18.02.1980

MUSIKTHEATERAdams Flöte

In Kagels Bühnenstück „Die Erschöpfung der Welt“ wird die Genesis eingeschwärzt: Gott zerstückelt die Menschen in einem Fleischwolf.
Zu den normalen Sterblichen fällt den Neutönern nicht mehr viel ein. So setzen sie auf der Bühne immer häufiger Himmel und Hölle in Bewegung.
Heiligen Bimbam verbreitet der Pole Krzysztof Penderecki mit seinem jüngsten Sündenfall "Das verlorene Paradies". Mit frommem Zauber droht auch der Österreicher Gottfried von Einem, der für Mai in Wien "Jesu Hochzeit" als theologisches Singspiel angekündigt hat.
Christlichen Mutterboden beackert nun auch der Komponist, Librettist, Regisseur, Hörspielautor und Instrumentenbauer Mauricio Kagel, aber, wie erwartet, gegen den Strich. Sein am vorletzten Wochenende in Stuttgart uraufgeführtes Bühnenstück "Die Erschöpfung der Welt" macht eher blasphemisch Spektakel.
Denn der Weihrauch, den ein zu einem nachtgrauen Monster siamesisch verschnürtes Menschenpaar gleich zu Beginn des abendfüllenden Einakters ins Parkett schwenkt, wirkt wie reiner Hohn. "Am Ende", seufzen die beiden Schlurfenden, "erschöpfte Gott den Himmel und die Erde", "Smog lag auf der Urflut", "und der Geist Gottes schwamm in den Abwässern". Genesis verkehrt also.
In dieser "szenischen Illusion" (Untertitel) hat Kagel, seit seiner Hamburger Opernparodie "Staatstheater" (1971) als erfindungsreichster Querkopf in der zeitgenössischen Zunft angesehen, die Schöpfungsgeschichte mit der Menschheitsgeschichte gepaart, das erste Buch Mose wird zur Apocalypse Now, der liebe Gott höchstselbst spielt Holocaust.
In Kagels Requiem auf die Stunde Null bleibt der Erdkreis finster, auch wenn der Herr aus der rechts über der Bühne baumelnden Box noch so barsch nach Licht brüllt. Die Meere sind zu Kloaken verdreckt, die Menschen überkommt das heulende Elend. "Und Gott sah, daß es gut war."
Dieser Allmächtige ist denn auch der Teufel in Person. Statt mit Engelszungen sein Werk zu preisen, verheißt der elektronisch Verstärkte "Knochenarbeit", "Zahn um Zahn", "Massengrab" allen, die auf seine Gnade hoffen.
Und wie die geschundene Menschheit alle Ängste auf ihr himmlisches Ebenbild abwälzt, so spottet sie ihrem Schöpfer -- Gebete werden pervertiert: "Wir haben ein Loch in Deine Knie gebohrt, dann ging es uns elend: Es pfiff aus allen Löchern."
Doch statt der Erlösung kommt zum Ende des makabren Welttheaters, zu Böllerschüssen und Sirenengeheul, von oben ein monströser Fleischwolf, der sich erbarmungslos über Gottes schreiende Kreaturen stülpt und sie als blutende Schädel und schmierige Innereien wieder ausspuckt. "Amen", lästert dazu der Vater im Himmel, und ein Geier fleddert die Kadaver.
Trost findet Kagels kaputte Menschheit nicht einmal im Wohlklang, obwohl der göttliche Odem auch die Blasinstrumente gestreift haben muß. Denn Adam, der sich nackt aus einem irden-braunen Tuch langsam ans Bühnenlicht pellt, trägt zwischen den Beinen eine steil aufragende Blockflöte, und aus diesem tönenden Penissimus pustet er mittels Plastikschlauch die ersten wimmernden Laute.
Auch seine barbusige Eva, die ihm -- als phosphoreszierendem Skelett -mit einem Ur-Schrei aus dem Rippenbogen gebrochen wird, findet rasch Gefallen an der Zauberflöte. Und während sie kunstvoll darauf bläst, macht sich der sichtlich Animierte an der Agogo-Glocke, einer brasilianischen Doppelschelle, zu schaffen, die seine Partnerin als metallene Schamlippen vor ihm aufklappt. Die erste Kopulation vollzieht sich harmonisch.
Kaum hat der Mensch Töne, da verpflanzt Regisseur Kagel ihn in den mit animalischen Klangerzeugern belebten "zoologischen Garten Gottes". Dort trägt die Kuh eine riesige Almglocke bimmelnd unterm Bauch, Fische gleiten in einer Haut aus scheppernden Sardinenbüchsen über den Bühnenboden, ein Nilpferd macht sein aus zwei Gitarren gekleistertes Maul klappernd auf und zu.
Echt Kagel, wie immer "eindeutig unklar" ("FAZ"). Die Endzeit voll putzigem Schnickschnack, high life in Eden am Rande des Abgrunds. Nur der Librettist und Komponist Kagel hat bei dieser gesamtkunstwerklichen Springprozession durchs irdische Jammertal nicht recht Schritt halten können.
Zwischen Heulen und Zähneklappern wird die Heilige Schrift semantisch zerpflückt und der Duden als Textdichter angezapft.
Dazu meist banale Begleitmusik bei monströsem Aufwand. Sechs Gesangssolisten und sechs Schauspieler, Chor, S.218 Sprecher und Sprechchor, im Orchestergraben live ein durchweg exotisches Instrumentarium von erstaunlicher Schlagkraft, schließlich über Tonband ein weiterer Chor, mittelgroßes Symphonieorchester, Glocken und Donner, Feuerknistern und Vogelgezwitscher.
Dennoch ist der Klangteppich durchweg dünn, oft dürftig. Viel reines Dur trieft über den Erdkreis, ruhige Orgelpunkte kontrastieren grotesk zum Ende mit Schrecken.
Verglichen mit Pendereckis frömmelnder Sonntagsschule, mit Adam und Eva im philharmonischen Schaumbad, wirkt Kagels Werk parodistisch zugespitzt, zu lästerlichem Hohn. Aber wenn die "Süddeutsche Zeitung" sein ketzerliches Grusical gleich als "Musiktheater der 80er Jahre" glaubt anhimmeln zu müssen, entlarvt ein solcher Hymnus auch die Erschöpfung der Oper.
Klaus Umbach
S.217 Mit Jutta Meyer zur Heide und Benno Ifland. *

DER SPIEGEL 8/1980
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