10.11.1980

FESTIVALSLetztes Scharmützel

Hinter den Kulissen der Berliner Jazztage kam es zum offenen Krach: Dem organisatorischen Direktor paßt die Programmgestaltung des künstlerischen Leiters nicht mehr.
Mit dem Mann mache ich nichts mehr, mit dem bin ich fertig", fauchte hinter der Bühne im Musikerfoyer der Berliner Philharmonie Ralf Schulte-Bahrenberg, 46, der organisatorische Direktor der Berliner Jazztage. Sechs Tage lang, bis zum Ende des Festivals am vorletzten Sonntag, hielt seine Kanonade wütender Statements an.
Zielscheibe seiner Kampagne ist George Gruntz, 48, künstlerischer Leiter und Programmgestalter des Jazzfestivals, das bis vor einigen Jahren noch zu den bedeutendsten der Welt gehörte und es nach den musikalischen Erfolgen S.238 dieses Jahres wieder zu werden verspricht.
"Unglaubliche Schlamperei" bei der Programm-Vorbereitung wirft der Kaufmann Schulte-Bahrenberg dem Pianisten Gruntz vor, und damit meint er dessen mangelnde Kompromißbereitschaft mit dem Kommerz.
Gruntz charakterisiert die Arbeitsmethoden seines Partners und Mitveranstalters: "Der fuchtelt unheimlich in der Welt herum." Die beiden reden nicht mehr miteinander und kommunizieren per Briefpost.
Hier wird ohne Bandagen der klassische Kampf zwischen Kunst und Kommerz ausgetragen. Schulte-Bahrenberg, seit 17 Jahren mit den Festival-Finanzen beschäftigt, fightet mit offenem Visier.
Denn die Kunden laufen der Jazzveranstaltung davon, einen Gewinn aus dem Kartenverkauf wirft sie für Schulte-Bahrenberg kaum noch ab. Während sich früher die Fans um die Tickets balgten, klaffen jetzt leere Zuschauerreihen in der Philharmonie.
Die Ursache für den Besucherrückgang liegt nur zum Teil in der kompromißlosen Programmkonzeption des Schweizers Gruntz, der sich müht, neue Jazz-Ausdrucksmöglichkeiten auf dem Philharmonie-Podium vorzustellen. Auch das Interesse am Jazz ist nicht geschwunden.
Die Berliner Jazztage haben unübersehbar Konkurrenz bekommen. In Europa gibt es inzwischen alljährlich über 100 verschiedene Festivals, und Jazzliebhaber können übers Jahr auch berühmten Musikern der internationalen Szene in der nahen Jazzkneipe oder dem Konzertsaal zuhören.
Dieser Konkurrenz versucht Gruntz mit einem Programm meist unbekannter Namen, experimenteller Neuerer und manchmal auch arg ernst und knochentrocken spielender Jazzer zu begegnen.
Dabei kommt es, wie in diesem Jahr, zu überraschenden Entdeckungen. Beispiel: Das sowjetische "Ganelin Trio", erstmals vor westlichem Publikum, lieferte einen Auftritt in sprödestem Free-Jazz-Idiom, vergaß dabei aber nicht den Spaß an der Musik. Der Saxophonist Wladimir Tschekassin fiepte und flötete sich durch ein Sammelsurium von Blasinstrumenten, hüpfte und stampfte wie ein Waldschrat über die Bühne, immer auf der Suche nach neuen, verwegenen Klängen.
Oder der schwarze US-Saxophonist Arthur Blythe: In der Statur fast ein Ebenbild Charlie Parkers, kochte er sich mit berstender Intensität durch atemraubende Improvisationen, brachte er alte und neue Saxophon-Stile zu packend eigenem Ausdruck.
Solche Begegnungen geben einer Veranstaltung wie den Berliner Jazztagen ihren Sinn; mit ihnen werden sie ihrer kulturpolitischen Aufgabe eher gerecht als beispielsweise mit wiederholten Auftritten des Piano-Altmeisters Dave Brubeck oder einem Wiedersehen mit gestandenen Jazzern wie Lionel Hampton oder Woody Herman.
Denn die Jazztage finden, obwohl sie von einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts -- Inhaber: Gruntz und Schulte-Bahrenberg -- abgewickelt wurden, im Rahmen der Berliner Festspiele statt. Sie bekommen vom Bund und vom Land Berlin Subventionen in Höhe von rund 250 000 Mark. Eine weitere Viertelmillion Mark steuert die ARD bei und kauft dafür die Rechte, die Programme im Fernsehen und Hörfunk auszustrahlen.
Mit den Subventionen sieht Ulrich Eckhardt, Intendant der Berliner Festspiele, die Aufgabe der Jazztage verknüpft, Unbequemes, Neues zu entdecken und im Programm zum Vorschein zu bringen. "Die Jazztage", so Eckhardt, "haben eine Funktion, die man nicht kommerziell betrachten kann."
Aber mit seinem Kaufmanns-Naturell und einem altbackenen, auf Stars fixierten Jazzgeschmack hat Schulte-Bahrenberg hauptsächlich Zahlen vor Augen. Schon mit George Gruntz' Vorgänger, dem ehemaligen Jazzpapst und Festival-Gründer Joachim Ernst Berendt, hatte Schulte-Bahrenberg gelegentlich Ärger, wenn ihm dessen Musiker-Verpflichtungen nicht gefielen.
Mit seinem "Nervenkrieg und Terror" (Eckhardt) kämpfte Schulte-Bahrenberg als Jazztage-Veranstalter jetzt auf verlorenem Posten, als er in die Kompetenzen des Programm-Machers Gruntz hineinfuhrwerken wollte.
Im nächsten Jahr will er, wenn nicht wider Erwarten eine Einigung der Streithähne erzielt werden sollte, ohne Subventionen ein eigenes Jazzfest aufmachen, und dafür hat er jetzt schon vorsorglich, zum üblichen Jazztage-Termin, die Philharmonie angemietet.
Dort werden dann, so spekuliert Michael Naura, Jazzredakteur des NDR und Mitglied des ARD-Beratergremiums für die Jazztage, "Altbewährtes und sichere Nummern" ihr Stelldichein haben.
Dann war, so Naura, der heftige Kulissenkrach in diesem Jahr "das letzte entscheidende Scharmützel".

DER SPIEGEL 46/1980
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