18.02.1980

FILMVerkaufte Brüder

William Friedkins „Cruising“, ein Homosexuellen-Krimi im Sado-Maso-Milieu, erbost amerikanische „Gay“-Aktivisten. Der Film läuft diesen Freitag auf der Berlinale.
Schlagzeilen bekam der Film "Cruising" gleich bei Beginn der Dreharbeiten. Als am 2. August 1979 Regisseur William Friedkin ("Brennpunkt Brooklyn", "Der Exorzist") mit seinem Team und Hauptdarsteller Al Pacino die New Yorker Homo-Kneipe "Cock-Pit" verließ, flogen ihnen Flaschen und wütende Sprechchöre um die Ohren: "Judas] Verkauf deine Brüder für 30 Silberlinge]"
Friedkin hatte 1600 Homosexuelle engagiert, viele von ihnen Angehörige der Leder-Szene und des harten Sado-Maso-Geschwaders, um seine Schwulengeschichte möglichst echt zu gestalten. Aufgebracht durch Attacken gegen das Unternehmen in dem Wochenblatt "Village Voice", machten homosexuelle und lesbische Aktivisten mobil gegen ihre käuflichen Artgenossen und schimpften sie "Verräter, Weichlinge, Spielverderber".
Inzwischen ist "Cruising" (eine Umschreibung für den Strich, für "HWG": häufig wechselnder Geschlechtsverkehr) fertiggestellt. Der Chefredakteur des New Yorker Homo- und Unterhaltungsmagazins "Mandate", John Devere, selbst Leder-Freak und Friedkin-Kleindarsteller, nennt es den "kontroversesten Film, der je über das Schwulenthema gedreht wurde".
Dabei hat der Regisseur, bekannt für seinen Perfektionismus und einschlägig präpariert durch seine Filmversion des Erfolgsstücks "Die Harten und die Zarten" ("The Boys in the Band"), mehr als nur eine authentische, detailgetreue Milieubeschreibung der New Yorker "Gay"-Szene gedreht. "Cruising" zeichnet ein Polizisten-Psychogramm, das Züge zweier früherer Rollen Al Pacinos enthält: des schwulen Bankräubers in "Hundstage" und des Antikorruptionsbullen aus "Serpico". Pacino wird von seinem Chef (Paul Sorvino) angesetzt, in das Homosexuellenrevier zu pirschen und einen Mörder zu suchen, der bereits mehrere Lederboys mit einem Fleischermesser bestialisch killte und zerlegte. Die Handlung folgt einem Roman Gerald Walkers, der eine Serie ungeklärter Schwulenmorde in den USA verarbeitete.
Pacino soll also untertauchen, und sein rüder Vorgesetzter nimmt kein Blatt vor den Mund: "Ist Ihnen schon mal der Schwanz gelutscht worden? ... Hat Ihnen schon mal ein Schwuler den Arsch aufgeheizt?" Aber nichts kann den ehrgeizigen jungen Polizeioffizier schrecken. Er verabschiedet sich von seiner Freundin und verspricht dem Chef, ein unauffälliges Glied der Homogilde zu werden.
Die Szenen in der Sado-Maso-Bar lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Aber Friedkin bringt auch das alte Krimimotiv von der sukzessiven Angleichung zwischen Jägern und Gejagten ein. Zwei Streifenbeamte, durch ihre Stiefel und Lederausrüstung Anbetungsobjekte der observierten Gay-Clique, demonstrieren zum Beispiel, wozu Gummiknüppel taugen. Breit und fies, als sei er einem Crumb-Comic entstiegen, zwingt einer von ihnen eine männliche Leder-Blondine mit Platinperücke auf den Rücksitz des Streifenwagens: "Los, komm, ich will dir meinen Prügel zeigen."
Der eingeschleuste Schein-Schwule fahndet lange auf falschen Fährten, betreibt Bodybuilding, um zur physischen Annäherung an die muskelbepackten Fetischisten zu taugen, und trifft nur noch selten seine junge Freundin zu heterosexuellem Ausgleich. Langsam bewegt er sich wie einer der Homosexuellen, beherrscht ihre Signale (Taschentüchlein als Hinweis auf die jeweiligen Wünsche und Bedürfnisse) und Rituale (geschlossene Partys im todechten Polizisten-Look).
Aber der Häscher registriert beunruhigende Veränderungen bei sich selber: widersprüchliche Gefühle, uneingestandene Reize, unausgelebte Bedürfnisse. Er ist nicht mehr nur der brave Liebhaber seiner Freundin, er spürt, daß er durch die Eskapaden in die schummrige Welt der "Gays" ein anderer wird. Wie sehr anders, bleibt offen.
Die Kette sadistischer Morde reißt nicht ab, doch endlich gelingt es dem getarnten Lockvogel, sich an den Messermann heranzutasten.
Die homosexuellen "Cruising"-Gegner behaupten, der Film beute das attraktive S.216 Milieu, den Sex und die Gewalt kommerziell aus. Ihr Protest hatte Erfolg: Aus Angst vor angedrohten Aktionen ("Smash Gay Opression --Stop 'Cruising']") stornierte eine große amerikanische Kinokette die Premiere.
Pacino dazu, ausgerechnet im "Playboy": "Wenn die Schwulen das Empfinden haben, der Film zeige sie in einem schlechten Licht, dann ist es gut, wenn sie dagegen angehen. Denn alles, was das Bewußtsein in diesem Zusammenhang erweitert, ist in Ordnung."
Schützenhilfe für Friedkin und seinen Produzenten Jerry Weintraub (früher ein Karrieremacher und Manager von Frank Sinatra) kam dagegen von der homophilen Komparserie: "Wenn schon ein Film über Gewalt im Schwulenmilieu, die ja tatsächlich existiert, dann ein wirklich realistischer."
Dem Verleih United Artists (in Deutschland vertreibt die Neue Constantin den Film) machte aber gerade Friedkins ungeschminkter Realismus zu schaffen. Mit besorgtem Blick auf die einflußreiche amerikanische Homo-Lobby verbarrikadierte sich die Firma in einem Positionspapier hinter den "Prinzipien künstlerischer Freiheit" und beteuerte kleinmütig-bombastisch, keineswegs wolle man "den Reichtum und die Vielfalt zerstören, die unseren 'American way of life' einzigartig machen".
Große Worte und viel Lärm um nichts? Das Magazin "Time" vermißt in "Cruising" den wirklich "brillanten Thriller über Sex und Tod", die "Village Voice" bemängelt die Mystifikation des Milieus und den vagen Schluß. Aber beide Blätter attestieren dem Film seine spürbare Sympathie für die Schwulen.
Am vergangenen Freitag lief "Cruising" in 600 Kinos in den USA an, und diesen Freitag wird er sogar schon in Deutschland zu sehen sein: als einmalige Sonderpräsentation bei den Berliner Filmfestspielen.

DER SPIEGEL 8/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Sizilien: Großbrand zerstört Dutzende Autos am Strandparkplatz
  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Hitze in Deutschland: Hier kommt die virtuelle Abkühlung
  • Super-Sandburg in Thailand: Gib mir die Hand, ich bau dir...