14.04.1980

Schultz-Gerstein über Lea Fleischmann: „Dies ist nicht mein Land“

Flucht vor dem amtlichen Leben Lea Fleischmann, 1947 in Ulm geboren, war mehrere Jahre Lehrerin an deutschen Schulen, bis sie 1979 nach Israel auswanderte.
Der bloße Blick auf den Buchdeckel scheint schon auszureichen, um den Inhalt zu kennen. "Dies ist nicht mein Land", heißt der Titel, der Untertitel: "Eine Jüdin verläßt die Bundesrepublik".
Da stellen sich ganz mechanisch gelangweilte Erwartungen ein: Die Autorin wird den häßlichen Deutschen die Leviten lesen, sie wird ein Land beschreiben, in dem ein NSDAP-Mitglied das höchste Amt im Staate bekleidet, ein Land, in dem sich seit dem Dritten Reich im Grunde nichts geändert und in dem sie es als Jüdin schließlich nicht mehr ausgehalten hat.
Und als deutscher Leser wird man bei der Lektüre untertänigst ein schlechtes Gewissen bekommen, weil die Autorin eben Jüdin ist.
Die Reaktionen auf Lea Fleischmanns Buch bestätigen nur die Ahnung, daß hier einmal mehr das von gegenseitiger Ignoranz bestimmte deutsch-jüdische Ritual abläuft, bei dem die Rollenverteilung -- hier die jüdische Autorin als historisch verfolgte Unschuld, dort die deutschen Leser als historisch schuldige Verfolger -von vornherein und wie gehabt festliegt.
Ob "Stern" oder "Frankfurter Rundschau", "Rheinischer Merkur" oder "Hamburger Abendblatt", immer wurde Lea Fleischmanns Porträt der alltäglichen Bundesrepublik nur der Jüdin zugute gehalten, die, "vom Trauma der nationalsozialistischen Vergangenheit belastet", zwar "einseitig, ungerecht" über die Deutschen urteilt und dabei "vieles Positive in diesem Land übersieht", der man aber, ebenso bewährten wie bequemen Schuldgefühlen folgend, das Recht zur Unausgewogenheit "beklommen" einräumt.
Um so überraschender, wenn man dann feststellt, daß Lea Fleischmann sich in ihrem Buch jenseits offizieller Moral-Positionen bewegt, daß sie nicht mit jüdischem KZ-Schicksal bei den allzu wiedergutmachungswilligen Deutschen hausieren geht, die ihr bis obenhin stehen.
Sie hält sich einfach an ihre Erfahrungen, die sie als Pädagogik-Studentin und Lehrerin in der Bundesrepublik der siebziger Jahre gemacht hat. Sie erzählt von hochoffiziellen Lehrerkonferenzen mit Tagesordnung und Protokollführung, auf denen ungelöste Probleme der Tafelreinigung oder der Genehmigungspflichtigkeit von Klassenausflügen stundenlang einer Lösung zugeführt werden; sie berichtet von Verordnungen und Erlassen der vorgesetzten Behörde, die vom Lehrplan bis zur Art des Papiers, auf dem Klassenarbeiten zu schreiben sind, alles amtlich regelt und jeder individuellen Regung der Lehrkraft vorbeugt.
Aber wo auch immer Lea Fleischmann diesen tödlichen Hang zu endgültigen Bestimmungen antrifft, wo auch immer sie mit deren emsigen Vollstreckern zu tun bekommt, ob in der Frauenbewegung, wo "die Benachteiligung der Frau gründlichst aufgearbeitet" und lückenlos bis zur "Benachteiligung auf der Toilette" nachgewiesen wird, ob in der Kommunikationstrainingsgruppe, wo ein errötender Jüngling mit ihr Blickkontakt aufnimmt, wie es die Übung zur Beseitigung von Kommunikationsstörungen auf Seite 47 des Lehrbuchs vorschreibt, mehr als über die Pawlowsche Folgsamkeit ihrer deutschen Kommilitonen und Kollegen ist sie entsetzt darüber, daß sie sich genauso kleinkariert und selbstvergessen verhält.
Und eben daraus resultiert das mal naiv anarchische, mal spöttisch kleinlaute Temperament dieses Buches, daß Lea Fleischmann in den von Paragraphen, Dienstvorschriften und Zuständigkeiten ferngesteuerten Verhaltensweisen der deutschen Lebensroboter, die ihr von Herzen fremd und zuwider sind, weil sie nur ein Gefühl, nur die Angst kennen, womöglich nicht zu funktionieren, dennoch ständig sich selber wiedererkennen muß.
Der Mangel an Großzügigkeit und die fehlende Bereitschaft oder Lust zu Überraschungen und Risiken, wie sie sich etwa in der freudlos abstrakten Unterwerfung unters Geld widerspiegelt: da kann sie sich nur an den Kopf fassen; aber sie selber trägt eben auch jede Mark aufs Sparbuch, statt fürstlich essen zu gehen. Lakonisch klärt sie sich selber auf: "Unmerklich wurde ich ärmer und mein Sparbuch reicher."
Nicht anders ergeht es Lea Fleischmann im Schulalltag. Auf ihrem Lehrplan ist das "Richtlernziel" "Selbst- und Mitbestimmung des Schülers" vorgeschrieben mit nachfolgenden Anordnungen der Grob- und Feinlernziele. Voll Unverständnis tippt sie sich erst mal an die Stirn: "Man drückt mir Lehrpläne in die Hand, damit ich das beibringe, was auf den Lehrplänen steht, und die Schüler sollen selbst bestimmen."
Nichtsdestotrotz kommt die innerlich rebellierende Mitläuferin artig ihren schwachsinnigen Pflichten nach, läßt die Schüler "Gewerkschaft", "Arbeitgeber", "Arbeitnehmer" in die Hefte schreiben und die Einzelgewerkschaften auswendig lernen, bis sie sitzen. Zum Abschluß folgt eine Klassenarbeit: "Und alle Schüler haben Mitbestimmung gelernt."
Entmutigt und taub gegen ihr von den Eltern geprägtes Lebensgefühl, das keine für alle gefälligst gültigen Maßstäbe und keine gesetzlichen Vorschriften für richtig und falsch ohne Ansehen der Person kennt -- "Meine Mutter sagte immer: 'Mach, wie du es verstehst, mehr als einen Fehler kann man nicht machen" --, so, wider ihre besseren, menschenfreundlichen Empfindungen, macht Lea Fleischmann in der Bundesrepublik Beamten-Karriere.
Und da sie schon einmal dabei ist, heiratet sie auch in Gottes Namen S.242 noch, bekommt Kinder, wünscht sich ein Haus: "Ich richtete mich auf Endgültiges ein."
Aber je länger sie ihre Beamten-Existenz fortschreibt, desto heftiger drängt sie aus ihr heraus, zumal nun auch noch ihre Verfassungstreue, das heißt ihre Tauglichkeit zur stumpfsinnigen Lehrer-Marionette überprüft wird, die eisern und blindlings auf dem Paukboden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht.
Daß sie bei vollem Bewußtsein an dem "sinnlosen Geschwätz um irgendwelche Zuständigkeiten" teilgenommen, daß sie fünf Jahre lang einen Unterricht erteilt hat, der noch den Ungehorsam als Vorschrift lehrt, daß sie gewissenhaft bis zur Gewissenlosigkeit den geltenden Bestimmungen folgte, das mußte Lea Fleischmann um so heftiger aufrühren, als ihre Familie, die im Konzentrationslager ermordete Großmutter, die von den Nazis gefolterten Eltern, Opfer eben dieser Gesetzestreue geworden waren, die lebendige Menschen nicht vorsieht.
Am freiwilligen Ende ihrer unfreiwilligen Beamtenlaufbahn findet sie sich in einer Berufsschule wieder. Sie muß mit den Lehrlingen üben, wie ein Geschäftsbrief auszusehen hat: links oben Firma oder Name, rechts oben Adresse ...: "Das kann man üben, das kann man lernen, da kann der Lehrer zeigen, wie man es richtig macht. So muß es sein und nicht anders. Keine Rechtschreibfehler, das macht einen schlechten Eindruck ..."
Und unvermittelt zitiert Lea Fleischmann das Musterbeispiel des korrekten Geschäftsbriefes, den zu lehren ihre Aufgabe ist: "Links oben: Kommandantur Konzentrationslager Auschwitz, rechts oben: Auschwitz, den 15. August 1942. Betreff: Erschießungen von Häftlingen auf der Flucht. Betreff ist unterstrichen, wie gelernt."
Lea Fleischmann kündigte, sie verließ 1979 die Bundesrepublik und ging nach Israel.
Wie einem in diesem Land der Lebensatem knapp werden, wie einem Lust und Laune und Hoffnung vergehen kann unter Menschen, die noch, wie die Hebamme im Kreißsaal, die Schmerzensschreie der gebärenden Mutter mit einem aufsichtsführenden "Benehmen Sie sich anständig, Sie sind nicht die erste Frau, die ein Kind bekommt" quittieren, davon handelt Lea Fleischmanns Buch.
Um es bei den Deutschen nicht auszuhalten und dieses Buch zu schreiben, mußte sie freilich nicht Jüdin sein, sondern nur das Bedürfnis nach Menschennähe und Großherzigkeit haben. Das aber gilt hierzulande als derart anomal, daß die deutschen Rezensenten in Lea Fleischmanns Buch eben nur den Ausdruck jüdischer Spezial-Empfindsamkeit zu lesen vermochten.
Von Christian Schultz-Gerstein

DER SPIEGEL 16/1980
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