23.02.1981

KONJUNKTURAlle getroffen

Die Zahl der Kurzarbeiter stieg bislang nicht so hoch wie erwartet - nach Meinung von Arbeitsmarktexperten kein gutes Zeichen.
Noch vor wenigen Wochen sahen etliche unter Bonns Konjunkturlenkern keinen Grund zur Beunruhigung. Im Sommer, spätestens im Herbst, so lautete die auch von Bundeskanzler Helmut Schmidt verbreitete Voraussage, werde es mit der Konjunktur schon wieder bergauf gehen.
"Die konjunkturelle Durststrecke", fand das Institut der Deutschen Wirtschaft heraus, werde sich "nicht allzu nachhaltig auf die Beschäftigung auswirken".
In der Hoffnung auf bessere Zeiten würden die Unternehmer, so die Annahme, die Beschäftigten mit Kurzarbeit über Winter und Frühjahr schleppen und nicht gleich Kündigungsbriefe verschicken.
Doch die jüngsten Statistiken der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit zerstörten die von den Regierenden und der Industrie-Lobby geteilte Hoffnung. Die Zahl der Kurzarbeiter stieg viel langsamer als erwartet an. Dafür schnellte die Arbeitslosenzahl in die Höhe.
5445 Betriebe ließen im Januar rund 400 000 Arbeitnehmer kurzarbeiten. Vor sechs Jahren, auf dem Höhepunkt der vorigen Rezession, hielten die Betriebe mehr als die doppelte Anzahl ihrer Beschäftigten mit Kurzarbeit am Arbeitsplatz.
"Der Verdacht ist wohl begründet", wertet Helmut Minta, Vizepräsident der Nürnberger Bundesanstalt, die Zahlen, "daß noch mehr Betriebe als erwartet gleich entlassen."
Der vergleichsweise geringe Anstieg der Kurzarbeit ist um so unverständlicher, als der Staat den Unternehmen die Entscheidung zur Kurzarbeit mit kräftigen Finanzhilfen erleichtert. Immerhin zahlt die Arbeitslosen-Anstalt 68 Prozent des ausgefallenen Nettolohns an die Arbeitnehmer.
Die Meldungen über Betriebsstillegungen und Personalabbau passen zu den Statistiken der Nürnberger. Nicht nur einzelne kränkelnde Großbetriebe entlassen Arbeitnehmer, von dem Kehraus wurden fast alle Branchen und alle Regionen der Bundesrepublik getroffen.
Entlassen wurde bei den Autobauern Ford und Opel, bei der Büromaschinenfirma Olympia stehen Entlassungen ebenso bevor wie bei dem Fernsehund-Radio-Hersteller Grundig. Der Kaffeeröster Hag aus Bremen baut seine Belegschaft ab, genauso die Textilfirma Girmes. Der größte europäische Chemiefaserkonzern, die Enka AG, will in der Bundesrepublik gleich 2000 Arbeitsplätze einsparen. Der Elektro-Konzern AEG und die Lkw-Firma Magirus-Deutz müssen sich gesundschrumpfen.
Warenhäuser wie Hertie oder Horten schließen Niederlassungen, Banken machen gleich reihenweise Filialen dicht. Allein bei Frankfurter Banken sollen in diesem Jahr 3000 Menschen weniger beschäftigt werden.
Hinzu kommen die Pleiten und Entlassungen der vielen mittelständischen Betriebe, bei denen ohne viel Aufhebens Tausende von Arbeitsplätzen wegfallen. In der Roma-Schuhfabrik in Hauenstein/Pfalz gehen 75 Jobs verloren, beim Ladenbauer Heinrich + Goldau in Eschwege 320, bei den Hohenstein-Bekleidungswerken in Crailsheim 60.
Die Gummi-Fabrik Pongs mit 1300 Arbeitnehmern in Aachen ist bankrott. Die Osnabrücker Solida-Bekleidungswerke werden ins Ausland verlegt; 100 Beschäftigte müssen sich um eine neue Stelle bemühen.
Der letzte Kündigungstermin für Angestellte am Ende des Jahres hat deutlich gemacht, daß ein ganzer Berufsstand dezimiert wird. Allein im Januar ging die Zahl der arbeitslosen Büroarbeiter um 25 000 in die Höhe.
Daß die Unternehmen nun mehr entlassen, erklären die Arbeitsmarktforscher nicht zuletzt mit den schlechten Erfahrungen der Manager im vorigen Jahr.
Im Hochgefühl eines außergewöhnlich guten Konjunkturstarts Anfang des letzten Jahres hatten die Betriebe Arbeitskräfte gehortet. "Die haben lange einfach nicht daran geglaubt", erklärt der Beschäftigungsexperte des Münchner Ifo-Instituts Josef Gattinger, "daß ein Konjunkturabschwung kommt."
Diese Arbeitnehmer-Reserve, so die Analyse, würde jetzt, da die Zukunftsaussichten spürbar schlechter geworden seien, durch Entlassungen abgebaut. Der erwartete starke Anstieg der Kurzarbeit mußte daher ausbleiben.
Der jetzt erkennbare Trend verstärkt die Beschäftigungsprobleme in diesem Jahr unerwartet. Zu den Abgängen aus den Firmen addieren sich die Entlassungen aus den Schulen. Knapp 200 000 Berufsanfänger drängen zusätzlich 1981 auf den Arbeitsmarkt, über 100 000 Jugendliche aber sind bereits als Arbeitslose registriert.
Weitere 100 000, das schätzen Experten, haben längst resigniert und sich gar nicht erst bei den Ämtern gemeldet.

DER SPIEGEL 9/1981
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