18.02.1980

HOCHHUTHFurchtbare Richter

Hochhuths „Juristen“ wurden in Heidelberg, Göttingen und Hamburg uraufgeführt - mit Erfolg.
Das Stück handelt von einer jungen Generation, die vom Radikalenerlaß bedroht ist, und von einer älteren Generation, die diesen Radikalenerlaß verhängt hat -- obwohl sie sich in ihrer eigenen Jugend den Nazis als Richter und Henker radikal zur Verfügung gestellt hatte.
Das siebte Stück des "Stellvertreter"-Autors sollte eines über deutsche Juristen während der Hitler-Diktatur allgemein werden, eines seiner dokumentarischen Enthüllungsdramen. Aber es wurde, durch die Begleitumstände des Filbinger-Sturzes, vor allem ein Filbinger-Stück -- ein Drama über den selbstgerechten Ministerpräsidenten, der bis zur Kapitulation (und noch danach) stramme Nazi-Urteile als Marine-Richter fällte und als Marine-Staatsanwalt beantragte und den später die Gedächtnisschwäche überkam.
Die "Drei Akte für sieben Spieler" sind teils Boulevardtheater ("Salon-Hochhuth", schreibt die "Stuttgarter Zeitung"), teils Dokumentartheater, das mit filmischen Rückblenden arbeitet, und teils Thesendrama, bei dem die Auseinandersetzung mit schwadronierendem Pathos geführt wird.
Bei der Promotionsfeier seiner Tochter soll der Minister Heilmayer einem jungen Arzt aus dem Berufsverbot helfen, das diesem wegen einer Anti-Springer-Demonstration von 1968 droht. Als er die Hilfe starrsinnig verweigert, schleudert ihm der Mediziner Akten mit Heilmayers Kriegsrichtervergangenheit vor die Füße, die Tochter will daraufhin ihren juristischen Beruf aufgeben und ihr Kind abtreiben. Jedoch endet das Stück versöhnlich: Das junge Paar wird mit Kind und Beruf weitermachen.
Göttingen, das mit zwei Stunden die am radikalsten zusammengestrichene Fassung des überbordenden Lesedramas auf der Bühne bot, ließ das Stück unversöhnlich enden.
Gegen die Heidelberger Aufführung, der einzigen im Stammland des gestürzten Ministerpräsidenten, protestierte die CDU und forderte den Kopf des Intendanten. Auch Hochhuth protestierte -- gegen Kürzungen und gegen ein Klavier auf der Bühne.
In Hamburg spielte Friedrich Schütter mit "Bonanza"-Röhre den Kriegsrichter und brachte die Figur ungewollt durch seine Gedächtnislücken gegenüber dem Text in die Nähe der Erinnerungsschwächen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten a. D.
Was sich beim Lesen als Papier erwies, hatte auf den drei Bühnen seine politische Wirkung. Hochhuth behauptet, so die "Frankfurter Rundschau", "die Bühne sei der gesellschaftliche Ort der Auseinandersetzung mit den bestimmenden Themen unserer Gegenwart". Auch laut "FAZ" führt er "schlagkräftig" vor, "daß der ''Vater des Radikalenerlasses'' während des Krieges schlimmer war als alle Radikalen nach dem Krieg".
Die Hochhuth-Aufführungen zeigen, trotz der Stück-Schwächen, wie sehr dem Theater in den letzten Jahren die politische Auseinandersetzung, die solidarisierende Wirkung fehlte.
S.218 Mit Daniela Biegler und Friedrich Schütter. *

DER SPIEGEL 8/1980
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