18.02.1980

Nomenklatura: Moskaus Macht-Elite

Die herrschende Klasse der Sowjet-Union (II) / Von Michael Voslensky 1980 Fritz Molden Verlag GmbH, Wien/München.
Stellen Sie sich vor, Sie seien ein Sowjetbürger. In langatmigen Reden, auf Transparenten und Plakaten versucht man Ihnen einzureden, Sie müßten "das Gefühl in sich erwecken, selbst Besitzer zu sein"; daher seien Sie verpflichtet, unermüdlich zu arbeiten, um den Sowjetstaat reicher zu machen.
Nun haben Sie aber schon als Kind begriffen, daß der Besitzer nicht Sie sind und daß der Verfasser der wohltönenden Appelle selber nicht an seine Sprüche glaubt, sondern nur an sein Einkommen und an seine Karriere denkt.
Er hat seine Interessen, Sie sehen Ihr Interesse darin, möglichst wenig zu arbeiten und dafür möglichst viel zu bekommen. Natürlich wird Ihr Wunsch durch die Ihnen vorgeschriebene Norm in Grenzen gehalten. Was aber geschieht, wenn Sie die Norm nicht erfüllen? Nichts Schreckliches: Es gibt keine Arbeitslosigkeit, Arbeitskräfte werden überall gebraucht, daher wird Sie niemand entlassen.
Nun stellen Sie sich vor, Sie seien Abteilungsleiter, leitender Ingenieur oder Direktor eines Betriebes. Natürlich werden Sie auf Parteiversammlungen darüber reden, wie sehr Ihnen das Wohl Ihres Betriebes am Herzen liegt. Aber in Wirklichkeit liegt Ihnen nur daran, eine Prämie für die Übererfüllung des Planes zu erhalten und auf der Erfolgsleiter weiter nach oben zu steigen.
Daher müssen Sie versuchen, für Ihr Unternehmen das Einfachste zu erreichen -- einen minimalen Plan. Sie werden mit allen Mitteln die Hauptverwaltung und das Ministerium zu überzeugen versuchen, daß Ihr Betrieb die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht hat. Im übrigen wird das Plansoll von Ihnen selbst festgelegt, denn weder die Hauptverwaltung noch das Ministerium, vom Planungskomitee der UdSSR überhaupt nicht zu reden, haben eine Ahnung von der wirklichen Situation in Ihrer Fabrik.
Stellen Sie sich nun vor, Sie seien Leiter der Hauptverwaltung oder Minister. Auch hier wollen Sie sich in Ihrem Chefsessel halten, Sie wollen noch einen Orden bekommen und im Zentralkomitee (ZK) der Partei als aussichtsreicher Industriemanager gelten.
Natürlich sind Sie völlig uninteressiert an all diesen Arbeitern oder Abteilungsleitern, die Sie nur sehen, wenn sie Ihnen bei Ihren seltenen Inspektionsfahrten S.175 durch die Betriebe ehrfurchtsvoll nachblicken. Gelegentlich werden Sie vielleicht einen aufsässigen Direktor, der nicht mit der Unterstützung des Gebietsparteikomitees rechnen kann, bestrafen, damit die allerhöchste Führung sieht, daß Sie wachsam sind.
Für Ihre Karriere wichtiger aber ist, daß die Führung etwas anderes sieht: Die Ihnen unterstehenden Betriebe erfüllen stets ihre Pläne, sie sind Spitzenreiter der Produktion und erhalten regelmäßig rote Fahnen als Auszeichnung für die Planübererfüllung.
Deshalb werden Sie ihnen nicht einen unerfüllbaren Plan vorschreiben, sondern die vorgelegten Projekte unterzeichnen. Ebensowenig werden Sie peinlich genau prüfen, ob die Rechenschaftsberichte stimmen. Für Sie ist nur wichtig, daß der Plan formal richtig erstellt ist, so daß Prüfungskommissionen nichts an ihm aussetzen können.
Der Plan wird vom Ministerium an das Staatliche Planungskomitee der UdSSR, den Gosplan, weitergereicht. Und nun versetzen Sie sich in die Lage eines der Leiter des Gosplans, vielleicht sogar in die Lage seines Vorsitzenden, des Stellvertretenden Ministerpräsidenten der UdSSR.
Bei Ihnen laufen umfangreiche geheime Mappen voller korrekt abgefaßter, von Ministern unterschriebener Pläne ein. Sie wissen, daß kein einziger Minister die Pläne ohne Zustimmung der entsprechenden Abteilung im ZK der Partei unterschrieben hat.
Ob die Abteilungen diese Zahlen wirklich überprüft haben oder ob sich der Minister einfach während einer Jagd, bei einer Flasche Import-Kognak mit dem ZK-Abteilungsleiter geeinigt hat, interessiert Sie nicht. Ihr Apparat meldet Ihnen, daß die Zahlen stimmen; im Vergleich mit den Zahlen des Vorjahres ergibt sich ein Zuwachs. So haben Sie sich abgesichert, und Sie werden die vielen Pläne unterschreiben.
Nur ein naiver Außenstehender glaubt den drohenden Worten, der Plan sei ein Gesetz und müsse unbedingt erfüllt werden. Ein Wirtschaftsfunktionär in der Sowjet-Union weiß, daß das Plansoll oft revidiert und herabgesetzt wird, so daß im Endeffekt eine wesentlich geringere Leistung erbracht wird, als ursprünglich geplant wurde.
Selbst als Politbüro-Mitglied oder gar Generalsekretär des ZK würden Sie erleben, daß Sie keine Alternative haben. Ihre Interessen diktieren Ihnen, daß alles bleiben muß, wie es ist. Sie können fordern, Aufrufe erlassen, Parolen verkünden, Sie können sogar eine Wirtschaftsreform proklamieren -aber in Wirklichkeit darf keine Änderung eintreten.
In einem System, in dem jede Änderung derart unerwünscht ist, liegt es auf der Hand, daß ein vernünftiger Direktor alles versucht, um die Einführung technischer Neuerungen solange wie möglich zu verhindern. Auch die Arbeiter sind an einer neuen Maschine nicht interessiert, denn sobald sie installiert ist, wird nicht ihr Gehalt, sondern ihre Norm erhöht.
Die bürokratische Planwirtschaft ist dem technischen Fortschritt gegenüber von Grund aus feindlich eingestellt. Sogar in der Bürotechnik ist der Rückstand der Sowjet-Union so groß, daß ein ganz bescheidenes westliches Institut, nicht zu reden von Banken und Konzernen, bürotechnisch wesentlich besser ausgerüstet ist als der Apparat des ZK der KPdSU.
Eine weitere Folge der Planwirtschaft ist die schlechte Qualität der Produktion in den sozialistischen Unternehmen. Im Westen ist die Legende verbreitet, daß sich die sowjetischen Waren trotz ihres unscheinbaren Äußeren durch Dauerhaftigkeit und gute Qualität auszeichnen. Die Menschen in der Sowjet-Union wissen: Die Qualität der Sowjetproduktion entspricht ihrem Äußeren.
Der Grund: Die Planerstellung im Realsozialismus bezieht sich auf die Menge, ausgedrückt entweder in Stückzahlen oder in Geld. In diesen Kategorien muß der Plan erfüllt oder übererfüllt werden. Die Qualität der Ware rückt auf den zweiten Platz.
Auf dem Gebiet der Rüstung sorgt die Nomenklatura allerdings -- aus eigenem Interesse -- für strenge Kontrolle. In der Rüstungsindustrie wird die Produktion von Vertretern des Verteidigungsministeriums der UdSSR abgenommen, die nicht von den Leitern der Rüstungsbetriebe, ja nicht einmal S.176 von den Rüstungsministerien abhängig sind.
Im übrigen ist schlechte Qualität der Produktion eine Form der Arbeitserleichterung bei der Planerfüllung. Sie wird von der Nomenklatura stillschweigend geduldet. Mehr noch: In der Nomenklatura hat sich die Praxis verbreitet, in die Abrechnung über die Planerfüllung wissentlich Stückzahlen von Waren einzutragen, die niemals erzeugt wurden.
Gerade die von ganz oben geleitete Planwirtschaft des Realsozialismus hat dazu geführt, daß es nicht die kleinen Gauner sind, die sich mit derlei Betrug beschäftigen, sondern die Stützen der Sowjetgesellschaft.
So übernahm etwa der Erste Sekretär des Rjasaner Gebietskomitees der Partei, Andrej Larionow, feierlich die Verpflichtung, daß sein Gebiet im Jahre 1959 um 280 Prozent mehr Fleisch erzeugen würde als 1958. Auf dem Dezemberplenum des ZK berichtete Larionow stolz über die Erfüllung seiner Verpflichtung und wurde von Chruschtschow gelobt. Im Jahr darauf stellte sich heraus, daß alle Berichte Larionows erfunden waren.
Die Klassiker des Marxismus-Leninismus haben eine sprunghafte Steigerung des Lebensstandards des Volkes durch den Sozialismus vorausgesagt. Lenin versprach großzügig die "Sicherung der höchsten Wohlfahrt und der freien allseitigen Entwicklung aller Mitglieder der Gesellschaft".
In den vergangenen 60 Jahren hat sich jedoch immer deutlicher gezeigt: Der Lebensstandard der Bevölkerung in den Ländern des Realsozialismus ist niedriger als der in den kapitalistischen Ländern. Warum aber wirkt die Gesellschaftsordnung des Realsozialismus so verheerend auf den Lebensstandard der Bevölkerung?
Im vertraulichen Gespräch wird ein Angehöriger der Nomenklatura-Klasse sofort murmeln: "Weil diese Kerle so miserabel arbeiten, darum sind sie eben arm]"
Und warum arbeiten die Menschen im Realsozialismus schlecht? Weil die Nomenklatura-Klasse, für die sie tatsächlich arbeiten, sie so brutal ausbeutet. Und je mehr die Nomenklatura aus den Arbeitern herauspressen will, desto geringer wird deren Interesse am Resultat ihrer Arbeit.
Damit die Arbeitskraft der Werktätigen überhaupt leistungs- und reproduktionsfähig bleibt, wird ihnen ein präzise umrissenes Minimum an Waren und Dienstleistungen zur Verfügung gestellt, die aus westlicher Sicht billig erscheinen.
In den Augen sowjetischer Lohnempfänger sind sie jedoch nicht billig, sondern gerade erschwinglich. Die Preise dieser Waren und Dienstleistungen sind auf das niedrige Lohn- und Gehaltsniveau abgestimmt. Der Empfänger eines Durchschnittslohnes kann deshalb bei sehr bescheidener Lebensführung seine Arbeitskraft aufrechterhalten und sie in seinen Kindern reproduzieren.
Die Rentner kommen bei diesem System zu kurz: Sie sind auf materielle Unterstützung ihrer Verwandten angewiesen; als Alleinstehende enden sie in Altersheimen, wo ihre Lebenserwartung gering ist.
Es ist richtig, daß das Wohnen in der UdSSR billig ist. Aber für den gewöhnlichen Sowjetbürger gibt es ein erlaubtes Limit von neun Quadratmetern Wohnraum pro Kopf; was darüber hinausgeht, wird von Gesetzes wegen beschlagnahmt.
Es ist richtig, daß das städtische Transportwesen in der UdSSR billig ist. Dafür wurden Autos zur Luxusware erklärt. Um ein Auto zu kaufen, muß ein durchschnittlicher sowjetischer Lohnempfänger ungefähr dreieinhalb Jahre lang den ganzen Lohn beiseite legen, ohne auch nur eine Kopeke auszugeben.
Es ist richtig, daß in der UdSSR Brot, Nudeln, Kartoffeln, Milch, Gemüse, Mais und ähnliche Grundnahrungsmittel billig sind. Dafür sind Fleisch, Fisch, Geflügel, Obst, Schokolade, Kaffee, Konditoreierzeugnisse teuer und dazu Mangelware. Da man nicht gut Nudeln mit Brot und als Nachspeise Kartoffeln essen kann, gibt eine sowjetische Normalfamilie rund 80 Prozent ihres Budgets für Lebensmittel aus.
Es ist richtig, daß die medizinische Betreuung in der UdSSR den Sowjetbürger nichts kostet. Allerdings sind die für die Bevölkerung bestimmten Polikliniken und Krankenhäuser überfüllt; man muß stundenlang Schlange stehen, um zu einem Arzt vorzudringen. Die Ärzte müssen sich an eine Norm halten: 15 Minuten pro Patient, wobei ungefähr die Hälfte dieser Zeit für die Niederschrift der Krankengeschichte verwendet wird.
Es wäre falsch, den von der Nomenklatura geschaffenen Zwangslebensstandard für das Gros der Bevölkerung mit einem sozialen Netz zu verwechseln. Es gibt in der UdSSR weder gesetzliche Sozialhilfe noch Arbeitslosenunterstützung, es gibt nicht einmal Arbeitsämter; dafür gibt es ein Gesetz gegen "die Parasiten", das eine administrative Einweisung der aus dem Arbeitsprozeß Ausgestoßenen in entfernte Verbannungsorte zur Zwangsarbeit vorschreibt.
Der Dichter Sergej Michalkow, bekannt durch ganz besondere Unterwürfigkeit gegenüber der Führung, stellt den einfachen Sowjetbürger in einer Fabel als Lastpferd dar, das "den Hafer heran- und den Mist wegführt". Die Nomenklaturisten werden schmeichlerisch als "Traberhengste und Vollblüter" beschrieben, die "das haben, was ihnen ihrem Stand gemäß zusteht".
Sehen wir uns den Stand der Vollblüter näher an. Nehmen wir als Beispiel einen Nomenklatura-Funktionär, der nicht ganz oben, aber auch nicht unten in der Nomenklatura-Hierarchie steht, einen Sektionsleiter im ZK der KPdSU. Vergleichen wir ihn mit einem durchschnittlichen Sowjetbürger. S.177
Der Durchschnittslohn der "Arbeiter und Angestellten" -- beide werden in der offiziellen Statistik in ein und derselben Rubrik geführt -- betrug 1979 vor Abzug der Steuern 163,50 Rubel im Monat. Das entspricht ungefähr einem Betrag von 465 Mark. Davon werden die Steuern und Gewerkschaftsbeiträge abgezogen; es bleiben umgerechnet etwa 430 Mark.
Doch das ist der statistische Durchschnitt des Verdienstes der Arbeiter und Angestellten. Das heißt, daß auch Minister und Marschälle mitgezählt werden, nicht jedoch Kolchosbauern, Pensionisten und Studenten. Das echte Durchschnittseinkommen übersteigt kaum 100 Rubel im Monat. Eine genaue Ziffer anzugeben ist unmöglich, da die Lohnstatistik in der UdSSR als Staatsgeheimnis gilt.
Von diesem Geld kann man nur leben, weil in einer normalen sowjetischen Familie nicht nur der Mann, sondern auch die Frau und in manchen Fällen die Kinder arbeiten. Natürlich wird auch das von der sowjetischen Propaganda als eine "sozialistische Errungenschaft" dargestellt. In Wirklichkeit handelt es sich aber um eine zusätzliche Ausbeutungsmethode.
Wieviel aber verdient der Nomenklatura-Funktionär?
Das Gehalt eines Sektionsleiters im ZK beträgt monatlich 450 Rubel. Einen Monat im Jahr verbringt er im Urlaub. Der Urlaub beträgt für ZK-Mitarbeiter 30 Tage plus Reisetage für die Fahrt zum und vom Urlaubsort; ein gewöhnlicher Werktätiger hat einen Urlaubsanspruch von zwei Wochen im Jahr.
Bei Urlaubsantritt erhält der Sektionsleiter ein 13. Monatsgehalt; zusätzlich 450 Rubel als "Kurgeld". Allerdings kosten ihn Kur und Urlaub nicht eine Kopeke: Er wird für einen Monat kostenlos in ein Sanatorium des ZK oder des Ministerrates eingewiesen.
Im gleichen Sanatorium wird seiner Frau ein beträchtlich ermäßigter Platz zur Verfügung gestellt, und die Kinder werden in ein erstklassiges Pionierlager geschickt. Das heißt: In Wirklichkeit müssen die 13 Monatsgehälter des Sektionsleiters nur für 11 Monate reichen. Pro Monat macht das 531 Rubel und 80 Kopeken.
Das ist aber noch nicht alles. Der Sektionsleiter besitzt eine "Kremljowka", den Stolz jedes erfolgreichen Nomenklaturisten. Das sind Bezugsscheine für ein Kontingent von Lebensmitteln, bestehend aus einem Warenkorb erstklassiger Produkte, die man in keinem Moskauer Geschäft kaufen kann, geschweige denn in der Provinz. Die Ausgabe der "Kremljowka"-Ration erfolgt in der Kreml-Kantine, Granowskistraße 2.
Der Sektionsleiter erhält "Kremljowka"-Coupons im Wert von 70 Rubel pro Monat. Das sind allerdings keine gewöhnlichen 70 Rubel. Die "Kremljowka"-Preise werden nach der Preisliste des Jahres 1929 berechnet.
Nomenklaturisten, die sich in diesen Dingen nie irren, haben ausgerechnet, daß der Sektionsleiter nach den heute gültigen Preisen Lebensmittel im Wert S.180 von über 200 Rubel im Monat erhält, das heißt, nochmals 2400 Rubel im Jahr, verteilt auf elf Arbeitsmonate.
Ein Sektionsleiter im ZK verdient also in Wirklichkeit 730 Rubel im Monat. Er bekommt außerdem eine zehnprozentige Zulage "für Kenntnis einer Fremdsprache und ihre Verwendung im Dienst", selbst wenn diese Kenntnis fragwürdig ist und ihre Verwendung im Dienst niemals erfolgt.
Aber auch das ist noch nicht alles. Der Sektionsleiter bezieht alle Waren, die er braucht, aus Spezialgeschäften und Spezialbuffets, während der gewöhnliche Bürger nur das bekommt, was er mit viel Geschick im ärmlich bestückten normalen Staatshandel auftreiben kann.
Ein Sektionsleiter bekommt also wesentlich mehr als ein normaler Mensch in der Sowjet-Union. Er zahlt aber nicht entsprechend mehr Lohnsteuer. Der Höchstsatz, der von einem Arbeitseinkommen abgezogen wird, beträgt 13 Prozent. Dieser Höchstsatz wird ab 200 Rubel monatlich einbehalten: Bei einem Bezug von 200 Rubel hört das Prinzip der progressiven Lohnbesteuerung in der UdSSR auf. Der Sektionsleiter zahlt also 13 Prozent Lohnsteuer -- freilich nur von seinem Grundgehalt, von 450 Rubel im Monat.
Eine weitere Einnahmequelle der Nomenklatura sind Auslandsreisen. Die Frage einer Entsendung ins Ausland wird vom Parteiapparat entschieden -- nach Rückfrage beim KGB, wenn es sich um eine Reise in ein kapitalistisches Land handelt. Jeder weiß: Die zahlreichen Hürden, die auf dem Weg des Reisewilligen errichtet sind, können nur Nomenklaturisten leicht passieren.
Bei dem chronischen Mangel an Gebrauchsgütern in der UdSSR sind ausländische Waren nicht nur Statussymbole, sondern stellen ein Kapital dar: Sie können sehr vorteilhaft verkauft werden.
Manchmal stoßen Nomenklaturisten -- selbstverständlich nicht selbst, sondern auf Umwegen, so etwa über eine Freundin der Tante der Frau -- die im Ausland gekauften Waren wieder ab, die sich plötzlich als "unnötig", "in der Größe nicht passend" herausstellen oder "nicht mehr gefallen".
Der Nomenklaturist verdient also mehr als genug. Aber selbst das ist ihm zuwenig. Deshalb versucht er, seine Einkünfte durch Schmiergelder aufzubessern. Die Annahme von Bestechungsgeldern ist für Nomenklaturisten natürlich nicht erlaubt; sie wird aber nur selten und milde bestraft.
Die folgenden Zahlen aus der Unionsrepublik Aserbaidschan sind keine sensationellen Höhepunkte von Nomenklatura-Bakschischen, sondern bleiben durchaus im Rahmen des Üblichen.
Der Posten eines Kreis-Staatsanwaltes wurde in Aserbaidschan nach dem Tarif von 1969 für 30 000 Rubel verkauft. Für diesen verhältnismäßig niedrigen Betrag konnte ein Parteimitglied diesen Posten bei den Sekretären des Partei-Kreiskomitees kaufen und so Hüter der sozialistischen Gesetzlichkeit werden.
Wesentlich teurer war der Posten eines anderen Ordnungshüters, des Chefs der Kreisabteilung der Miliz: Hier betrug der Preis 50 000 Rubel. Für die gleiche Summe konnte man Kolchosvorsitzender werden. Eigentlich wird dieser Posten zur Wahl ausgeschrieben; aber wie alle Sowjetbürger stimmen auch Kolchosbauern für denjenigen, der ihnen zur Wahl "empfohlen" wird.
Die gleiche Nomenklatura-Stelle eines Sowchosdirektors wurde höher eingestuft, auf 80 000 Rubel: Sie ist S.181 einträglicher und eröffnet größere Möglichkeiten, in der Nomenklatura vorwärtszukommen.
Der Posten eines Hochschuldirektors war noch wesentlich teurer: bis zu 200 000 Rubel, je nach Hochschule. Der Grund: Der Rektor zieht von den Studenten für die Aufnahme eine illegale Gebühr ein, die je nach Hochschule verschieden ist. An der Hochschule für Fremdsprachen betrug sie 10 000 Rubel, an der Universität Baku 20 000 bis 25 000, an der Medizinischen Hochschule 30 000, am Institut für Landwirtschaft bis zu 35 000 Rubel.
Eine realistisch begründete Preisliste wurde nicht nur für Führungspositionen auf Kreisebene erstellt, sondern auch für Positionen in Wissenschaft und Kultur und sogar in der Regierung der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Aber auch die KGB-Nomenklaturisten sind anfällig für ein Bakschisch. Ein Mitarbeiter des KGB machte mit einem Bekannten aus, daß er ihn auf die Liste einer Delegation setzen würde, die eine Reise durch die USA unternahm -- und kassierte augenblicklich 300 Rubel von ihm. Sein Kommentar: "Du bekommst grünes Licht. Du zahlst doch zu Hause auch für das Licht? Siehst du, man muß auch für grünes Licht bezahlen]"
Einen Posten in der Nomenklatura kann aber nur jemand kaufen, der selbst zu diesem Milieu gehört. Das Nomenklatura-Bakschisch gehört zu S.183 den Bemühungen, die Zugehörigkeit zu dieser Klasse erblich zu machen.
Bald nachdem in der Sowjet-Union der Nachkriegszeit die Lebensmittelrationierung abgeschafft worden war, erschien ein schön illustriertes Buch mit dem Titel "Von der guten und bekömmlichen Kost". Für die meisten Sowjetbürger waren die darin angegebenen Rezepte einfach unrealistisch: Die benötigten Zutaten waren nicht erhältlich. Trotzdem wurde das Buch bald zu einer bibliophilen Rarität, so schnell wurde es von Interessenten aus der Nomenklatura aufgekauft.
Die gute und bekömmliche Kost ist Gegenstand der unermüdlichen Sorge der Nomenklaturisten. Wenn man bei einem Nomenklatura-Würdenträger eingeladen ist, staunt man immer wieder über die Vielfalt und die erstklassige Qualität der Speisen, die auf den Tisch kommen.
In Nomenklatura-Behörden, ob in Moskau oder in der Provinz, sind ausgezeichnete Kantinen und Buffets ein wichtiges Attribut, und das Essen dort wird zu einem angenehmen Ritual im Leben eines Nomenklaturisten.
Im ZK der KPdSU werden die Spezialbuffets um 11 Uhr geöffnet. Sie füllen sich rasch mit Nomenklatura-Chargen. Alle Lebensmittel in den Buffets sind von bester Qualität und tadelloser Frische, und sie kosten wenig. Allerdings sind die Portionen verhältnismäßig klein -- das Frühstück soll leicht sein, da die Nomenklatura-Funktionäre auf ihre Linie achten.
Auf kleinen Schüsselchen sind Portionen von schwarzem und rotem Kaviar angerichtet, auf Tellern liegen verschiedene köstliche Fische -- Lachs, Stör, Hausen.
Betreten kann man das Kantinen-Gebäude nur mit einem Dienstausweis des ZK der KPdSU, der von dem an der Tür stehenden KGB-Beamten aufmerksam überprüft wird. Eingelassen werden auch Leute mit Spezialausweisen, die nicht zum ZK-Apparat gehören, aber im ZK-Gebäude irgendwelche Arbeiten verrichten. Eine Stunde vor Betriebsschluß erhalten die Mitarbeiter der Parteihochschule und der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU Zutritt.
Im geräumigen Vestibül befinden sich links ein Kiosk mit Zeitungen und Zeitschriften, dahinter die Kassen, an denen man Bons für die gewünschten Speisen löst. Rechts liegt die Garderobe.
Von der Kasse führt eine Tür zu einem Spezialbuffet, in dem man zu niedrigen Preisen alle erdenklichen Lebensmittel kaufen kann, die es in normalen Geschäften seit 1928 nicht mehr gibt.
Mit dem Lift oder über die in modernem Stil erbaute Treppe erreicht man den ersten oder zweiten Speisesaal; im zweiten wird Diätkost serviert. Die Tische sind jeweils für vier Personen bestimmt.
Die Portionen sind nicht groß, man bestellt daher nicht nur zwei oder drei, sondern vier oder fünf verschiedene Speisen. Der Preis entspricht dem aus zwei Gängen bestehenden schlechten Menü in einer gewöhnlichen Kantine, wo sich zur gleichen Zeit Schlangen von Werktätigen in der Mittagspause um ihr Essen anstellen.
Etwas bescheidener sind die Kantinen in den dem ZK unterstehenden S.184 Dienststellen: in der Parteihochschule, in der Akademie für Gesellschaftswissenschaften, im Institut für Gesellschaftswissenschaften, im Institut für Marxismus-Leninismus. Die Speisekarte ist dort etwas weniger reichhaltig, aber alles andere ist gleich.
Auf die gleiche Art ist auch die Verpflegung der Nomenklatura in der Provinz organisiert. In jeder Hauptstadt der Unionsrepubliken, in jedem Gebietszentrum gibt es Kantinen des Republik- beziehungsweise des Gebiets- oder Stadtkomitees der Partei, zu denen die Bevölkerung keinen Zutritt hat.
Gewöhnliche Sowjetbürger müssen sich anstellen, um zu teuren Preisen mittelmäßige Lebensmittel kaufen zu können. Zwischen dem Leben der Klasse der Nomenklatura und der normalen Bevölkerung der Sowjet-Union klafft ein Abgrund.
Die Tiefe dieses Abgrunds wird noch deutlicher bei einem Vergleich der Wohnverhältnisse eines Nomenklaturisten mit denen eines gewöhnlichen Sowjetbürgers.
Die Norm der Wohnfläche des Sowjetbürgers beträgt neun Quadratmeter pro Kopf. Wohnfläche, die größer ist als die Norm, wird beschlagnahmt, und wenn das aus technischen Gründen unmöglich ist, muß eine dreifache Miete bezahlt werden.
Als eine Art Minimum, das übrigens auch von niemandem garantiert wird, gilt eine Fläche von vier Quadratmetern pro Person. Eine Familie, die in einem Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung wohnt, ist noch immer keine Seltenheit in der Sowjet-Union. Das betrifft jedoch nicht die Nomenklatura. In den schönsten Vierteln der Städte wächst die Zahl erstklassiger Häuser des ZK, der Gebiets- und Stadtpartei, des Ministerrats, die den ausländischen Touristen von weitem als Neubauten für sowjetische Werktätige gezeigt werden.
Die für die Nomenklatura bestimmten Häuser werden durch eine eigene Bauleitung errichtet. Es sind keine rasch hingestellten standardisierten Bauten, sondern solide und schöne Gebäude mit lautlosen Aufzügen, bequemen Treppen und geräumigen Wohnungen.
In Moskau finden sich diese Wohnkomplexe auf dem Kutusowski prospekt oder im Bezirk Kunzewo. Solche Häuser stehen auch einzeln, eingeschachtelt zwischen anderen Häusern in zentral gelegenen, aber ruhigen Straßen der Hauptstadt. So etwa das berühmte Haus in der Granowski-Straße gegenüber der Kreml-Kantine, oder das neue Haus in der Stanislawski-Straße.
Vorbei sind die Zeiten, als die siegreichen Kommunisten Arbeiter aus den S.185 Kellern in die Wohnungen der Reichen umsiedelten. Im Realsozialismus gibt es wieder Aristokratenhäuser und -wohnviertel, und besonders überprüfte Arbeiter werden dorthin nur zugelassen, um in den Herrschaftswohnungen Reparaturarbeiten auszuführen.
Diese Wohnungen sind groß -manchmal haben sie bis zu acht Zimmer. Besonders wichtige Nomenklaturisten bekommen ein ganzes Stockwerk, in dem zwei nebeneinanderliegende Wohnungen miteinander verbunden werden.
Der Sektionsleiter besitzt jedoch nicht nur eine Wohnung, sondern auch ein Landhaus -- eine Datscha. Sie wird ihm praktisch kostenlos zur Verfügung gestellt. Ohne Tausende von Rubel auszugeben, ohne sich mit der Jagd nach dem natürlich immer fehlenden Baumaterial und mit der Mühsal der Bauüberwachung abzuplagen, ohne es später zu reparieren, zieht er in ein fertiges Haus ein.
Die dem Staat gehörende Datscha wird ihm und seiner Familie in einer bequem erreichbaren und von einem hohen Zaun umgebenen Villensiedlung für den ganzen Sommer überlassen.
In der Siedlung gibt es ein ausgezeichnetes Lebensmittelgeschäft, eine sehr gute Kantine, ein Kino, einen Klub, eine Bibliothek, einen Sportplatz. Die Miete für die Datscha ist nur symbolisch. Zur Siedlung führt eine gute Straße, über die der Sektionsleiter in seinem Dienstwagen -- einem schwarzen "Wolga" mit ZK-Nummer -- direkt vom Sitz des ZK an der Staraja Ploschdschad angefahren kommt.
Im Winter fährt er am Freitag gleich nach Arbeitsschluß in ein Erholungsheim des ZK. Hier wird ihm, seiner Familie und sogar seinen Gästen eine ganze Wohnung zur Verfügung gestellt. Er wird erstklassig verpflegt, ebenfalls zu einem sehr niedrigen Preis, er kann umsonst Ski und Schlittschuhe benutzen und abends Filme sehen.
Obwohl der Sektionsleiter in der Regel Jahr für Jahr das gleiche Landhaus bezieht, wird er nie vergessen, daß das Haus nicht ihm gehört. Deshalb tut er nichts zur Verschönerung der Datscha.
Diese Häuser machen einen merkwürdigen Eindruck: Um sie herum keine einzige Blume, nur die von der Verwaltung bepflanzten Beete; selbst die kleinste notwendige Reparatur wird der Verwaltung gemeldet.
Die Nomenklaturisten liegen in Hängematten, gehen spazieren, spielen Tennis und Volleyball, trinken und essen auf der Terrasse, gehen ins Kino. Der Gegensatz zu gewöhnlichen Datschas, deren Besitzer von morgens bis abends graben, hämmern, gießen, ist auffallend.
Nicht etwa, daß die Nomenklaturisten körperliche Arbeit scheuen. Nicht wenige von ihnen stammen von Bauern ab, die Gartenarbeit wäre für sie wahrscheinlich ein Vergnügen. Aber es ist nicht Usus. Körperliche Arbeit ist unter der Würde eines Mitglieds der Nomenklatura.
Es gehört sich nicht, daß ein Nomenklatura-Funktionär eine eigene Datscha besitzt, ebensowenig wie ein eigenes Auto. Ein offizielles Verbot existiert nicht, aber es würde als Freidenkertum angesehen werden, vielleicht sogar als Zweifel an der eigenen Zukunft innerhalb der Nomenklatura.
Deshalb erwirbt der Sektionsleiter zwar eine Datscha, aber auf den Namen seiner Eltern, und das Auto wird auf die erwachsenen Kinder oder den Bruder eingetragen. Er selbst bleibt auf diese Weise rein von jedem Verdacht kleinbürgerlicher Neigungen; er wird nur zusehen, daß sein Anteil am kollektiven Eigentum der Nomenklatura größer wird.
Statussymbol eines Nomenklaturisten ist das Telephon. Ein hochgestellter Nomenklaturist muß über sechs Telephone S.188 verfügen: zwei Apparate, die über den Sekretär gehen -- das auswärtige und das Haustelephon; zwei weitere (ebenfalls ein auswärtiger und einer für Hausgespräche), die der Sekretär nicht abhören kann. Und schließlich gibt es den besonderen Stolz des Nomenklaturisten, zwei Apparate von speziellen Regierungsleitungen, genannt "Wertuschka" und "Wtsch".
Die Nomenklaturisten, die mit dem Militär verbunden sind, besitzen einen siebenten Telephonapparat -- den einer militärischen Fernsprechleitung.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß ein Nomenklaturist mit einer "Wertuschka" einen anderen nicht über das gewöhnliche Telephon anrufen darf. Er könnte sonst in den Verdacht demonstrativer Verachtung der ihm zur Verfügung gestellten Möglichkeiten, also in den Verdacht des Freidenkertums kommen.
Ein ähnliches Statussymbol sind auch die Funktelephone in den Wagen, die den Spitzengenossen zur Verfügung gestellt werden. Bekanntlich ist es nicht ratsam, geheime Gespräche über Funktelephon zu führen, da sie leicht abgehört werden können.
Aber als Attribut der Macht erscheinen die Autotelephone den hohen Nomenklaturisten außerordentlich begehrenswert: Die Stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR -ernste und vielbeschäftigte Leute -führten lange Zeit einen erbitterten Kampf darum, daß ihre Dienstlimousinen mit diesen unnötigen Apparaten verziert wurden, bis es ihnen endlich gelang, die Zustimmung des ZK-Sekretariats durchzusetzen.
Nomenklatura-Funktionäre von einer bestimmten Rangstufe an leben so, als befänden sie sich nicht in der UdSSR, sondern in einer Art Spezialland. Gewöhnliche Bürger werden von diesem Spezialland ebenso sorgfältig isoliert wie vom Ausland. In diesem Land gibt es von allem Spezialanfertigungen.
Es gibt besondere Wohnhäuser, die von speziellen Baufirmen errichtet werden, besondere Landhäuser und Ferienheime, Sondersanatorien, Krankenhäuser und Polikliniken, Spezialprodukte, die in Spezialgeschäften verkauft werden, Spezialbuffets und Kantinen, besondere Frisiersalons, Autozentralen, Tankstellen, Autonummern, ein verzweigtes Netz der Spezialinformation, ein Sonder-Telephonnetz.
Es gibt exklusive Kindergärten, Schulen, Internate, ein Spezial-Hochschulstudium, abgeschlossen durch einen akademischen Grad, exklusive Klubs, in denen exklusive Filmvorführungen stattfinden, Sonder-Wartesäle auf Bahnhöfen und in Flughäfen und sogar einen besonderen Friedhof.
Eine Nomenklatura-Familie kann ihr ganzes Leben von der Geburt bis zum Grab verbringen, sie kann arbeiten, sich erholen, essen, einkaufen, reisen, sich unterhalten und krank werden, ohne mit dem sowjetischen Volk zusammenzutreffen, in dessen Diensten die Nomenklatura angeblich steht.
Die Abgeschirmtheit der Nomenklatura von der Masse der Bevölkerung ist die gleiche wie die der Ausländer in der Sowjet-Union. Der Unterschied besteht darin, daß es den Ausländern nicht gestattet ist, mit der Bevölkerung zu verkehren, während die Nomenklatura das von sich aus nicht will.
Unter den zahlreichen Kurorten der UdSSR findet sich kaum einer, in dem es kein dem ZK oder dem Ministerrat gehörendes Sanatorium gibt. Und sogar wenn die Laune des Sektionsleiters es fügt, daß er in einen kleinen Kurort gerät, etwa nach Berdjansk am Asowschen Meer, so wird er auch dort nicht in einem Sanatorium untergebracht, S.189 wohin auch gewöhnliche Leute kommen.
Auch dort gibt es eine dem Stadtkomitee der Partei gehörende Datscha, in der der Nomenklatura-Urlauber absteigen kann. Ein normaler Sowjetbürger darf für keine noch so hohe Summe in so einem Sanatorium oder so einer Datscha Unterkunft finden.
An diesen Plätzen sind die Nomenklaturisten unter sich. Eine erstaunliche Folge davon ist die verblüffende Freiheit der Sitten, die in den Nomenklatura-Sanatorien herrscht.
Nomenklatura-Funktionäre beiderlei Geschlechts, die elf Monate im Jahr die Rolle treuer Ehegatten spielen, holen jetzt alles Versäumte nach. Das wird gestattet; Schwierigkeiten in der Parteiorganisation gibt es nachher nicht. Essen und Unterbringung sind erstklassig; es gibt viele Ärzte und -was besonders angenehm ist -- viele hübsche Krankenschwestern.
Die Sorge um seine Gesundheit ist überhaupt ein charakteristischer Zug des Nomenklaturisten. Wenn man ihm Glauben schenkt, so verausgabt er sich bei seiner Arbeit bis zum letzten. Auf sein gutes Aussehen angesprochen, gibt er die traurige Antwort: "Der Schein trügt]" Was in Wirklichkeit trügt, ist nicht das blendende Aussehen des Nomenklaturisten, sondern der Schein von Überbeanspruchung durch Arbeit, den er zu erwecken trachtet.
Der Nomenklaturist und seine Familie werden von der Vierten Medizinischen Hauptverwaltung beim Gesundheitsministerium der UdSSR betreut. Er und seine Angehörigen sind dem Kremlkrankenhaus und der Kremlpoliklinik zugeteilt; sie haben dort ihren ständigen behandelnden Arzt.
Das Kremlkrankenhaus ist mit Apparaten und Medikamenten ausgerüstet, die aus dem Westen eingeführt werden -- auf die einheimische Technik und Pharmakologie verläßt sich die Nomenklatura nie, wenn es um ihre Gesundheit geht.
Kost und Pflege sind hervorragend; es gibt viel Personal und viele Einzelzimmer -- im Unterschied zu den normalen Krankenhäusern, wo alle Gänge mit Betten verstellt sind, wo Mangel an Pflegepersonal herrscht und das Essen so schlecht ist, daß man ohne zusätzliche Gaben von Verwandten nicht durchkommen kann.
Der Sektionsleiter kann also angenehm leben, arbeiten und sich erholen, ohne mit der Bevölkerung der UdSSR zusammenzutreffen. Es gelingt ihm aber auch, sich sogar auf Reisen durch die riesige Sowjet-Union vor einem Zusammentreffen mit seinen Landsleuten zu schützen.
Eisenbahn- und Flugkarten erhält er direkt im ZK. In einer engen Gasse hinter dem Gebäudekomplex des Zentralkomitees ist in einem unscheinbaren Häuschen der Transportsektor des ZK untergebracht. Ein schwarzer "Wolga" bringt den Sektionsleiter auf den Bahnhof oder zum Flughafen -- nicht etwa in den ordinären Wartesaal, sondern in das sogenannte "Zimmer für Abgeordnete des Obersten Sowjet".
Eine herrliche Erfindung, auf die die Organisatoren der Betreuung der Nomenklatura mit Recht stolz sind. Es klingt demokratisch und verfassungskonform: kein Saal für irgendwelche S.191 Bonzen, sondern ein schlichtes Zimmer für die Volksvertreter.
Wer weiß schon, daß in diesem mit Polstermöbeln und Teppichen ausgestatteten Saal mit Personal meist nicht gewählte Abgeordnete sitzen, sondern Nomenklatura-Funktionäre?
Aus dem Abgeordneten-Zimmer führt das höfliche Personal -- nicht jenes, das in den übrigen Räumen die Reisenden anbrüllt -- den Sektionsleiter direkt zum Zug oder zum Flugzeug, einige Minuten bevor zum Einsteigen aufgerufen wird --, damit er auf dem Bahnsteig oder an der Gangway nicht mit dem Volk zusammentrifft.
Im Schlafwagenabteil 1. Klasse oder in der 1. Klasse des Flugzeugs findet er sich unter seinesgleichen wieder. Bei der Landung des Flugzeugs wird die Treppe zuerst zum Abteil 1. Klasse gerollt, er steigt auf das leere Rollfeld herunter und wird dort von der lokalen Obrigkeit begrüßt -- dann erst werden die übrigen Passagiere von Bord gelassen.
Nur aus dem Zug muß er leider gleichzeitig mit dem gewöhnlichen Volk aussteigen -- aber der Weg auf dem Bahnsteig ist nicht weit: nur wieder bis zum Abgeordneten-Zimmer.
Dort wartet schon am Sondereingang ein Wagen des Zentral-, Gebiets- oder Stadtkomitees der Partei und fährt den Nomenklaturisten in die für ihn reservierte Residenz. Hier kann er sich gut auf seine Rede vor dem Parteiaktiv vorbereiten, etwa über das traditionelle Thema "Die Einheit von Partei und Volk".
Auch im Ausbildungswesen steht alles zum besten: Die Kinder der Nomenklatura können Spezialschulen besuchen, in denen der Unterricht in einer Fremdsprache erteilt wird (Englisch, Französisch oder Deutsch).
Auch beim Übergang an eine Hochschule brauchen sich die Kinder würdiger Eltern nicht mehr unter die Menge der ordinären Studenten zu mischen. Zu diesem Zweck existiert die Hochschule für Internationale Beziehungen in Moskau. Dort herrscht ein elitärer Kastengeist, wie es ihn wahrscheinlich zur zaristischen Zeit nur im Pagenkorps gab.
Es gibt eine Reihe geschlossener Lehranstalten: die Parteihochschule beim ZK der KPdSU, die Diplomatische Akademie des Außenministeriums, die Akademie für Außenhandel, die Komsomolhochschule des ZK des Komsomol, die Militärakademie, die Hochschule des KGB und die Akademie des Innenministeriums der UdSSR.
Einige dieser Lehranstalten nehmen nur Kandidaten mit abgeschlossenem Hochschulstudium auf, die bereits Erfahrungen als Parteifunktionäre gesammelt haben. Auf diese Weise vollzieht sich meist die Vorbereitung der Nomenklatura-Kinder zur Übernahme von selbständigen Aufgaben in der Nomenklatura.
Auch der in diesen Kreisen weitverbreitete Drang zu wissenschaftlichen Titeln wird berücksichtigt. Seit 1946 gibt es in Moskau eine eigene akademische Anstalt zur Promotion der Nomenklaturisten: Die Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU. Dissertationen dieser Hochschule werden zwar stets angenommen, sind aber wissenschaftlich ohne Belang.
Die offiziell zur "Zwischenschicht der Intellektuellen" zählende Nomenklatura-Klasse hat auch gehobene kulturelle Ansprüche. Es ist üblich, daß in den Wohnungen der Nomenklaturisten ein gefüllter Bücherschrank steht, nicht nur mit Klassikern des Marxismus, sondern auch mit schön gebundenen Werken russischer Schriftsteller und Übersetzungen ausländischer Autoren.
Schwer erhältliche Bücher bestellen die Nomenklaturisten über die Buchversandstelle des ZK. Eine Nomenklatura-Bibliothek enthält jedoch keine suspekten Werke. Nichts darf den Verdacht erwecken, der Besitzer habe irgendwelche "ungesunden Interessen".
Theaterkarten sind für Nomenklatura-Funktionäre sehr leicht zu bekommen: Auch dafür gibt es eine Regierungsreserve für die besten Plätze. Allerdings ist es im Nomenklatura-Milieu nicht ratsam, als Theaterfan zu gelten. Das wäre unseriös und könnte als Zeichen für einen zweifelhaften Geschmack gedeutet werden.
Daher profitieren von den Theaterkarten meist die halbwüchsigen Nomenklatura-Kinder, auch Verwandte und Bekannte, die es nicht zu Nomenklatura-Ehren gebracht haben.
Es gibt übrigens nicht viele Bekannte dieser Art. Die verständigen Mitglieder der herrschenden Klasse haben rasch die von oben erlassene verklausulierte Anweisung erfaßt, mehr im eigenen Kreis zu verkehren und aus Sicherheitsgründen -- zum Schutz von Partei- und Staatsgeheimnissen -- möglichst keine Freundschaften außerhalb der Nomenklatura zu pflegen.
Sie haben auch verstanden, daß damit weniger amtliche Geheimnisse gemeint sind, sondern das vor der Bevölkerung verborgene süße Leben der Nomenklatura.
Im nächsten Heft
Das Wesen der Nomenklatura: Drang zur Weltherrschaft
S.174 Links: "Es lebe die Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken"; rechts: "Wir begehen den 25. Parteitag durch Stoßarbeit." * S.177 Links: Ehrentafel für verdiente Arbeiter; rechts: Schandtafel mit Mängelrügen. * S.181 Oben: im Moskauer Vorort Schukowka; unten: in der Granowskistraße 2. * S.183 Auf dem Körper: Dokument über den Auftrag zu einer Dienstreise. * S.188 Hinter dem Tisch: ein Antragsteller mit Formular. *
Von Michael Voslensky

DER SPIEGEL 8/1980
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