18.02.1980

FILMKarriere in der Sauna

„The Rose“. Spielfilm von Mark Rydell. USA 1979. 134 Minuten, Farbe.
Bette Midler als Janis Joplin in "The Rose": Der Star überschreitet die Grenzen der Heldenverehrung, indem er sich mit seinem Idol zu einem Überwesen vereinigt, Kamera und Schnitt registrieren nur noch Höhepunkte.
"Ich möchte eine Legende werden", quengelte die Tochter eines jüdischen Anstreichers aus Honolulu ihren Manager an. Und der befand: "Wenn du wirklich eine Legende werden willst, dann vergeude dich nicht beim Fernsehen. TV ist und bleibt das Medium der Proleten, nur im Film wirst du zu einer Göttin."
Bette Midler sieht aus wie ein Barbra-Streisand-Transvestit, der den dritten Preis gewonnen hat. Wie die Streisand hätte sie wohl nur zu gern New York und die Welt in der chauvinistischen Hosenrolle einer emanzipierten jüdischen Frau erobert, die sich in den Apparat der Film-Mogule, Revue-Zaren und Casino-Bosse mit der wilden Entschlossenheit zur 150prozentigen Mimikry ("Streisand Superman") hineinzwängt.
Doch dem Tingelgirl Bette fehlte zum Glück die Fortüne für die Karriere durch die Vordertür. So ersang sie sich Anfang der siebziger Jahre als Diva der homosexuellen Sauna-Subkultur mit einem an Janis Joplin orientierten Timbre und Repertoire eine erste Verehrer-Riege. Die Midler bot ihren Fans in Frottee ein verwegen gemischtes Potpourri aus zotigem Vaudeville, dekadentem "Cabaret"-Spektakel, mondänem Nightclub-Chanson und derbem Unterleibs-Rock.
Und sie orientierte sich an einer Klischeevorstellung vom Werdegang der weißen Blues-Heroine Janis Joplin: zu viele zerkratzte Schellack-Platten von Bessie Smith gehört, dabei einen Southern Comfort nach dem anderen über den Durst getrunken, aus Verzweiflung über die Tollkühnheit eines Vorstadt-Mädchens, sich der haltlosen Rock-Karawane anzuschließen.
Die Gastspiele bei den "Gays", den Schwulen, die damals noch ihre sexuellen Neigungen wie ein degoutantes Schattenspiel abhandeln mußten, erbrachten Referenzen, in denen ein Promoter aus dem Mittelwesten nicht gerade gern blättert. So unverblümt hatte sich wohl noch keine Chanteuse zu ihren Anbetern im Off bekannt.
Die Jeanne d'Arc von den "Continental Baths" an der verlebten West Side Manhattans hielt auch noch zu ihrer leichtgeschürzten Klientel, als sie eingeladen wurde, mit ihrem Showboat vom anderen Ufer zum etablierten Vergnügen überzusetzen. Daß sie überhaupt bei den "Gays" Erfolg hatte, ist einigermaßen verwunderlich, denn sie hechelte sich stets als Vollfrau nach einem richtigen Mann die Rhythm-and-Blues-Zunge wund. Aber die Jungs akzeptierten die unterschiedliche Auslegung des gleichen Vokabulars. Weil Bette doch im Grunde ein Underdog war wie sie.
Diesen Appeal hat sie auch in ihrem Hollywood-Debüt nicht überschminkt: Sie bleibt als Joplin/Rose die manischdepressive Schmutzschlampe mit dem großen Herzen, die sich am Rock'n' Roll zugrunde fixt, weil man nur dann im Rock'n'Roll gut sein kann, wenn man sich auf Gefahren einläßt, die man wahrscheinlich nicht überlebt.
Natürlich ist Mark Rydells Film eine bombastische Seifenoper, wie sie dem Drehbuchhirn eines Werbetexters für "Mein Bac -- dein Bac"-Familientragödien entsprungen sein könnte. Aber diese Regenbogen-Story eines tragischen Rock-Lebens ist das richtige für Bette Midlers Kinodebüt: Der Mut zum Risiko bis zum Exitus, den sie aus dem Leben der Joplin borgt, sowie eigener Überlebensdrang und herzzerreißender Optimismus vereinigen sich zu einer Show von faszinierender Intensität.
Das klamottige Leben eines versoffenen, vollgespritzten, verflennt unsicherüberheblichen Rock-Wracks gibt ihr die Gelegenheit, ihr Potential als Streisand der Lederkneipen und Männerheime voll auszuspielen. Bette Midlers Mut zur Häßlichkeit in Großaufnahme ist das einzig befreiende Erlebnis in diesem heulenden Elend von Film. Da ist sie nun -- die Mary Pickford der Punk-Ära auf Hollywoods plüschiger Besetzungscouch.

DER SPIEGEL 8/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILM:
Karriere in der Sauna

  • Videoanalyse zum Wahlkampfauftakt: "Trump muss sich anstrengen"
  • Schwächesymptome: Merkel zittert bei Selenskyj-Empfang
  • Kalifornien: "HP Robocop" auf Verbrecherjagd
  • Heftige Turbulenzen: Stewardess fliegt an die Decke