18.02.1980

VIETNAMLetzter Versuch

Neue Männer sollen das bankrotte Land vor dem Zusammenbruch retten. Aber steuern sie auch einen neuen Kurs?
Hanois oberster Kommunist kündigte einen gründlichen Frühjahrsputz an. "Um die Partei von korrupten und degenerierten Elementen zu säubern", so KP-Chef Le Duan, wurden ab sofort Mitgliedsbücher eingeführt -- erstmals in der fünfzigjährigen Geschichte der Kommunistischen Partei Vietnams.
Als Le Duan die Säuberung vor etwa drei Wochen avisierte, hatte auch im Kabinett das große Aufräumen begonnen. Prominenteste Opfer waren fünf wichtige Regierungsmitglieder:
* Verteidigungsminister und Armeegeneral Vo Nguyen Giap, 69, Kampfgenosse des Revolutionärs Ho Tschi-minh und legendärer Sieger von Dien Bien Phu, mußte das Kommando an General Van Tien Dung abgeben, der 1975 die militärischen Pläne für den kommunistischen Sieg in Südvietnam ausgearbeitet hatte.
* Außenminister Nguyen Duy Trinh machte seinem Staatssekretär Nguyen Co Thach Platz.
* Innenminister Tran Quoc Hoan verlor sein Amt an den früheren Vietcong-Führer Pham Hung, den einzigen Südvietnamesen im Kabinett.
* Der Chef der staatlichen Planungskommission, Le Thanh Nghi, trat seinen Posten an den Vizeminister für Leichtindustrie, Nguyen Lam, ab.
* Außenhandelsminister Dang Viet Chau übergab sein Ressort an den Genossen Le Khac.
Die Regierungsumbildung ist offenkundig ein letzter Versuch der vietnamesischen Führung um Le Duan und Ministerpräsident Pham Van Dong, das Land vor dem Zusammenbruch zu retten.
Einst hatten die Kommunisten jedem der 50 Millionen Vietnamesen Brot und Freiheit versprochen, doch heute sind sogar die Grundnahrungsmittel so knapp, daß der Staat rationieren muß. Die ohnehin rückständige Industrie produziert mittlerweile weniger als im Kriegsjahr 1975.
Zusätzlich erschwert wird das Leben durch die polizeistaatlichen Methoden des Regimes. Gefängnisse und Umerziehungslager sind überfüllt, Kontakte zu Ausländern strikt verboten. Wer in Südvietnam seinen Wohnort verlassen will, braucht eine Sondergenehmigung, nachts herrscht Ausgangssperre. Die Presse druckt nur Regierungspropaganda, es gibt weder ausländische Zeitungen noch Bücher.
Längst fliehen nicht nur enteignete und verfolgte Angehörige der chinesischen Minderheit; auch Nordvietnamesen verlassen ihr Land. Als erster führender Funktionär setzte sich Hoang Van Hoan, 75, Mitbegründer der kommunistischen Partei und zuletzt stellvertretender Vorsitzender der vietnamesischen Nationalversammlung, im vorigen Sommer nach China ab.
Im Pekinger Exil klagte Hoan seine einstigen Genossen des Verrats an der roten Sache an: "Le Duan und Genossen haben die Früchte der Revolution zerschlagen und die Hoffnungen des Volkes zerschmettert. Vietnam ist nicht mehr ein unabhängiges und souveränes Land, sondern dient unterwürfig einer fremden Macht" -- der Sowjet-Union.
Die Annäherung an den Kreml begann gleich nach dem Tode Ho Tschiminhs vor elf Jahren. Damals bildeten sich in der kommunistischen Partei ein sowjetfreundlicher und ein nationalkommunistischer Flügel, die -- entsprechend dem Schaukelkurs Ho Tschi-minhs -- von Moskau und Peking gleichermaßen Abstand halten wollten.
Mit dem Beitritt Vietnams zu der vom Kreml beherrschten östlichen Wirtschaftsgemeinschaft Comecon im Juli 1978 gab Hanoi die Politik der nationalen Unabhängigkeit schließlich völlig auf.
Bald darauf unterzeichneten Parteichef Le Duan und Ministerpräsident Pham Van Dong in Moskau einen auf 25 Jahre angelegten Freundschaftsvertrag mit der Sowjet-Union, holten sowjetische Berater ins Land und erlaubten sowjetischen Kriegsschiffen die Benutzung der ehemals amerikanischen Flottenstützpunkte Cam Ranh Bay und Da Nang.
Mit Moskaus Hilfe marschierten vietnamesische Truppen Ende 1978 in Kambodscha ein, stürzten das chinafreundliche Terror-Regime Pol Pot und brachten den Vasallen Heng Samrin an die Macht.
Hunderttausende von Kambodschanern verhungerten auf der Flucht.
Mittlerweile bedroht Hanois Armee sogar Thailand, weil Bangkok den Roten Khmer, die immer noch Widerstand leisten, Hilfe gewährt.
Die aggressive Außenpolitik führte zum Bruch mit dem Nachbarn und einstigen Bundesgenossen China, der im vorigen Jahr sogar eine begrenzte -- allerdings wenig erfolgreiche --Strafaktion gegen Vietnam unternahm, sowie zur beinahe völligen Isolierung Hanois in Südostasien.
Und seit das Regime mehr als 500 000 Chinesen aus dem Land vertrieb, bekommt es auch vom Westen keine Unterstützung mehr. Allein die Bundesregierung und die EG strichen mehr als 100 Millionen Mark bereits zugesagter Entwicklungshilfe; nur noch Schweden und Japan helfen finanziell aus.
Dabei hatten die Vietnamesen einst gehofft, der Westen und vor allem die USA würden helfen, das von amerikanischen Bomben zerstörte Land wiederaufzubauen. Hanoi wollte auch diplomatische Beziehungen zu Washington aufnehmen, doch Amerika ließ die Gespräche platzen -- ausgerechnet wegen der vietnamesischen Invasion in Kambodscha.
Der Überfall auf das Nachbarland kostete die letzten Kraftreserven und brachte das durch 30 Jahre Krieg ohnehin S.138 ausgelaugte Vietnam vollends an den Rand des Zusammenbruchs.
Daran werden auch die neuen Männer in der Regierung kaum etwas ändern können -- es sei denn, ihre Ernennung deutet einen außenpolitischen Kurswechsel an.
Dafür spricht immerhin einiges. Vorige Woche etwa ließ der stellvertretende Außenminister Phan Hien die Bereitschaft seines Landes zu einer asiatischen Konferenz über Kambodscha erkennen.
Die japanische Zeitung "Yomiuri Shimbun" wußte sogar zu berichten, daß Hanoi im Frühjahr einen Teil seiner Besatzungstruppen aus Kambodscha abziehen werde, weil es die Herrschaft des dortigen Marionettenregimes Heng Samrin als gesichert betrachte.
Vietnams neuer Außenminister Nguyen Co Thach bezeichnete den Bericht zwar als "Spekulation", aber er dementierte ihn nicht.

DER SPIEGEL 8/1980
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