18.02.1980

SEELSORGEZuständig für Verlierer

Der katholische Pfarrer Heinz Summerer betreut bei der Olympiade Katholiken und Protestanten.
Der mächtige Mann wirkt wie ein Leistungssportler von gestern. Er schwimmt, treibt Leichtathletik und Ski-Langlauf. Das aber nur nebenbei, um fit zu bleiben.
In seiner Hauptdisziplin hält ihn der deutsche Olympia-Chef Willi Daume für den "mit Abstand Besten": Heinz Summerer, 45, Seelsorger der deutschen Sportler in Lake Placid.
Daume weiß, was er sagt. Denn er gehört nicht nur während der Spiele zur Herde des Pfarrers. Er wohnt in Münchens elegantem Olympia-Park-Viertel, wo Summerer die 700 Seelen der katholischen "Frieden-Christi"-Gemeinde hütet.
Beim Olympia-Einsatz ist Summerer auch für die Protestanten im Team zuständig: "Aber wenn jemand auf evangelischem Beistand besteht", so hat er vorgesorgt, "schick' ich ihn zu Julius Hanak, dem Salzburger Pastor in Österreichs Mannschaft."
Die Trostspender folgen ihren Schützlingen auch an die Wettkampfstätten. Zum Dienst an Bob- und Rodelbahnen sind Priester eingeteilt, die "im Notfall die letzte Ölung verabreichen können -- was Gott verhüten möge", erklärt Sandra Dietlein, Koordinatorin des religiösen Komitees.
Gottesmänner sind auf dieser Olympiade allerorten: Der Reverend Bernard Fell leitet als Direktor Lake Placids Olympisches Organisationskomitee. Zu dem gehört -- erstmalig in der Geschichte der modernen Spiele -- offiziell ein Religious Affairs Committee. Es wurde von den insgesamt neun Kirchen des 2700 Einwohner-Ortes und dem Rabbi Dr. Selig G. Auerbach gegründet.
Das religiöse Komitee hat sein eigenes Emblem, betende Hände unter den Olympia-Ringen. Es druckte eine dreisprachige Broschüre (in Englisch, Französisch, Deutsch) mit Bibelsprüchen unter dem Titel "Stärke für die Winter-Olympiade 1980" und entsandte ins olympische Dorf nicht weniger als 15 christliche Pastoren und einen Rabbi. Die Geistlichen sollen den "Athleten helfen, mit dem Trauma der Niederlage und dem Überschwang des Sieges fertig zu werden".
Um den Herrgott um friedliche Spiele zu bitten, lud das Komitee Montag letzter Woche zu einem ökumenischen Gottesdienst in die neue Olympia-Arena. 8000 Menschen kamen, es gab -zwei Tage vor der Eröffnung der Olympiade -- das erste Verkehrschaos, die sowjetische Delegation legte -- allerdings erst am Dienstag -- gegen die Veranstaltung Protest ein.
Protest gegen zuviel Religion kam auch vom Internationalen Olympischen Komitee. Die frommen Lake-Placid-Leute wollten zur offiziellen Eröffnung den Kardinal Cooke aus New York einladen und ein Gebet sprechen lassen. Aber IOC-Präsident Lord Killanin erhob Einspruch.
Deshalb betete schließlich nur der Vater Bill Hayes, ein lokaler Kirchenmann. Seine Worte waren zudem nur im Stadion zu hören. Denn Hayes sprach über das Kommandomikrophon und nicht über die Anlage der Fernsehgesellschaft ABC, die das Ereignis in alle Welt übertrug.
"So etwas ist nicht einzusehen", protestierte Sandra Dietlein, "wo die Spiele doch schon bei den alten Griechen durch die Religion geprägt waren." In Lake Placid sind sie es noch heute. So wurde auch um Schnee gebetet.
Mit allzu dramatischen Fällen muß sich Deutschlands Olympia-Pfarrer Summerer in Lake Placid nicht plagen. Er war schon 1972 in Sapporo und München und 1976 bei der Winterolympiade in Innsbruck dabei. Er besucht Vorbereitungslehrgänge, damit sich Funktionäre und Aktive an ihn gewöhnen.
Die Sportler müssen sagen: "Den kenn' i, der geht nie glei auss'm Häusl", wünscht sich Summerer. Er trägt wie Trainer und Funktionäre die Mannschaftskleidung. Auf seine höhere Mission deutet lediglich ein kleines goldenes Kreuz an der Brust. Summerers Olympia-Seelsorge bezahlt die Kirche.
Doch öfter als über Gott spricht der Pfarrer über irdische Fragen. Er berät Aktive bei der Planung ihrer Karriere. Manchmal bittet ein Cheftrainer: "Reden Sie doch mal mit dem." Summerer kümmert sich um Kranke, hat Zeit für Aktive, die früh aus Wettbewerben ausgeschieden sind. "Öfter würde ich lieber mit denen sprechen, die gewonnen haben", lehrt seine Erfahrung, "aber da kommst du ja nicht ran."
Manchmal muß der Pfarrer gegen die Medien angehen. "Der Langläufer Georg Zipfel", erinnert sich Summerer, "war einmal Zwölfter geworden und sehr glücklich, weil er seine bisherige Bestzeit erheblich verbessert hatte. Aber was schrieben die Zeitungen: 'Zipfel ist Zwölfter'. Da taten verständige Worte gut."
Letzten Donnerstag, das ergab sich so, plauderte er mit den Bobfahrern: "Freut euch, daß ihr keine Favoriten seid. Das macht alles viel leichter."
Aber Lake Placids Bahn ist besonders gefährlich. Summerer sagt, daß er einen Sportler unterstützen würde, wenn der sagt: "Ich will nicht starten."
Die Anregung, einen Geistlichen zum Olympia-Troß zu nehmen, war von den Athleten gekommen. Aber der Bedarf an geistlichem Trost ist unberechenbar. Michael Veith, der letzten Donnerstag beim Abfahrtslauf nur 23. geworden war, erklärte: "Na, i brauch' was anderes." "Was denn?" "Heut nacht tut's krachen, du weißt schon."

DER SPIEGEL 8/1980
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