06.04.1981

ROCKMUSIKWeiße Hoffnung

Der US-Superstar Bruce Springsteen startet in dieser Woche seine erste Deutschland-Tournee.
Kaum je zuvor ist die Tournee eines amerikanischen Rockstars von deutschen Fans mit ähnlich neugieriger Ungeduld erwartet worden wie die des 31jährigen Bruce Springsteen aus Freehold, New Jersey.
Das Image Springsteens ist längst präsent, wenn er an diesem Dienstag in Hamburg zur Premiere der ersten großen Europa-Tournee mit seiner E-Street-Band in Fleisch und Blut über S.278 die Bühne toben wird: Mitte der siebziger Jahre hatten sich die Träume der US-Jugend von einem Wiedererwecker euphorischer Rock'n'Roll-Gefühle in der Person des frisch entdeckten Talents gebündelt.
Wie ein Messias wurde Springsteen damals auf einer Musikszene begrüßt, die von den schlaffen Klängen träge gewordener Großverdiener beherrscht war. Seine vitalen, rauschhaften Auftritte in Ostküsten-Clubs ließen das Publikum wieder in jenen Kicks schwelgen, die es seit den sechziger Jahren vermißt hatte.
Und als 1974 der US-Kritikerpapst Jon Landau sich im Sog eines Springsteen-Konzerts einen glühenden Artikel von der Seele schrieb, vermittelte er den Eindruck eines Erweckungs-Erlebnisses: "Ich habe die Zukunft des Rock 'n' Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen."
Landaus Verkündigung kam zum richtigen Zeitpunkt, denn Springsteens Stand bei seiner Plattenfirma, dem Medienmulti CBS, war gerade mies. Zwei LPs der großen weißen Rock-Hoffnung hatten sich als Flops erwiesen, denn Springsteens Ruhm blieb auf den Osten der USA beschränkt.
Der CBS-Mann und Dylan-Entdecker John Hammond hatte Springsteen 1972 unter Vertrag genommen. Weil er im Aussehen Dylan glich, ein wortgewaltiger, metaphernreicher Texter war und amerikanische Alltags-Mythen beschrieb, versuchte man, Springsteen als "neuen Dylan" anzupreisen. Doch dieses Image paßte nicht: Springsteen war ein Original, keine Kopie.
Nach Landaus großer Vision klotzte die CBS-Werbemaschinerie noch einmal los, um den Ladenhüter in die Gewinnzone zu bringen. Als Springsteen 1975 sein drittes Album herausbrachte, Titel: "Born To Run", Koproduzent: Jon Landau, wurde der Landau-Spruch von der "Rock'n'Roll-Zukunft" in Anzeigen hinausposaunt. Die LP entwickelte sich zum Millionen-Seller.
In derselben Oktober-Woche brachten 1975 die Magazine "Time" und "Newsweek" den exzessiven Rock-Entertainer auf den Titel, und diese geballte Ladung Publizität für einen Newcomer roch skeptischen Rock-Konsumenten arg nach "Hype", nach einer clever von der Plattenindustrie eingefädelten Medien-Kampagne.
Schlimm kam es für Springsteen, als er sich aus dem Vertrag mit seinem Manager Mike Appel lösen und die uneingeschränkte Kontrolle über seine Arbeit und seine Finanzen bekommen wollte.
Der ahnungslose Springsteen hatte sich, als er Anfang der siebziger Jahre die unbestrittene Nummer eins der Clubszene um den See-Badeort Asbury Park südlich von New York war, nur für seine Musik interessiert. Den Vertrag S.279 mit Appel, einem ehemaligen Ledernacken, hatte er im Abenddunkel auf der Kühlerhaube eines Autos unterschrieben.
Wie feinfühlig Manager Appel war, charakterisiert die Szene, in der er seinen Schützling dem CBS-Talentscout Hammond vorführte. "Sie sind also der Mann, der Dylan entdeckt hat", bellte Appel, "jetzt wollen wir doch mal sehen, ob das Zufall war oder ob Sie wirklich Ohren haben."
Von Appel konnte sich Springsteen erst nach langwierigen juristischen Auseinandersetzungen befreien. Zwei Jahre lang, bis 1977, mußte der Musiker deshalb auf Tauchstation gehen.
Sozusagen sein Comeback feierte Springsteen, sein neuer Manager hieß nun Landau, als er 1978 seine Meister-LP "Darkness On The Edge Of Town" veröffentlichte. In diesem Songzyklus zeigte sich der temperamentvolle Sänger, Komponist und Gitarrist in Hochform. In dem Stück "Factory" besang er das trostlose Fabrikarbeiterdasein seines Vaters, in den meisten Songs fabulierte er, oft mit melancholisch gebrochener Stimme, über nächtliche Autofahrten mit Mädchen, unerfüllte Sehnsüchte und hoffnungslose Zukunftsperspektiven amerikanischer Durchschnitts-Jugendlicher.
Auf Mammut-Tourneen und in oft viereinhalbstündigen Marathon-Konzerten verschaffte der integer gebliebene Arbeitersohn von der Ostküste den Fans wahre Rock'n'Roll-Delirien. Springsteen nahm, anders als viele seiner Sänger-Kollegen von der Platin-Brigade, die Bedürfnisse seines Publikums nach Aufrichtigkeit und unverfälscht energiegeladenem Rock 'n' Roll ernst.
Er fühlt Verantwortung gegenüber seinen Zuhörern und Zuschauern: "Da hat sich ein Typ eine Eintrittskarte gekauft, und das ist wie ein Versprechen zwischen Musiker und Publikum. Alles andere hat keinen Sinn."
So entzündet er seine musikalischen Feuerwerke auf der Bühne, ist ständig in Bewegung, hüpft auf Lautsprecherboxen oder mitten ins Publikum, um im Parterre weiterzusingen.
Seine letzte LP "The River", ein etwas steriles Ergebnis zweijähriger Arbeit im Studio und eine Ansammlung gefrorener Mythen-Versatzstücke, war 1980 in den USA Hitparaden-Spitzenreiter, und wenn Springsteen jetzt nach Europa kommt, hat er gerade eine triumphale Fünf-Monate-Tour durch Amerika hinter sich gebracht.
Ein Rock-Heiland steht freilich nicht ins Haus. "Ich habe für niemanden eine Antwort parat", sagt Springsteen, "noch nicht einmal für mich. Aber das Publikum der sechziger Jahre war so naiv, Antworten zu erwarten. Das Publikum der achtziger weiß, daß es keine gibt."

DER SPIEGEL 15/1981
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