18.02.1980

SOWJET-UNIONScheibe Brot aus Texas

Einen Monat nach Ankündigung des amerikanischen Getreide-Embargos bereitet der Kreml das Volk auf weitere Versorgungsmängel vor -- mit Erinnerungen an die Blockade Leningrads im Krieg.
Jeden Tag kämpfen und sterben Sowjet-Armisten in Afghanistan -- die Sowjet-Presse verschweigt das ihren Lesern. Auch die 104 Uno-Stimmen gegen die Invasion des Nachbarlandes blieben dem Sowjet-Volk vorenthalten.
Amerikas "Weigerung, uns Getreide zu verkaufen" aber verkündete Landesvater Breschnew selbst in der "Prawda" -- acht Tage nach dem US-Embargo.
Zum erstenmal vernahmen die Bürger der UdSSR überhaupt auf offiziellem Wege, was seit vielen Jahren schon Brauch und seit 1976 vertraglich festgelegt war: daß das kapitalistische Amerika zu einem guten Teil die Sowjet-Union ernährt.
Allein im vorigen Jahr gab die Sowjet-Union zwei Milliarden Dollar für Importgetreide aus -- obwohl sie 1978 mit 235 Millionen Tonnen eine Rekordernte verzeichnen konnte.
Doch 1979 gab es schon wieder eine Mißernte: 179 Millionen Tonnen gelangten in die Scheuern. Bis zu einem Viertel davon geht erfahrungsgemäß noch durch "Schwund" verloren -durch Ratten, schlechte Lagerung, beim Transport, durch Diebstahl.
Eine Million Tonnen empfangen schlecht versorgte Bruderstaaten wie Vietnam und Nordkorea und das eroberte Afghanistan. Eine weitere Million Tonnen für Kuba wird von Moskau nur bezahlt -- und direkt aus Kanada geliefert.
Um das Loch annähernd zu stopfen, wollte der Kreml wenigstens 34 Millionen Tonnen Korn im Ausland kaufen: in Australien, Argentinien und Kanada, das meiste jedoch, 25 Millionen Tonnen, in den USA.
Acht Millionen Tonnen waren schon geliefert, als die Sowjets in Afghanistan einmarschierten. Aber auch wenn Drittländer gekauftes US-Getreide weiterreichen, wenn Indien und Ungarn als Lieferanten einspringen, fehlen Moskau immer noch rund 17 Millionen Tonnen Getreide, die sich auch nicht völlig aus Reserven ersetzen lassen.
Das führt noch nicht zur Hungersnot: Für Brot und Mehl werden schätzungsweise 45 Millionen Tonnen benötigt, und dafür reichen die Bestände. Auch 28 Millionen Tonnen Saatgut und vier Millionen Tonnen für die Industrie, zum Beispiel zwecks Destillation zu Wodka, sind vorhanden.
Knapp wird es nur beim Viehfutter, wofür bislang am liebsten Mais und Weizen aus dem amerikanischen Mittelwesten verwendet wurden: Schlachten die Kolchosen vorzeitig Rinder und Schweine, könnte Rußlands S.126 Fleischversorgung vollends zusammenbrechen -- mit ihr hapert es schon seit Jahren: Die sowjetische Landwirtschaft produziert je Einwohner nur ebensoviel Fleisch wie die Bauern der Bundesrepublik. Jeder Sowjet-Bürger verbraucht im Jahr 58 Kilo Fleisch -halb soviel wie die Steak-Liebhaber in den USA.
Breschnew dementierte zwar Amerikas "unsinnige Vorstellungen von unserem Wirtschaftspotential" und versprach seinen Bürgern, daß "die Pläne zur Versorgung der sowjetischen Bevölkerung mit Brot und Getreideprodukten um kein einziges Kilogramm gekürzt werden".
Doch dieses Versprechen scheint er nicht halten zu können. Schon beginnt die Inlandspropaganda, das Sowjetvolk auf eine Hungerblockade vorzubereiten -- mit dem Vorteil, daß alle selbstverschuldeten Versorgungsmängel den Amerikanern gleich mit angelastet werden können.
Dramatisch richtete der Chefredakteur Alexander Tschakowski, Kandidat des Zentralkomitees, auf einer ganzen Seite seiner "Literaturnaja gaseta" einen offenen Brief an den US-Präsidenten: "Alle Versuche, auch wenn sie erfolglos sind, in einem anderen Land eine Hungersnot zu organisieren, um es damit gefügig zu machen, sind wirklich schmutzig und schändlich."
Er zog gleich eine Parallele zum Ärgsten -- der Blockade Leningrads durch deutsche Truppen 1941 bis 1944. Tschakowski: "Muß ich Sie, Mr. President, daran erinnern, wie dieser Versuch ausging?" Er kostete, was Tschakowski nicht schrieb, aber alle Sowjet-Bürger wissen, 600 000 Tote.
Den Ernst der Lage unterstreicht ein in der einzigen Sowjet-Illustrierten "Ogonjok" (Auflage 1,8 Millionen) groß aufgemachtes Gedicht, das auch noch die Hungersnot an der Wolga im "ahre 1921 beschwört -- dort starben etwa vier Millionen: Den " " Hunger an der Wolga, den hab' ich nicht erlebt, doch die " " Blockade durchgestanden, als am Eis die Stiefelsohlen " angefroren waren ...
" Soll ich Brüder in Kabul verraten für eine Scheibe Brot aus " " Texas? "
Der Dichter appelliert an die moralische Größe der Russen und preist zudem, was sich wohl gegen die Chinesen richtet, der Russen "große Augen" und "große Hände".
Auf Betriebs- und Wahlversammlungen wird das Volk im Zuge einer Kampagne für die Zustimmung zu neuen Landtags- und Kommunalvertretern vergattert: Man müsse den Riemen enger schnallen und wachsam sein. In den Läden gibt es nur noch zwei Kilo Brot je Käufer, auf dem Lande sind die Backwaren schon morgens ausverkauft. Die freien Märkte bieten an Obst und Gemüse meist nur Äpfel, Kraut und Rüben an; ein Bund Suppengrün kostet zwei Stundenlöhne eines Arbeiters.
Sogar Fisch ist knapp geworden, Fleisch auf dem Bauernmarkt bis zu viermal teurer als im Staatsgeschäft, das aber meistens nur Konserven führt. Offenbar schlachten die Landwirte ihr Privatvieh, weil sie dafür schon kein Futter mehr bekommen.
Die Nomenklatura, die sich in Sonderläden bedient, trifft es kaum, obschon auch in den Spezialgeschäften für Ausländer längst das Frischobst ausgegangen ist.
Die Arbeiterschaft wird mit Fleischpaketen in den Betriebskantinen -einer Art Naturallohn -- ruhiggehalten, auch das seit Jahren schon.
Außerhalb der großen Städte müssen Normalverbraucher sich oft monatelang vegetarisch ernähren. Der marxistische Dissident Roy Medwedew: Leiden werde unter dem US-Embargo schließlich nur "der kleine Mann, der nichts mit der Invasion zu tun hat und auf jene, die sie gemacht haben, keinen Druck ausüben kann".
Doch ob die Sowjet-Konsumenten wirklich den vom Staat benannten Schuldigen für eine kommende Misere verantwortlich machen, bleibt offen. Schon läuft im Sowjet-Land die Frage um: "Was haben wir den Amerikanern angetan, daß sie uns plötzlich kein Getreide liefern wollen?"
Der Massenunmut kann sich auch gegen die Regierung kehren. Was passiert, wenn der Nachschub nicht mehr klappt, führen gelegentlich Sowjet-Soldaten in Afghanistan vor: Sie plündern die Geschäfte.
S.126
Den Hunger an der Wolga, den hab' ich nicht erlebt, doch die
Blockade durchgestanden, als am Eis die Stiefelsohlen angefroren
waren ...
Soll ich Brüder in Kabul verraten für eine Scheibe Brot aus Texas?
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DER SPIEGEL 8/1980
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