10.11.1980

DENKMÄLERStarke Linke

Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka weigert sich, eine Plastik zum vereinbarten Preis an die Stadt Wuppertal zu liefern. Er will mehr als Beuys für seine „ruinierte Badewanne“.
Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka, Professor für "figurative Gestaltung" an der Stuttgarter Kunstakademie und Marxist, hat eine Schwäche für die Nummer zwei unter den sozialistischen Stammvätern. "Den Engels", sagt er, "habe ich immer unheimlich gern gemocht."
So lieb und teuer ist ihm der Fabrikantensohn aus Barmen, daß Hrdlicka drei Jahre lang Engels zu Ehren malocht hat. Im Auftrag der Stadt Wuppertal hat er ein großes Kunststück geschaffen: dreieinhalb Meter hoch, acht Tonnen schwer, ein Marmor-Monument, Allegorie auf das Leitmotiv des Kommunistischen Manifests, wonach die Proletarier nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten -- eine Plastik "ohnegleichen in der Gegenwartskunst", wie Hrdlickas Stuttgarter Galerist Freerk Valentien meint.
Die Parteilichkeit wird im "Muckertal" (Engels) zwiespältig aufgenommen. Sie haben kein Denkmal gewollt, schon gar nicht "ein linkes Denkmal" (Hrdlicka), sondern lediglich eine "Skulptur für den Engels-Garten in Wuppertal", aufzustellen zwischen der Oper und dem Engels-Haus. Und das auch nur, weil sie 130 000 Mark übrig hatten, die aus haushaltsrechtlichen Gründen sonst verfallen wären.
Manchem war das unbehaglich. Für Hans-Jürgen Lichtenberg zum Beispiel, Major zur Disposition und CDU-Stadtverordneter, ist Engels eine Art "Vorläufer von Goebbels", verantwortlich "für den Kommunismus-Sozialismus", während andere Söhne Wuppertals, wie der Chemie-Industrielle Friedrich Bayer, "Tausende Arbeitsplätze hinterlassen" hätten.
Hrdlicka, vom lokalen Museumsdirektor empfohlen, präsentierte zunächst ein paar Skizzen und stellte ein riesiges aufgeschlagenes Buch ganz aus Marmor in Aussicht, aus dem Brüder zur Sonne herausschreiten sollten: "Die Metamorphose des Geschriebenen in die Realität".
Johannes Rau, heute Ministerpräsident und ehemaliger Wuppertaler Oberbürgermeister, beruhigte die Ängstlichen im Tal, die befürchteten, die Vierzig-Sekten-Stadt könne ein "Mekka der Linksradikalen" werden: ein "Anstoß, über die unbeantworteten Fragen von Marx und Engels" nachzudenken.
Aber diese Plastik wurde nie fertig. Im SPIEGEL (43/1977) sahen die Stadtväter erstmals, daß Hrdlicka keineswegs an einem steinernen Buch arbeitete -- bei der Arbeit war dem Künstler was Neues eingefallen, "eine unheimlich starke Hand, eine unheimliche Linke".
Nachdem ihm zuvor die Steinbruchfirma in Carrara einen Marmorblock verschandelt hatte, indem sie den bestellten Stein einfach, wie üblich, von eigenen Steinmetzen vorbehandeln ließ, schaffte Hrdlicka nunmehr einen unbehauenen Zwölf-Tonnen-Carrara-Brocken ins heimische Atelier nach Wien.
In "drei Jahren Knochenarbeit" (Valentien) meißelte er in seinem Atelier im Arbeiterviertel Simmering vier Tonnen Marmor herunter, bis jenes S.90 Gewusel von Armen und Beinen entstanden war, das im Detail realistisch bis zur Krampfader, in der Gesamtschau expressiv-verwirrend wurde.
Als er fertig war, schienen ihm die vereinbarten 130 000 Mark ein Schmarrn. Über 70 000 Mark waren allein für Material draufgegangen, 10 000 Mark hatte ein Vermittler kassiert. Den Transport von Wien an die Wupper und den oberirdischen Sockel (geschätzte Kosten: 10 000 Mark) sollte er plötzlich auch noch bezahlen -da war für Hrdlicka "der Ofen aus".
"Nicht ums Verrecken" will er nun -- "theoretisch, natürlich, bin ich im Unrecht" -- seine Plastik "für ein Geld" hergeben, "das sie dem Beuys für seine ruinierte Badewanne haben zahlen müssen". Wenigstens 300 000 Mark möchte er haben: Für weniger Geld könne die Stadt ja ein Loch bei Walter de Maria bestellen.
Die SPD-Fraktion hat die Verwaltung aufgefordert, "mit dem Künstler rasch zu einer Vereinbarung zu vertretbaren Bedingungen" zu kommen -für die 300 000 Mark freilich möchte sich kein SPD-Politiker offen stark machen.
Einen Ausweg hat sich Hrdlicka schon einfallen lassen: Wenn Richard Serra aus New York einen Block aus Stahl zum Kunstwerk erklären könne, dann werde Alfred Hrdlicka aus Simmering halt einen Block aus Marmor unbehauen nach Wuppertal schicken, "als Kunstwerk". Die Engels-Plastik, sagt Hrdlicka, "die schenke ich mir dann selber".

DER SPIEGEL 46/1980
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