18.02.1980

OLYMPIAAuf der Kante

Die Boykott-Politik des US-Präsidenten Carter droht Olympia zu zerstören. Das IOC kämpft gegen seinen eigenen Untergang.
Monique Berlioux, Direktorin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), bedachte alle Folgen eines Boykotts der Sommerspiele in Moskau: "Dann muß ich mir einen neuen Job suchen."
Das IOC bestreitet seine Ausgaben einschließlich des Gehalts der Mme Berlioux fast völlig aus seinem 30-Prozent-Anteil an den Lizenzgebühren der TV-Anstalten, der im Falle eines West-Boykotts des Moskauer Olympias wohl ausbliebe.
Den Weg westlicher Mannschaften nach Moskau aber verbarrikadierte US-Präsident Carter mit seinem Ultimatum: Falls die Sowjets bis zum 20. Februar nicht Afghanistan verlassen, dürfen keine US-Athleten zum Olympia. Ein so schneller Abzug ist aber den Russen, so das Mitglied des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der USA Colonel Don Miller, "logistisch unmöglich".
"Die Olympischen Spiele, die olympische Bewegung und die Organisation des Sports durch die internationalen Verbände stehen ernstlich auf dem Spiel", appellierte IOC-Präsident Lord Killanin in einer Resolution, die alle 73 anwesenden IOC-Mitglieder -- mehr als je -- einmütig billigten. Ebenso einstimmig unterstützte das IOC die Entscheidung seines Präsidenten, "daß die Spiele wie geplant in Moskau durchgeführt werden müssen".
Gegen eine wirkliche, universale Olympiade steht allerdings die geballte Macht der amerikanischen Regierung und ihres Präsidenten, der im Wahlkampf in dieser Frage 75 Prozent der US-Bevölkerung auf seiner Seite glaubt.
Carter durchbrach sogar die Tradition und eröffnete nicht einmal die Winterspiele in seinem eigenen Lande. Zur Eröffnung der IOC-Vollversammlung in Lake Placid schickte er seinen Außenminister Cyrus Vance vor. Den Einmarsch der 37 Mannschaften im Stadion nahm Carters Stellvertreter Mondale ab.
Mit schneidender Schärfe bläute Vance dem IOC den "unverrückbaren Standpunkt" der Regierung ein. Er unterließ es sogar, das zu tun, wozu ihn das IOC eingeladen hatte: die Sitzung offiziell zu eröffnen.
Moskau werde die Spiele, so Vance, als Anerkennung der sowjetischen Außenpolitik darstellen. Die US-Regierung werde deshalb "die Teilnahme einer amerikanischen Mannschaft an Olympischen Spielen in der Hauptstadt einer Angreifer-Nation bekämpfen".
Verärgert wandte sich der IOC-Präsident ab, als Vance unter höflichem Mindestbeifall den Tagungssaal des Resort-Hotels verließ. "Zum erstenmal ist eine IOC-Vollversammlung mit einer politischen Rede eröffnet worden", faßte IOC-Sprecherin Berlioux zusammen. Die Reaktion der IOC-Mitglieder schilderte sie mit einem Wort: "Schockiert". Aber die Boykott-Offensive aus Washington zwängte das selten einige IOC diesmal in eine Einheitsfront.
"Wir können nur noch beten", antwortete Präsident Killanin, "daß die Führer der widerstreitenden Parteien sich zusammensetzen und ihre Konflikte lösen, um einen neuen Völkermord zu vermeiden." Der Olympia-Klub verlängerte seine Tagung und übte eine schwierige Kür zwischen zwei Stühlen.
Die sowjetischen IOC-Mitglieder wollten ihre Spiele in Moskau von der IOC-Vollversammlung abgesegnet wissen, die US-Vertreter forderten, über ihren Antrag zu entscheiden, Olympia anderswo auszutragen oder zu verschieben.
Doch schon vor den Winterspielen hatten die nationalen olympischen Komitees und die internationalen Fachverbände, ohne deren Hilfe keine Anti-Olympiade stattfinden kann, alle darauf zielenden Vorhaben abgeschmettert. "Keine Stadt der Welt könnte 1980 Ersatzspiele organisieren", räumte auch Robert Kane ein, der Präsident des NOK der USA.
Das eingekreiste IOC wich einer Abstimmung über den US-Antrag aus; das hätte nur mit der Ablehnung aller Verlegungspläne Carters enden können. Dann beauftragte Killanin eine Dreier-Kommission damit, eine klare Stellungnahme zu entwerfen.
Der bundesdeutsche NOK-Präsident Willi Daume hockte sich mit dem Kanadier James Worrall und dem weißen Kenianer Reginald Alexander auf die Bettkante in seinem Hotelzimmer. Nachts arbeiteten sie eine handschriftliche Fassung aus. Das Dilemma des IOC: Die Resolution "muß auf alle 142 anerkannten NOKs passen" (Daume) und zugleich ausgewogen Elfmeter gegen Washington und Moskau verhängen.
Mit einem Trick umging IOC-Präsident Killanin abermals eine Abstimmung: Er stellte das diplomatische Papier als seine persönliche Erklärung zur Debatte und protokollierte -- zutreffend -- Einstimmigkeit, da kein IOC-Mitglied widersprach, auch nicht die beiden Amerikaner.
Das IOC "erkennt besonders die Schwierigkeiten des amerikanischen NOK an und ermutigt es zu weiteren Anstrengungen, eine Teilnahme seiner S.110 Mannschaft an den Spielen in Moskau zu ermöglichen".
Aber es forderte die Organisatoren in Moskau und das sowjetische NOK auch auf, "die höchsten Autoritäten ihrer Regierung über die Umstände zu informieren, die diese Schwierigkeiten für so viele NOKs bewirkt haben" -die Besetzung Afghanistans.
So hielt Killanin "alle Optionen offen" und baut auf Zeitgewinn. Als Grund, Olympische Spiele abzusagen, erkannte der irische Lord Killanin nur einen Krieg an "wie während des Ersten und Zweiten Weltkrieges". Er erwartet unverdrossen, in Moskau "eine Mehrheit der nationalen Olympischen Komitees vertreten zu sehen".
Aber Killanin und andere IOC-Mitglieder haben ihren beiden sowjetischen Kollegen auch nahegebracht, daß es an ihrer Regierung sei, ein deutliches Entspannungs-Signal zu setzen -- wie es ebenfalls die Bundesregierung in Bonn erhofft und erwartet.
Auch das bundesdeutsche IOC-Mitglied Berthold Beitz ("Herrn Carters Erklärungen interessieren mich nicht") rechnet mit einem guten Zeichen. "Es wird sich alles einrenken", erklärte der häufig nach Moskau reisende Krupp-Manager und wollte sogar "wetten, daß wir in Moskau teilnehmen".

DER SPIEGEL 8/1980
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