21.04.1980

Letzter Sprung in den Abgrund?

Kriegsausbruch 1914 und Krisenlage 1980 -- vieles ist analog
In den Geschichtsbüchern aller europäischen Nationen stand zu lesen, was sie alle gleichermaßen entlastete.
"Wir sind alle in den Krieg hineingeschlittert", so entschuldigte Englands Weltkrieg-I-Premier Lloyd George kollektiv das segensreiche Wirken der europäischen Staatenlenker, das im August 1914 zum "großen Kladderadatsch" (so Lloyd Georges Kollege Bethmann Hollweg) führte. Gleichsam wider Willen, so durfte man glauben, fing Europa danach zu schießen an.
Seit der zweiten Aprilwoche nun sind Lloyd George und der 66 Jahre zurückliegende Ausbruch des Ersten Weltkrieges wieder aktuell. Am 10. April nämlich teilte der gelernte Historiker Henry Kissinger in Washington amerikanischen Chefredakteuren mit, was sie noch nicht gesehen hatten: "Wir schlittern auf eine außer Kontrolle geratene Welt zu." Und am 11. April überkam auch den gelernten Volkswirt Helmut Schmidt ungewohnt Historisches: "Leider kann ich die Analogie zu 1914 nicht völlig falsch finden."
Der landesweit gelesene US-Kolumnist Carl T. Rowan formulierte zur selben Zeit seine Angst, die Entscheidungsträger könnten ein Abgleiten vom "rutschigen Abhang" nicht mehr aufhalten, und er warnte: "Mr. Carter mag dieses Land nicht an den 'rutschigen Abhang' am Persischen Golf gebracht haben, aber er ist ihm nahe. Er wird in den kommenden Wochen angestachelt ... werden, bis er in neuer Verbitterung und politischer Hoffnungslosigkeit den letzten Sprung in den Abgrund wagt."
Eine solche Entwicklung hatte --Wochen vor der Afghanistan-Invasion -- der US-Professor Miles Kahler von der Princeton-Universität bereits für denkbar gehalten. In einem Aufsatz in der Zeitschrift "Foreign Affairs" klopfte er zum erstenmal das "warnende Beispiel 1914" auf Analogie zu 1980 ab.
Vieles an der Spannung des Jahres 1914 und der von 1980 scheint unvergleichbar, vor allem: Zu Beginn des Jahrhunderts war gleichsam ins europäische Bewußtsein gedrungen, daß der große Krieg irgendwann doch kommen werde, daß er unvermeidlich und nach Darwinschem Auslese-Sinn vielleicht sogar wünschbar sei. Zumindest wurde er als rationale Lösungsmöglichkeit von Konflikten nicht ausgeschlossen.
Ganz anders dagegen der Krieg im Zeitalter der nuklearen Abschreckung, die absurderweise zugleich die Zeit der Entspannung und Kooperation war: Krieg galt als beinahe undenkbar, weil so zerstörerisch wie niemals zuvor, Rüstung bekam entgegen den Warnungen engagierter Abrüster den geradezu perversen Sinn, kriegsverhindernd zu sein.
Und weiter: In der akuten Krise des Sommers 1914 haben alle Beteiligten -- bis vielleicht auf England, nur insoweit hatte Lloyd George mit seinem "Schlittern" recht -- den Krieg zumindest mit Dolus eventualis gewollt, das deutsche Kaiserreich vorneweg.
Denn Berlin hat sich damals keineswegs durch die weidwunde, zu einem letzten Kraftakt entschlossene k.u.k.-Monarchie in den Konflikt zerren lassen. Die deutsche Reichsleitung -- der Kaiser, Kanzler Bethmann Hollweg, AA-Staatssekretär Jagow, Generalstabschef Moltke -- wünschte vielmehr "von vornherein eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Österreich und Serbien", wie Fritz Fischer ("Griff nach der Weltmacht") schon 1961 herausarbeitete.
In seltsamer Geistesverwirrung wollte Berlin diesen Konflikt nicht nur, um das wankende Wiener Selbstbewußtsein zu stärken, sondern auch um die antideutsche Entente politisch aus den Angeln zu heben, da angeblich weder Rußland noch Frankreich kriegsbereit waren.
Deshalb der Kinderglaube, der Konflikt sei "lokalisierbar", deshalb auch fortgesetzter deutscher Druck auf die furchtsame Wiener Diplomatie, so unnachgiebig wie möglich gegenüber Serbien aufzutreten, damit der Konflikt nur ja nicht vermieden werde.
Entgegen dem, was noch heute mitunter an deutschen Schulen und Universitäten gelehrt wird, urteilt Fritz Fischer, Deutschland habe den Weltkrieg-auslösenden österreichisch-serbischen Krieg "gewollt, gewünscht und gedeckt" -- so lange, bis die Illusion zerplatzte, daß Frankreich und Rußland nicht kriegsbereit seien und England neutral bleiben werde.
Da erst, als es zu spät war, am 30. Juli 1914, begann das gerühmte deutsche "Bremsen" gegenüber dem zuvor nur angestachelten Österreich, das sich nun nicht mehr bremsen lassen wollte.
Heute dagegen ist eine vergleichbare leichtfertige Bereitschaft zum Krieg weder in West noch in Ost vorhanden, heute spielt auch "bei den ... Weltmächten und bei uns nicht das Militärische, das Militär, eine ausschlaggebende Rolle", so Kanzler Schmidt in seiner 1914-Rede.
Und doch sind einige der Analogien des amerikanischen Forschers Kahler verblüffend, etwa:
* Die Emporkömmlings-Mentalität -damals des Kaiserreiches gegenüber den alten Kolonialmächten, heute der Sowjet-Union gegenüber dem Westen -- weckt leicht das spannungstreibende Bedürfnis, politisch ja nicht zu kurz zu kommen. S.23
* Die Arrivierten-Mentalität -- damals vor allem Englands, heute der USA -- läßt nur wenig Bereitschaft zu, dem Emporkömmling einen vernünftigen Ausgleich zu gestatten.
* Die Einkreisungsangst -- damals Deutschlands gegenüber der Entente, heute Moskaus gegenüber China und dem Westen -- führt leicht zu übertriebener Sensibilität gegenüber wirklicher oder angeblicher Bedrohung der eigenen Sicherheit.
* Die Neigung, Außenpolitk als Mittel der Innenpolitik einzusetzen -damals die zerfallende Habsburger-Monarchie durch einen Kraftakt zu retten, heute vielleicht Arbeitsplatz- oder Energienot durch militärischen Zugriff zu beheben -- kann die Risiken abenteuerlicher Kriegshandlungen gering erscheinen lassen.
* Wachsende militärische Stärke verbunden mit wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten -- damals Kaiser-Deutschlands, heute der Sowjet-Union -- schafft "eine hochentzündliche Mischung". Kahlers Resümee: "Die Analogie zu 1914 zeigt, daß schwerbewaffnete Staaten mit inneren Schwierigkeiten Risiken in Kauf nehmen und gefährliche Handlungen begehen."
Der ungehemmte und offen erklärte Kampf der Großmächte um den Primat in der Weltpolitik ist besonders brisant, wenn er wie 1914 und 1980 mit ungelösten lokalen Konflikten einhergeht: damals mit dem Aufbegehren des slawischen Nationalismus gegen den habsburgischen Vielvölkerstaat, heute mit dem Protest des arabisch-islamischen Nationalismus gegen die Existenz Israels und die technische Zivilisation des Westens.
So gesehen erscheinen die gegenwärtigen Gefahren sogar noch größer: Ein erfolgreiches Attentat gegen einen einzigen Menschen, den ägyptischen Staatschef Sadat, könnte den von ihm entschärften klassischen Nahostkonflikt sogleich wieder aufflammen lassen, ein erneuter Ölboykott den dann tödlich bedrohten Westen zu angeblich unabwendbaren Handlungen treiben -- eine Vision, die die Zukunft der Welt weit apokalyptischer erscheinen läßt als alle denkbaren Konflikte im alten Europa vor dem Ersten Weltkrieg.
Die führenden Politiker von 1914 waren auch nach den Maßstäben ihrer Zeit gewiß keine Glanzlichter, vor allem nicht Deutschlands tapsiger Bethmann Hollweg. Aber 66 Jahre später besticht die Führungsgarnitur der Weltmächte gleichfalls nicht durch Qualität, im Gegenteil: So viel formale Fehler wie der Regierung Carter sind in der Außenpolitik noch kaum einer US-Administration unterlaufen. Und seit der kubanischen Raketenkrise von 1962 begingen keine Sowjet-Führer einen so schweren Irrtum hinsichtlich der Reaktion der Gegenseite wie die Breschnew-Leute mit ihrem Afghanistan-Unternehmen.

DER SPIEGEL 17/1980
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