18.02.1980

ARCHÄOLOGIESchräges Licht

Waren die Wikinger nur Frauenschänder, Piraten und Kirchenräuber? Eine Ausstellung in London, die bisher größte der Welt, versucht eine Ehrenrettung.
Ich hasse Scherben", bekennt Dr. David M. Wilson. Doch Archäologe hatte er unbedingt werden wollen.
So richtete er sein Interesse nicht auf Keramik-Kulturen wie die der klassischen Antike oder des Orients, sondern auf den barbarischen Norden: Die Wikinger verwüsteten zwar halb Europa, aber zu Hause hatten sie kaum ein paar Import-Pötte zum Zerdeppern.
Nun sucht der kleine, freundliche Engländer, der alle nordischen Sprachen lernte und eine Stockholmerin zur Frau nahm, auch noch alle Welt von seiner Vorliebe für die ungestümen Hünen zu überzeugen. Vor drei Jahren wurde Wilson Direktor des British Museum. Seither bereitete er die große Ehrenrettung der Alt-Skandinavier vor.
Am Donnerstag voriger Woche konnte Dr. Wilson in London eine Wikinger-Show eröffnen, wie sie bislang nie zusammengetragen worden ist und auch künftig kaum mehr zu arrangieren sein wird: 45 Sammlungen aus acht Ländern liehen mehr als 500 Exponate -- eiserne Langschwerter und goldene Kruzifixe, fein ziselierte Gewandfibeln wie auch das grobe Handwerkszeug aus dem Grab eines Schmiedes und kiloschwere Silberhort-Funde.
Die Kosten waren nur mit Unterstützung der "Times", der skandinavischen Luftlinie SAS und des Nordischen Rates zu tragen. Sie werden sich wohl auf 500 000 Pfund summieren.
Bis Mitte Juli erwartet Wilson eine halbe Million Besucher. Eine zehnteilige Wikinger-Serie der BBC hilft sie locken. Dann wird die gesamte Ausstellung nach New York verfrachtet, ins Metropolitan Museum, das dieses Spektakel mit organisierte.
Solcher Aufwand scheint jener Unmäßigkeit zu entsprechen, die von jeher als Hauptmerkmal der Wikinger galt.
Als Blutrausch-Psychopathen gaben sie ihren Einstand in den Chroniken der Mönche, denen sie den roten Hahn aufs Schindeldach setzten. Den Überfall auf die Abtei Lindisfarne vor der englischen Ostküste im Jahre 793 rechnen die Historiker als Beginn der Wikingerzeit.
Kultivierte Araber, denen riesige Nordländer begegneten, beschrieben sie als Sex-Maniaks. So beobachtete der Diplomat Ibn Fadlan, 921 vom Bagdader Kalifen nach Bolgar an der Wolga entsandt, wie dort Wikinger ihrem gestorbenen Häuptling einen befremdlichen letzten Liebesdienst erwiesen S.219 -- reihum beschliefen sie dessen Vorzugssklavin, ehe sie das Mädchen neben dem Leichnam erdrosselten und es dann mit ihm verbrannten.
Und daß Europäer schon vor Kolumbus über den Atlantik segelten, ist bekanntlich auch nur einem vogelfreien Schlagetot und seiner Brut zu danken: Erik dem Roten, der vor der Blutrache nach Grönland floh, und seinem Sohn Leif, der von dort einen Abstecher nach Neufundland am äußersten Rande Nordamerikas machte.
Dabei ist allerdings, von den pathetischen isländischen Sagas bis zum rassenfanatischen Recken-Kult der Nazis, viel grelles und schräges Schlaglicht auf die nordischen Seefahrer gefallen. "Ihre Tugenden wurden wie ihre Schandtaten ins Übermenschliche verzerrt", urteilt Dr. Wilson, "hauptsächlich dadurch, daß sie urplötzlich ins Bewußtsein der Westeuropäer traten."
Was die wotangläubigen Sippen und Stämme Schlimmes verübten, kann durchaus als zeittypisch gesehen werden. Die Sklaverei zum Beispiel, an der sie außer am Pelzhandel am meisten verdienten, kam im christlichen Merowinger-Reich auch erst kurz vor der Epoche Karls des Großen außer Mode -- und der wiederum machte sich als Sachsenschlächter einen Namen.
Die Franken entwickelten freilich mehr Raffinesse. So erließen sie, um gegen die häufig noch Streitäxte schwingenden Wikinger besser gewappnet zu sein, ein Waffenembargo für ihre treffsicheren Stahl-Schwertklingen aus dem Rheinland.
Die Ursache der heidnischen Expansion, früher als großes Geschichtsrätsel erachtet, war in Wahrheit wohl nur die Summe normaler historischer Veränderungen: Der Handel über die nördlichen Meere und Ströme Europas wurde, insbesondere nachdem die Araber das Mittelmeer samt Spanien beherrschten, ein erfolgsträchtiges Unternehmen; und die Wikinger entwickelten mit ihrem hochseetüchtigen, aber flachgehenden Langboot, das gleichermaßen gut gesegelt und gerudert werden konnte, zur rechten Zeit den dafür brauchbarsten Schiffstyp.
Wie wenig der Alltag eines Durchschnitts-Wikingers mit dem Schänden von Frauen und Kirchen, mit Sengen, Morden, Plündern und mit Piraterei zu tun hatte, berichtete vorurteilslos der angelsächsische König Alfred (obwohl gerade der sich häufig genug mit skandinavischen Invasoren herumschlagen mußte). Als in den siebziger Jahren des neunten Jahrhunderts der Norweger Ottar seinen Hof aufsuchte, ließ der König protokollieren, was der Nordmann zu erzählen wußte:
Ottar besaß an der Grenze zu Lappland ein Gehöft. Er züchtete außerdem Rentiere, jagte Wale und Walrosse und kassierte von den Lappen ein bißchen Tribut. Hatte er genug Felle und Häute beisammen, ging er auf Handelsfahrt. Einen Monat dauerte jeweils eine Reise die Küste entlang bis zum Marktflecken Kaupang am Oslofjord.
Dafür, daß Dr. Wilson in der Londoner Ausstellung die weniger dramatischen Aspekte der Wikinger-Ära betont, S.221 liefert dem gelernten Archäologen seine Wissenschaft derzeit gute Gründe. Umfangreiche Ausgrabungen lehren, daß mit dem Handel auch spezialisiertes Handwerk und der Städtebau in den Norden kamen.
Vom Handelszentrum der skandinavischen Kernlande, Birka in Schweden, sind zwar nur kleine Areale freigelegt. Aber in Paviken auf Gotland und Ribe an der Westküste Jütlands fanden Archäologen jüngst die Relikte von Reparaturwerften und Werkstätten, in denen bronzene Broschen gegossen und Schmuckperlen gefertigt wurden.
In Haithabu bei Schleswig, zwei Jahrhunderte lang größter Grenz- und Transitmarkt der Wikinger, entdeckten deutsche und dänische Forscher -während sie voriges Jahr ein Königsschiff bargen -- ausgedehnte Hafenanlagen und über Bord gegangene Rohstoffe und Halbfertigprodukte (SPIEGEL 39/1979).
Massengüter wie Basalt aus der Eifel für Handmühlsteine und Bleibarren wurden dort angelandet, grob vorgearbeitete Töpfe aus norwegischem Speckstein geschliffen, Nadeln aus Hirschgeweih poliert und das Schmuckmineral Gagat von den britischen Inseln weiterverarbeitet.
Unterdes ist auch eine Großgrabung in einer Kolonisten-Siedlung im Gang, im englischen York, einst Jorvik, durch das so berüchtigte Kämpen wie Erik Blutaxt und König Knut gestürmt waren. Nach mittelalterlichen Verhältnissen wäre Jorvik, nachdem sich dort im Jahre 876 rund 1000 Wikinger niedergelassen hatten, wie Haithabu durchaus urban zu nennen gewesen. "20 000 Einwohner", erläuterte Grabungsleiter Peter Addyman, "sind ein guter Schätzwert." Damit wurde Jorvik eines der ersten neuen städtischen Zentren nach Abzug der Römer von den britischen Inseln.
Das sumpfige Gelände zwischen den Flüssen Foss und Ouse hat die Eichenholz-Bauten bis über drei Fuß hoch erhalten. Es sind Häuser aus Rahmenbalken mit waagerechter Beplankung.
Die Ausgräber fanden die gleichen Handelsgüter wie in Haithabu, dazu Eisenwaren aus dem Wikinger-Außenposten Dublin. Den Abfällen nach zu urteilen, florierten dort unter anderem Schustereien, Kürschnereien und Betriebe für die Verarbeitung von Knochen. Ein Wintersport der Wikinger ist offenbar Eislauf auf knöchernen Kufen gewesen.
Vieles von diesen neuen Erkenntnissen vermittelt nun Dr. Wilson dadurch, daß er die Londoner Ausstellung didaktisch nach Themenkreisen wie Seefahrt, Siedlungswesen, Kleidung, Schmuck, Handwerk oder Bestattungsriten gegliedert hat.
Eine Sektion beispielsweise veranschaulicht den Hausbau mit der Rekonstruktion eines Anwesens von Haithabu in natürlicher Größe. Die fensterlosen Wände bestehen aus lehmverputztem Flechtwerk, das Innere hatten die Wikinger geräumig gehalten, indem sie das Reetdach nach außen hin abstützten.
Sammelpunkt ist der licht- und wärmespendende Feuerplatz, eine rechteckige Steinplattform. Daneben liegen auch die Schlafstellen, fußhohe Podeste aus gestampfter Erde, die mit Holzplanken abgedeckt sind. In einem Stirnraum des Hauses ist ein tönerner Backofen installiert, der allerdings in anderen Häusern Haithabus fehlt -- mutmaßlich waren die Bewohner professionelle Bäcker.
Vor allem die in London ausgestellten Schmuckstücke veranschaulichen die Eigenständigkeit der Wikinger-Kultur. Typisch dafür sind, nach germanischer Tradition, Tiermotive. Aber die Formen sind stark stilisiert und einbezogen S.224 in kraftvolle, bis zur Chaotik verschlungene Ornamente. Am Ende der Epoche, erläutert Wilson, entwickelten die nordischen Kunsthandwerker "eine Eleganz, die geradezu dekadent anmutet".
Von Dauer war die Wikinger-Kultur nirgends. Im Osten, wo Schweden in Ladoga, Nowgorod und Kiew Niederlassungen gründeten, Handelswege bis zum Schwarzen und Kaspischen Meer unterhielten und die Garde von Byzanz stellten, assimilierten sie sich. England andererseits, der Bereich ihres stärksten Einflusses im Westen, wurde 1066 von den normannischen Wikinger-Abkömmlingen überrannt.
Und in Skandinavien obsiegte die Bibel über die Runen. Bereits 826 hatte sich der dänische König Harald taufen lassen, wenige Jahre später schickte Papst Gregor IV. den Missionar Ansgar gen Norden. Einer der bedeutendsten archäologischen Funde in Haithabu war voriges Jahr eine Kirchenglocke.

DER SPIEGEL 8/1980
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