18.02.1980

JAPANAufwallende Lust

Panda-Bären, Beethoven, Dampflokomotiven - Japans Bürger sind süchtig nach dem „buumu“, der Massenbegeisterung über Neues, Altes und Berühmtes.
Hinter einem Orang-Utan, einem Lama und einem langhaarigen Pony formierte sich der Trauerzug von 4000 Zweibeinern. Auf einer Art Altar häuften sich weiße und gelbe Chrysanthemen. Von einem trauerumflorten Porträt darüber blickte die Verblichene mit schwarzumrandeten Augen auf die Trauergemeinde. Viele weinten, verbeugten sich in stummem Gebet.
Dahingeschieden war da, vergangenen September im Tokioter Ueno-Zoo, ein Liebling der Nation, das Riesenpandaweibchen S.173 Lan Lan, im Alter von zehn Jahren.
Zusammen mit ihrem Partner Kan Kan, neun, anläßlich der Normalisierung der sino-japanischen Beziehungen 1972 von China "dem japanischen Volk" (so die offizielle Urkunde) zum Geschenk gemacht, hatte das Panda-Pärchen fast 33 Millionen Japaner in den Zoo gelockt.
Ministerpräsident Masayoshi Ohira bekundete "Trauer über das Ableben des Tieres", Tokios Stadtgouverneur Suzuki kabelte erschüttert die Todesnachricht nach Peking, Chef-Tierhalter Atsushi Komori eröffnete sie weinend der Presse.
Vergangenen Mittwoch war die nationale Trauer vorbei. Im Ueno-Zoo stimmten Oberschüler die eigens komponierte Willkommens-Hymne "Yokoso Huan Huan" an. Honoratioren wie der Stadtgouverneur und Chinas Tokio-Botschafter beglückwünschten sich gegenseitig: Im für 40 000 Dollar renovierten Panda-Glashaus -- vollklimatisiert -- zeigte sich Huan Huan, sieben, die neue, von China in einer Sondermaschine der Japan Air Lines eingeflogene Braut des Witwers Kan Kan, dem Publikum. "Eine Schönheit", schwärmte Zoo-Kurator Shigeharu Asakura.
Das "Panda-Fieber", beschrieben die Massenmedien die neue Euphorie, "grassiert wieder". Am ersten Sonntag nach Eröffnung des wieder vollbesetzten Panda-Geheges zogen die behäbigen Exoten 119 000 Besucher in den Zoo. "Die kindliche Seele des Japaners", so die Soziologin Chie Nakane, "hat ihr Riesenspielzeug wiederbekommen."
Was es gekostet hat, darüber mochte sich allenfalls eine Ausländerin lustig machen, die Kolumnistin Mary Ward: "In Peking sagte Ministerpräsident Ohira im Dezember den Chinesen 50 Milliarden Yen an Krediten zu, obendrein günstige Handelskonditionen, technologische Hilfe und ein Krankenhaus für eine weitere Milliarde Yen -dafür bekam Japan ein Pandabärchen."
Doch derlei Arithmetik vermag den Japanern die Lust am "buumu", an der Massenbegeisterung, nicht auszutreiben. "Wir hart arbeitenden Japaner brauchen ab und zu die große Euphorie, die uns den tristen Alltag gerade in den großstädtischen Betonwüsten vergessen läßt", meint Professor Tomoaki Kudo von der Tokioter Universität der Künste, "zugegeben, daß es auf Ausländer manchmal kindisch wirkt."
Der neue Boom, das sind Panda-Bären in Schaufenstern, Pandas als Knuddeltierchen und als Bonbons, Panda-Brunstschreie auf Schallplatten. Und Zeitungen, die sich täglich aufs neue in Spekulationen über das Liebesleben der Bären ergehen.
Nicht wenige Fachleute fühlen sich denn auch eher an Massenpsychose erinnert, an die Tendenz der Japaner, jeden Popularitätsrummel kritiklos mitzumachen. "Diese immer wieder aufwallende Lust", diagnostiziert der Krebsspezialist Tadao Kakizoe, "verbreitet sich in den Hirnen wie ein gutartiger Tumor."
Tatsächlich hatten sich die Japaner gerade erst von der alljährlich auftretenden "Neunten-Krankheit" erholt: Zum Jahresende gaben Japans 19 Profi-Orchester wieder mindestens siebzigmal Beethovens Neunte. Mehr als 150 000 füllten die Konzertsäle, Millionen hörten über Radio und TV zu. Eine Großmutter gestand, den für Japaner schwer aussprechbaren deutschen Text "von früh bis spät" geübt zu haben.
"Buumu" hat überwiegend mit Ausländischem zu tun. Berühmtes aus Übersee bringt Japans Massen allemal auf die Beine. So versammelten sich 150 000, um die "Queen Elizabeth" in Jokohama einlaufen zu sehen.
Die Venus von Milo geriet in Japan erstmals ins Schwitzen -- durch die Atemfeuchtigkeit der in Dreierreihen vorbeihastenden Massen. Betrachtungszeit je Besucher: zehn Sekunden. Bislang unerreichte Euphorie freilich löste Leonardos Mona Lisa aus, als Leihgabe des Louvre nach Tokio verfrachtet und dort als "buumu" weidlich ausgeschlachtet.
In Kioto wurde bei einem Schönheitswettbewerb eine Brillenträgerin zur "Mademoiselle Mona Lisa" gekürt. Ein Kunstprofessor mußte sie für Japans altehrwürdiges Renommierkaufhaus Mitsukoshi in Schokolade modellieren. Eine Japanerin ließ sich vom Schönheitschirurgen zur Mona Lisa umfunktionieren, für runde 1500 Mark.
Auch Nostalgie bringt Japans Massen auf die Beine. Deshalb holte die Staatsbahn vorigen Sommer wieder eine der 1975 eingemotteten Dampflokomotiven aus dem Schuppen. Der bislang einzige Dampfzug ist jeweils auf Wochen ausgebucht.
Versagtes Buumu-Glück allerdings kann fatale Folgen haben. Weil sein Vater ihm die versprochene Modell-Lok verweigerte, erhängte sich ein achtjähriger Junge. Und im Boom um das superpopuläre Duo "Pink Ladies" brachte sich eine Schülerin um, weil sie ihren Klassenkameradinnen die Tanzschritte der Popstars nicht vorzuexerzieren vermochte.

DER SPIEGEL 8/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JAPAN:
Aufwallende Lust