18.02.1980

Friedrich Wilhelm und der Wolf

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen den Landtagsabgeordneten Dr. Cremer in München
Die Mauer steht noch nicht zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Man schreibt das Jahr 1957, als Dr. Friedrich Wilhelm Cremer, Rufname Friedrich, praktischer Arzt und Gemeinderat in Lengfurt, das etwa 50 Kilometer westlich von Würzburg liegt, im Anschluß an eine Wahlveranstaltung eine Fußballmannschaft von drüben aus dem Vogtland trifft.
Man diskutiert unter Deutschen, und dabei lernt Friedrich Cremer auch einen Begleiter der Mannschaft, einen Herrn Börner, kennen. Der ist ihm sympathisch, mit dem bleibt er in Kontakt. Börner besucht ihn, er besucht Börner, der drüben in der Nähe von Plauen wohnt. Und als dann die Mauer dazwischensteht, trifft man sich in Prag oder am Plattensee in Ungarn.
Sympathie ist die Wurzel dieses Kontakts. Doch diese freundschaftliche Beziehung wird mit den Jahren auch von gemeinsamen Interessen getragen. Seit 1960 ist Friedrich Cremer Bürgermeister in Lengfurt, und auch der Herr Börner ist inzwischen drüben im Vogtland Bürgermeister geworden.
Überhaupt -- Friedrich Cremer, Sohn einer sozialdemokratischen Familie aus Düsseldorf, die unter Hitler verfolgt wurde (auch er ist als politisch Verfolgter anerkannt), ein Mann der ersten Stunde in der SPD Unterfrankens, hat ein selbstverständliches Interesse an Austausch und Diskussion mit den Menschen im anderen Deutschland. Dieses Interesse ist geradezu eine Pflicht für ihn, nachdem er 1966 in den Landtag in München eingezogen ist.
Etwa 1975 ruft bei Friedrich Cremer ein Dr. Richter an. Der ist "stark interessiert" an Gesundheitspolitik. Ob er einmal vorbeikommen und ein paar Fragen stellen dürfe für das Buch, an dem er arbeite. Das ist für Friedrich Cremer nichts Besonderes. Schließlich ist er inzwischen -- unter anderem -auch Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Ärzte und Apotheker.
Zweimal wird Friedrich Cremer daheim in Lengfurt von diesem Dr. Richter aufgesucht. Der erzählt, daß er in Berlin für den Aufbau-Verlag arbeitet und daß er Soziologe ist. Seine Fragen bezeugen gesundheitspolitisches Interesse und auch Kenntnisse. Nach dem zweiten Gespräch fragt er, ob er sich eventuell noch einmnal melden dürfe, und Friedrich Cremer ist gern bereit, erneut zur Verfügung zu stehen.
Dr. Richter ruft wieder an, diesmal in München, und Friedrich Cremer lädt ihn in seine Wohnung im Arabella-Haus ein, denn die benutzt er überwiegend als Büro. Dr. Richter bringt Grüße mit, und zwar Grüße vom Herrn Börner, dem freundschaftlich verbundenen Bürgermeisterkollegen drüben.
Und so ergibt sich nun für Friedrich Cremer, daß der Dr. Richter nicht aus West-, wie er bisher ganz selbstverständlich angenommen hat, sondern aus Ost-Berlin kommt.
Das erweitert den Gesprächsradius. Jetzt kann man in die gesundheitspolitischen Gespräche auch die Gesundheitspolitik der DDR einbeziehen. Man trifft sich bis zur letzten Begegnung Anfang Dezember 1978 insgesamt mindestens 13-, höchstens 17mal. Man spricht über die ambulante ärztliche Versorgung, über den Ärztemangel, auch über die Ärzteflucht aus der DDR, als sie 1977 den Höhepunkt erreicht. Und man erörtert das klassenlose Krankenhaus. Doch während man fachlich austauscht, kommen auch andere Themen auf. China, das Ende des Prager Frühlings und, als es soweit ist, auch Biermann und Bahro.
Irgendwann im März oder April 1978 erzählt er Dr. Richter, daß er einmal für ein Wochenende nach Stockholm fahren werde in diesem Jahr. Und Dr. Richter sagt, das sei eine wunderschöne Stadt, in der er schon lange nicht mehr gewesen sei. Ob Friedrich Cremer etwas dagegen habe, wenn man sich dort treffe, Friedrich Cremer könne dann ja auch Frau Richter kennenlernen. Friedrich Cremer hat nichts dagegen.
Am 29. Juni 1978 trifft er mit Freundin in Stockholm ein und logiert im "Sheraton". Am 30. Juni, einem Freitag, besucht er das Grab von Kurt Tucholsky und legt rote Nelken nieder.
Am Samstag, dem 1. Juli, fügt es sich in der Frühe, daß er mit seiner Freundin einen Streit hat. Die Freundin ist halt ein Morgenmuffel. Er geht in die Hotelhalle hinunter, er hat die Gewohnheit, sich derartigem Streit dadurch zu entziehen, daß er sich für eine Weile absentiert. In der Hotelhalle erwartet ihn Dr. Richter. Es ist wirklich eine Fügung, daß es den Streit mit der Freundin gab, denn die weiß gar nicht, daß er mit Dr. Richter eine Begegnung vereinbart hat.
In der unruhigen Atmosphäre der Hotelhalle kann man nicht reden, meint Dr. Richter. Er habe eine Ferienwohnung genommen, in der könne man sich ungestört zusammensetzen. Friedrich Cremer ist einverstanden, man fährt 10, 15 Minuten. Dann geht es ein paar Treppen hoch. Und dann wird Friedrich Cremer in der Wohnung mit einem Dr. Werner bekannt gemacht. Er lernt auch die Frau dieses Dr. Werner kennen und einen weiteren Mann, S.80 der natürlich auch Dr. ist und wie Dr. Werner "Kurt" mit Vornamen heißt.
Das Gespräch mit Dr. Werner ist Friedrich Cremer nicht angenehm. Es dauert knapp zwei Stunden und endet, weil Friedrich Cremer zu spüren gibt, wie unangenehm berührt er ist. Deshalb schließt sich noch ein Picknick in einem Stockholmer Park an, denn Dr. Richter ist bemüht, das getrübte Klima wiederherzustellen.
Den Dr. Werner empfindet Friedrich Cremer als einen zunächst nicht unangenehmen Gesprächspartner. Doch dann ist man plötzlich bei Themen wie Entspannung, Friedenssicherung und anderem, beim Einmarsch in die CSSR (einem Thema, zu dem sich Dr. Werner "sehr emotional" äußert), bei China und ähnlichem.
Eigentlich findet eine Diskussion gar nicht statt, denn Dr. Werner wirft zwar Fragen auf, doch anschließend nimmt er selbst monologisierend zu ihnen Stellung. Friedrich Cremer hat es schwer, mit dem durchzudringen, was er entgegenhalten will, mit der Entspannung zum Beispiel, für die auch er ist, jedoch nicht um jeden Preis. Doch wieder im Hotel zurück und über den nach so langem Ausbleiben verschärften Krach mit der Freundin hinweg hat er noch schöne Stunden in Stockholm. Als ihn dann Dr. Richter am 1. Dezember 1978 wieder in München besucht -- da redet er energisch mit ihm.
Er wisse nicht, ob er noch weiter mit ihm reden wolle: ihn so einfach mit einem wildfremden Menschen zusammenzubringen, ihm eine derart kontroverse Unterhaltung an einem Wochenende zuzumuten, das der Erholung gewidmet sein sollte] Dr. Richter beschwichtigt, er solle das nicht so tragisch nehmen, dieser Kollege aus dem Aufbau-Verlag sei nun einmal so.
Friedrich Cremer ist ja ein "gutmütiger Mensch", aber der Ablauf dieses unverhofften Gesprächs hat ihn doch sehr, sehr seltsam berührt. Er will sich überlegen, ob er noch weiter mit Dr. Richter sprechen wird, kann ihn noch mal anrufen, dann wird er ihm sagen, wie er sich entschieden hat. Aber dazu kommt es nicht mehr, denn Ende Januar 1979 gerät Friedrich Cremer in Haft, von der er nach ein paar Wochen gegen eine Kaution von 300 000 Mark verschont wird. Und "das schreckliche Mißverständnis" hat sich nicht aufgeklärt, vielmehr ist er wegen "geheimdienstlicher Agententätigkeit" angeklagt worden.
Vor dem 3. Strafsenat des Bayerischen Obersten Landesgerichts verteidigt sich Friedrich Cremer, seit vergangenem Samstag 60 Jahre alt, entschieden. Dr. Richter mag "solche Tätigkeiten" (Agententätigkeiten also) ausgeübt haben, das hält er heute auch für möglich, doch ihn, Friedrich Cremer, habe Dr. Richter dann gewiß ausgenommen, S.81 "aus Sympathie oder warum auch immer". Er habe in den Gesprächen nie gespürt, daß man ihn auszuforschen suchte.
Und er habe ja auch nichts zu sagen gehabt, was für einen Agenten interessant sei. Daß Dr. Werner kein Geringerer als General Markus Wolf, der Chef der Auslandsspionage der DDR, gewesen sein soll, ist für ihn eine ungeheure Überraschung gewesen, aber er muß jetzt schon glauben, daß es so war.
Friedrich Cremer schildert sich als "diskussionsbereit", das "entspricht meiner Wesensart", und das liegt auch in der Familie. Am Tag seiner Geburt half sein Vater den Kapp-Putsch niederwerfen, statt an der Seite seiner Mutter zu sein. Er fügt das "nur exemplarisch" an. Er will nur sagen, daß er sich keinem Gespräch entzieht, das dem Gemeinwohl dienen kann. Dem dient er in seiner Partei, und die kommt ihm vor der Familie und anderem Privaten. (Übrigens irrt er: Der Kapp-Putsch fand nicht an seinem Geburtstag am 16. Februar, sondern am 13. März 1920 statt.)
Friedrich Cremer wird von Rechtsanwalt Hermann Messmer verteidigt, einem heimlichen König unter den Strafverteidigern, denn leider verteidigt er nur noch selten. Und dann verteidigt auch Hermann Höcherl, nach dessen Meinung die Bundesanwaltschaft den 99, der die geheimdienstliche Agententätigkeit zum Inhalt hat, in einer Anklage voll Poesie überinterpretiert.
Es ist gewiß ein Trost, auch Hermann Höcherl als Verteidiger zu haben, einen Fachmann gerade in einer derartigen Strafsache. Doch ungefährlich ist das auch nicht. Denn unwillkürlich vergleicht man den Politiker Cremer mit dem ehemaligen Politiker Höcherl. Der strahlt noch heute Wachheit des Verstandes und des Gewissens aus. Der Politiker Hermann Höcherl, wenn er eine Grenzberührung riskierte -- hat gewußt, was er tat, und dazu gestanden.
Darf ein Politiker ein Geißbock sein, für den der Wolf Kohle fressen muß, damit er ihn an seinem Baß als Wolf erkennt? Wenn Friedrich Cremer so arglos gewesen ist, wie er behauptet -dann wäre das fast noch schlimmer, als wenn er im Sinn der Anklage schuldig wäre. Es gibt einen Punkt, von dem an die Aufgeschlossenheit eines Politikers bodenlos genannt werden muß.
Verstand und Gewissen können von Ehrgeiz und Eitelkeit ruiniert werden. Und es kann auch an Verstand und Gewissen fehlen. Friedrich Cremer klagte in München, er fühle sich schon verurteilt. Das trifft, was das Gericht angeht, nicht zu. Man gibt sich ungewöhnliche Mühe. Doch in anderer Hinsicht hat Friedrich Cremer vielleicht so unrecht nicht.

DER SPIEGEL 8/1980
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