18.02.1980

Mit dem Guru auf Tour de Trance

SPIEGEL-Reporter Fritz Rumler über den Film „Ashram in Poona“
Der liebe Gott geht nicht zu Fuß. In einem kanariengelben Mercedes läßt er sich von seiner vollklimatisierten Residenz die 100 Meter bis zur Halle kutschieren, wo die Jünger seiner Worte harren.
Hofschranzen in orangefarbenen Fummeln haben das Podest geschrubbt, den Thron andächtig zurechtgerückt. Im bodenlangen weißen Hemd, Augen wie in Öl eingelegt, Hände gefaltet, tritt der "Erleuchtete Meister" Bhagwan Shree Rajneesh, 48, vor seine Herde.
"Bhagwan" heißt Gott, wir sind in Indien. Zu seinen Füßen freilich hocken, hörig, ekstatisch aufgemöbelt, fast nur Yankees und Europäer, Deutsche vor allem. In der Millionenstadt Poona, südlich von Bombay, wird, wieder einmal, die Oper "Ex oriente lux" inszeniert.
Poona gilt augenblicklich als Schlager der Wachstumsbranche Psycho-Sekten. Der Münchner Arztsohn und Filmhochschüler Wolfgang Dobrowolny, 33, ist einer von den 70 000, die schon "Sannyas nahmen" -- Initiierte, denen der Meister die "Mala" umhängte, eine Holzperlenkette mit Bhagwan-Medaillon, einen neuen Namen und die Orange-Kutte verpaßte.
Dem "Sannyasin" (Jünger) Dobrowolny widerfuhr als erstem die Gnade, einen Film über den Guru und sein Seelen-Lourdes, sein "Ashram" (Kloster), drehen zu dürfen. Und das Werk, "Ashram in Poona", ist auf dem besten Wege, der heimliche Renner der Saison zu werden.
Innerhalb eines Monats, in vier Städten, drängelten sich weit über 40 000 in die Kinos, Parka-People, fusselbärtige Turnschuh-Greise, Therapeuten, reife Frauen. Jetzt rollt der Film in die Kette der 120 Programmkinos.
In Diskussionen, die Dobrowolny gelegentlich nach Vorstellungen veranstaltet, spürt man den unheimlichen Sog, den das "Therapiezentrum" Poona ausübt. Eine wollte gleich wissen, ob da die Pille erlaubt sei. Sei sie, sagt Dobrowolny.
Der Film, einschmeichelnd, ästhetisch, zuweilen distanziert, hebt mit Bhagwan-Zitaten an. Eines: "Ich bin dem Westen dankbar, daß er mir noch ein paar Verrücktheiten übriggelassen hat, mit denen ich Menschen anziehen kann."
Wem Poona Hekuba ist, sitzt vor dem Film mit Staunen, Schrecken, Mitleid. Abendländer, angemacht von rauschebärtigen "Therapeuten", werden zu heulenden Derwischen, schreien ihr Elend heraus, zappeln am inneren Spieß, lassen sich demütigen, verprügeln, vergewaltigen.
Eine rigide Hierarchie herrscht über die Herde; "surrender", Hingabe, Unterwerfung ist das Prinzip, Bhagwan der Gott. Angst und Aggression, die ungleichen Zwillinge, toben sich aus, mystisches Brimborium bringt die Adepten auf eine entrückte Tour de Trance.
Bhagwan, einst Journalist und Philosophie-Professor, hat für seine Gehirnwäscherei einen sexstimulierenden Cocktail aus westlichen und östlichen Psycho-Exerzitien gemixt; ein Karstadt für Kranke. Eva Renzi war, blessiert, dem Prügel-"Encounter" entflohen, der einstige "Stern"-Reporter Jörg Andrees Elten brach sich dabei zwei Rippen und holte sich den Tripper.
Dobrowolny läßt den Sannyasin Elten im Film auftreten und das Hohelied auf Bhagwan und Poona singen -- im Orange-Welsch des Meisters, das einem Nicht-Sannyasin Tränen abdrücken muß ob seiner Banalität und Verblasenheit.
Frust, Verklemmtheit, Lebensleere, gestehen andere Zivilisationsflüchtlinge, habe sie in Bhagwans Reich der Sinne getrieben. Aus einem Mauerblümchen wurde so ein Powerblümchen, das nun gern genießt, wovor es sich früher verschloß.
Auch Dobrowolny, sagt er, "war am Arsch", als er nach Poona flippte. Die dort gemachten "kathartischen Erfahrungen" haben ihn "aus vielem herauskatapultiert" und ihm "viel Kraft gegeben". Die brauchte er, als er zum zweitenmal hinfuhr, um den Film zu drehen.
Denn das Ashram weigerte sich strikt, unter die Linse genommen zu werden. Erst als Bhagwan zustimmte, ein "haariger Vertrag" mit "Vetorecht bis zuletzt" (und zehn Prozent der Einspielkasse für Poona) unterzeichnet war, durfte Dobrowolny loslegen, unter Aufsicht.
Um den Werbe-Effekt zu steigern, wurden aus den Gruppen die Beauties herausgepickt, für die exorzistischen Nacktszenen sehr erfreulich. Außerhalb des Tempelbezirks, in Poona, wo die Mehrzahl der Sannyasin, oft miserabel, haust und "anarchische Zustände" herrschen, war Drehen tabu; bei der Schlußkontrolle kamen "eine Bumsszene und ein erigiertes Glied" unter die Schere.
Schon gibt es Filialen des "Riesenmutterleibs mit großem Übervater" (Dobrowolny) auch in Deutschland. Ein Ashram bei München protzt gar mit einem "leibhaftigen Sessel Bhagwans". Dobrowolny aber ist kein Sannyasin mehr.
"Es ist Schwachsinn, hör endlich damit auf", sagte er sich vor ein paar Wochen. Er nahm die "Mala" vom Hals und verbrannte sie auf dem Holzkohlengrill.
Von Fritz Rumler

DER SPIEGEL 8/1980
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