18.02.1980

„Wir haben alle Freiheiten“

SPIEGEL-Interview mit IOC-Mitglied Willi Daume in Lake Placid
SPIEGEL: Hat das IOC nach der einmütig gebilligten Resolution für die Spiele in Moskau und gegen einen Boykott wieder Hoffnung geschöpft?
DAUME: Ich habe vor Euphorie gewarnt. Die Schwierigkeiten hat nicht das IOC, das durch den unglücklichen Auftritt des amerikanischen Außenministers Vance nicht nur brüskiert, sondern auch geeint wurde. Selbst die amerikanischen IOC-Mitglieder stimmten darauf zugunsten Moskaus. Es war wie das Wunder in der Theologie. Aber das darf nicht von der Tatsache ablenken, daß einige nationale Olympische Komitees es jetzt schwer haben werden.
SPIEGEL: Stehen Sie als Präsident des NOK der Bundesrepublik Deutschland unter verstärktem Druck aus Bonn, nachdem Verteidigungsminister Apel sich keine Bundesmannschaft in Moskau vorstellen kann, falls die USA nicht teilnehmen, und auch Außenminister Genscher einen Moskau-Boykott nahegelegt hat?
DAUME: Ich spüre keinen Druck. Und wenn, dann beeindruckt er mich nicht allzusehr. Übrigens hat das Bundeskabinett am letzten Mittwoch seine ursprüngliche Haltung bekräftigt und keineswegs einen Boykott empfohlen.
SPIEGEL: Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Kirsch, der Präsident des Deutschen Sportbundes, Weyer, und die Turnführer sowieso, haben sich für einen Boykott ausgesprochen. Bröckelt die Heimatfront?
DAUME: Man erfährt in Lake Placid nicht genug, was in welchem Zusammenhang gesagt worden ist. Wenn es hurtige Umfaller gibt, dann fallen die auch wieder andersherum um -wie schon oft. Das Recht dazu wird nicht bestritten. Und Fairneß ist nicht reglementiert, jeder mag sein eigenes Gefühl dafür haben.
SPIEGEL: Kann das bundesdeutsche NOK sich äußerstenfalls die Freiheit nehmen, auch gegen eine Empfehlung aus Bonn und Widerstand aus dem eigenen Lager eine Mannschaft nach Moskau zu schicken?
DAUME: Wir haben alle Freiheiten und bilden uns unsere endgültige Meinung in aller Ruhe. Die Zeit arbeitet für uns, wenn wir sie gewähren lassen. Wenn ich zurück bin, möchte ich zunächst mal die aktiven Sportler befragen, die Olympia-Kandidaten, um die geht's doch wohl in erster Linie -oder? Darauf aufbauend, werden wir uns die eigene Entscheidung nicht leichtmachen, sie dann aber auch entschieden vertreten.
SPIEGEL: In Lake Placid wurde deutlich, daß nicht nur Westeuropa, sondern auch Staaten wie Japan, Pakistan, die Türkei und weitgehend die Dritte Welt darauf warten, wie Ihr NOK entscheidet. Bedrückt es Sie nicht, daß dem bundesdeutschen NOK eine Pilotfunktion zugewachsen ist?
DAUME: Es ist zutreffend, unsere politische Lage ist schwierig. Die Verantwortung ist groß und auch erkannt. Aber Politik ist nicht alles. Sie werden lachen, sie ist in diesem Falle nicht einmal die Hauptsache. Es geht auch nicht nur um Olympische Spiele.
Der Riß würde durch alle internationalen Sport-Organisationen gehen. Natürlich gibt es wichtigere Dinge in der Welt. Aber wichtig genug waren die Spiele ja, um sie an die Stelle der Verminung von Häfen und Seewegen oder auch eines weltweiten Handelsembargos treten zu lassen, wie das alles angekündigt worden war -- woraus nun offenbar nichts wird. Gott sei Dank.
SPIEGEL: Eine Bundesmannschaft in Moskau, ohne daß Amerikaner teilnehmen -- ist das vorstellbar?
DAUME: Das wäre keine gute Vorstellung, genausowenig gut, wie wenn die Bundesrepublik Deutschland als einzige europäische Mannschaft in Moskau fehlen würde, ebenso ungut wie hysterischer McCarthy-Geist, wie er in Anfängen schon spürbar ist. Ein weitreichender Olympia-Boykott, das erscheint mir sicher, würde politisch nicht das geringste bewirken und zu S.111 nichts, vor allem zu nichts Gutem führen, jedoch die internationale Atmosphäre erheblich belasten.
SPIEGEL: Sehen Sie eine Chance, daß die US-Regierung von ihrer Boykott-Politik abrückt?
DAUME: Das IOC hat in seiner Erklärung von Lake Placid mit dem Finger auf beide gezeigt, auf die USA und auf die Sowjet-Union.
SPIEGEL: US-Präsident Carter hat am Eröffnungstag der Spiele in Lake Placid sein Ultimatum bekräftigt, ja sogar verschärft, kann das IOC die von der US-Regierung ins Spiel gebrachte Gegen-Olympiade verhindern?
DAUME: Die Weltfachverbände haben ihre Unterstützung dazu verweigert. Sogar die amerikanischen IOC-Mitglieder distanzierten sich klar von solchen Plänen. Gegenspiele könnten also nur illegal stattfinden.
SPIEGEL: Müßte nicht die Sowjet-Union dem IOC erkennbar entgegenkommen, um sein Olympia in Moskau zu retten?
DAUME: Zunächst mal haben Sie recht. Die Olympischen Spiele gehören dem IOC, nicht Washington und auch nicht Moskau. Bei den Spielen kämpfen nicht Staaten gegeneinander, sondern Sportler -- unabhängig von sogenannten "Nationen-Wertungen". Die machen aber nicht wir, sondern die Medien. Das IOC hat sie sogar für regelwidrig erklärt. Aber es hätte genausogut den Stuhlgang als regelwidrig erklären können. Doch das ist eine andere Geschichte.
SPIEGEL: Ein breiter Boykott ist trotz allem nicht auszuschließen. Sind die Olympischen Spiele dann am Ende?
DAUME: Es braucht auf dieser Welt nicht immer alles weiterzugehen. Aber ich wüßte nichts, was an die Stelle der Olympischen Spiele treten könnte. In Gefahr wären sie.
SPIEGEL: Rechnen Sie unter den gegenwärtigen Umständen immer noch mit einer bundesdeutschen Mannschaft in Moskau?
DAUME: Ich rechne damit, daß sowohl unsere wie die amerikanische Mannschaft dort sein werden, vorausgesetzt, daß nicht weitere, riesige Dummheiten passieren. Doch das muß vorerst Vermutung bleiben, wenn auch eine hoffnungsvolle.
SPIEGEL: Sie gehören dem IOC an. Würden Sie an der geplanten IOC-Sitzung in Moskau auch teilnehmen, falls Ihre Mannschaft fehlt?
DAUME: Ihre Frage zeigt, wie verworren und irrational das alles geworden ist. Würden Sie beispielsweise auch den deutschen Botschafter so fragen? Mehr braucht dazu nicht gesagt zu werden.

DER SPIEGEL 8/1980
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