18.02.1980

KÜNSTLERWie die Narren

Briefe des Malers Paul Klee werfen neues Licht auf seine Wandlung im Ersten Weltkrieg.
Am 30. Januar 1933 war der Künstler Paul Klee erleichtert. Der Ernennung des neuen Reichskanzlers gewann er gute Seiten ab: Adolf Hitler habe in der Regierung "kaum die ''halbe'' Macht", und eine parlamentarische Mehrheit werde das Kabinett nur finden, "solange es nicht rein radical zu regieren versucht". Kurz: "Damit wäre trotz des Ereignisses die Abschwächung der vor einem halben Jahr viel größeren Gefahr Tatsache."
Daß freilich "dem Ganzen je zu helfen sei", mochte Klee damals "nicht mehr" glauben, da "das Volk zu ungeeignet für reale Dinge" sei. Seiner Frau Lily im Harz-Kurort Braunlage ("zeitgemäße" Klee-Schreibweise: "Braunlache") meldete er außerdem noch Regenwetter und einen mehrtägigen "gelinden Zeichenrappel".
Zwei Tage später, beim nächsten Brief an Lily, hatte Klee bereits ("Hut ab]") einen "Hitlerischen Studienrat" zum Vorgesetzten und verspürte Magendruck wie von einer "Schaumweinorgie", die "allzu zackelfugig" gewesen sein müsse; ein Wortscherz mit "Fackelzug".
Paul Klee (1879 bis 1940), als Maler und Zeichner eine bewegende, beunruhigende, mit Stilbegriffen nicht etikettierbare Schlüsselfigur der modernen Kunst, konnte der Politik nicht entkommen. In der Schweiz geboren, doch S.209 zeitlebens deutscher Staatsbürger, erlebte er 1933, daß in Dessau, wo er bis 1931 am Staatlichen Bauhaus gelehrt hatte, Nazis seine dort noch beibehaltene Wohnung durchsuchten, und wurde wenig später in Düsseldorf aus seiner Akademieprofessur entlassen.
Daß er, sogar in solchem "Ungemach", mäßiges Interesse am Zeitgeschehen, vielmehr Distanz und Ironie zur Schau trug, das ist auch eine (nicht grundsätzlich neue, aber um viele Nuancen bereicherte) Charakteristik, die sich nun aus Klees privaten Briefen herauslesen läßt.
Dieses Material liegt in einschüchternder Fülle vor. Zwei dicke Bände hat Klee-Sohn Felix, 72, als Herausgeber mit jener "Familien"-Korrespondenz gefüllt, die sein Vater unter anderen an ihn, an die eigenen Eltern, vor allem jedoch an Frau Lily gerichtet hatte.
( Paul Klee: "Briefe an die Familie". ) ( DuMont Buchverlag, Köln; 2 Bände; ) ( zusammen 1348 Seiten; 148 Mark. )
Die drei Jahre ältere Arzttochter und Pianistin Lily Stumpf war dem Kunststudenten Paul Klee 1899 in München begegnet und als "prachtvolle Partnerin" zunächst bei der Hausmusik liebgeworden ("Wir spielen Bach, daß es nur so kracht"). In sechsjähriger Verlobungszeit (Heirat 1906) und späteren Perioden der Trennung, so durch Reisen Klees und Kuren Lilys, schrieb der Künstler ihr derart oft und ausgiebig, daß die nachträgliche Gesamtlektüre einiges an Geduld erfordert.
So unregelmäßig sich Klees Vita demnach in diesen Briefen dokumentiert, so bunt wechseln die Gegenstände zwischen Aufschlußreichem und Banalem: Opernabende und Wohnungssuche, Schwangerschaftsbefürchtungen ("Also nixbaby, Gott sei Dank ..."), Geldprobleme und Katzengeschichten. Laut Personenregister ist beispielsweise Klee-Kollege Kandinsky 59mal erwähnt, Klee-Kater Bimbo aber 66mal. Speisen und Getränke sind ein Dauerthema, nicht ohne gelegentlichen Hinweis auf ihre höheren Zwecke -- etwa auf die "mordsmäßige ästhetische Energie", die im Champagner stecke, oder auf den Umstand, daß "Blumenkohl und ein Kalbsschnitzel, innen rosig ... auf mich geistig anregend" wirken.
In erstaunlich bitteren Tönen schildert der jung Verlobte (1901) seiner Braut das "leider etwas düstere Milieu" daheim in Bern. Vom Vater, einem "schwachen Menschen", den er trotzdem "gern hat", steigt die "Empfindungsskala hinab zum tiefsten Haß"; über die Mutter viel zu sagen, "wäre zu sehr wider die Sitte", zwei reiche Tanten sind "traurige Nullen". Andererseits erweist sich auch Lilys Vater, dem ein Künstler-Schwiegersohn nicht paßt, als "Parvenu" und "Dutzendmensch".
Um diese Zeit müht sich Klee als Graphiker um karikaturhafte Symbolfiguren ("Weib und Tier", "Drohendes Haupt"), und die "Grundstimmung" seiner Arbeit ist entschieden "satirisch". Ohne "diabolischen Genuß", schreibt er 1906, "entsteht bei mir noch immer nichts".
Ergiebiger allerdings als derlei vereinzelte Bemerkungen zu seinem Werk ist ein Konvolut von Briefen und Postkarten, die Klee etliche Jahre später Lily, nun seiner Ehefrau, an den gemeinsamen Wohnsitz in München geschrieben hat.
Im Ersten Weltkrieg war Klee 1916 zwar nicht an die Front, doch zum Etappendienst einberufen worden, hatte also wieder Grund zu regelmäßiger Korrespondenz. Sie spiegelt entscheidende Erschütterungen und Wandlungen und modifiziert so auch das vorherrschende Bild vom abgeklärten Künstler Klee, den Zeitgeschichte wenig anzugehen schien.
"Die Zeit ist nicht leicht, aber voller Aufschlüsse", schreibt er im Herbst 1917 aus Gersthofen bei Augsburg und fragt rhetorisch, "ob meine Kunst bei gelassenem Weiterleben auch so schnell emporgeschossen wäre". Nein: "Ein leidenschaftlicher Zug in der Verklärung ist doch mit Produkt des äußeren Erlebens."
In diesem Punkt ergänzen die "Briefe an die Familie" eine andere aktuelle Klee-Publikation: den Katalog zu der bedeutenden Ausstellung von Klees Frühwerk, die -- Schlußpunkt weltweiter Schau-Aktivitäten im Jahr des 100. Künstler-Geburtstags, noch bis 2. März in der Münchner Städtischen Galerie gezeigt wird.
( Katalog 560 Seiten; 28 Mark. )
Das dickleibige Werk macht mit Klees sämtlichen Briefen an seinen Künstlerkollegen Alfred Kubin auch wichtige Kriegs-Worte publik ("Es scheint Schicksal zu sein, und also gut für meine Kunst"); mehrere Aufsätze klären Klees Verstrickung in das Zeitgeschehen.
Klee hatte, erst in Landshut, dann in Gersthofen, "ein einigermaßen gebildetes Dasein" und konnte halbwegs regelmäßig "ein bißchen malen, etwas geigen". Neben weisen Reflexionen über das Verhältnis der Geschlechter ("Hauptvorzug der Ehe: sich von Frauen ganz zurückzuziehn") ließ er Lily kunstmarktstrategische Instruktionen und Abrechnungen zukommen. Denn während der Krieg andauerte, wuchsen des Malers Renommee und seine Verkaufserfolge.
Auf patriotisches Säbelrasseln war das nicht zurückzuführen, Klee sah auf Gelassenheit und auch darauf, daß "mit Gefühlen jetzt mehr Maß gehalten wird". Darin, zum Beispiel, hatte er sich von vornherein vom Münchner Expressionisten Franz Marc und dessen Schicksalsergriffenheit abgesetzt.
Klee wurde Marcs Gegenspieler und zugleich sein Erbe. Die Nachricht von Marcs Soldatentod kam gleichzeitig mit Klees Einberufung, trug aber zu einer Order bei, die Münchner Künstler zu schonen, und hat so wahrscheinlich Klee vor der Front bewahrt. 1917 feierte ihn der Dichter Theodor Däubler als "bedeutendsten Maler der expressionistischen Richtung" seit dem Tode Marcs. Anlaß: eine Berliner Klee-Ausstellung, die sich auch (so Klee an seine Frau) "zu einem großen finanziellen Erfolg" auswuchs.
Den Erfolg hatten Aquarelle und Zeichnungen, in denen Klee etwas vom S.211 Stil der Kinder-Kunst aufnahm. Versuche mit Kriegsmotiven (wie den "Tod für die Idee", 1915) hatte er bald aufgegeben; Kriegs-Wirklichkeit schien nur um so entschiedener die autonome Künstlervision zu fördern -- und auch den Publikumsbedarf dafür. Kunstvereine wurden in mehreren deutschen Städten gegründet, für Klee die "emporschießenden Pilze der neuen Zeit" und jedenfalls "das Gegenteil von dem, was sich die deutschen Dunkelmänner vom Krieg erhofften".
"Äußerlich", schrieb Klee an Lily, erlebe er wenig. "Und das, was innerlich vorgeht, ist alles für die Kunst reserviert." Ein andermal, "trotz Weltkrieg": "Ich bin tief in die farbige Dichtkunst eingedrungen."
Äußerlich, immerhin, hatte Klee in Gersthofen Fliegerübungen zu beobachten und zu photographieren. Er tat das mit einer Distanziertheit ("Heut fliegen sie wie die Narren"), die an Zynismus grenzen konnte: "Drei Tote, einer wurde vom Propeller bearbeitet, zwei derhuzten sich ... Ein Mensch rausgelöst und bewußtlos fortgetragen ... Ein Kinoeffekt erster Güte." Im gleichen Jahr, 1918, schwärmen spielzeughafte "Vogel-Flugzeuge" über eine Klee-Zeichnung aus.
"Doppelt gemütlich ist nun meine Bude, wenn draußen das Durcheinander herumlärmt", findet Klee noch im November und freut sich über Zusatz-Löhnung vom Soldatenrat. Doppelt erstaunlich dann: der Ernst, mit dem er, Mai 1919, Kubin über das Ende der bayrischen Räterepublik ("Ein erschütternder Zusammenbruch einer im Grunde sittlichen Bewegung") ins Bild setzt.
Bei "Überprüfung der subjektiven Existenz-Möglichkeiten in einem solchen Gemeinwesen" kommt Klee zu dem Resultat, was bei Künstlern "Ewigkeitswerten zustrebt, das würde im kommunistischen Gemeinwesen eher Förderung erfahren können". Schon 14 Jahre vorher allerdings hatte er sich, ausgerechnet bei Oscar Wilde, die Information geholt, daß der Sozialismus zum Individualismus führen solle.
Als dann aber im Juni 1919 doch noch keine rechte Ruhe in München herrschte, war Klee wieder irritiert. Nach Bern, wo er die Eltern besuchte, hatte ihm seine Frau von einer Haussuchung geschrieben; er schrieb zurück: "Was wollen die bei mir? Bilder anschauen, die sie doch nicht schön finden??"
1933 erübrigten sich solche Fragen. Klee richtete sich darauf ein, es werde lange dauern, bis sein "Zeichenrappel" einmal "als Culturgeschichte und Kunstgeschichte beachtet wird, und bis dann vielleicht niemand mehr, ohne im Lexikon nachzuschlagen, sagen kann, wer eigentlich der große Hitler war".
S.209 Paul Klee: "Briefe an die Familie". DuMont Buchverlag, Köln; 2 Bände; zusammen 1348 Seiten; 148 Mark. * Katalog 560 Seiten; 28 Mark. *

DER SPIEGEL 8/1980
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