21.04.1980

Der Vertraute Herbert Wehners

Bohrende Fragen" nach Hintergründen und Umständen der Moskau-Reise eines Vertrauten von SPD-Fraktionschef Herbert Wehner hatte CSU-Landesgruppenchef Friedrich Zimmermann angekündigt. Doch als es soweit war, am Dienstag voriger Woche im außenpolitischen Ausschuß, hatte der Bayer seine Courage schon wieder verloren. Statt seiner mußte CDU-MdB Alois Mertes herhalten: Ob Wehner, fragte er Bundeskanzler Schmidt, an der Regierung vorbei und speziell mit dem Osten Außenpolitik betrieben habe.
Der Kanzler wischte den Versuch, den SPD-Fraktionschef wieder einmal ins Zwielicht zu rücken (Strauß im Wahlkampf: "Wehner ist mehr ein Sprachrohr Moskaus als ein Vertreter Deutschlands"), entschieden beiseite. Alle Informationen, die Wehner über Ostkontakte gewinne, erfahre die Regierung. Kontakte von Abgeordneten und Wissenschaftlern seien "selbstverständlich, sinnvoll und nützlich". Schließlich hatte der Kanzler selbst dem Geschäftsführer des außenpolitischen Arbeitskreises der SPD-Fraktion, Eugen Selbmann, im März geraten, eine Einladung nach Moskau anzunehmen.
Mit gutem Grund. Selbmann betreut seit über 20 Jahren die Außenpolitik der Fraktion, gilt als Wehners engster Vertrauter und ist zugleich ein wichtiger Schmidt-Ratgeber. Dem 59jährigen Politik-Wissenschaftler lag seit langem eine Gegeneinladung des Moskauer Professors und Direktors des Instituts für USA und Kanada, Georgij Arbatow, vor, den Selbmann Ende 1978 auf einer Deutschlandreise betreut hatte.
Selbmann hatte die Zeit vom 23. bis 24. März gewählt, um seinen sowjetischen Gesprächspartnern, vorwiegend im höheren Parteiestablishment, nach Schmidts "Bericht zur Lage der Nation" im Bundestag den aktuellen Stand der Bonner Außenpolitik zur Sowjetinvasion in Afghanistan und zur Situation im Iran erläutern zu können.
Spekulationen der Opposition, der Fraktionsdiplomat habe bestimmte Geheiminformationen für Wehner und Schmidt mitgebracht, kann Selbmann widerlegen: Als Wehner die sowjetische Afghanistan-Invasion in einem Rundfunk-Interview, das am 21. März aufgezeichnet wurde, "Vorbeugung" genannt hatte, war Selbmann noch gar nicht abgereist. Und die Einladung Breschnews an Schmidt für einen Moskau-Besuch im Juni wurde erst in der vorletzten Woche durch Sowjetbotschafter Semjonow überbracht.

DER SPIEGEL 17/1980
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