18.02.1980

LITERATURDiesmal galaktisch

Die englische Schriftstellerin Doris Lessing ("Das goldene Notizbuch") hat sich der „Space-fiction“ verschrieben. Ihr neuer Roman „Shikasta“ handelt vom Weltuntergang - ein Buch der Stunde?
Einst lebte sich''s gut und genügsam, fröhlich und friedvoll auf diesem Planeten -- Millionen Jahre lang.
Dann aber geschieht ein Desaster, im wahren Wortsinn: ein Sternenunfall. Und diese kosmische Gleichgewichtsstörung wirft Shikasta, so der Name jenes Planeten, aus der Bahn. Nun geht''s bergab.
Shikasta lockert seine Bindungen an Canopus, das galaktische Weltreich, von dem es so friedlich-fruchtbar kolonisiert wurde, und öffnet sich dem schlechten Einfluß von Shammat, einem "kriminellen" Planeten aus dem Milchstraßen-Imperium Puttiora. Den Shikasta-Bewohnern geht die "SOWF" ("substance-of-we-feeling") aus, der lebenswichtige Gemeinschaftsgeist. Sie beginnen sich "mit sich selbst als Individuen zu identifizieren" -- Symptom der "Krankheit der Degeneration".
Sie fangen an, einander und die Natur auszubeuten, führen Kriege, zerstören ihre Umwelt, lassen sich antreiben von "Gier, Gier, Gier".
Luft und Wasser werden vergiftet, Tierarten ausgerottet. Massenarbeitslosigkeit breitet sich aus, Jugendbanden schwellen zu Jugendarmeen an, Vandalismus grassiert, die Großstädte werden S.204 unbewohnbar. Der weißen Rasse, die lange Zeit über den größten Teil des Planeten geherrscht hat, drohen die farbigen Völker der "südlichen Kontinente" mit Vergeltung. Und bei alledem wird immer weiter gerüstet, "Waffen türmen sich auf Waffen".
Canopus schickt Botschafter nach Shikasta, die, in Shikastanergestalt, die Bewohner des Planeten vor der kommenden Katastrophe warnen und wenigstens einige aus ihr retten sollen. Verstanden werden ihre Warnungen nur von wenigen, am ehesten noch von jenen, die ihren Artgenossen als "verrückt" gelten, als "Stimmen" hörende Schizophrene.
Der globale Holocaust, in Shikastanersprache "Dritter Weltkrieg" genannt, ist unaufhaltsam. Aber er hinterläßt, dank Canopus-Vorsorge, tatsächlich genug Überlebende. Und nun blüht neues, friedlich-genügsames Leben aus den Ruinen, herrscht auf Shikasta wieder eitel Harmonie. Zu sehen ist da beispielsweise, wie sich ein Jaguar einträchtig einer Schafherde gesellt.
Zu sehen, zu lesen ist diese Apokalypse mit Happy-End in einem neuen Roman von Doris Lessing, der kürzlich in den USA erschienen ist: "Shikasta".
( Doris Lessing: "Shikasta". Verlag ) ( Alfred A. Knopf, New York; 368 Seiten; ) ( 10,95 Dollar. )
Mit diesem Werk hat die englische Schriftstellerin eine erstaunliche literarische Wendung vollzogen: Nach 23 Büchern von überwiegend realistischgesellschaftskritischer Art, die sie berühmt und zur Nobelpreis-Anwärterin gemacht haben, ist Doris Lessing in ihrem 60. Lebensjahr auf einen phantastisch-utopischen Trip gegangen.
Sie selbst nennt das, was sie mit "Shikasta" geschrieben hat und fortan schreiben will, zwar nicht Science- aber "Space-fiction", Weltraumliteratur -eine Literatur, die ihr, so meint sie, "einen größeren Spielraum mit umfassenderen Möglichkeiten und Themen" eröffne.
Deutsche Leser werden auf die neue Lessing allerdings noch warten müssen. Sie haben gerade erst die alte richtig zur Kenntnis genommen.
Noch 1976 hatte die "Süddeutsche Zeitung" Grund zu der Klage, die Lessing werde wohl "bei uns in den gleichen Sackgassen des Unverstands und der Echolosigkeit landen wie andere englische Autorinnen von Rang".
Durchdringendes Echo bei deutschen Lesern fand Doris Lessing erst 1978, als Goverts ihr Hauptwerk "Das goldene Notizbuch" herausbrachte -16 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in England. Daß es so spät doch noch auf deutsch erscheinen konnte, verdankte es dem gerade aktuellen Interesse an Frauenliteratur. Der vielschichtige, keineswegs nur feministisch S.205 zu verstehende Roman wurde von der Literaturkritik hoch gelobt (SPIEGEL 2/1979), Goverts verkaufte rund 20 000 Exemplare.
Seit diesem Erfolg bemühen sich deutsche Verlage schon fast übereifrig um das Lessing-OEuvre. Goverts präsentierte den Roman "Die Memoiren einer Überlebenden", Klett-Cotta den Erzählungsband "Der Mann, der auf und davon ging" (dem ein zweiter Band Erzählungen demnächst folgen soll). In diesem Frühjahr bringt wiederum Goverts eine Neuausgabe des Lessing-Erstlings "Afrikanische Tragödie" auf den Markt. Der Ruf der Engländerin mit dem großen deutschen Namen ist in Deutschland endlich etabliert.
Den Namen hat die in Rhodesien aufgewachsene Offizierstochter von ihrem zweiten Mann Gottfried Anton Nicolai Lessing, einem nach Afrika emigrierten deutschen Kommunisten, von dem sie 1949 geschieden wurde. Seit damals lebt sie in London.
Ihre Werke zeichnen sich mehr durch intellektuelle Energie und moralisches Engagement als durch ästhetischen Glanz aus. Thema und "message", These, sind der Autorin zumeist wichtiger als sprachlicher Feinschliff. Zu erkennen ist das in den neuerdings ins Deutsche übertragenen Büchern so gut wie in ihrer Neuerscheinung "Shikasta".
Abzulesen ist diesen Werken aber auch, daß Doris Lessings Hinwendung zur "Space-fiction", ihr Aufbruch in utopische und phantastische Spielräume der Literatur, so ganz von ungefähr doch nicht kommt.
In den "Memoiren einer Überlebenden" malt sie eine nahe Zukunft des zivilisatorischen Zerfalls an die Wand. Zeitgenössische Krisenphänomene wie Umweltverpestung und Jugendkriminalität werden in ein Katastrophen-Futur fortgeschrieben: Ende der "Epoche des Überflusses".
In dem Band "Der Mann, der auf und davon ging" handelt eine Erzählung von Abgesandten eines anderen Planeten, die die Einwohner einer irdischen Großstadt vor einer kommenden Erdbebenkatastrophe zu warnen versuchen -- vergebens (zunächst), denn die Erdbewohner leiden an der Unfähigkeit, aus dem Wissen um Gefahren, die ihnen drohen, die notwendigen Konsequenzen zu ziehen.
Diese menschliche Harthörigkeit gegenüber Unheilsprophezeiungen ist ein Leitmotiv der Erzählerin, die nach einem (kritisch gemeinten) Wort ihrer amerikanischen Kollegin Joan Didion "im Dienste unverzüglicher kosmischer Reform schreibt".
Angeschlagen hatte Doris Lessing dieses Motiv auch schon in "The Four-Gated City", dem letzten Band ihres Romanzyklus "Children of Violence", der noch nicht ins Deutsche übersetzt ist, sowie in dem ebenfalls noch S.207 unübersetzten Schizophrenie-Roman "Briefing for a Descent Into Hell" (Anweisung für einen Abstieg in die Hölle).
Ein anderes Hauptmotiv Doris Lessings, das im übrigen dem Thema der menschlichen Blindheit gegenüber desaströsen Endzeitzeichen korrespondiert, ist das Scheitern der Linken. Im Erzählwerk dieser Schriftstellerin, die 1956, nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch die Sowjets, aus der britischen KP austrat, figurieren immer wieder enttäuschte, an der Sache des Sozialismus zweifelnde Linksintellektuelle.
Schon das "Goldene Notizbuch" handelt (auch) von solcher Frustration. In der besten Erzählung des Bandes "Der Mann, der auf und davon ging" leidet an ihr der Journalist Orkney. Angewidert von der "alten Geschichte gegenseitiger Beschuldigung und Spaltung der Sozialisten" wendet sich Orkney vom politischen Engagement ab -neuer Religiosität zu: "Die Dinge standen zu desolat, die Zukunft der Menschheit hing davon ab, inwieweit die Menschheit fähig war, neue Formen der Intelligenz zu erreichen."
All diese Motive werden nun, in neuer Form, von der "Shikasta"-Autorin fortgesponnen. Doris Lessing hat ihren Zukunftsroman -- mit beträchtlicher Intelligenz, Phantasie und nicht ohne Witz -- als eine Studienzwecken dienende Materialsammlung aus dem Staatsarchiv des Sternenweltreichs Canopus angelegt. Sein "ollständiger Titel lautet auf deutsch etwa: Canopus in Argos: " " Archive. Betr.: Kolonisierter Planet 5, Shikasta. " " Persönliche, psychologische, historische Dokumente zum " " Inspektionsbesuch von Johor (George Sherban), Botschafter " " (Dienstgrad 9), 87. in der Periode der Letzten Tage. "
Den größten Teil des Buches machen die Berichte des Canopus-Emissärs Johor aus, der auf Erden als kluger Menschenführer George Sherban wandelt. Daneben stehen etwa das Tagebuch einer hellsichtigen Schizophrenen, eine Typologie von Terroristen-Lebensläufen, Auszüge aus canopäischen Geschichtswerken.
Fakten und Mythen der Erd- und Menschheitsgeschichte wie Sintflut und Eiszeit, Evolution und Religion werden aus Canopus-Sicht in reizvoller Verfremdung geschildert. Die Lage kurz vor dem Dritten Weltkrieg: Sowjet-Union samt Satelliten (darunter Afghanistan) und Westeuropa sind von den Chinesen überrannt; in England werden die Lebensmittel knapp; auch die Fische der Arktis sind schon vergiftet; in Griechenland findet ein Schauprozeß gegen die Weißen statt; "die Jugendarmeen marschieren".
Ihre "alte Geschichte" vom Scheitern der Sozialisten setzt Doris Lessing in "Shikasta" mit einer beißenden Satire über eine internationale Konferenz linker Jugendfunktionäre fort: Das der "allgemeinen Verbrüderung und dem Austausch von Information und Liebe und Goodwill (und so weiter und so weiter)" gewidmete Treffen mißrät unter dem Austausch ideologischer Phrasen zur allgemeinen Entzweiung, zur grotesk-heillosen Spalternativszene.
Das Heil, so lautet am Ende die Botschaft Johors -- und wohl auch seiner Autorin --, das Heil hat diese Welt nicht mehr von "Politik" zu erhoffen, "einer der stärksten falschen Ideen jener Epoche", noch von "Wissenschaft, der jüngsten der Religionen, so fanatisch und starr wie sie alle".
Hoffnung kommt allenfalls aus der "ewig regenerativen, heilenden Kraft der Natur". Und vielleicht noch aus einer anderen Quelle: "Ich setze hier das Wort Glauben hin. Nach reiflicher Überlegung. Mit Vorsicht ..."
Doris Lessing, eine Autorin für Grüne und Gottsucher? Ihr letztes Wort ist das jedenfalls nocht nicht. "Shikasta", so erklärt sie im Vorwort, sei nur der erste einer ganzen Reihe geplanter Canopus-Romane. Der zweite, "Die Ehen zwischen den Zonen Drei, Vier und Fünf", erscheint bereits im Mai -- "ein Märchen oder eine Sage".
Sie halte nichts von der Unterscheidung zwischen "seriöser" und Sciencefiction-Literatur, sagt sie selbstbewußt. "Space- und Science-fiction bilden den frischesten Zweig der heutigen Literatur."
In der neuen Blüte dieses Genres sieht sie ein Zeichen dafür, daß der menschliche Verstand wieder einmal "zu expandieren gezwungen" sei: "Diesmal sternenwärts, galaktisch, und wer weiß wohin das nächste Mal."
S.207
Canopus in Argos: Archive. Betr.: Kolonisierter Planet 5, Shikasta.
Persönliche, psychologische, historische Dokumente zum
Inspektionsbesuch von Johor (George Sherban), Botschafter
(Dienstgrad 9), 87. in der Periode der Letzten Tage.
*
S.204 Doris Lessing: "Shikasta". Verlag Alfred A. Knopf, New York; 368 Seiten; 10,95 Dollar. *

DER SPIEGEL 8/1980
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