18.02.1980

Versorgung, Verkabelung, Fahndung

Freimut Duve über den Atom-Thriller „Das China Syndrom“ Freimut Duve, 43, ist Publizist, Herausgeber der Reihe rororo aktuell und Hamburger Bundestagskandidat der SPD, deren ökologischem Flügel er angehört.
China Syndrom" ist ein Film über ein Beinah-Ereignis, und es ist ein Film über dessen Vermittlung im Fernsehen. Ein Film über den radikalen Verlust der Wirklichkeit. Natürlich ist es auch ein Film über den Journalisten als Helden und über den amerikanischen Traum, im entscheidenden Moment Gut von Böse präzis und ein für allemal unterscheiden zu können -- was Richard Nixon ja tatsächlich das Amt gekostet hat.
Dieser Tage gab es wieder Nachricht vom verseuchten Kühlwasser im Harrisburg-Reaktor. Wer den Film "China Syndrom" gesehen hat, kann solche Nachrichten -- und sie werden sich häufen, wie sich die Atommeiler häufen werden -- besser verstehen. Also der spannende Film über einen Atomunfall, der die Beinah-Katastrophe vorwegnahm?
Wäre "China Syndrom" nur das, den Kernkraftskeptikern wäre geholfen. Denn es bleibt doch haften, daß die Atomkraft zwar von anständigen, ordentlichen, gesetzestreuen Menschen beherrschbar ist, daß sie aber ganz Süd-Kalifornien bedrohen kann, sobald sie in die Hände von Leuten gerät, die es auch nur mit der Röntgenaufnahme einer Minischweißnaht nicht ehrpusselig genau nehmen. Mogler und Gangster aber gibt es nur im Film, und da rettet Jane Fonda.
Der Zürcher TH-Professor Theo Ginsburg schätzt fürs Jahr 2050 einen Weltbesatz von 25 000 Atommeilern. Davon vielleicht 8000 in der Dritten Welt. Mogler, Pfuscher, Gangster gibt es nur im Film. Aber 2050 sind Erhard Eppler und Jane Fonda längst tot.
Die Meiler sieden ihr Kochwasser dann im Mato Grosso, in Uganda (beim Urenkel von Idi Amin) oder in Bangladesch. Ein China Syndrom, also ein Reaktorunfall, pro Jahr ist dann, statistisch, garantiert. Natürlich wird aus dem Beinah-Syndrom nur dann das alljährliche Schmelzhappening, wenn Jane Fonda keine tapferen Enkeltöchter und das Privatfernsehen in Uganda keine todesmutigen Direktoren hat.
Darum ist "China Syndrom" vor allem ein Film über jene Megamaschinen, ohne die unsere Umwandlung in die passiven Zuschauermenschen nicht gelingen kann, die das künftige Energiezeitalter braucht, KKW, TV und Polizei müssen Hand in Hand arbeiten, sonst ist das Gefährdungspotential unbotmäßiger Bürger nicht zu bändigen.
Das Kühlwassersystem eines Atomkraftwerks gerät während der PR-Reportage eines Fernsehteams außer Rand und Band. Der Kameramann, ohnehin skeptisch gegen die Atombosse, dreht heimlich mit, was da Aufregendes im Kontrollraum passiert. Aber was wirklich passiert, kann er selbst nicht deuten. An den Schalttafeln im Kontrollraum gehen Lichtflächen an und aus, eine rasende Lichtschalterei wie am Flipper.
Die Techniker, von der Kamera aufgenommen, ohne daß sie es wissen, S.212 scheinen ziemlich nervös -- hören allerdings kann das TV-Team nichts, die Besucherscheibe ist zu dick.
Erst Fachleute bestätigen, nachdem sie den mitgedrehten Film begutachtet haben, einen ernsten Zwischenfall. Die KKW-Firma versucht, den Vorfall herunterzuspielen, die Untersuchungskommission wird sanft beschwindelt. Die Anlage soll wieder ans Netz gehen. Dagegen geht der heimlich gedrehte Film nicht über den Sender. Es gibt Kontakte zwischen TV- und KKW-Chefs, und für die Atomlobby steht zuviel Geld auf dem Spiel.
Einer im Werk aber wacht auf. Jack Godell (Jack Lemmon) ist bereit, Material herauszugeben, setzt sein Leben ein, um die Öffentlichkeit vor dem defekten Werk und der korrupten Werksleitung zu warnen -- übers Fernsehen. Die Reporterin (Jane Fonda) gibt trotz seiner Erschießung vor den Kameras (er wird als vermeintlicher Amokläufer denunziert und unschädlich gemacht) nicht auf, die Schurkerei hat ein dramatisches Ende.
Also Kino: der Nuklearwestern mit Verfolgungsjagd über den Highway, Gangstermord und Edlentod. China Syndrom als Thriller, dann ist Kernkraft wahrlich nicht gefährlicher als das brennende Hochhaus oder der menschenfressende Hai.
Als am Schluß die Kamera durch eine Stahlzange vom Übertragungswagen abgeschnitten wird, als keine Verbindung mehr zwischen Reaktorinnerem und Außenwelt klappt, da gibt es für einen Moment die Angst beim Zuschauer, jetzt werden alle abgemurkst, und niemand erfährt je, was drinnen wirklich passiert war. Diese Angst begleitet den Film, sie kann durch keine Jane Fonda und keinen mutigen Lemmon heldisch weggefiltert werden. Sie ist stärker als die Angst vor dem GAU, dem Größten Anzunehmenden Unfall.
Es ist die Angst, daß zweite, dritte und vierte Fernsehgenerationen Fakten von Fiktion zu unterscheiden nicht mehr gelernt haben; die Angst, es könnten künftig Menschen mit dieser Unterscheidung nichts mehr anfangen.
Was wirklich im KKW passiert -was wirklich im Harrisburg-Reaktor passiert ist --, das erzählen Anzeigentafeln, Lichtzeichen, Kurvenschreiber, Hypothesen. Was wirklich passiert war, versucht Ingenieur Godell herauszufinden, indem er (werkseigene) Fernsehkameras um die (vielleicht) defekte Turbine -- oder war es eine Pumpe? -aufstellen läßt. Hinein kann ja keiner. Dann läßt er die Anlage hochfahren und beobachtet das Gerät über den Fernsehschirm. Erfahrungen aus zweiter, dritter Hand.
Aber auch seine Kameras stellen nur fest, daß die Pumpe ganz fürchterlich wackelt, und das macht den Beinah-Unfall aus. Aber Godell hat ein "Vibrieren gespürt". Er besteht auf diesem "Spüren", auf seinem Gefühl, läßt sich nicht durch die Kollegen beirren.
Godells Gefühl von der Vibration ist das einzige gezeigte Gefühl des ganzen Films, das einzige nicht entfremdete, nicht über ein Fakt und Fiktion vermengendes Medium vermittelte Ereignis, der eigentliche Unfall, die Klimax des unheilschwangeren Reaktors.
Die Verwandlung des Menschen? In der einzigen "Privat"-Szene des Films unterhält sich Kimberly Wells, die Reporterin, mit ihrer Schildkröte: "Jetzt sind wir zwei ganz allein", und sucht ihr ein Salatblatt. Gleichzeitig bedient sie den Anrufbeantworter, und alle Telephonstimmen des Tages schnattern auf sie ein. Ihr Privatleben auf Tonband.
Das ist nicht Barbarella, das ist ein Mensch aus Fleisch und Blut. Beweis: Sie hat eine Mutter -- aber wir lernen diese Mutter nur kennen durch den Anrufbeantworter, über den Mutters Stimme etwas quäkend die Tochter ermahnt, Papis Geburtstag nicht zu vergessen.
Three Mile Island mag anders verlaufen sein, der durchbrennende Reaktor mag gar nicht bis nach China brutzeln, sondern schon im Grundwasser steckenbleiben. Wer weiß es, wer filmt es? Es mag auch nicht die gesamte, sondern nur die halbe Bevölkerung von Süd-Kalifornien draufgehen oder von Nordniedersachsen. Wer weiß es, wer filmt es? Und die Leute östlich der Alster mögen verschont bleiben, wenn Brokdorf hopsgeht, wie vielleicht die Leute westlich der Alster, wenn Krümmel hopsgeht.
Ob und wie wir verstrahlt sind, kann uns nur das Ticken des Geigerzählers melden. Merken werden wir es entweder gar nicht oder erst nach Wochen. Die im Kabelsystem verdrahteten Menschen der Zukunft werden auch solche Unfälle nur wahrnehmen, wenn sie ihnen vermittelt werden. Ohne Anzeigegerät kein Schaden, ohne Fernsehen keine Katastrophe, ohne Goethe keine Kanonade von Valmy.
Als in Brokdorf und Wyhl demonstriert wurde, da stand die halbe Republik kopf. Das Fernsehen war dabei, die Bürger waren dabei. Lauter kleine Jane Fondas sprachen da in ihre Mikros, in ihre Kameras. Stoltenberg und sein Innenminister machten das Fernsehen für die Demonstrationen verantwortlich. Der Staatsvertrag des NDR wurde (auch) mit der Brokdorf-Begründung aufgekündigt.
Denen war da allzuviel Nähe. Fünfzigtausend Menschen waren da, hatten sich wahrgenommen und konnten zählen und erzählen, wenn die Polizei nur von fünfzehntausend gesprochen hatte.
Heute ist die Grabesstille der TV-Anstalten ausgewogen. Nur wenn Mühlfenzl die Großflächen des Gesichts von F. J. Strauß zeigt, findet noch Leben statt. Ein Reporter, der bei Brokdorf zu nah dran war, ist abgeschaltet worden.
Beim letzten Bundesparteitag der SPD in Berlin forderte Helmut Schmidt die Jungsozialisten auf, sich um die bedrohten Stelzvögel in den Feuchtgebieten zu kümmern. Auch Kimberly Wells wird auf die freundliche Natur verwiesen für ihre Reportagen: Sie berichtet über die Wanderung der Grauwale und über den Geburtstag des Zootigers -- außerdem hat sie, wie gesagt, zu Hause die Schildkröte. Godell hat eine Kletterpflanze am Fenster.
Aber in Amerika scheinen Energie- und Fernsehversorgung privat -- wo bleibt der Atomstaat? Wer ist Staat im "China Syndrom"? Erst schrecken professionelle Killer im Auftrag ihrer Bosse auch vor Mord nicht zurück.
Als aber die Katastrophe da ist, als Jack Godell zur Pistole greift, um die Wahrheit zu erzwingen -- da haben die Sicherheitskräfte sich unmerklich eben in GSG 9 verwandelt -- die Truppe vom raschen Schuß. Rattattatt, rattattatt. Western style altmodisch.
Wo heute gerattert wird, wird morgen gerastert: Wenn erst Kindheit und Jugend sorgfältig und datengeschützt mit einwandfreien Geräten abgerastert worden sind, dann wird es solche Ingenieure vor den Schalttafeln der KKW, dann wird es eine Jane Fonda vor den Kameras des TV nicht mehr geben, Klaus Traube nicht auf dem Chefsessel von Interatom -- Leute, die sich auf das verlassen, was sie fühlen. Störfaktoren können aus solchen Mega-Maschinen sorgfältig ausgerastert werden.
1990 wird "China Syndrom" im Fernsehen wiederholt, dann wirklich S.213 als Western: 1990 sind Jane Fonda und Michael Douglas von ihren Vätern Henry Fonda und Kirk Douglas nicht mehr zu unterscheiden. Altmodische Helden. Filmhelden.
Die Schlußszene verkabelt die drei Zukunftssysteme: Die Fernsehleute legen eine Direktleitung in den Kontrollraum, die Reaktorleute legen diverse Schaltkreisüberbrückungen, um den Reaktor notabzustellen, die MEKs schweißbrennen sich einen Weg in den Kontrollraum: Einschalten, Abschalten, Ausschalten. Hohe Einschalt-, niedrige Abschaltquote, effiziente Ausschaltquote, falls mal einer verrückt spielt.
Der mitspielende Produzent Michael Douglas meint, es sei "ein Film zum Thema Mensch gegen Maschine". Es ist ihm etwas anderes gelungen: den Menschen in der Maschine zu zeigen.
Er gibt vielen Thesen der ökologischen Bewegung recht -- und mag im kalifornischen Milieu auch von ihr beeinflußt worden sein. Es geht nicht nur um die ganz große Explosion, nicht nur um die Verstrahlung der Landstriche und nicht nur um die -- Bauch nach oben -- treibenden Fische. Es geht um die Einfräsung des Menschen in die drei Mega-Maschinen der Zukunft: Energieversorgung, Gehirnverkabelung, Gefühlsfahndung.
Natürlich sitzt man im Kino: "Kimberly Wells live auf Kanal drei", tönt es immer wieder. Gegen dieses "live" war der in die Großräder und ins Gestänge gezwängte Chaplin ein wahrlich quicklebendiger Naturbursche.
S.211 Mit Jane Fonda und Jack Lemmon. *

DER SPIEGEL 8/1980
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