom Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) aus beobachtet BfV-Chef Richard Meier mit Argwohn die "merkwürdige Konstellation" zwischen dem obersten deutschen Terroristenfahnder und der PLO, die sich zu etlichen Bombenanschlägen auch in Deutschland bekannte. Meier: "Wir können auch nicht mit dem sowjetischen KGB zusammenarbeiten."
Den Verfassungsschützer beunruhigen die außenpolitischen Komplikationen, die Herolds Verbindungen zu den Palästinensern einbringt. Nicht nur daß die Harmonie zwischen BKA und PLO die Zusammenarbeit mit den israelischen Kollegen gefährde, mit seiner "polizeilichen Außenpolitik", so die Meier-Kritik, werte Herold die PLO auf, der kriminalistische Gegenwert aber sei gering.
Aus Pullach meldete BND-Chef Klaus Kinkel, der sich durchaus als Araber-Freund versteht und seine außenpolitischen Erfahrungen als engster Berater von Außenminister Hans-Dietrich Genscher sammelte, ähnliche Bedenken an und warnte den Herold-Vorgesetzten Baum vorsorglich vor allzu großem Vertrauen in die PLO.
In Wahrheit nämlich, so die Herold-Kritiker, suchen die PLO-Strategen nur nach einem Protektor, der ihr Geschäft -- die internationale Anerkennung -- besorge. Ihre Versprechen seien nur vage, stärker ihr Versuch, die Bonner "unter Druck zu setzen" (Eitan). Professor Jehoschafat Harkabi, Ex-Geheimdienst-Chef der Israelis, verdächtigt die Bonner, sie hätten zwei Gründe, weshalb sie sich auf derart dubiose Abkommen einließen: "Der erste ist Öl und der zweite Dummheit."
Seit langem registrieren die Israelis besorgt die Anfälligkeit der Deutschen für palästinensische Klagelieder und gemäßigte arabische Töne. "Die PLO-Leute gehen zu Brandt und Kreisky und erzählen über die Leiden und die Tragödie des palästinensischen Volkes", so Harkabi, "ist ja alles richtig, aber man muß sehen, was in ihrem Programm steht" -- und dieses Programm habe nach wie vor die Vernichtung des Staates Israel zum Ziel. Aharon Jariv, ehemaliger Chef des militärischen Geheimdienstes, sekundiert: "Da hat sich nichts geändert, das aber heißt: Es wird weiter Terror geben."
Tatsächlich "mehren sich", so glauben BfV-Chef Meier und seine Kollegen, nach einer Zeit der Ruhe wieder "die Anzeichen von Militanz".
Innerhalb der PLO und ihrer Verbündeten wächst die Kritik an Arafat. Dem syrischen Präsidenten Assad erscheint die Reisediplomatie des PLO-Führers als nutzloser Polit-Tourismus; in Libyen fordert Staatschef Gaddafi unverblümt einen PLO-Rückgriff auf Bomben und Pistolen. Solche Scharfmacherei verleiht jenen PLO-Gruppen Auftrieb, die sich ohnehin auf Arafats weiche Linie nie einlassen wollten wie die Anhänger des Chefs der marxistischen S.38 Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), Georges Habasch.
Zumindest eine PLO-Untergruppe, die von Syriens Assad unterstützte Saika, hat nach Geheimdienst-Erkenntnissen mit auffällig terminierter Aktion den Arafat-Kurs bereits durchkreuzt: Fünf Tage nach dessen Treffen mit Bruno Kreisky und Willy Brandt im Juli letzten Jahres überfielen Saika-Terroristen die ägyptische Botschaft in Ankara und bald darauf die israelische in Portugal. BfV-Chef Meier: "An einem Tag wird verhandelt, am nächsten werden Bomben geschmissen."
Die eher gemäßigten Palästinenser wie der Herold-Partner Abu el-Haul und Abdallah Al Frangi, PLO-Vertreter in Bonn, geraten nach der Analyse deutscher und israelischer Geheimdienstler immer stärker in die Minderheit. Der Kurs werde zunehmend von dem PLO-Sicherheitschef Abu Ijad bestimmt, der als Kopf des "Schwarzen September" auch den Überfall während der Olympischen Spiele in München organisierte.
Längst schon steht für die Israelis fest, daß auf Abu Ijads Konto eine Serie von Anschlägen des letzten Jahres in Europa, auch in Deutschland, geht. Eitan: "Alle diese Aktionen haben eine Verbindung, und die heißt Abu Ijad." Mithin habe, so die unangenehme Konsequenz für Herold, die PLO das Abkommen mit den Deutschen längst gebrochen.
Tatsächlich hat Abu Ijad zugegeben, daß es seine Leute waren, die im April letzten Jahres an den Grenzübergängen Passau und Elten und in West-Berlin mit Sprengstoff-Paketen verhaftet wurden. "Natürlich bin ich dafür verantwortlich", bekannte Abu Ijad in einem SPIEGEL-Gespräch, bestritt aber, daß "irgendwelche Aktionen in Deutschland" geplant gewesen seien.
Für deutsche und israelische Geheimdienste gibt es jedoch durchaus Belege für ein Doppelspiel der PLO. Den Israelis war es nämlich gelungen, einen ihrer Agenten, Hassan el-Harti, in die Berliner Palästinenser-Gruppe einzuschleusen, der den Leiter des PLO-Büros 17, Abu Taib, schwer belastete.
Abu Taib, Arafat direkt unterstellt und aus Ost-Berlin eingereist, habe geeignete Attentats-Ziele ausgesucht, sich nach einem jüdischen Studentenheim in Berlin erkundigt, Waffen für einen Anschlag auf den Leiter der jüdischen Gemeinde, Galinski, besorgen wollen und schließlich entschieden, daß ein Tanklager in Berlin gesprengt werden solle.
Als die Polizei die Gruppe vorzeitig aushob, fand sie nicht nur zwölf Sprengkapseln und 11,81 kg Nitroglyzerin-Zellulosenitrat-Gemisch, in 224 Päckchen säuberlich verpackt. Auch ein verräterisches Schreiben kam zum Vorschein, mit dem Briefkopf "Organisation für die Befreiung Palästinas (Fatah)". "er Text: Lieber Bruder Gruß, einer unserer Brüder namens Abrahim" " El-Nana, er ist einer der Aktiven mit Abu El Taib im Büro IL " " 17 und hat mir berichtet, daß Vorbereitungen getroffen wurden " " für drei militärische Aktionen in West-Berlin und Bonn. Die " " israelische Botschaft und auch eine Aktion, um El-Al-Maschine " " zu sprengen, mit Verbindung mit einem amerikanischen Mädchen. " " Das Flugzeug wird auf dem Flughafen Frankfurt starten. "
Daneben stand mit rotem Stift geschrieben: "Abu El Taib, Ich bitte um Nachricht um diese Angelegenheit, die sehr wichtig ist."
Nach diesen Funden schien den PLO-Experten der Fall klar. Die Gruppen aus Elten, Passau und Berlin seien "konzentrisch eingereist". Indiz: Der Sprengstoff war im gleichen, aus einer Beiruter Konditorei stammenden Papier verpackt. Das ursprüngliche Ziel, einen Anschlag auf die israelische Botschaft in Bonn oder auf eine El-Al-Maschine in Frankfurt, habe Abu Taib nur deshalb fallenlassen, weil es ihm zu riskant schien, den Sprengstoff ins Bundesgebiet zu schmuggeln. Meier: Die Aktionen seien alle "ein Ding" und "von Ijad gesteuert" gewesen.
Abu Taib ist für die Geheimdienstler auch in den Mord an fünf Jordaniern 1972 in Brühl und in Anschläge des letzten Jahres verwickelt: Im April explodierte im Frankfurter Flughafen ein Sprengstoffpaket mit einem Barometer-Zünder, das an eine fingierte Anschrift in Tel Aviv adressiert war. Im Mai wurde auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle, kurz bevor er ein Flugzeug nach Frankfurt besteigen wollte, der PLO-Aktivist Ibrahim el-Bas mit viereinhalb Kilo Sprengstoff gefaßt. Versteckt war die Ladung unter Süßwaren aus der gleichen Beiruter Bäckerei, deren Packpapier die in Deutschland festgenommenen PLO-Täter benutzt hatten.
Doch für Horst Herold, der vornehmlich an die deutschen Terroristen denkt, zählen die Geheimdienst-Recherchen wenig. Auch hätten seine PLO-Freunde das Abkommen keineswegs gebrochen.
BKA-Lesart: Eine klare Zusage habe es erst am 25. Mai letzten Jahres gegeben -- nach dem letzten Zwischenfall auf deutschem Boden. Und ob die Gruppen aus Elten, Passau und Berlin einen einzigen Drahtzieher gehabt hätten, läßt der Wiesbadener Kriminalfachmann lieber offen: "Woher", fragt Herold in Richtung BfV-Meier, "will der verehrte Kollege das wissen?"
Den Fatah-Brief hält der BKA-Chef für eine raffinierte Fälschung. Die Israelis hätten, um ihren Verdacht zu belegen, "eine Fehlspur gelegt".
Nach Herolds Erzählungen nämlich unternahmen die verhafteten Palästinenser "Spontanaktionen ohne Steuerung". Weil zumindest die in Passau und Elten gefaßten Kämpfer zuvor in Beirut "wegen Feigheit vor dem Feind diszipliniert" worden seien, hätten sie einen "Leistungsnachweis" erbringen wollen. Herold: "Die glaubten, wenn sie die israelische Botschaft in die Luft sprengen, sei alles vergeben und vergessen." S.41 Doch nach ihrer Abschiebung habe sie in Beirut die PLO festgesetzt.
Heftig wehrt sich der BKA-Chef auch gegen den Vorwurf, seine orientalischen Geschäfte hätten keine verwertbaren Erkenntnisse für die Terroristenfahndung gebracht. Nicht zuletzt aufgrund seiner Beziehungen zur PLO habe er wesentliche Indizien sammeln können.
So verdankt er palästinensischer Vermittlung, daß er eine schon lange gesuchte Makarow-Pistole in seine Asservaten-Kammer nehmen konnte. Die Pistole stand auf seinem Wunschzettel, weil eine Waffe gleichen Typs bei dem Mord an dem Arbeitgeber-Präsidenten Hanns Martin Schleyer benutzt wurde. Herold: "Wir können den Tatort jetzt ganz anders zum Reden bringen."
Und PLO-Kontakte waren ihm zumindest indirekt auch bei der Suche nach deutschen Terroristen im Orient von Nutzen. Inzwischen hat der BKA-Chef herausgefunden, daß zwei im Büro von Georges Habasch in Beirut Unterschlupf fanden.
Ex-Anwalt Jörg Lang arbeitet in Habaschs Planungsstab, wohnt in den libanesischen Bergen, wechselt aber ständig sein Quartier. In Habasch-Diensten orteten die BKA-Fahnder auch die Top-Terroristin Susanne Albrecht, die verdächtigt wird, den Dresdner-Bank-Chef Jürgen Ponto ermordet zu haben. Zwar verlor Herold Ende letzten Jahres die Spur der Albrecht in Istanbul, aber der Fund der Fährte sei dennoch "eine Sensation".
Als weiteren Posten in seiner Erfolgsbilanz wertet BKA-Herold auch seine Erkenntnisse über den Verbleib des Terroristenquartetts, das 1978 in Zagreb festgenommen, aber bald wieder freigelassen wurde.
Erst, so Herold, haben die Iraker, wie mit den Jugoslawen vereinbart, die vier in einem Ausbildungslager in einer Art Gewahrsam gehalten. Bis Herbst bewegten sie sich im Südjemen ohne Auflage und wechselten dann nach Tunesien, bevor sie nach Zürich gereist seien, wo einer, Rolf Clemens Wagner, Ende letzten Jahres nach einem Banküberfall verhaftet wurde.
In Tunis schließlich haben Herolds Zielfahnder inzwischen die Spur weiter verfolgt und nach Überprüfung von Hotel-Meldezetteln und Flugscheinen festgestellt, daß außer Wagner auch Peter Jürgen Boock und Brigitte Mohnhaupt bis Anfang Oktober im Hotel de la Paix lebten. Nummer vier in dem Quartett allerdings, Sieglinde Hofmann, ist nach wie vor spurlos verschwunden.
Herold: "Bei aller Skepsis, die Gesamtbilanz ist positiv."
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Lieber Bruder Gruß, einer unserer Brüder namens Abrahim El-Nana, er
ist einer der Aktiven mit Abu El Taib im Büro IL 17 und hat mir
berichtet, daß Vorbereitungen getroffen wurden für drei militärische
Aktionen in West-Berlin und Bonn. Die israelische Botschaft und auch
eine Aktion, um El-Al-Maschine zu sprengen, mit Verbindung mit einem
amerikanischen Mädchen. Das Flugzeug wird auf dem Flughafen
Frankfurt starten.
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DER SPIEGEL 8/1980
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