18.02.1980

ENGLANDAus dem Lande

Der eigene Sohn brachte Premierministerin Margaret Thatcher in Verlegenheit -- mit Präservativen und Propaganda für Japaner.
Mark Thatcher, 26, Sohn von Margaret, der Regierungschefin, gab sich keinen Illusionen hin. "Mama wird die Wand hochgehen", gab er kleinlaut zu, als der Londoner "Evening Standard" Wind von der Sache bekommen hatte, und: "Vielleicht wird sie mich aus dem Lande schicken."
Exil fürchtet der Premier-Sprößling, seit er in der vergangenen Woche beging, was in den Augen von Politikern, Wirtschafts- und Gewerkschaftsführern und der gesamten Presse schlicht eine Todsünde darstellt: Der besessene Hobbyrennfahrer hatte mit der japanischen Textilfirma Kanebo einen Werbevertrag abgeschlossen -- "schändlich und schamlos", wie Gerald French, Vorsitzender des britischen Textilverbandes, befand.
Auch Neill Kearney von der Textilarbeitergewerkschaft warf dem Thatcher-Sproß "Mangel an Taktgefühl und Patriotismus" vor. Schließlich hätten allein in den letzten fünf Monaten 15 000 Arbeiter in der bedrängten britischen Textilindustrie ihren Job verloren, wie kann Mark da für die Japaner werben?
Tatsächlich hätte Mark, der sich, nachdem er vor Jahren das Examen als Wirtschaftsprüfer nicht bestand, stolz Marketing-Fachmann nennt, keinen schlechteren Augenblick für seine Hilfestellung an die japanischen Exportfanatiker wählen können: Seit Wochen versucht die malade britische Industrie, ihre zum Teil qualitativ minderwertigen Produkte in einer landesweiten "Buy British"-Kampagne doch noch an den Mann zu bringen.
Und so beschränkte sich die Erregung keinesfalls auf die Textil-Betroffenen: Der Fall Thatcher landete im Unterhaus, dort forderte der Labour-Abgeordnete Robert Cryer in einem Antrag, daß "alle prominenten Bürger die britische Industrie unterstützen und finanzielle Angebote fremder Hersteller ablehnen sollen". Cryer: "Dies ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie ein Mitglied der herrschenden Elite-Klasse unsere Arbeiter auch noch tritt, wenn sie auf dem Boden liegen."
Sein Fraktionskollege Jack Straw ließ durch Spott den angerichteten Schaden noch größer erscheinen, als er der Premierministerin im Unterhaus vorhielt, sie habe "es noch nicht mal geschafft, den eigenen Sohn davon zu überzeugen, daß es notwendig ist, der britischen Industrie beizustehen".
Dies freilich hatte "Mamas böser Bube" ("Daily Mirror") ursprünglich vorgehabt -- und war auf Unverständnis gestoßen. Thatcher junior: "Die britische Industrie soll bloß aufhören zu blöken -sie sollten lieber ihre fetten Hintern hochkriegen und sich endlich etwas einfallen lassen, um ihre eigenen Produkte zu verkaufen."
Abgeblitzt war Mark bei der britischen Firma "Durex" -- die hochwertige Präservative herstellt. Mike Broadbridge, Verkaufsmanager der Londoner Gummi-Company: "Wir dachten, daß er ganz allgemein nicht für unsere Anzeigen- und Propagandabedürfnisse geeignet ist."
Ob dies nun als Lob oder Tadel zu verstehen war, blieb unklar -- deutlich dafür wurde, daß das Volk der Briten keinen Spaß mehr versteht, wenn einer der ihren fremdgeht:
Seit Mark Thatchers Kanebo-Pläne ruchbar wurden und britische Zeitungen ein Bild aus der bevorstehenden Anzeigenkampagne veröffentlichten, das den Premiersohn im Kanebo-Rennanzug und mit der Ingrid-Bergman-Tochter Isabella Rossellini zeigt, hat "eine Hexenjagd gegen mich begonnen" (Mark Thatcher).
Kanebo-Fahrer Thatcher aber denkt nicht daran einzulenken und schießt zurück. Auf den Vorwurf, daß auch ein anderer seiner Schutzanzüge für Autorennen aus nicht-britischer Produktion stamme, antwortete Thatcher junior sarkastisch: "Ich sehe nicht ein, warum ich in einer Frage, wo es um Leben oder Tod geht, Material minderer Qualität tragen soll, nur weil es aus britischer Produktion stammt."
Gewinner im innerbritischen Streit sind bislang die Japaner. Die Kanebo-Rechnung mit dem Thatcher-Sohn ist längst aufgegangen. Ein Unternehmenssprecher in Tokio: "Thatcher hat für uns größeren Werbewert als ein betrunkener Sänger oder ein Playboy -- und weil er kein Profi ist, kostet er auch noch weniger."
S.138 Ingrid Bergmans Tochter Isabella Rossellini. *

DER SPIEGEL 8/1980
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