18.02.1980

MEDIKAMENTETeure Illusion

Im Rechtsstreit um den Preis des Beruhigungs-Bestsellers Valium unterlag das Berliner Kartellamt. Doch der Prozeß enthüllte die Methoden der Pharma-Preisbildung.
Als hätten sie Valium geschluckt, so freundlich-friedlich ging es am Dienstag letzter Woche vor dem Kartellsenat des Bundesgerichtshofs zwischen den Prozeßbeteiligten zu.
Den Verlierern, den Herren vom Berliner Bundeskartellamt, bescheinigte Gerichtspräsident Professor Gerd Pfeiffer, sie hätten rechtstheoretisch richtig gehandelt, nur leider nicht die überzeugenden Beweise gebracht.
Dem Sieger, der deutschen Tochter des Schweizer Pharma-Multis Hoffmann-La Roche, schrieb Pfeffer ins Stammbuch, marktbeherrschend sei die Firma entgegen ihren Beteuerungen schon, nur den Vorwurf, sie nütze ihre Marktmacht zu "mißbräuchlicher Preisgestaltung" aus, den brauche sie sich heute nicht mehr gefallen zu lassen. Der vom Kartellamt geforderten Preissenkung muß Roche nicht folgen.
Das Gericht, so Pfeiffer, müsse von "derzeit gegebenen Umständen" ausgehen, und die Verhältnisse seien nicht mehr so, wie damals, als alles begann.
Mit dem Seid-nett-zueinander-Spruch endete ein sechsjähriger Rechtsstreit, der schon aufgrund der langen Dauer fast zwangsläufig zu Ungunsten des Bundeskartellamts ausgehen mußte. Die Niederlage der Kartellprüfer kostet den Steuerzahler zwar Prozeßgebühren aus einem Streitwert von 60 Millionen Mark. Doch der Prozeß bestätigte auch, wie dringend der bundesdeutsche Verbraucher eine Behörde braucht, die marktmächtigen Konzernen bei ihrer Preisfestsetzung auf die Finger schaut.
So hat der deutsche Abkömmling der Baseler Valium-Mutter Hoffmann-La Roche im Verlauf des Verfahrens nicht nur bekennen müssen, daß er bei jeder Schachtel Valium, die er an den Apothekengroßhandel liefert, 43 Prozent Gewinn macht. Er mußte auch zugeben, daß im Valium-Geschäft noch weit mehr drin liegt.
Die deutschen Valium-Verkäufer in Grenzach bezogen ihren Valium-Rohstoff zum Kilopreis von 8549 Mark aus dem benachbarten Baseler Stammhaus, obwohl bei ihrer Schweizer Firmenmutter nur Herstellungskosten von 90 Mark dafür angefallen waren. Aus jedem Baseler Kilo ließen sich dann 500 000 Valium-Tabletten (zu je zwei Milligramm Wirkstoff) pressen, die beim Verkauf an den Apotheken-Großhandel rund 40 000 Mark erbrachten. Eine "Lizenzgebühr" von 13 Prozent des "Durchschnittserlöses für Valium-Spezialitäten" führten sie obendrein noch nach Basel ab.
Dieses Gewinnspiel konnte Hoffmann-La Roche über Jahre treiben, denn das Schweizer Stammhaus besaß seit 1958 ein Patent, das sich schon bald als so wertvoll erwies wie das Recht, Geld zu drucken: das Herstellungspatent für die Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine, aus denen sich Seelentröster für Millionen Menschen in aller Welt pressen ließen -- allen voran die Psychodroge Valium.
Erfunden in zweijähriger Laborarbeit hatte sie ein Firmenangestellter: der in Polen aufgewachsene, 1938 über ein Begabten-Stipendium in die Schweiz, zwei Jahre später zu Hoffmann-La Roche gekommene Apotheker und promovierte Chemiker Leo Henryk Sternbach.
Ende der fünfziger Jahre gelang Sternbach ein Jahrhundertwerk: Er entdeckte den Grundstoff für den ersten bahnbrechenden "Tranquilizer" (von lateinisch: tranquillus -- ruhig), eine Wunderdroge, die Nervöse ruhig stellt, Ängstliche gelassen stimmt, Mürrische heiter macht, Verkrampfte entspannt -- kurz: Sternbach fand eine Substanz, die durch ihre direkte Wirkung auf das zentrale Nervensystem für acht bis zehn Stunden Dauer die Illusion auslöst, alles im Leben sei halb so schlimm.
Über 500 Millionen Menschen in allen Teilen der Welt erkaufen sich mit Valium mehr oder minder regelmäßig ihren Seelenfrieden. Übers Jahr werden derzeit mehr als fünf Milliarden Valium-Tabletten konsumiert, neben großen Mengen von Valium-Sirup, Valium-Zäpfchen und Valium-Injektionen.
Die 1896 gegründete Pharmafirma Hoffmann-La Roche, die vor Sternbachs Erfindung in erster Linie von einem Hustensaft namens Sirolin gelebt hatte, der angeblich auch Tuberkolose heilen konnte, wurde dank Valium zum größten Pharma-Konzern der Welt.
Die Roche-Aktie, im Börsenhandel ohnehin kaum zu haben, wurde zur teuersten Aktie der Welt. Dafür bringt sie ihren glücklichen Besitzern -- meist noch Nachfahren der Gründersippe -viel: Rund 5000 Schweizer Franken Gewinn waren es im vergangenen Jahr je Inhaber-Aktie (Nennwert 3,125 Franken). Ihrem Glücksbringer Sternbach dankten die Firmeneigner freilich nur symbolisch: Er bekam als Anerkennung einen Dollar.
Schon 1972 hatte es Hoffmann-La Roche auf einen Reingewinn, nach Abzug aller Steuern, von fast 900 Millionen Fränkli gebracht.
Doch erst als das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" -- von Hoffmann-La Roche unwidersprochen -- nachrechnete, daß der Pharma-Konzern allein mit seinem Benzodiazepinen (von der Einführung im Jahre 1960 an) bis Ende 1973 acht Milliarden Schweizer Franken erwirtschaftet hatte, keimte allenthalben der Verdacht, hier werde zu Lasten von psychisch Kranken und Labilen allzuviel verdient.
Die englischen Gesundheitsbehörden forderten eine Valium-Preissenkung. In Holland und in Dänemark gab es Ärger. Auch das Bundeskartellamt wähnte, Hoffmann-La Roche mißbrauche seine überragende Markstellung und verlange zu hohe Preise.
Doch in der Auseinandersetzung mit den Kartellbeamten half dem inkriminierten Pharma-Multi die Zeit.
Als das Bundeskartellamt mit seinen Ermittlungen begann, besaß Roche auf dem deutschen Tranquilizer-Markt mit seinem Valium-Glücksfall noch einen Marktanteil von fast 54 Prozent. Als der Streit jetzt zu Ende ging, machte Hoffmann-La Roche zwar noch den gleichen Valium-Umsatz, doch der Anteil am Gesamtmarkt war auf ein knappes Drittel gesunken. Mit dem Ablauf der Patentrechte sind Konkurrenten angetreten, die seither am noch größer gewordenen Geschäft mit den Happy-Pills partizipieren.
Für die Zukunft gibt sich der Roche-Konzern besorgt: "Seit gut einem Jahrzehnt", so verbreitete die "Neue Züricher Zeitung" eine Einsicht der Baseler Firmen-Leitung, "hat die eigene Forschung keine neue Substanz, kein neues Präparat zur Einführungsreife entwickelt, das die Psychopharmaka als Umsatz- und Gewinnträger ablösen könnte." Und: "Es ist auch für die unmittelbare Zukunft nichts in Sicht."
Leo Henryk Sternbach ist seit vielen Jahren in Pension.

DER SPIEGEL 8/1980
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1980
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIKAMENTE:
Teure Illusion

  • Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden
  • SUV: Wie schädlich sind SUV?
  • Video aus Brasilien: Taucher treffen auf große Anakonda
  • Greta Thunberg trifft Barack Obama: "Fist Bumping" mit dem Ex-Präsidenten