18.02.1980

Olympia: Kinder-Fron für die Nation

Keine Sport-Weltmacht verzichtet im olympischen Prestige-Wettkampf der Nationen auf Kinder - vor allem im Eiskunstlauf, im Schwimmen und im Turnen erringen sie Weltrekorde und Medaillen. Die Vorbereitung auf ihren Olympia-Einsatz mutet ihnen 14-Stunden-Tage mit Schwerstarbeit zu. Sportmedizinische Kontrollen können bleibende Schäden nicht verhindern. „Wenn die Arbeitsschutzgesetze auf den Leistungssport übertragen würden“, kommentiert Olympia-Teilnehmer Michael Sauer das Kindertraining, „wären einige Sportarten am Ende.“
Seit Wochen hatte Johnny Carlow, 17, US-Hoffnung im Eiskunstlauf, über Schmerzen im Knie geklagt. Doch sein Trainer glaubte, er wolle sich drücken, und ließ ihn weiter dreifache Sprünge für die Kür üben -- bis Carlow stürzte und nicht mehr aufzustehen vermochte. In der Klinik stellten die Ärzte Meniskusschäden an beiden Knien fest. Dreifache Sprünge wurden aber auch von noch jüngeren Läufern geübt, wie der Stuttgarterin Tina Riegel, 14.
Mit neun Jahren war Ulrike Weyh aus Itzehoe Jugendmeisterin geworden. Mit 16 Jahren und nach 8000 Trainingsstunden trieben Schmerzen die Turnerin zum Sportarzt: "Die linke Beckenhälfte steht höher als die rechte", ergab die Untersuchung. "Eine Beeinträchtigung der Lendenwirbelsäule erzeugt Druckschmerz."
Jäh endete ihre Turn-Karriere. Rechts gleicht jetzt ein 15 Millimeter S.89 höherer Absatz die ungleich langen Beine aus.
Nach dem olympischen Finale im 200-Meter-Brustschwimmen in Mexikos sauerstoffarmer Höhenluft fiel die russische Schwimmerin Galina Prosumenschikowa in sich zusammen. Helfer betteten sie auf eine Trage, Ärzte stülpten ihr eine Sauerstoffmaske über das Gesicht. Halb ohnmächtig rief sie nach "Mamotschka".
Johnny Carlow, Ulrike Weyh und Galina Prosumenschikowa sind keine Einzelfälle. Sie kennzeichnen eine der auffälligsten Tendenzen im internationalen Wettkampf: Vor allem im Schwimmen und im Eiskunstlauf tragen Kinder den Prestigekampf der Nationen aus, das Frauenturnen ist zur Teenager-Artistik entartet. Der moderne Leistungssport pickt sich geeigneten Star-Nachwuchs schon in der Schule heraus.
Vier bis sechs Jahre harten Trainings sind erforderlich, wenn die Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren Höchstleistungen vollbringen sollen. Übermäßig gefährdet, vor allem am Rückgrat und Bewegungsapparat, sind aber Jugendliche, solange sie wachsen.
Das wirkliche Ausmaß des Frühverschleißes ist nach Meinung von Fachleuten noch nicht erkannt worden. Erst wenn bei der ersten Generation der hoch- und übertrainierten Kinderstars das stützende Muskel-Korsett erschlafft und sie den Rest ihres Lebens mit verbogenem Rückgrat und ausgeleierten Gelenken leben und leiden, wird dem Publikum vor Augen geführt, welchen Preis die Olympia-Kinder zahlen.
"In höchstem Maße inhuman" und als "moderne Ausprägung harter Kinderarbeit" kritisierte Niedersachsens Kultusminister Werner Remmers den weltweiten Trend, Kinder auf "Platz und Sieg bei internationalen Wettkämpfen zu dressieren". Der Deutsche Kinderschutzbund schlug bündig vor: "Beendigung des sportlichen Ehrgeizes in all den Disziplinen, in denen offenbar nur noch Kinder Höchstleistungen vollbringen können."
Dazu besteht vorerst keine Chance. Auch die Bundesregierung sah keinen Zusammenhang zwischen Jugendarbeit und Sport. Juristen verneinten den Tatbestand ebenfalls: Beim Kindertraining handele es sich nicht um Arbeit auf Weisung, zudem werde kein wirtschaftlicher Nutzen angestrebt.
Zum erstenmal waren Kinder vor mehr als 50 Jahren auf das olympische Siegertreppchen geklettert. Im Wasserspringen brachten es 1920 der Schwede Nils Skoglund, 14, zur Silbermedaille, die Amerikanerin Aileen Riggin, 15, zum Olympia-Sieg. Eiskunstlauf-Weltstar Sonja Henie aus Norwegen (drei Goldmedaillen) hatte ihr Olympia-Debüt 1924 mit elf Jahren gegeben.
Der Kindermißbrauch hat auch Olympia-Tradition. Schon im klassischen Griechenland drillten Profi-Trainer talentierte Jugendliche. Bei den antiken Olympischen Spielen kämpften Kinder in gesonderten Wettbewerben. Sie spurteten (seit 632 vor Christus) knapp 200 Meter, boxten (616 vor Christus), trugen einmal einen Fünfkampf aus.
Väter und Funktionäre trieben sie sogar zum Pankration (200 vor Christus) -- wörtlich: Allkampf -aus Boxen und Ringen. Anders als bei zeitgenössischen Catcher-Veranstaltungen ging es dabei manchmal um das Leben. Etliche Todesfälle sind überliefert.
Der Wettkampf hat die meisten griechischen Sportkinder S.92 verschlissen. "Unter den Olympia-Siegern gibt es kaum zwei oder drei", beklagte der Philosoph Aristoteles vor 2300 Jahren, "die als Knaben und auch als Männer gesiegt haben."
Als Zwölfjährige erschwamm 1936 die Dänin Inge Sörensen (200 Meter Brust) eine Bronzemedaille. Sogar im Zehnkampf, einem der härtesten Wettbewerbe, siegte der Amerikaner Robert Mathias 1948 mit 17 Jahren.
Allerdings können auch die entschiedensten Eltern kein Kind zum Olympia-Sieg prügeln. "Man kann niemanden auf die Dauer dazu zwingen", bekundete Ursel Wirth-Brunner, die selbst mit 16 Jahren Deutsche Schwimm-Meisterin geworden war und inzwischen als Trainerin in Heidelberg jugendliche Meister wie Marion Aizpors herausgebracht hat: "Die natürlichen Barrieren der Kinder überbrückt auch der Ehrgeiz der Eltern nicht."
Zwei Motive, Kinder in die Arena zu schicken, haben sich bis heute erhalten: der Ehrgeiz von Eltern, Trainern und Funktionären sowie das Prestigebedürfnis der Staatsmacht. Die meisten Trainer beginnen ihre Karrieren mit Jugendarbeit -- im Osten wie im Westen. Nur Jugendrekorde und Meisterschaften versprechen ihnen Aufstieg.
Daraus ergibt sich ein komplexes Geflecht. In den USA trägt der Wettkampfsport etwa in den Highschools und Colleges seit Jahrzehnten wesentlich zum Ansehen und zu den Einkünften der Anstalten bei. Mäzene und Sponsoren wenden sich bevorzugt den Schulen und Universitäten zu, deren Mannschaften in den Schüler-Ligen die auffallendsten Erfolge produzieren.
Die Zahl der wettkämpfenden Mannschaften beeinflußt auch die Höhe der staatlichen Zuschüsse. Dabei geht es um Millionen. Doch auch für die Kinder oder ihre Eltern tritt Geld ins Spiel: Profi-Karrieren beginnen oft in der Highschool.
Für den schulsportlichen Konkurrenzkampf halten sich die US-Anstalten einen Stab von Berufstrainern. Von knapp 37 Millionen US-Schülerinnen und Schülern bis zu 14 Jahren beteiligen sich mindestens vier Millionen an den Wettkampf-Programmen in 27 Sportarten.
Zwei Millionen Jungen spielen allein in Baseball-Ligen, mehr als eine Million rauft und rempelt im besonders verletzungsträchtigen American Football. Etwa jeder zweite erleidet eine leichtere oder schwerere Verletzung. Allein 1973 ereigneten sich an Highschools 16 Todesfälle im Football.
"Das bringt die Jungen von der Straße und gibt ihren Energien ein vernünftiges Ventil", so begründete Conrad Ford, Direktor der "Police Athletic League", daß seine Organisation in New York Wettkämpfe für mehr als 80 000 Jugendliche in 22 Sportarten organisiert. In Atlanta finanziert die Stadt Sport für 30 000 Kinder bis zu 14 Jahren.
Der Leistungsdruck durch erfolgsabhängige Trainer und ehrgeizige Eltern führt oft zur Überforderung. "Ich habe zu viele Youngster aus dem Highschool-Sport herausfallen sehen, weil sie zu jung ausgebrannt waren", klagte Durrell Tully, Sportdirektor einer unabhängigen Schulkette in Texas. "Da spielt zuviel Siegenmüssen auf unteren Stufen mit, wo die Spiele noch Spaß machen sollten."
Die wenigen Talente, die dann von Vereinen und Verbänden gefördert werden, müssen oft bis über die Belastungsgrenze wettkämpfen, weil sie in ihrer Leistungsriege nicht gleichwertig zu ersetzen sind.
"Die wenigen müssen wir bei der Stange halten", beschrieb auch der frühere Eiskunstlauf-Olympia-Sieger und Trainer Manfred Schnelldorfer das Dilemma, "weil wir sonst bei Platz 20 wieder anfangen müssen." Ein Land muß zwei Läufer bei Weltmeisterschaften unter den besten Zehn plazieren, bevor es einen dritten Nachwuchsläufer einsetzen darf.
Von der Zahl der Wettkämpfer hängt die Quote der Punktrichter und Funktionäre ab, die zu internationalen Wettkämpfen mitreisen dürfen und die bei Tagungen und in der Wettkampf-Jury wiederum den Erfolg ihrer eigenen Athleten beeinflussen können.
"Wenn dein Mädchen versagt", klagte der sowjetische Turntrainer Wladimir Baidin, "hast du dich lächerlich gemacht", und, auf seinen Topstar bezogen, die Olympia-Siegerin Nelli Kim: "Was bin ich ohne sie?"
Der Ostblock setzte zwar den Trend, aber die westlichen Länder und auch S.94 schon die Dritte Welt schwenkten ein. Als die UdSSR 1952 der olympischen Bewegung beitrat, erweiterte sie den Sport auf eine neue Dimension.
Das Duell Ost gegen West, Kapitalismus gegen Kommunismus, USA gegen UdSSR, Bundesrepublik gegen DDR spielt seither als Dauerbrenner auf den internationalen Sportbühnen. Das Fernsehen putscht zudem internationale Meisterschaften und Olympische Spiele zu Weltereignissen hoch.
Die Sowjet-Union und später die DDR hatten für den olympischen Kampf gegen die westlichen Länder eine besondere Strategie der Lücke ausgetüftelt: Sie konzentrierten ihre Anstrengungen auf Sportarten, in denen möglichst viele Medaillen und wenig westliche Konkurrenz zu erwarten waren, wie Radsport und Ringen, Kanu und Kunstturnen. Hohe Investitionen für die Sportwissenschaft erbrachten die Erkenntnis, daß Frauen und Kinder weit belastbarer sind als zuvor angenommen. Konsequent bauten die Ostblock-Staaten ein System von Kinder- und Jugendsportschulen auf, in denen sie ihren Nachwuchs drillen.
Die Forscher fanden heraus, daß einige sportspezifische Eigenschaften schon im Kindesalter voll ausgeprägt sind. "Ihre maximale, willkürlich erreichbare Bewegungs-Gelenkigkeit erreichen Jugendliche im Alter von elf bis 14 Jahren", stellte der Kölner Sportmediziner Professor Wildor Hollmann fest. Aber er warnte bei einem Hearing des CDU-Sportausschusses über "Kinder im Hochleistungssport" auch vor der Gefahr irreversibler Schäden an der Wirbelsäule, wie sie etwa bei Schlangenmenschen im Zirkus auftreten.
Da trainierte Mädchen zugleich zwischen 14 und 18 Jahren ihre Höchstleistung an Kraft entfalten, eignen sie sich in diesem Alter besonders zum Kunstturnen. Längst ist es vorbei mit der Chancengleichheit zwischen 15- und 21jährigen Turnerinnen: Die Älteren müssen alle Hoffnung fahren lassen.
Auch die Ausdauer-Werte steigen zwischen 14 (Mädchen) und 17 Jahren (Jungen) auf ihren höchsten Wert. Daraus ergab sich, daß Kinder nicht nur im Turnen und Schwimmen den Erwachsenen überlegen sind, sondern mit ihnen auch im Eiskunstlauf konkurrieren können.
Teenager lassen Erwachsenen im Turnen und Schwimmen nur noch vereinzelt Medaillen übrig und haben sie aus den Weltrekordlisten nahezu verdrängt.
Ein System der gründlichen Talentsuche und Nachwuchsförderung verhalf dem Ostblock mit Kinder-Athleten im Frauenturnen, im Schwimmen und im Eiskunstlauf zu aufsehenerregenden Erfolgen und einem beträchtlichen Vorsprung gegenüber dem Rest der Welt.
Ohne Not nahm der Westen die Herausforderung an. Im Leistungssport führte er die hierzulande abgeschaffte Kinderarbeit für einige tausend wieder ein.
Rasch steigerte und übersteigerte die Konkurrenz die Leistungsforderungen an den Sportler-Nachwuchs. Bundesdeutsche Kunstturnerinnen trainieren wöchentlich im Schnitt 17 Stunden, Sowjetturnerinnen kaum unter 25 Stunden; im Eiskunstlauf erreicht die Belastung 30 Wochenstunden. Das Einstiegsalter der Jungsportler verlagerte sich immer weiter in jüngere Jahrgänge.
Die sowjetischen Spitzenschwimmer legen im Jahr bis zu 3000 Kilometer im Wasser zurück, am Tage bis zu 18 Kilometer. Mit An- und Abfahrten verlangt der Leistungssport Kindern 30 bis 40 Wochenstunden ab, die normale Arbeitszeit eines Erwachsenen. "In bestimmten Sportarten ist die Belastung für Kinder", sagte der 800-Meter-Europarekordler Franz-Josef Kemper, "größer als früher für Olympia-Sieger."
"Für organische Schäden haben wir bisher keinen Anhalt gefunden", erklärte S.97 Sportmediziner Hollmann über das Kindertraining. Bei gesunden Menschen führt organische Belastung schlimmstenfalls zum Kreislauf-Kollaps, der unter normalen Bedingungen keine bleibenden Schäden hinterläßt.
"Stark skeptisch" beurteilte der Saarbrücker Sportmediziner Professor Wilfried Kindermann dagegen "extreme Belastungen des Bewegungsapparates und des Nervensystems".
Kommunisten bejahen den Kindersport als einen Schritt auf dem Weg zum "Neuen Menschen". Die Politiker im Westen reagieren zwiegespalten. "Was nützt die Goldmedaille, wenn die Kindheit verpfuscht ist", schrieb Karl Fred Zander, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit, "von körperlichen Schäden ganz zu schweigen."
Elmar Brok, Vizevorsitzender der Jungen Union, forderte, "für Regelungen zu sorgen, daß nur Sportler ab 18 Jahren aus der Bundesrepublik Deutschland an nationalen und internationalen" Wettkämpfen teilnehmen dürfen. Es sei "unerträglich, daß Trainer, Funktionäre und Eltern durch die Schinderei von Kindern ihre Erfolgsbilanz verbessern".
Zugleich gab die Bundesregierung mit Zustimmung aller Bundestagsparteien, Länderregierungen und Gemeinden Zuschüsse zur Finanzierung der Sportinternate für jugendliche Athleten in Saarbrücken (Schwimmen), Berchtesgaden (Wintersport) und Frankfurt (Turnen); sie bezahlen Trainer, zentrale Lehrgänge und Wettkampfreisen -auch zum Olympia. Da stimmen Politiker und Bürger überein: Sie verurteilen die Kinder-Schinderei, erwarten aber zugleich Medaillen.
Auch die US-Regierung fördert neuerdings mit Steuergeldern ihre Olympia-Mannschaften. Am wirkungsvollsten mobilisierten die Amerikaner ihr Potential im Schwimmen gegen die noch 1976 führenden DDR-Mädchen. Beim Olympia in Montreal erkämpften die Amerikanerinnen nur einen Sieg, die DDR-Schwimmerinnen dagegen errangen elf Goldmedaillen; bei den Weltmeisterschaften 1978 in Berlin fiel nur noch ein Sieg für die DDR-Teenager ab. Aber auch im Turnen bereiten die USA Kinder von zwölf Jahren an auf internationale Auftritte vor.
Mit ihren Weltrekordleistungen hätten die Australierin Tracy Wickham, 15, die Russin Lina Katschuischite, 15, und die Amerikanerin Tracy Caulkins, 15, bis 1968 noch im olympischen Herren-Finale Goldmedaillen erschwommen. Der einstige Olympia-Sieger und Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller würde mit seiner Siegerzeit über 400 Meter Freistil von den kraulenden Mädchen glatt überrundet werden.
"Um aus einem guten Schwimmer einen Meister zu machen", erklärte der erfolgreiche US-Trainer James Counsilman, "mußt du ihn körperlichen Anstrengungen aussetzen, die er für das äußerste des Erträglichen hält -- und ihm dann beibringen, darüber hinauszugehen." Ziel des Trainings sei es, die Furcht vor Schmerzen zu überwinden.
Der frühere Medaillengewinner und Trainer Gerhard Hetz schickt seine Schüler in Köln täglich viereinhalb Stunden ins Wasser. Das Schul- und Trainingspensum bewältigen sie nur mit einem genau abgestimmten Zeitplan. Für die deutsche Meisterin Ina Beyermann, 14, aus Leverkusen beginnt der Alltag um vier Uhr früh.
Ihr Vater fährt sie zur Schwimmhalle nach Köln. Zwischen 5.15 und sieben Uhr schwimmt sie mit der Trainingsgruppe bis zu fünf Kilometer, frühstückt noch in der Halle und fährt in die Schule. Nach Unterricht und Schularbeiten steht ab 17 Uhr das zweite Tagestraining mit abermals fünf Kilometern an.
In der UdSSR, der DDR und in den USA schwimmen Teenager bis zu 15 Kilometer täglich, aber nicht etwa gleichmäßig, sondern größtenteils in kleinen Portionen, sogenannten Intervallen, und oft bis an die Grenze der S.100 Erschöpfung. Die australische Weltrekordlerin Tracy Wickham brachte es sogar auf 18 Trainingskilometer -- und zog sich eine chronische Schulterverletzung zu. "Das kommt und geht", klagte sie, "mal fühle ich mich besser, mal schlechter."
Wie ein Ungewitter brach die Amerikanerin Tracy Caulkins bei den Weltmeisterschaften 1978 in die DDR-Konkurrenz ein. Sie hatte mit elf Jahren begonnen, ernsthaft zu trainieren. Tracy gehört dem "Nashville Aquatic Club" an, dessen Einrichtungen 140 Familien mit etwa 700 000 Mark vorfinanziert haben. Die Aufnahmegebühr beträgt 100 Mark, der Monatsbeitrag bis zu 50 Mark.
Der Klub arbeitet eng mit den Schulen zusammen. Vor und nach dem Unterricht tummeln sich die Leistungsschwimmer fünf Stunden im Wasser und legen dabei in Intervallen im Schnitt zwölf Kilometer zurück. Dazu wuchtet Tracy Caulkins dreimal wöchentlich an einer Kraftmaschine jeweils etwa 700 Kilo. Insgesamt mag sie umgerechnet den Globus halb umschwommen und einen mittellangen Güterzug emporgewuchtet haben, ein Mädchen, das anfangs noch einen Teddybären zum Wettkampf mitbrachte.
Die Herausforderung durch die DDR-Schwimmerinnen habe sie mit "nationaler Verantwortlichkeit" erfüllt, bekundete sie. Sie erschwamm 1978 insgesamt fünf Welttitel.
Allerdings war die erfolgreichste DDR-Schwimmerin, die vierfache Olympia-Siegerin von Montreal, Kornelia Ender, schon zurückgetreten, mit 18 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit und Erfolge. Sie hatte eine Musterkarriere hinter sich.
Ein Orthopäde hatte ihr Schwimmen verordnet, um Haltungsschäden abzuhelfen. Mit elf Jahren schwamm sie ihre ersten Wettkämpfe, kam an die Kinder- und Jugendsportschule in Halle und gewann 14 Goldmedaillen im Nachwuchs-Wettbewerb, der Spartakiade. Mit 13 Jahren debütierte sie 1972 bei den Olympischen Spielen in München und kehrte mit drei Silbermedaillen zurück. Insgesamt stellte Kornelia Ender 22 Weltrekorde auf.
"Die Mädchen haben vor der letzten körperlichen Ausreifung", erklärte Trainer Hetz die Kinder-Rekorde, "ein besonders günstiges spezifisches Gewicht und damit eine bessere Wasserlage." Mit 13 Jahren können Kinder schon optimales Bewegungsgefühl entwickelt haben. Seit langem behaupten Insider, bei Schwimmerinnen würde durch Hormongaben die Pubertät hinausgezögert, die molligere Formen und ungünstigere Wasserlage mit sich bringt.
"Die DDR-Schwimmerinnen sind mit männlichen Hormonen vollgestopft", hatte schon 1974 der schwedische Mannschaftsarzt Bengt Eriksson erklärt, und der australische Trainer Forbes Carlile erkannte in den muskulösen DDR-Teenagern "Tanks mit enormer Physis" und das Ergebnis eines "Trainings für Schwerathleten, verbunden mit Hormonbehandlung".
Ein Indiz boten die tiefen Stimmen der jungen DDR-Schwimmerinnen, die in keinem Kosakenchor aufgefallen wären.
Die Gerüchte von "leistungsfördernden Spritzen" bestätigte inzwischen die frühere Weltrekordlerin Renate Vogel-Heinrich nach ihrem Absprung aus der DDR: "Wir hatten keine Ahnung von den Manipulationen, die an uns ausgeführt wurden." Sie trat zurück und "hatte keinen Zugang mehr zu Sportärzten", obwohl sie unter Schmerzen in ihren verschlissenen Hand- und Fußgelenken litt.
Trainerin Ursel Wirth-Brunner: "Hohe Belastung der Kniegelenke im Kindesalter führt zu einer Vielzahl von Meniskusschäden." Die bundesdeutsche Schwimmerin Karin Averdunk mußte mit 15 Jahren aufhören. Sie hatte zu früh mit Gewichten trainiert und Knie und Ellenbogen geschädigt.
Weit folgenreicher als im Schwimmen wirkt sich langjähriges Leistungstraining offenbar im Eiskunstlauf aus. Der Schlittschuhläufer landet nach Sprüngen unnatürlich: Er kann nicht abrollen oder abfedern; der Druck staucht ihn durch -- bis zu einem Druck von etwa 15 Zentnern (so die Berechnung bei einem 50 Kilo schweren Läufer, der aus einem Meter Höhe auf einem Bein landet). Nur besonders rationelle Läufer kommen bei Mehrfachsprüngen mit geringeren Sprunghöhen aus.
Jeder Sprung bedarf vielhundertfacher Übung. Die bundesdeutsche Meisterin Dagmar Lurz bewältigt mit jedem Training ungefähr ihr dreifaches Kürprogramm (das 14 Sprünge in vier Minuten enthält). "Wer heute mit zwölf Jahren bei einer Europa- und Weltmeisterschaft startet", erklärte der bundesdeutsche Mannschaftsarzt Wolfdieter Montag, müsse "bereits mit acht Jahren" so intensiv trainiert haben, "daß es S.102 gesundheitlich nicht mehr zu vertreten ist".
Die einen, im Osten, trainieren täglich fünf Stunden und sollen die Überlegenheit des Sozialismus beweisen, die anderen, im Westen, weil ehrgeizige Eltern sie für die Profikarriere bei einer Eisrevue programmieren, vielfach Väter und Eislaufmuttis aus der zielbewußten Aufstreberschicht des Mittelstandes.
Sie investieren -- außer der eigenen Freizeit und dem eigenen Urlaub -- ein Vermögen: Eine Ausbildung mit Trainer und Ballettstunden kostet 100 000 Mark und mehr. Sie sind mit ihren künftigen Kinder-Stars wöchentlich oft 20 bis 30 Stunden unterwegs.
"Bei uns ist die Eislaufmutti nicht wegzudenken", betonte Bundestrainer Erich Zeller. "Sie muß ihre Aufgabe bekommen -- aber bei uns nur bis an die Bande." Gelegentliche "Elterntagungen haben sich positiv ausgewirkt".
"Ich war schon mit drei Jahren auf der Eisbahn zu Hause", erinnerte sieh Manfred Schnelldorfer, dessen Eltern selber Eisläufer waren. "Das übliche Zuhause kannte ich nicht." Sportärztliche Routine-Untersuchungen führte der Verband erst später ein. Schnelldorfer gibt offen zu: "Ich brauchte den Tritt von hinten, sonst hätte ich alle drei Monate aufgegeben."
Aber auch optimale sportmedizinische Betreuung und Überwachung wie in der DDR und der UdSSR verhinderten gravierende Verletzungen nicht. In den wichtigsten Eislaufzentren müssen Kinder zur Einübung vierfacher Sprünge noch höher als zu dreifachen Sprüngen abheben; der Aufpralldruck kann für Wirbelsäule und Gelenke unverträglich hart geraten. Bei der Arbeit an einem vierfachen Sprung knickte die Kniescheibe der Dresdnerin Sabine Baess, damals 14.
Mit sechs Jahren hatte auch der spätere DDR-Weltmeister Jan Hoffmann begonnen. Achtjährig wurde er zum Leistungsklub SC Einheit Dresden delegiert. Er plazierte sich bei der Spartakiade und nahm mit zwölf Jahren an seinen ersten Olympischen Spielen teil, zum Entzücken der Zuschauer.
Mit dem Einsatz der Sportkinder nutzten die Funktionäre nicht nur die früh zu erlangende optimale Bewegungsgeschicklichkeit der Minderjährigen aus. Sie planten den Umstand ein, daß sich im Eiskunstlauf jeder allmählich hochdienen muß -- ebenso wie im Turnen. Je mehr und je länger ein Eiskunstläufer sich den Punktrichtern eingeprägt hat, desto besser ist seine Chance, bei gleicher Leistung günstiger als unbekannte Neulinge bewertet zu werden.
Auf das Siegertreppchen heben die Punktrichter den Nachwuchs in der Regel ohnehin erst, wenn vorher die mit Meister-Bonus bedachten Stars abgetreten oder zur Revue abgewandert sind.
Hoffmann diente sich hoch und sammelte insgesamt zehn Medaillen, darunter vier goldene, bei Europa- und Weltmeisterschaften. Doch sein wichtigstes Ziel und das seiner Funktionäre, den Olympia-Sieg, verpaßte er bislang. Denn 1974 stockte seine Karriere wegen einer Knieverletzung: Meniskus-Operation.
"Jan Hoffmann wird der erste Läufer der Welt sein", hatte DDR-Staatstrainerin Jutta Müller, die Mutter der Olympia-Zweiten und Weltmeisterin Gabriele Seyfert, angekündigt, "der einen vierfachen Salchow springt." Später räumte sie ein: "Als wir dem S.103 vierfachen Salchow schon recht nahe waren, stellte sich heraus, daß der menschliche Körper diesen enormen Belastungen ganz einfach nicht gewachsen ist. Die Folge waren schwerste Wachstumsstörungen."
In besondere Gefahren begeben sich Paarläufer. Sie liften ihre Partnerin in einer Fünfminuten-Kür zehn- bis 15mal über den Kopf; außer etlichen Kilometern zügigen Gleitens und den eigenen Sprüngen wuchten sie also innerhalb von 300 Sekunden insgesamt mehr als eine halbe Tonne in die Höhe. Im täglichen Training nehmen sie sogar das doppelte Pensum auf sich.
Weltmeister Hans-Jürgen Bäumler verhob sich dabei an der keineswegs übergewichtigen Partnerin Marika Kilius, so daß er ein Stützkorsett benötigte.
DDR-Trainer tüftelten eine Lösung aus. "Begonnen hat alles mit den zweimaligen Olympia-Dritten Manuela Groß und Uwe Kagelmann", analysierte die erfolgreichste Paarläuferin der Welt, die Russin Irina Rodnina. "Die zwölfjährige Manu und ihr sechs Jahre älterer Partner waren 1969 bei der Europameisterschaft die Versuchskaninchen." Später habe der UdSSR-Verband "den großen Fehler begangen, der DDR auf diesem Weg zu folgen".
Jedenfalls entartete der Paarlauf zu dem, was Weltmeister Bäumler als "Kinder-Weitwerfen" kennzeichnete. 1977 schleuderte der Moskauer Sergej Schachrai, 18 Jahre und 1,80 Meter lang, seine Partnerin Marina Tscherkasowa, 12 Jahre und 1,37 Meter klein, bei der Europameisterschaft zur Bronzemedaille.
Nun proben in den Eisstadien zwischen Leningrad und Lake Placid, Tokio und Stockholm knapp tausend Kinder zwischen fünf und 15 Jahren tagtäglich den großen Sprung, ohne wirkliche Spielzeit eingespannt zwischen doppeltem Rittberger und Mathematik-Unterricht. Mit neun und zehn Jahren springen sie erste Meistertitel an. Auch die Bundesdeutschen errichteten 1978 in Oberstdorf (für 24 Millionen Mark) ein Eiskunstlauf-Internat, das vorwiegend aus Steuergeldern finanziert wird.
In der Bundesrepublik darf sich die 14jährige Tina Riegel, 1,50 Meter groß, Deutsche Meisterin im Paarlauf (mit Partner Andreas Nischwitz) nennen. Sie errang zudem in der Einzelkonkurrenz den dritten Platz. 1980 soll sie viermal das strapaziöseste Programm im Einzel- und Paarlauf-Wettbewerb durchspringen: bei den nationalen, den Europa- und Weltmeisterschaften sowie bei den Olympischen Spielen.
Beim Turnen vollführten die Russinnen Maria Filatowa und Nelli Kim 1976 als erste einen doppelten Salto in der Bodenkür; inzwischen gelingt er 30 Turnerinnen. Maxi Gnauck, 15, aus der DDR, verbindet den Doppelsalto schon mit einer sogenannten Schraube -- einer Drehung um die Längsachse. Sie habe diesen Sprung "schon einen Meter über dem Boden beendet", staunte die unterlegene Schweizerin Gabi Schneider.
Olga Korbut sprang 1972 erstmals beim Olympia den Salto rückwärts auf dem starren, nur zehn Zentimeter breiten Schwebebalken (Turnersprache: Zitterbalken). Dann führte sie einen Rückwärtssalto am Stufenbarren vor. Mittlerweile üben Hunderte von Mädchen diese beiden Sprünge ein.
Aber alle "beginnen im Alter von sieben oder acht Jahren", erklärte Jurij Titow, der UdSSR-Turnchef. Der Vorteil: Kinder erkennen das Risiko kaum. Ein dreifacher Salto erscheint einer 22jährigen als "Wahnsinnsübung", einer 13jährigen als Abenteuer.
Was die Trainer dann medaillenreif schleifen, sind nach Meinung der früheren CSSR-Olympia-Siegerin Vera Caslavska "dressierte Lebewesen". Die Sportlehrerin würde sich "als junges Mädchen dieser Materie nicht noch einmal verschreiben".
Titow, auch Präsident des Internationalen Verbandes, hält das alles für normal und fortschrittlich.
Unter seinem Einfluß schraubte der Internationale Turnerbund die Anforderungen 1980 abermals höher. Damit stieg auch das Risiko: Wer etwa als Abgang vom Schwebebalken einen mehrfachen Rückwärtssalto wählt und dabei unglücklich stürzt, kann sich das Genick brechen.
Als erster Jungstar hatte sich Olga Korbut aus Grodno in der Beliebtheitsskala S.105 ganz nach vorn geturnt. Mit elf Jahren begann ihre Karriere. Sie sammelte Medaillen bei Spartakiaden, den sowjetischen Meisterschaften und Europa-Titelkämpfen.
Beim Olympia 1972 in München erturnte sie drei goldene Medaillen und einen Silber-Platz. Ein sowjetischer Film zeigte sie bei der Trainingsschinderei -- ganz ohne Lächeln.
Mehrmals mußte sie nach Verletzungen pausieren. Bei den UdSSR-Meisterschaften 1973 stürzte sie vom Schwebebalken. Bewußtlos und blutend kam sie ins Krankenhaus. Als sie nach fünf Wochen entlassen wurde, platzte sie vor Reportern heraus: "Das war''s, ich höre auf." Doch zwei Wochen später gewann sie beim Weltcup in London schon wieder Medaillen. Auf Fragen, warum sie ihren Entschluß wieder umgestoßen habe, antwortete Olga Korbut: "Die haben mich dazu gebracht" -- die Funktionäre.
Doch beim Olympia 1976 war sie mit 43 Kilo zu schwer und mit 21 Jahren schon zu alt. Sie gab auf und heiratete den sowjetischen Schlagerstar Leonid Bartkewitsch. "Die heutige Turngeneration hat keine Seele", beklagte Olga Korbut.
Ihren Platz nahm die 14jährige Rumänin Nadia Comaneci ein, die 1975 jüngste Europameisterin geworden war -- siebenmal brachte sie es auf die Höchstnote zehn und errang damit drei Goldmedaillen. Der Computer war auf solche Perfektion nicht programmiert und versagte.
Aber die traurige Nadia aus Gheorghe Gheorghiu-Dej lächelte kaum und blickte sich immer nur fragend nach den Funktionären oder ihrem Trainer Bela Karoly um, ob sie auch nichts verkehrt mache. Wo Olga Korbut spontan heraussprudelte, schwieg Nadia ängstlich.
"Turnerinnen müssen Kinder bleiben", beschrieb die Turnexpertin Ingeborg Kollbach den Idealtyp, "sie sollten höchstens 15 Jahre alt sein und um 40 Kilo leicht." Offensichtlich helfen die Betreuer notfalls nach und zögern durch Hormonabgaben die Reifung hinaus. Sportmediziner Professor Josef Nöcker fragte provokant: "Werden diese Mädchen überhaupt einmal ihre normale körperliche Endgröße erreichen?" Die Rumänin Teodora Ungureanu war seit ihrem 15. Lebensjahr (und dem vierten Platz in Montreal 1976) in drei Jahren keinen Zentimeter mehr gewachsen.
Vor allem leiden die Turnmädchen unter erzwungener Dauerdiät, die ihnen oft nicht viel mehr als Äpfel, Joghurt und Kekse zubilligt.
Nadia Comaneci entwich der vielstündigen Belastung ohne Abwechslung und bei Hungerdiät 1978 nach einem Selbstmordversuch. Wieder zurückgeholt und in ihre Riege eingereiht, wog sie beim nächsten internationalen Auftritt 50 Kilo, zehn Kilo mehr als in Höchstform, und schwang sich schwerfällig um die Geräte. 1979 tauchte sie wieder auf, rank auf 1,64 Meter gewachsen, aber nur 46 Kilo schwer.
Während der Weltmeisterschaften 1979 in Texas mußte sie mit einer Infektion und einem Abszeß zweimal in eine Klinik. Dort verlangte sie erst mal "ein großes Steak, Schokolade, Milch, Eis und Cola". Sie lache wenig, sagte sie einem Reporter, "weil es in unserer harten Branche nichts zu lachen gibt".
Bei der Europameisterschaft 1979 in Kopenhagen verfehlten ihre Hände nach einem Salto am Stufenbarren den oberen Holm. Aus etwa zwei Metern stürzte sie auf den Rücken. Im Training hätte ihr Trainer sie aufgefangen, S.106 doch eine praxisfremde Wettkampf-Regel verbietet männliche Betreuung.
Dabei ist das gesundheitliche Risiko auch ohne Stürze groß genug. Tausende gleichartiger, wirbelverbiegender Übungen hinterließen in einigen Trainingsjahren bei fast der Hälfte der untersuchten Turnerinnen Veränderungen am Rückgrat.
Der Heidelberger Orthopäde Professor Horst Cotta untersuchte von 1972 bis 1978 insgesamt 5504 Leistungssportler. Ergebnis: 47 Prozent litten an Veränderungen der Wirbelsäule; bei Breitensportlern lag die Zahl wesentlich tiefer: 11,8 Prozent.
Zumindest in der Bundesrepublik trainieren Turnerinnen oft schon Jahre, bevor sie erstmals gründlich von einem Sportmediziner untersucht werden. Dabei stellte sich heraus, daß einige Mädchen wegen Anomalien am Knochengerüst gar nicht hätten turnen dürfen. "Wer einen schlechten Trainer hat, zahlt mit Verletzungen", faßte die Nationalturnerin Petra Kurbjuweit zusammen. "Wer einen guten hat, bleibt gesund."
Der Trainer der Schweizer Kunstturnerinnen, Ludek Martschini, antwortete auf heftige Vorwürfe gegen die Überforderung seiner Schülerinnen mit der Frage, ob die Kritiker nicht viel trauriger darüber seien, "daß 14jährige Mädchen rauschgiftsüchtig sind, daß 50 Prozent unserer Jugend unter 14 Jahren bereits rauchen".
Ob Leistungssport in jungen Jahren problemlosere Menschen schafft, ist zumindest umstritten. Ein Tübinger Universitätsteam fand Erstaunliches in einer Untersuchung, in der das Verhalten von 100 jungen Turnern, Eiskunstläufern und Schwimmern mit einer normal belasteten Gruppe und einer Schar engagiert übender Jungmusiker verglichen wurde: Der Notenschnitt in der Schule wich kaum voneinander ab, obwohl 84 Prozent der Sportkinder Stunden versäumt hatten.
Eiskunstläufer hatten durchschnittlich 9,3 Tage pro Schuljahr gefehlt, die Nichtsportler nur 2,6 Tage. Alle untersuchten Kinder waren im Schnitt zwölf Jahre alt. Die Sportgruppe wendete täglich vier Stunden für Training und Fahrten auf, aber ebensoviel für die schulbedingten Arbeiten.
"Kein Gammeln", gaben Sport-Eleven als Vorzug ihrer Tätigkeit an. In kritischen Versetzungssituationen erwiesen sich die Nachwuchs-Sportler und -Musiker als weniger ängstl ich und bewältigten den Streß besser.
"An das Training kann man sich gewöhnen", urteilte die Hamburger Olympia-Teilnehmerin Katrin Kühl. "Aber wer kümmert sich darum, wie es in einem aussieht? Das sind die Belastungen, die einen kaputtmachen." Sie war mit 15 Jahren nach dem Olympia in Montreal ausgestiegen, weil sie Intrigen, Rivalität und unpädagogische Behandlung durch die Funktionäre nicht länger hinnehmen wollte. Aber bereuen mag sie nichts, "denn durch das Turnen bin ich viel selbständiger und sicherer geworden".
Es gibt Beispiele von Sportlern, die ihren Ehrgeiz erfolgreich auf berufliche Ziele übertragen haben. Zu ihnen gehört auch der frühere Olympia-Teilnehmer und Achtmeter-Springer Manfred Steinbach, der sich habilitierte und als Staatssekretär im hessischen Sozialministerium tätig ist.
Steinbach, ein ausgebildeter Psychiater, entdeckte unter Leistungssportlern auffällig viele introvertierte, gehemmte Persönlichkeiten, gelegentlich mit psychopathischen Zügen. Besonders Jungsportler, die zu früh und zu rasch Erfolge eingeheimst hatten, brachen ihre Karriere vorzeitig ab, wenn sich beim Übergang in höhere Leistungs- und Altersklassen Mißerfolge einstellten.
"Wir verlieren viele", klagte die einstige Meisterin und Trainerin Ursel Wirth-Brunner, "die abbrechen, wenn sie über ihre Leistung nachzudenken beginnen." Mit oder ohne Nachdenken: Häufig bezahlen Kinder ohne ausreichendes Talent ihre Anstrengungen im Leistungssport nicht nur mit physischen, sondern auch mit psychischen Schäden. Denn 90 von 100 Jungathleten erreichen niemals das höchste Leistungsniveau.
S.89 1973 als 17jähriger beim Sieg im Kampf um den "Pokal der blauen Schwerter" in Dresden. *

DER SPIEGEL 8/1980
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