18.02.1980

Spiele im Hinterwald

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über den Olympia-Ort Lake Placid
Gewöhnlich bellt Struppi, ein armer Hund ohne jeden Adel, in langen kalten Winternächten nur den Mond an. Doch am Mittwoch letzter Woche erschien dem Zotteltier schon tagsüber am graublauen Himmel Seltsames: eine farbige Komposition aus Luftballons und richtigen Vögeln, dazwischen Fallschirmspringer, Helikopter und fünf bunte Ringe.
Das Blendwerk galt der feierlichen Eröffnung der XIII. Olympischen Winterspiele: eine Imagination des Fernsehens, sorgsam komponiert von Illusionisten für die Color-Mattscheibe.
Struppis Herrn hat es erfreut. Er lebt, auf frostigem Ödland fünf Meilen nördlich von Lake Placid, in einem hochgebockten Campingwagen. 14 Quadratmeter Wohnfläche, einen Steinwurf entfernt von jener Straße, die den Olympia-Ort mit der Welt verbindet. Der alte Mann, ein Witwer mit einer kleinen Rente, hat nicht hinaufgeschaut zum hohen Himmel. Seinem Leben gibt Fernsehen einen letzten Sinn. Deshalb hat er das Spektakel wie alle Welt "live" auf dem Schirm erlebt. Nur seinem armen Hund wollte die Show das Maul schier zerreißen.
"Hier ist sonst wenig los", entschuldigt der Mann das aufgeregte Tier. Das kann man sagen. Lake Placid ist ein Nest aus Holzhäusern, 2700 Einwohner klein, der Milchmann macht den Bürgermeister, der Polizist den Priester. Wer Arbeit hat, verdient in der Stunde drei Dollar fünfzig, nicht einmal sechs Mark. Jeder vierte ist arbeitslos -- "was gibt's hier schon zu tun?" Lake Placid, Herz der Adirondack-Region an der Grenze zu Kanada, ist ein Armenhaus.
In Gottes eigenem Land meint es der Herr nicht gut mit allen. Die paar Zehntausend Menschen, welche es in dieses Gebirge verschlagen hat, führen ein entbehrungsreiches Leben. Die Natur setzt ihnen hart zu. Sechs Monate ist Winter mit polaren Schneestürmen und Temperaturen oft unter minus 30 Grad Celsius.
Im Sommer kommen Myriaden von Mücken und ein paar Touristen. Nur der Herbst taucht Lake Placid in ein mildes Licht. Dann verliert sich womöglich auch der Eindruck, man sei in die Tundra geraten. Denn großartig sind Berge und Wälder hier nicht.
Die Birken und das Nadelholz läßt der Wind nicht in den Himmel wachsen. Von Schwarzwald, Alpenpanorama oder Karpaten kann keine Rede sein, mich erinnert die Gegend hier an den Harz jenseits der DDR-Grenze, wo die Dörfer seit altersher, und ganz zu Recht, Elend, Not und Sorge heißen.
Außerhalb der Olympischen Bannmeile habe ich Menschen in winzigen Holzhäusern wohnen sehen, gegen die Onkel Toms Hütte eine kleine Villa gewesen sein muß. Hin und wieder macht ein Optimist potentiellen Interessenten ein unsittliches Angebot: "For sale", zu verkaufen, steht an wackligen Bretterbuden. Solche Schilder, halb geborsten, können stürzen über Nacht.
Auch das "Stadion", in dem die Eröffnungsfeier so farbenprächtig inszeniert wurde, ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Es steht erst seit vier Wochen und wird unverzüglich in seine mobilen Bestandteile -- Fahnentücher, Tribünen und Sperrgitter -- zerlegt werden, sobald die Fernsehkameras verschwunden sind.
"Welcome world, we made it" verkündet ein Riesenschild an Lake Placids Main Street, der Hauptstraße aus einstöckigen Blockhäusern. Sie schaffen es, anders als gewöhnlich.
Ein Dutzend Hinterwäldler hat es fertiggebracht, Olympia, diese käufliche Dame, mit viel Ausdauer und wenig Dollars wieder hinter die sieben Adirondack-Berge zu locken. Dort hat sie schon einmal, 1932, getingelt, damals nur für die Wochenschau. Nimmermüde warb das lokale Olympische Komitee von Lake Placid um die IOC-Gewaltigen, bis diese endlich (und mangels anderer US-Bewerber) die Spiele nochmals hierher vergaben -der erste große Deal für Lake Placid seit 48 Jahren. Welcome world, we made it.
Dem örtlichen Olympia-Komitee präsidiert J. Bernard Fell, ein Methodistenpfarrer. Er hat dem Ort früher als Polizist und Feuerwehrmann gedient, bevor ein sechsmonatiger Schnellkurs den Würdenträger irdischer Gewalt in einen Vertreter überirdischer Mächte verwandelte. Brav zur Seite stehen dem Mister Fell im Komitee der Richter, dazu ein Rechtsanwalt, ein Holzhändler und der Milchmann.
Diese Riege läßt sich von keinem dreinreden. Amerika ist groß, Jimmy Carter weit weg. Das sind Lake Placids Spiele, nicht etwa die der Vereinigten Staaten. Ohnehin ist das Interesse an solch komischen Sportarten wie Schlittenfahren oder nordisch kombiniert im Kreis rumlaufen im Baseball-Land USA denkbar gering. Nur, die Adirondack-Region hat so gar keine andere Industrie als diese Vergnügungen.
Demnächst, wenn die Athleten wieder über alle Berge sind, wird die neue Strafanstalt für 500 jugendliche Missetäter den Einheimischen Arbeitsplätze als Wächter offerieren. Noch wohnen die Sportler in den Zellen. Noch ist auch die Präsenz der Staatsgewalt in dieser Gegend eher gering. Das reichste Land der Erde fühlt sich für seinen Hinterwald nicht verantwortlich.
Niemand hat den bös gewellten Asphaltstraßen eine neue Decke verpaßt, keiner von Amts wegen Kosmetik betrieben. In der Main Street blättert von jedem zweiten Haus die Ölfarbe, S.113 und wer schon immer seinen privaten Autofriedhof schön fand, der durfte ihn behalten.
Mit den öffentlichen Diensten, mit Bus und Müllabfuhr, klappt es erbärmlich schlecht, weil daran so gar nichts zu verdienen ist. Im Nahverkehr improvisieren Studenten am Steuer, ein jeder freundlich bemüht, nur leider ohne Drive. Ein Segen, daß vorerst kaum echter Schnee liegt. Sonst müßten die europäischen Gäste wohl zeigen, ob sie nicht nur zum Tramper, sondern auch zum Trapper taugen.
Für den handfesten Sinn der Ureinwohner und ihr kraftvolles Talent entdeckte ich gleich in der ersten Stunde einen soliden Beweis. Im Akkreditierungsbüro des Organisationskomitees liegt neben dem Photoautomaten eine Axt: Das Beil fällt, wenn der Apparat streiken will, und dann vergeht es ihm.
Eine andere Not schafft die Baptistenkirche aus der Welt. Sie verspricht auf deutsch: "Willkommen]]]]]]". Am Abend "gibt as Musik" und "einon Film". Und tagsüber? "Erfrischungen und Toiletten". "Wir helfen Ihnen." Gratis] Wo doch sonst der Dollar nun endlich wieder durch die Taiga rollt: Mein netter Wirt vom "Grand View Motel" nimmt 71 Dollar pro Nacht, und es ist Gastespflicht, für 20 Nächte im voraus zu bezahlen. Dasselbe Zimmer kostet, wenn die Olympischen Ringe nicht über Lake Placid strahlen, sieben Dollar.
Den großen Reibach machen freilich nicht die kleinen Leute, sondern das amerikanische Fernsehen. Es blendet zwischen Sprung und Sturz sündteure Werbung ein. Vom TV wiederum läßt sich das Internationale Olympische Komitee mit ein paar Millionen verwöhnen, Gebühr für alle die Plagen, die Sport und Spiele mit sich bringen.
So mancher leitende Olympier sieht diesmal sehr vergrämt aus, denn Jimmy hat ihn heimgesucht bei Nacht. Nur die 200 Hostessen strahlen von Berufs wegen. Eine jede ist für 2000 Dollar neu eingekleidet worden, in starkes Rot mit goldenen Schulterstücken. Von den Ausländerinnen bekamen nur jene Damen eine Arbeitserlaubnis, die mindestens schon einmal bei Olympischen Winterspielen assistiert haben. Deshalb sehen etliche Hostessen aus wie Silvia Sommerlath, die Carl den XVI. Gustav einst so lieb betreute, daß er sie zur Königin nahm. Sie ist jetzt Ehrengast der Spiele; er übrigens auch.
Sehr wichtige Personen wie die moralische Aufrüsterin Silvia werden in dunklen Limousinen, riesigen Benzinvernichtungsmaschinen, durchs Dorf geschaukelt. Die Sportler fährt man in Bussen zu den weit auseinanderliegenden Wettkampfstätten. Die Stimmung ist fidel. Das Olympische Dorf, der Knast in spe, feiert die Feste bei allseits offenen Türen. Von den Aktiven scheint keiner zu befürchten, daß dies die letzte Olympiade der Menschheit sein könnte.
Der Alp ruht eher auf den alten Vätern des IOC. Sie spüren den politischen Druck, den eisigen Wind aus Moskau und Washington. Die lokalen Matadore hingegen sind jetzt endlich sorgenfrei. Ihre Angst, Lake Placid 1980 werde vielleicht im ersten Schneesturm eines Kalten Krieges untergehen, hat sich verloren. Es wird Kasse gemacht.
"Der militärisch-industrielle Komplex", flüstert mir einer der Verantwortlichen hinter vorgehaltener Hand, "hat doch seit 1932 oft genug abgesahnt. Weltkrieg, Korea, Vietnam, jetzt sind wir mal dran. Hier verdient keiner was an der Rüstung. Wir haben doch nur die Olympiade, sonst nichts."
Bei der Eröffnung wurden die Russen wie alle anderen mit freundlichem Applaus begrüßt. Die rot-weißen Plakate "Boycott Moscow Olympics", in ganz Amerika geklebt, habe ich in den Adirondack-Bergen lange vergeblich gesucht. Schließlich fand ich ein einziges, an der Rückseite einer klapprigen Kneipentür. Doch auch diesen Zettel hatte irgendein Sportsfreund und Gastgeber schon mit dem Messer attackiert, wohl wissend, daß nur neue Spiele neues Glück verheißen.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 8/1980
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