18.02.1980

NICARAGUAEwiger Papierkrieg

Ein bißchen Kuba, ein bißchen Kapitalismus -- die Revolutionäre, die den Diktator Somoza stürzten, versuchen sich am Wiederaufbau.
In den Straßen von Managua skandieren Kolonnen von Schülerinnen und Schülern: "Mit erhobener Faust und offenem Buch]"
Im staatlichen Rundfunk singt der Dichter und Musiker Carlos Mejia Godoy. Während des Bürgerkrieges vom vergangenen Jahr hatte er über den Geheimsender "Radio Sandino" zu den Melodien von Volksliedern Anleitungen für den Gebrauch von Waffen gegeben; jetzt erhebt er die Stimme für einen Krieg gegen die Unwissenheit.
Nur sieben Monate nach dem Sturz des Diktators Somoza bereitet sich Nicaragua darauf vor, in einer fünfmonatigen Kampagne den 850 000 Analphabeten des Landes, die älter als zehn Jahre sind, das Lesen und Schreiben beizubringen.
Das Unternehmen hat nur ein Vorbild in der westlichen Hemisphäre: die Bildungskampagne Fidel Castros kurz nach seiner Machtergreifung auf Kuba. In Kuba allerdings war 1961 nur jeder fünfte Analphabet, in Nicaragua ist es heute jeder zweite.
Castros Modell gilt allgemein als das große Vorbild, nicht nur beim Lesen und Schreiben. "Die Alphabetisierungskampagne", erläutert Projektleiter Fernando Cardenal, Jesuitenpater und Bruder des Dichters Ernesto Cardenal, S.127 "wird auch zur nationalen Schule politischer Bildung werden."
Dem Bürgertum Nicaraguas, das zwar den Diktator Somoza stürzen wollte, auf die Revolution aber gern verzichtet hätte, ist die Sache nicht geheuer: Es sieht die Gefahr einer "Kubanisierung" des Landes überhaupt.
Tatsächlich ist die ideologische Verwandtschaft der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) zu Kuba nicht zu leugnen. Die Anführer der siegreichen Guerilla Nicaraguas waren lange im kubanischen Exil, haben von dort praktische Rezepte mitgebracht, die sie nun anzuwenden gedenken. Die Revolution, so ihr Kredo, dürfe nicht einfach beim Umsturz haltmachen, sondern müsse der Anfang tiefgreifender sozialer Wandlungen sein.
Dennoch wehren sich die FSLN-Führer gegen das Etikett "Kubanisierung". Ihre Revolution sei "sandinistisch", etwas Originelles, Nationales, das in der Tradition des Befreiungshelden Augusto Cesar Sandino liege. Da Sandino in den 20er Jahren gegen US-Marines kämpfte, sei die "antiimperialistische" Linie zwar vorgezeichnet, auf eine Nachahmung Kubas dürfe man daraus aber nicht schließen.
"Die Nachahmung ist nicht der Weg der sandinistischen Revolution", verkündete die FSLN im vergangenen Dezember in einer offiziellen Erklärung.
Was unter Sandinismus zu verstehen ist, wird auch von der Regierung nur vage erklärt. "Sandinismus ist ein spezifisch nicaraguanischer Vorgang", so Wohlfahrtsministerin Lea Guido, "der in unserer Geschichte begründet ist." Genauer geht es offenbar nicht.
"Definitionen sind zweitrangig, ja dogmatisch", meint gar Daniel Ortega, Mitglied der Regierungsjunta und der FSLN-Führung. "Wenn wir eine Lösung für unsere Probleme gefunden haben, dann werden wir sehen, welchen Namen wir der Revolution geben."
Grundsätzliche Debatten über den theoretischen Unterbau ihres Systems -- sonst Hauptanliegen aller Revolutionäre in West und Ost -- kann sich die FSLN heute auch noch gar nicht leisten. Es gibt zu tun, es geht um Wiederaufbau, um Bildungs- und Gesundheitsprogramme, um die Errichtung eines Staatsapparates in einem bankrotten Land, dessen neue Führer vom abgesetzten Diktator Somoza lediglich anderthalb Milliarden Dollar Auslandsschulden erbten.
Durch den Bürgerkrieg wurde obendrein ein Viertel der wichtigsten Fabriken, wurden über 4000 Wohnungen zerstört; die Schäden an Krankenhäusern und Schulen betragen über 20 Millionen Dollar.
Auch die Landwirtschaft wurde schwer getroffen: Grundnahrungsmittel wie rote Bohnen ("frijoles") gelten jetzt als Luxusspeise. Die Baumwollernte dieses Winters wird nur einen Exporterlös von 58 Millionen Dollar einbringen, gegenüber 145 Millionen Dollar im Vorjahr.
Doch der Pragmatismus, der vor dem Umsturz drei zerstrittene Flügel der FSLN zusammenführte und den Sieg über Somoza erst möglich machte, besteht offensichtlich nach der Machtübernahme durch die Sandinistas weiter. Und offensichtlich hält auch die Sieges-Euphorie im Volke an.
Das aber könnte, bei anhaltender Wirtschaftsmisere, leicht umschlagen. Denn nichts garantiert einstweilen die Verankerung der FSLN im Volk, der Kaderapparat der Guerilla muß zuerst noch zur Partei werden.
Das ist schwer genug. "Heute sitzen wir alle am Schreibtisch", klagt ein ehemaliger Guerrillero, der jetzt in einem Ministerium beschäftigt ist. "Der Kampf im Busch war spannender als dieser ewige Papierkrieg." Und wohl auch eher das Metier der Veteranen.
Improvisation jedenfalls ist überall sichtbar, es mangelt an der notwendigsten Einrichtung. "Wir müssen einander ständig besuchen, von Haus zu Haus gehen, um unsere Arbeit zu besprechen", erklärte etwa eine Sekretärin im Wohlfahrtsministerium, "denn ein Haustelephon haben wir hier nicht."
Unter Somoza gab es ein solches Ministerium nicht. Das neue Amt, das sich um "soziale Fragen" kümmert, zum Beispiel um die Rehabilitierung minderjähriger Ex-Soldaten Somozas und die Betreuung von ehemaligen Prostituierten, hat sich in einer Wohnsiedlung geflohener Offiziere des alten Regimes etabliert.
Nach Feierabend treffen sich die neuen Ministerialbeamten zu einem Seminar: Durch Gruppendynamik sollen alle befähigt werden, mit den betreuten Menschen umzugehen.
Das Wohlfahrtsministerium erfüllt im neuen Nicaragua eine Schlüsselfunktion: Von ihm hängen die Sandinistischen Verteidigungskomitees (CDS) ab, Gemeinde-Komitees, auf denen der künftige FSLN-Parteiapparat aufgebaut werden soll.
In den Armenvierteln am Stadtrand von Managua organisierten die CDS den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur. In San Judas bauten die Anwohner die ungepflasterten Straßen in freiwilliger Arbeit. Heute steht an jeder Ecke eine in den rot-schwarzen Farben der FSLN gestrichene Mülltonne, oft daneben ein kleines Denkmal für Gefallene aus dem Bürgerkrieg.
Gescheitert ist allerdings der Versuch, die CDS-Sekretäre -- ähnlich wie die kubanischen "Komitees zur Verteidigung der Revolution" -- mit Verwaltungsaufgaben zu betrauen: Sie sollten S.130 zum Beispiel Bescheinigungen für Führerscheine und Pässe ausstellen. Die gerade befreiten Nicaraguaner wollten sich keine bürokratischen Fesseln anlegen lassen.
Hinzu kam: Schon der Plan, den CDS Verwaltungsfunktionen zu übertragen, stieß auf den Widerstand der konservativen Nicaraguaner. Sie sahen darin Gefahr für den von der FSLN-Führung garantierten Pluralismus. "Die CDS haben keine legale Existenz", klagte im November der Verband der Privatwirtschaft (Cosep) in einem offenen Brief an die Regierung. Sie seien "ein schlimmer Fall von Vermischung von Staat und Partei".
Der Cosep, der sich von den Entscheidungen der Regierung ausgeschlossen fühlte, verlangte klare Autoritätsstrukturen, "eindeutige Definition der Spielregeln und einen rechtlichen Rahmen, der dem öffentlichen Leben als Leitbild und Garantie dienen kann".
Auf die Unternehmer und die Investitionen aber kann die FSLN nicht verzichten, wenn sie ihr Versprechen von einem besseren Leben verwirklichen will.
Deshalb soll der Kampf gegen Mißwirtschaft und Hunger durch eine "demokratische Veränderung der kapitalistischen Strukturen", aber ohne Sozialisierungsexperimente gewonnen werden. Die bislang verstaatlichten Betriebe gehörten entweder Somoza persönlich oder waren ohnehin schon bankrott: Um Arbeitsplätze zu erhalten -- 40 Prozent der Arbeitsfähigen sind beschäftigungslos --, werden sie nun vom Staat weitergeführt.
Ihre entscheidenden Impulse soll die Aufwärtsentwicklung von der Landwirtschaft erhalten. Im neuen "Plan zur wirtschaftlichen Wiederbelebung für 1980" sind Wachstumsraten von zum Teil über 200 Prozent angestrebt -- aber auch das würde die Produktion lediglich auf den Stand vor dem Krieg bringen.
Auf jeden Fall erscheint der Aufbauplan auch den bislang zögernden Unternehmern plausibel. "Wir unterstützen diesen Plan", erklärte Cosep-Sprecher William Baez Sacasa.
Die sozialistisch gesinnte FSLN-Regierung bietet den Unternehmern auch attraktive Bedingungen, etwa beim Baumwollanbau: Baumwolle wird in Nicaragua nicht direkt durch den Großgrundbesitzer angepflanzt, sondern durch Unternehmer. Und für die wurden die Pachtpreise nun per Dekret drastisch von 2000 Cordobas (340 Mark) pro Manzana (0,7 Hektar) auf 300 Cordobas (51 Mark) gesenkt. "Die Unternehmer", so ein FSLN-Funktionär, "sind für den Wiederaufbau unersetzlich."
Sogar kubanische Berater halten diesen Weg für richtig -- und warnen vor ihrem eigenen Vorbild: "Schafft die Privatwirtschaft keineswegs ab", stimmen sie westlichen Entwicklungshelfern zu, "und führt auch keine Rationierung ein."
Ein europäischer Entwicklungshelfer, sehr prinzipiell: "Wir pumpen hier soviel Geld rein wie nur möglich -dann gibt's kein zweites Kuba]"

DER SPIEGEL 8/1980
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