18.02.1980

BANKENGrüne Soße

Als erste der Großbanken führt die Dresdner „gerechtere“ Gebühren im Zahlungsverkehr ein - kleine Kunden kommen schlecht dabei weg.
Bei der Deutschen Bank wird noch "überlegt", in der Commerzbank "analysiert", in der Bank für Gemeinwirtschaft "nachgedacht". Das Ergebnis allen Nachdenkens steht indes längst fest: Die Gebühren im Zahlungsverkehr müssen rauf.
Zu Ende gedacht hat bis jetzt nur die Dresdner Bank. In diesen Tagen will sie ihre 1,2 Millionen Kunden mit privaten Girokonten über ihre Schlußfolgerungen aufklären.
Wegen der hohen "Kostenverursachung" und dem "erheblichen Aufwand" des bargeldlosen Zahlungsverkehrs, heißt es in dem Rundschreiben der Dresdner Bank, sollen ab 1. April nicht nur neue, sondern auch "gerechtere" Gebühren gelten. Und was gerecht ist, nutzt auch der Bank.
So erhebt die Dresdner Bank (Werbespruch: "Mit dem grünen Band der Sympathie") künftig für jedes Girokonto pro Monat zwei Mark "Grundgebühr". Ein Konto nämlich, so die Begründung, verursache immer "nicht unwesentliche Kosten" -- ganz gleich, wie hoch das Guthaben ist.
Was mit dieser Grundgebühr bezweckt wird, ist unschwer zu erkennen. "Die Zahl der Konten soll sich vermindern", erriet die "Frankfurter Allgemeine". Wer sein Konto nur wenig nutzt, der soll die Kreditinstitute nicht mehr mit Arbeit belasten.
Und Kunden, die bleiben, sollten sich davor hüten, das Bankpersonal allzuoft zu behelligen. Wer etwa bares Geld am Schalter einzahlen oder dreist vom eigenen Konto abheben will, wird bestraft: Er muß jedesmal eine sogenannte "Postengebühr" von 75 Pfennig berappen.
Andere "Geschäftsvorfälle", für die bisher eine Einheitsgebühr von 50 Pfennig fällig war, will die Dresdner Bank dagegen verbilligen. Daueraufträge zum Beispiel, die der Computer rationell erledigt, sollen nur noch die Hälfte kosten, Abbuchungen und Verrechnungsschecks 35 Pfennig, Überweisung 45 Pfennig.
"Nutznießer des neuen Systems", kritisiert Manfred Dimper von der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher, seien jene, die auf ihrem Konto viel zu bewegen haben. "Der kleine Mann zahlt drauf."
Nicht immer wurde der kleine Mann von der großen Bank so lieblos behandelt. Jahrelang hatten die Kreditinstitute ihn mit dem Hinweis auf völlige Gebührenfreiheit an die Schalter gelockt. Lohn- und Gehaltsempfänger, die den leichten Umgang mit einem Girokonto erst noch lernen mußten, waren umworben.
Das ging ein Jahrzehnt lang gut und bekam offenbar auch den Geldinstituten ausgezeichnet. Die Rentabilität im Massengeschäft, versicherten sie, sei nicht gering.
Begreiflich: Denn während die Banken selbst in der Regel für die Guthaben auf Lohn- und Gehaltskonten keine Zinsen zahlen, können sie mit den nicht abgehobenen Geldern, im Bankjargon "Bodensatz" genannt, zinsbringend arbeiten.
Vor allem aber hatten die Institute die Chance, die neuen Kunden im Schaltergespräch zu beraten, was sie S.65 denn mit ihrem Geld sonst noch machen könnten. Und da fand sich manches, was auch für die Bank lohnte -von der Eröffnung eines Sparkontos bis zur Baufinanzierung.
"Wir freuen uns auf das Gespräch mit Ihnen", warb die Dresdner Bank um das billige Geld der kleinen Leute. Der große Konkurrent lockte: "Fragen Sie die Deutsche Bank" -- natürlich gebührenfrei.
Die Großbanken ließen es sich auch viel Geld kosten, um ihr traditionelles Image von Macht und Großfinanz, das auf die Massenkundschaft eher abschreckend wirkte, zu korrigieren. Der Mann am Bankschalter schien mit einmal ein hilfreicher Ratgeber in allen Finanzfragen zu werden.
Um immer näher an das gemeine Volk heranzukommen, scheuten die Großbanken weder Mühen noch Kosten. So haben sie in 20 Jahren ihr Filialnetz nahezu vervierfacht.
Noch 1960 gab es bei Sparkassen und Banken erst etwa vier Millionen Lohn- und Gehaltskonten. Inzwischen sind die Bundesbürger mit rund 46 Millionen Girokonten total erfaßt.
Zugleich schickte sich die "größte und bedeutendste Einlegergruppe" an, so freute sich Günter Schneider vom Vorstand der Kundenkreditbank, "auch die größte und bedeutendste Kreditnehmergruppe zu werden".
Doch mit der Zahl der Konten wuchs auch die Begehrlichkeit der Banken. Anfang der siebziger Jahre fanden sie plötzlich heraus, daß sie nun endlich Gebühren haben müßten, die sie dann auch ständig erhöhten.
Zur Begründung mußten nicht nur die steigenden Kosten, sondern sogar die Bankräuber herhalten. Um das viele Bargeld am Schalter, das doch nur die Terroristen anlockte, drastisch zu vermindern, wollten die Banken mit einer prohibitiven Gebühr ("Räuber-Mark") die Nachfrage nach Bargeld am Kassenschalter dämpfen.
Erstmals tauchte die "kunden- und leistungsbezogene Gebührenpolitik" im Geschäftsbericht 1976 der Deutschen Bank auf. Man solle, fand dann auch Professor Karl Friedrich Hagenmüller vom Dresdner-Vorstand, unterschiedlich aufwendige Bankleistungen nicht mit einer grünen Soße übertünchen.
Damit sie ihre "Glaubwürdigkeit im Lohn- und Gehaltskontogeschäft zurückgewännen" und das Odium der "Geldschneiderei" vermieden, riet hingegen Günter Schneider von der Kundenkreditbank seinen Kollegen zu einer Neuerung. Sie sollten doch endlich einmal daran denken, auch die Guthaben der Kunden zu verzinsen.
Doch so drastische Neuerungen mochten die Banker nicht einführen. Beim neuen Gebührensystem der Dresdner Bank, das die Deutsche Bank bereits als "im Ansatz richtig" lobte, ist von Einlagezinsen keine Rede.

DER SPIEGEL 8/1980
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