01.09.1980

„Polen ist ärmer geworden“

SPIEGEL-Korrespondentin Inge Cyrus über Kardinal Wyszynski
Dieser Dienstag sei der schrecklichste seines Lebens gewesen, sagt er. Am Abend der großen Sensation, als Stefan Kardinal Wyszynski volle 43 Minuten lang den kommunistischen Bildschirm belegte, sei für ihn und seinesgleichen die Welt eingestürzt.
Er ist Pfarrer in einer polnischen Landgemeinde, weit weg vom Purpur und ganz nah beim Grau der kleinen Leute, ein alter Bekannter. Durch Zufall begegnen wir einander vor der Johannes-Kathedrale in Warschau, der Kirche des Primas. Er hat gerade Urlaub, und er wollte hier in der Hauptstadt sein, um den großen Triumph der katholischen Kirche Polens zu erleben. Doch daraus wurde nichts. "Erstmals in der Geschichte sind nun die Polen und die Kirche getrennt."
Für die polnischen Katholiken ist der 26. August jener Tag, auf den sie 35 Jahre gewartet haben. KP-Chef Edward Gierek fand sich bereit zur Kapitulation vor der größeren, der kirchlichen Autorität. Mehr noch, er flehte darum, kapitulieren zu dürfen.
Da seine eigene beschwörende Rede an die Streikenden ohne Resultat geblieben war, bat er den Kardinal um ein Machtwort. Nie zuvor war es Wyszynski gestattet worden, eine ganze Predigt übers Fernsehen in die Wohnstuben zu schicken. Nicht mal beim Besuch des polnischen Papstes hatte Gierek den Kameraleuten einen einzigen Schwenk über die Massen der Gläubigen erlaubt.
Nun aber kann der Primas auf Staatskosten der ganzen Nation verkünden, was immer er für richtig findet. Er kann zeigen, daß er nach alter Tradition der legitime "Interrex" ist, das mythische Oberhaupt, dem ganz Polen gehorcht, wenn die rechtmäßige Regierung ausfällt.
Schon am späteren Nachmittag geht dem quirligen Warschau vor lauter Nervosität der Atem aus. Die Skateboard-Fans vor dem königlichen Schloß packen ihre Roller ein, die Maler am Altstädter Marktplatz ihre "Akwarele". Rasch leeren sich die Straßencafes, bei Einbruch der Dunkelheit liegt das Riesenkarree im Zentrum Warschaus verlassen da, weil die ganze Nation zum Fernsehen drängte, zum Kardinal.
Wyszynski stand unter einem kleinen Regendach im Freien am Altar von Jasna Gora in Tschenstochau, hinter sich das Kloster mit der Schwarzen Madonna Polens, vor sich hunderttausend Gläubige.
Der 79jährige beginnt zu sprechen. Die Stimme, früher einmal mächtig, trägt nicht mehr. Und auch der Inhalt trägt nicht. Im konventionellen Kanzelstil spricht der alte Mann von "schwierigen und komplizierten Zeiten", die Ruhe, und Umsicht verlangen.
Kein Satz an die Adresse der Streikenden, deren proletarisches Christentum jetzt seinen Ernstfall erlebt.
Dem Kardinal scheint nicht erwähnenswert, daß die Danziger Werftarbeiter für politische Rechte auf die Barrikaden steigen, die hochzuhalten er selbst oftmals gemahnt hatte. Daß sie das Kruzifix höher hängen als die Bilder von Lenin und Marx, daß sie am Werksgelände Gottesdienste abhalten und scharenweise beichten.
"Die Schwarze Madonna dient der Verteidigung Polens", dolmetscht jemand im Fernsehraum von "Interpress". "Aber sie hat uns auferlegt, die Pflichten jeden Tag zu erfüllen, all die auf allen Menschen lasten, all die Pflichten, die jede Familie hat."
An die 20 Minuten schlägt sich der Übersetzer durch das salbungsvolle Wortgestrüpp. Nach der Formulierung, daß die Pflichten das wundersame Mysterium für das Leben der Gemeinschaft darstellten, bleibt er endgültig stecken: "Ich kann nicht mehr. Ich versinke im Wortpudding. Klar ist nur: Er ruft zur Beendigung des Streiks auf."
Keiner kann mehr, keiner paßt mehr auf. Im "Interpress"-Klubraum diskutiert man längst über die mögliche Erneuerung der Gewerkschaftsbewegung, über die gestrige Fleischversorgung und den möglichen neuen Parteichef Stefan Olszowski.
Am nächsten Morgen streiken die Arbeiter wie zuvor. Die Weisung des Hirten hatte die Herde nicht erreicht. "Der Niederlage Giereks folgte die Niederlage Wyszynskis", sagt ein alter Kommunist. Nachdenklich und ohne jegliche Freude setzt er hinzu: "Polen ist ärmer geworden."
Der katholische Episkopat sucht zu retten, was noch zu retten ist. Betrübt über den Alleingang des Primas tritt er zur "Korrektur" der Kardinals-Predigt zusammen. Ein entsprechender Bischofsbrief, der den Arbeitern wenigstens ein bißchen Anerkennung zuteilt, wird am Sonntag von allen Kirchenkanzeln Polens verlesen.
"Auch ein Wyszynski wird halt alt", tröstet sich der Dorfpfarrer, als wir uns verabschieden. Schon die Fahrkarte in der Hand, geht er müde davon wie jemand, der vom Begräbnis eines Großen kommt, dessen Kraft auch die seine war.
Von Inge Cyrus

DER SPIEGEL 36/1980
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