18.02.1980

„Stuttgarter Hetz“

Kritiker Christoph Müller über Heyme und die Schauspielkrise Christoph Müller, 41, ist Theaterkritiker der Ulmer „Südwest Presse“ und ständiger Mitarbeiter von „Theater heute“.
Der erste Satz, den der neue Schauspieldirektor am Abend des 4. Oktober vergangenen Jahres im Kleinen Haus der Württembergischen Staatstheater sprechen ließ, sollte sich als fürchterlich wahr erweisen: "Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende."
Schlagartig zu Ende waren die fünf schönen Jahre, in denen Claus Peymann aus dem Stuttgarter Schauspiel das gegenwartsbewußteste, kreativste, meistgelobte und nicht zuletzt auch eines der bestbesuchten deutschen Staatstheater gemacht hatte, als der Nachfolger Hansgünther Heyme mit Schillers "Don Carlos" seinen Einstand gab und dafür von außergewöhnlich einmütigen Kritikern nichts als Prügel bezog. Seither wurde es nur immer noch schlimmer.
Die überregionale Kritik macht inzwischen einen großen Bogen um Stuttgart, bei den örtlichen Zeitungen ging der anfangs noch geleistete Widerstand in resignativen Widerwillen über, die Zuschauer sitzen lust- bis ratlos fürs erste ihr Abonnement ab, die Heyme-Truppe selbst traut sich kaum noch vor den Vorhang und überläßt bis zu drei Vierteln anderen das Bespielen ihres Schauspielhauses, falls dieses nicht gleich ganz geschlossen bleibt. Um noch einmal mit "Don Carlos" zu sprechen: Im Stuttgarter Schauspielhaus herrscht "die Ruhe eines Kirchhofs".
Die Grablegung hat eine Vorgeschichte, ohne deren Kenntnis sie nicht zu verstehen, aber mit deren Verständnis sie noch lange nicht zu entschuldigen ist. Es ist nämlich nicht das erste Mal, daß das Stuttgarter Schauspiel nach einem Hoch ins Tief plumpste.
Vor sieben Jahren, nach Peter Palitzschs Weggang (es stellt sich heraus: die Stuttgarter Zeit, sie war seine beste), brachte der nur als Oberspielleiter angeheuerte Alfred Kirchner zwei Jahre lang kein Bein auf den für zeitgenössisches Theater empfänglich gewordenen schwäbischen Boden. Erst als dann Claus Peymann zum großen Zampano berufen wurde, blühte das Haus (und mit ihm auch wieder Alfred Kirchner) rapide auf -- und das zum überwiegenden Teil mit den gleichen Schauspielern, die zuvor so verzagt vor sich hin kümmerten.
Diesmal aber ist nichts da, was noch aufblühen könnte. Diesmal wird es mit Sicherheit ein Warten auf Godot.
Zugestanden, die Startvorgaben für Heyme waren, rein stimmungsmäßig, die denkbar schlechtesten. Auch wenn der Peymann-Nachfolger Peter Stein geheißen hätte -- die Stuttgarter hingen an ihren Schauspielern, an Peter Sattmann, Gert Voss, Branko Samarovski, S.197 Martin Schwab und Peter Brombacher, Gerd Kunath und Bert Oberdorfer, an Kirsten Dene, Therese Affolter, Lore Brunner, Barbara Nüsse, Anneliese Römer und Eleonore Zetzsche. Sie waren ihnen auf schier unglaubliche Art ans Herz gewachsen.
Der Buhmann der deutschen Theaterkritik, Heyme also, mußte den erklärten Liebling Peymann ablösen. Mußte er denn? Er wollte. Als einziger. Ohne ernstzunehmende Mitbewerber bot sich Hansgünther Heyme selbst an, den mit Blut befleckten Posten als vom Land Baden-Württemberg dankbar bestallter Nachfolger eines aus diesem Land unter skandalösen Umständen von der CDU-Regierung vertriebenen Theaterleiters anzutreten.
Diese seine karrieristische Erbötigkeit, den Stuttgarter Kulturpolitikern respektive Kulturzertrümmerern aus der Patsche geholfen zu haben, mag zwar Moralpuristen auf ewig unverzeihlich erscheinen. In der breiten Öffentlichkeit und bei den schnell wieder zur Tagesordnung zurückgekehrten Kritikern spielte sie jedoch später kaum eine Rolle mehr. Heyme und sein klägliches Team wurden nach ihren Bühnentaten be- und verurteilt.
Das aber will er nicht wahrhaben. Heyme arbeitet seit einem halben Jahr verbissen mit Hilfe einer nie endenden Serie von Podiumsdiskussionen an der Dolchstoßlegende. Der "Welt", die ihn dankbar unter ihre Fittiche nahm, vertraute er die wahren Hintergründe und Drahtzieher seines Debakels an: die "Stuttgarter Hetz" sei vorprogrammiert, er habe "in vermintem Gelände" anzutreten gehabt, "manipulierende Kritiker" sorgten für "kranke Unruhe" im Parkett und, aber ja doch, einer der Ober-Mafiosi aus der Großkritikerschar habe bereits "zur geistigen Lynchjustiz" aufgerufen.
Womit Joachim Kaiser gemeint war. Der nämlich beschwor ihn in der "Süddeutschen Zeitung" nach der dritten Stuttgarter Pleiten-Premiere, dem weit unter die Gürtellinie langenden Schwulenwitz-Herrenabend "Section Nine" (ein Stück, für das der von Heymes Chefdramaturg Peter Kleinschmidt mit Übersetzungen versorgte Kiepenheuer & Witsch-Verlag schon jahrelang vergeblich nach einem Abnehmer Ausschau gehalten hatte): "Wenn nur jemand ein Mittel besäße, das ihn dazu brächte, sich nicht erst in zehn Jahren über die brutalen Schamlosigkeiten seines gegenwärtigen Treibens zu schämen."
Dies Mittel aber besitzt niemand. Schon gleich nicht die beiden zuständigen Lokal-Gazetten (tapfer noch die Überschriften ihrer "Section Nine"-Besprechungen: "Schwachsinn" und "Auf dem Tiefpunkt").
Dem Feuilleton-Chef der "Stuttgarter Nachrichten", Hans Fröhlich, hatte Heyme den Text der Einladungskarten zu einer von dieser Zeitung veranstalteten Diskussion als böswillige Verunglimpfung um die Ohren gehauen. Dort hatte keck gestanden: "In Stuttgart gab es hochrangiges Schauspiel -- unter Claus Peymann. Sein Nachfolger Hansgünther Heyme hatte einen schlechten Start. Wie geht es weiter?" Bei dieser Diskussion wäre es erst gar nicht weitergegangen, wenn der ultimativ zur Rede gestellte Formulierkünstler nicht sofort gekuscht, einen Fallrückzieher vollbracht und bekannt hätte, nein, so schlecht sei zumindest der "Don Carlos" denn auch wieder nicht gewesen.
Mit Fröhlichs Kollegen von der "Stuttgarter Zeitung", Wolfgang Ignee, der den gegen ihn im Fernsehen schäumenden Schauspieldirektor zum "Amokläufer" erklärt hatte, trug Heyme seine Fehde auf andere Art aus: Im Foyer des Schauspielhauses ließ er einen Betonpfeiler mit Abschriften und Durchschlägen von nichtveröffentlichten Leserbriefen an die "Stuttgarter Zeitung" bepflastern, die sich über die "konstante Denunziation des neuen Schauspieldirektors und seiner Truppe aufgrund billiger persönlicher Motive" beklagten und gar darob das Zeitungsabonnement kündigten.
Die Anprangerung muß zumindest bei der Chefredaktion ihre Wirkung getan haben. Als das Feuilleton der "Stuttgarter Zeitung" seiner Geringschätzung des Heyme-Theaters listig dadurch Ausdruck verlieh, daß es die vom Ersatzkritiker verfaßte Besprechung der jüngsten Heyme-Premiere (der zur puren Stilübung gefrorenen Erstaufführung einer Schnitzler-Komödie) ohne Photo ganz unten ins letzte Eck der Seite versteckte, dieweil der Hauptartikel mit dreispaltigem Bild schwärmerisch von Peymanns Bochumer "Tasso" handelte, griff der also Deplacierte zum Telephon und beschwerte sich bei der Zeitung. Anderntags war das von ihm verlangte Photo im Blatt.
Auf Kritiker, man weiß das nicht erst seit Stuttgart, ist Heyme prinzipiell manisch fixiert. Sie haben sich eigens für, vielmehr gegen ihn zur Mafia zuzusammengerottet. Was einem von ihnen, Benjamin Henrichs von der "Zeit", die Chance gab, seinen Austritt aus dem Verbrechersyndikat zu erklären, um fürderhin keine Heyme-Inszenierung mehr beschlechtachten zu müssen.
Für den Geschmack solcher Leute, durfte der Chefdramaturg im Radio verkünden, wolle man sowieso nicht Theater machen, denn Kritiker sind "das einzige Relikt des Theaters aus dem 19. Jahrhundert". Bestenfalls für Podiumsdiskussionen könne man sie noch als Pappkameraden zur Beschimpfung freigeben. Nur schade, daß die meisten wenig Lust zeigen, das Haus Heyme durch permanentes Drüber-Reden zum interessanten Fall aufzuwerten.
Wenn sich aber wider Erwarten einer der Papiertiger in die Höhle des S.199 Löwen wagen will, dann ist es prompt der falsche. Heyme durfte es jüngst zur Bedingung eines SDR-Fernsehauftritts machen, daß ihm ein Kritiker erspart bleiben mußte, weil er auf diesen, wie er es vor den TV-Kameras ausdrückte, "so viel angestaute Wut" hege, daß eine Diskussion "nur noch von Show-Wert" sein könne und besser "im Boxring" stattfände.
Und die Kritiker, die er neben sich auf dem Podium geduldet haben würde, obwohl er weiß, daß sie allesamt sich von seinem "antimodischen Verweigerungstheater" beleidigt fühlten und von einem bestimmten "Aussteigemoment" an ihn rachsüchtig verfolgten, die waren ihm denn doch nicht das verlangte Geld wert.
Schon früher ließ er seinen Chefdramaturgen ausplaudern, Joachim Kaiser wäre gekommen, wenn man ihm dafür 3000 Mark bezahlt hätte. Und der Peter Iden wäre sogar bereits für 600 Mark zu haben gewesen.
So steigt er denn allein in den Ring und erklärt dem unverständigen Publikum mit vielen bildungsgesättigten Worten, was sie beim Betrachten seiner kalt manieristischen, privat-mythologisch verschrobenen Metaphern nicht kapiert haben. Schon Ortega y Gasset habe erkannt, so beruft er sich elitär, daß Kunstverstand stets bei wenigen nur gewesen sei und die übrigen eben gefälligst nachsitzen müßten, wenn sie hinter den tieferen Sinn des allzu ahnungslos Geschauten kommen wollten.
Im Nachhilfeunterrichtgeben ist er unschlagbar. Und die Expertenrunde, die er als Stichwortgeber um sich schart, nicht minder. Bei der "Hamlet"-Veranstaltung "Hansgünther Heyme diskutiert mit Experten und Publikum" beispielsweise belehrten außer ihm: ein Waldorflehrer, der hauseigene Dramaturg, ein Schauspieldozent, eine Galeristin und ein Kunstkritiker.
Auf Shakespeare und "Hamlet", wie die Veranstaltung versprochen hatte, kam dabei die Rede so gut wie nie. Um so mehr auf das, was Wolf Vostells bluttropfender Pferdekadaver inmitten der Fernsehapparat-Ansammlung an "Brutalität und Terror der Medien", speziell der Kabelfernseh-Projekte im Land, zu bedeuten habe.
Wieder war er nicht um Worte verlegen, wenn es darum ging, ganz allgemein die einen empfindsamen Menschen wie ihn besonders hart treffenden Auswüchse einer aus den abendländischen Fugen geratenen Zeit anzuklagen S.201 und dies als Grundmotiv seiner aufrüttelnden Theaterarbeit zu reklamieren. Er redet diesbezüglich (und stets "unendlich richtig") jeden Kulturpolitiker, Kunstpädagogen, Medienwissenschaftler und Zivilisationspessimisten an die Wand.
Doch von Beruf ist er nun mal Theaterleiter und Regisseur. Daß es dieses und kein anderes Gebiet ist, auf dem ihm die (Theater-)Kritiker dauernde Vorhaltungen machen, darauf wird in den inflationären Heyme-stellt-sichdem-Gespräch-Talkshows gar nicht erst eingegangen. Dabei gibt es mittlerweile mehr als genug von Meinungskriterien oder Antipathien unabhängige Indizien für den unaufhaltsamen Abstieg des Stuttgarter Schauspiels.
Den Spielplan zum Beispiel. Bereits drei der ziemlich deutlich fehlinszenierten Stücke ("El Grande de Coca-Cola", wofür man den Anarcho-Clown Jango Edwards als vermeintlichen Bad-Taste-Garanten sowie eine Pina-Bausch-Leihgabe verschliß, Italo Svevos unter dem dilettierenden Wolfgang Bauer zur Posse mißratener "Ehemann und Fugards auf bundesdeutsches Pennerleid entkernten "Buschmann und Lena") hatten schnell wieder ihre letzte Vorstellung. Womit wenigstens vermieden wäre, daß sie am Spielzeitschluß für eine schlechte Platzausnutzungs-Quote zu Buche schlagen.
Zwei weitere Produktionen und dazu noch das dafür eingeplante Ersatzstück kamen gleich gar nicht mehr zustande. Darunter auch die einzige angekündigte Uraufführung eines deutschen Gegenwartsstücks. Denn für Michael Hatrys "Verdunkelungsgefahr" verweigerten schlichtweg die Schauspieler ihre Mitwirkung, so pappig kam ihnen das Angebot ihrer Dramaturgie vor.
Aber mit der deutschen Gegenwartsdramatik hat Heyme ja noch nie etwas im Sinn gehabt: In seinen elf Kölner Jahren kam es nur zu drei Uraufführungen (Hartmut Langes "Gräfin von Rathenow", Harald Sommers "Stück mit dem Hammer" und Ginka Steinwachs'' "Tränende Herzen"). Im gleichen Zeitraum hatten in Stuttgart Autoren wie Martin Walser, Peter Weiss, Martin Sperr, Tankred Dorst, Rolf Hochhuth, Gerlind Reinshagen, Thomas Bernhard, Botho Strauß, Herbert Achternbusch und Thomas Brasch Urpremiere. Dazu Heyme: "Das kommt mir vor wie ein Hauch von faschistoider Deutschtümelei: Deutsche, spielt nur deutsche Stücke]" Mit dem jedoch, was er statt dessen für (nach)spielenswert hält, ist gewiß noch weniger zu gewinnen.
Doch sollte sich das ganze Dilemma von alleine erledigen? Das Stuttgarter Ensemble nämlich tritt nur noch höchst sporadisch in Erscheinung.
In einem Monat, gezählt vom 19. Januar, bestritt es mit Hilfe von zwei Stücken (im Schauspielhaus, ohne Kammertheater) ganze acht von den 31 Spieltagen] Fünfmal war Schließtag, dreimal kam das Ballett vom Großen Haus herüber, achtmal genoß die Berliner Theatermanufaktur mit ihrem abgespielten papierenen Revolutions-Oldie "1848" und einem sozialromantischen Folklore-Verschnitt von Nerudas "Murieta" Gastrecht, viermal halfen Tourneetheater-Veranstaltungen stopfen, standen wenigstens fünf eigene Ensemblemitglieder mit auf der Bühne für Mauricio Kagels im übrigen komplett vom Opernressort betreute "Erschöpfung der Welt" (siehe auch Seite 217).
Aber selbst dieses Bankrotterklärungsangebot wird von niemandem angenommen, wohl nicht einmal mehr wahrgenommen. Heyme, auch wenn er bereits nach fünf Monaten zwischen allen Stühlen sitzt, kann sich auf seine fünf Jahre in Stuttgart einrichten und als Wohnsitz ein Kavaliershäuschen auf Herzog Karl Eugens Lustschloß Solitude beziehen.
Das letzte öffentlich gewordene Widerstandssignal verflackerte vor fast drei Monaten. Die "Stuttgarter Zeitung" hatte damals vorlaut, aber undementiert geschrieben, Stadtdirektor Gehring habe in vertraulichem Kreise geäußert, es bereite ihm keinerlei Schwierigkeiten, im Falle eines Falles die Abfindungssumme für einen vorzeitig entlassenen Schauspieldirektor lockerzumachen.
Um Himmels willen -- schon wieder kann sich Stuttgart doch nicht im Eklat von einem Schauspieldirektor trennen?]
The show(-down) must go on.
S.196 Mit Benno Ifland und Marcus Lachmann. * S.197 Mit Hans Schulze und Helga David. * S.199 Mit Renate Steiger und Susanne Barth. *

DER SPIEGEL 8/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Stuttgarter Hetz“

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Geflüchtete in der Ausbildung: Mohammad soll bleiben - in Deutschland, im Betrieb
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab