18.02.1980

KUNSTHANDELGute Geldanlage

Für knapp tausend Mark erwarb Nicholas Meinertzhagen in London eine Skulptur - das Geschäft seines Lebens.
Die Marmorbüste eines Greises, die bei dem Earl of Lanesborough im Eßzimmer herumstand, war schon ganz gelb. Ein Urgroßvater hatte sie wohl aus Italien mitgebracht.
Als das Familienvermögen nur noch netto eine halbe Million Mark ausmachte, gab Lord Lanesborough das Stück Ende 1978 nach London zur Auktion, zu Christie's renommiertem Kunsthaus. Dort stufte man es als Abbild eines Papstes ein, ganz richtig.
Die "Bust of a Pope" ersteigerte Roy Pope, Kunsthändler aus Clapham, für 85 Pfund (damals 315 Mark) und stellte sie ins Ladenfenster. Dort sah sie Nicholas Meinertzhagen, 36.
Tagelang strich Kunstfreund Meinertzhagen -- seine Familie war 1820 von Bremen nach England ausgewandert -- um das Pope-Fenster. Sein Sammler-Prinzip nannte er dem SPIEGEL: "Vertraue deinem Geschmack, verlaß dich auf deine Intuition."
Schließlich kaufte er, für knapp tausend Mark. In einem kunsthistorischen Werk fand Meinertzhagen, von Beruf Antiquar, die Abbildung einer ähnlichen Büste, aber aus Bronze. Sie stellte tatsächlich einen Papst dar, Gregor XV., und stammte von dem Barockmeister Giovanni Lorenzo Bernini.
Meinertzhagen brachte das gute Stück zum Victoria and Albert Museum, dessen Experte Charles Avery die Skulptur mit einer Spezialmasse säuberte und dann sachkundig bestimmte: Auch diese Büste ist von Bernini.
Der meißelte 1621 mindestens die Gesichtszüge des Papstes (den Rest könnte seine Werkstatt besorgt haben) und schuf gleichzeitig drei Bronze-Porträts von Gregor XV. Die Marmor-Version war seit drei Jahrhunderten verschwunden. Nun steht sie im Museum mit einem Schildchen, das sie Bernini zuschreibt. Wert: eine Million Dollar.
Als der Earl of Lanesborough von seinem schlechten Geschäft erfuhr, nahm er erst einmal einen starken Brandy, dann verlangte er Schadenersatz von Christie's.
Zum Schaden des Einlieferers irren sich Christie's Experten sonst eigentlich nicht, eher mal zu seinen (und Christie's) Gunsten. Gerade eben warf der Filmregisseur und Sammler Michael Winner dem Auktionshaus vor, gelegentlich Bilder von Malern zu verkaufen, die es gar nicht gibt.
So erwarb Winner bei Christie's ein Gemälde, das laut Versteigerungskatalog unzweifelhaft von einem Adrian Leprieur stammte. Oxford-Professor Sir Ellis Waterhouse: "Es gibt keine wirklichen Beweise, daß dieser Künstler überhaupt gelebt hat." Christie's ("Der Maler hat gelebt") gab den Kaufpreis von 2659,20 Pfund zurück.
Der Lord hingegen kann auf Entschädigung kaum rechnen. Die Bernini-Büste, so verteidigte Christie's die Fehleinschätzung, "war äußerst schmutzig und befand sich in einem Haus, in dem man, gelinde gesagt, nicht erwarten konnte, ein bedeutendes Kunstwerk zu finden."
Gewinner Meinertzhagen will den Fund seines Lebens noch nicht weiterverkaufen: "Eine gute Geldanlage, bei fast zwanzig Prozent Inflation."

DER SPIEGEL 8/1980
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