10.11.1980

FILMTodesengelchen

„Lulu“. Spielfilm nach Frank Wedekind von Walerian Borowczyk. Deutschland 1980. 86 Minuten; Farbe.
Die jüngste Lulu, die es je gab, auch die nackteste, und die quickeste: "Ich bin ein Tier", behauptet sie keß, bringt huschhusch vier Ehemänner nacheinander ins Grab und wird dann auf dem Babystrich von Jack the Ripper hingemetzelt, weiß der Teufel warum. Es ist, letzter Superlativ, auch die harmloseste Lulu, die es je gab.
Die gewaltigen Bilder verdrängter Erotik und elektrisierender Angst, die der Pole Walerian Borowczyk in seinen frühen Kurzfilmen geschaffen hat, alptraumschwer und geheimnisvoll -ach, ist das lange vorbei. Seit Fleisch im Kino wohlfeil ist, sind seine Leinwände davon voll und leer. Borowczyk hat sich in Frankreich zum Konditor erotomaner Delikatessen gemausert, die hierzulande unter Titeln wie "Unmoralische Novizinnen" oder "Emanuela 77" gleich in den richtigen falschen Kinos verschütt gingen: rosiger Quark.
Und nun "Lulu". Die Hauruck-Fassung von Wedekinds "Monstretragödie", die Borowczyk mit glatter und flinker Kunstfertigkeit exekutiert hat, interessiert sich -- auch wenn sie geschmäcklerisch in Fin-de-siecle-Dekors aast -- keinen Augenblick für die Gewalt unterdrückter Sexualität, für Tabu-Brüche, für das Innenleben einer Gesellschaft, die aus Verdrängung, Verhüllung, Verleugnung des Fleischs ihre kaputte Lust zieht.
Wenn da Herren in Schwarz (nur weil es im Text steht) bei der bloßen Vorstellung von "Dessous" oder "Negliges" zu röcheln beginnen, wirkt das bizarr, denn das obskure Objekt ihrer Begierde hüpft ihnen ja dauernd als duschfrischer kleiner Nackedei vor der Nase herum. Borowczyks Lulu soll ein Kind-Vamp sein.
Lulus Geheimnis, Lulus Dämonie, Lulus Angst, Lulus Lust -- das mögen sich andere ausmalen; hier wird Lulu zum minderjährigen Todesengelchen verkürzt. Mit dem rührenden Ernst eines Goldhamsters hört sie sich das Gestammel der Männer an, die ihr so wild und rettungslos verfallen zu sein behaupten, und staunt nicht schlecht, wie schnell dann jeder tot umfällt.
Muntere Zirkusmusik untermalt die Agonien, ein promptes Finale markiert den Exitus, und den Leichen widmet die Kamera, die sonst wenig Geduld hat, je eine ruhige Großaufnahme. Diese Lulu ist nur männlicher Wunsch, leere Behauptung, die sich nie erfüllt. Die einzigen vollendeten Akte in Borowczyks Film sind die Tode. Eros und Tod, ich hör euch trapsen.
So ist die wahre Geschichte, die dieser Film erzählt, die eines verängstigten Schulmädchens namens Anne Bennent, das, weil es so munter das Nymphchen zu spielen und so artig auch sperrige Wedekind-Texte aufzusagen versteht, in einem Filmatelier als Lulu malträtiert wird, sanft von einem Regisseur und schlimm vom eigenen Vater, Heinz Bennent, der mit stets mürrischer Grimasse Lulus Dauerlover Dr. Schön darstellt.
"Gott schütze Polen]" ruft Lulu und haut dem Maler Schwarz eines seiner Bilder über den Schädel. Gott schütze es. Schütze er auch Borowczyk, auch Louise Brooks. Und schütze er vor allem die Bennents und uns vor ihnen.
Urs Jenny
S.276 Mit Anne Bennent und Michele Placido. *
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 46/1980
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