18.02.1980

ITALIENRückkehr der Hexen

Die Feministinnen starten eine neue Kampagne: für ein Gesetz gegen sexuelle Gewalt und für eine Frauen-Universität.
Im römischen Kino "Ambasciatori" war gerade die Spätvorstellung des Films "Porno-Delirium" zu Ende -- da knallte es. Ein Sprengkörper explodierte, Flammen zerstörten den zu diesem Zeitpunkt schon leeren Zuschauersaal. In derselben Nacht brannte auch das Sex-Kino "Majestic" in der Straße zu den Heiligen Aposteln nieder. Auf dem Programm stand: "Bereit zur Lust".
Verantwortlich für die Anschläge erklärten sich die "Organisierten Genossinnen für die feministische Gegenmacht". Diese zuvor unbekannte Gruppe haßt Porno-Kinos, weil dort, erklärte sie auf einem Flugblatt, "die Gewalt dieses Staates propagiert wird, die den Frauenkörper vermarktet".
So radikal wie die römische Brandstifter-Truppe kämpft freilich nur eine Minderheit der italienischen Feministinnen. Die Mehrheit hat den langen Marsch durch die Institutionen angetreten: Sie will Reformgesetze durchpauken und in Parteien wie Gewerkschaften, im öffentlichen Dienst wie in Privatbetrieben die volle Gleichberechtigung der Frau erreichen.
"Wir unternehmen einen neuen Anlauf", erläuterte die Sprecherin eines Mailänder Frauenkollektivs, "um bestimmte Vorurteile und Denkmuster in unserer von Männern beherrschten Gesellschaft auszumerzen."
Italiens Feministinnen hatten sich einst für das Scheidungsgesetz engagiert, dann waren sie die treibende Kraft für das 1978 verabschiedete liberale Abtreibungsgesetz. Zehntausende von Frauen zogen damals durch die Straßen und riefen als Herausforderung an die Männer: "Tremate, tremate, le streghe son tornate" -- zu deutsch: Zittert, zittert, die Hexen sind wieder da.
Statt spektakulärer Aufmärsche betreiben die Mitglieder der Frauenbewegung jetzt mühevolle Kleinarbeit an der Basis, etwa am Arbeitsplatz oder bei Bürgerinitiativen in den Wohnvierteln.
Auch im Parlament stellt die Women's-Lib-Bewegung neue Forderungen. Der prokommunistische Frauenverband UDI, die "Bewegung für die Befreiung der Frau" und mehrere Kollektive sammelten über 50 000 Unterschriften für ein Gesetz gegen die sexuelle Gewalt. Es soll demnächst im Abgeordnetenhaus beraten werden.
Anlaß für diese Initiative ist die hohe Zahl von Vergewaltigungen in Italien (dem Feministinnen-Blatt "Quotidiano Donna" zufolge 16 000 pro Jahr) und die darauffolgenden Prozesse, bei denen oftmals die Frau als die moralisch Schuldige hingestellt wird, etwa nach dem Motto: "Sie hat die Männer ja provoziert und war sowieso kein Engel."
Immer wieder erleben die Feministinnen bei solchen Prozessen, mit welchen Tricks die Angeklagten und ihre Anwälte vorgehen, damit das Gericht nur eine geringe Strafe verhängt. Beispiel: Die Brüder Giuseppe und Pietro Peruffo, als Viehhändler viel unterwegs, vergewaltigten erst eine Schülerin und wenige Tage später eine Hebamme. Beim Prozeß vergangenen Monat in Verona hielt Giuseppe sein vierjähriges Söhnchen auf dem Arm und seine Ehefrau zärtlich an der Hand.
Als diese rührselige Show auf den Richter nicht wirkte, beantragte Peruffos Verteidiger sogleich ein psychiatrisches Gutachten über seinen Mandanten -- der Prozeß, bei dem mehrere Frauen-Kollektive als Privatkläger vertreten sind, wurde erst einmal vertagt.
Der feministische Gesetzesvorschlag will vor allem überholte Normen durch neue ersetzen. Kernpunkte des Entwurfs:
* Vergewaltigung ist nicht mehr bloß ein Verstoß gegen die öffentliche Moral, sondern viel konkreter ein "Delikt gegen die Person".
* Bei Sexualprozessen werden die Frauenrechtsverbände stets als Nebenkläger zugelassen.
* Vergewaltigte Frauen dürfen bei der Verhandlung nicht mehr "über technische Details des Gewaltaktes" ausgefragt werden.
* Wenn das Sexualvergehen von zwei oder mehr Personen begangen wird, müssen die Täter mit Haftstrafen von fünf bis zehn Jahren rechnen.
Gerade diese Gruppengewalt gegen Frauen hat in letzter Zeit zugenommen. Im italienischen Strafgesetzbuch ist sie aber bislang nicht eigens erwähnt.
Andererseits enthält der Strafkodex immer noch archaische Normen, etwa die sogenannte Wiedergutmachungs-Hochzeit (ein Sexualtäter bleibt straffrei, wenn er das Opfer heiratet) und das durch den Film "Scheidung auf italienisch" berühmt gewordene "Ehrendelikt": Ein Ehemann, der seine Frau aus begründeter Eifersucht ermordet, kann mit drei Jahren Gefängnis davonkommen. Auf Begehren der Frauen sollen diese Bestimmungen abgeschafft werden.
Während die Feministinnen für ihren Gesetzesvorschlag mit der parlamentarischen Hilfe vieler Männer rechnen, wollen sie andere -- kulturelle -- Themen lieber bloß unter sich diskutieren. So gründeten zwei Dutzend engagierte Frauen, vornehmlich Akademikerinnen, in einem seit 1976 von Women's-Lib-Gruppen besetzten römischen Palazzo das "Kulturzentrum Virginia Woolf", eine Männern de facto verbotene kleine "Frauen-Universität".
Über 1000 meist junge Frauen, darunter viele Ausländerinnen, sitzen in den Vorlesungen und Seminaren. Die Kurse sind überfüllt. Sie sollen den Frauen das ideologische Rüstzeug für S.160 Auseinandersetzungen in einer Gesellschaft geben, deren Wertmaßstäbe stark vom lateinischen Männlichkeitskult bestimmt sind.
Für den Meinungsforscher Giampaolo Fabris steht schon jetzt "einwandfrei fest", daß nach zehn Jahren Feminismus "die meisten Italienerinnen ein gewandeltes Selbstverständnis haben ... und eine andere Art der Beziehung zwischen den Geschlechtern wünschen". Aber: Hat der Feminismus auch die italienischen Männer geändert?
"Bisher nur eine Minderheit", urteilt Fabris, dessen Institut Demoscopa einen repräsentativen Querschnitt der männlichen Bevölkerung befragte.
Zwei Drittel der Italiener, so ergab sich, glauben bewußt oder unbewußt weiterhin an die Überlegenheit des Mannes -- und benehmen sich folglich wie Paschas, am Arbeitsplatz wie im Bett. 55 Prozent bevorzugen eine "abhängige" Ehefrau, die aufs Wort pariert.
Immerhin würden inzwischen 43 Prozent der Italiener lieber eine selbstbewußte, unabhängige Frau heiraten, wobei vor allem Männer unter 30 wachsendes Verständnis für emanzipierte Partnerinnen zeigen. Der Psychoanalytiker Cesare Musatti: "Ein hoffnungsvolles Zeichen."

DER SPIEGEL 8/1980
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