21.04.1980

„Ein bißchen DDR-Geist“

Der Fall des spionageverdächtigen Physikers Rolf Dobbertin Zweiundzwanzig Jahre lang belieferte der Physiker Rolf Dobbertin von Paris aus den Ost-Berliner Nachrichtendienst. Der Fall gibt überraschende Einblicke in den Spionageapparat des Generals Markus Wolf. Aber in Frankreich tun sich die Ermittler schwer, dem Deutschen Strafbares nachzuweisen.
Der Mann im Gefangenentransporter ist gefesselt, ein Konvoi bringt ihn nach Paris. Vornweg zwei Polizisten auf Motorrädern, die auf der Landstraße auch noch den Gegenverkehr zur Seite winken, dann ein Pkw mit zivilen Begleitbeamten, noch einer, schließlich der Transporter, viel Blaulicht.
Seit fünfzehn Monaten schon, oft mehrmals pro Woche, prescht dieser Zug vom Gefängnis Fleury-Merogis die 50-Kilometer-Strecke zur Rue St. Dominique in Paris, wo der Untersuchungsrichter residiert. Nur während der Vernehmungen werden dort dem Häftling die Fesseln abgenommen. Das muß ein Prominenter sein.
Rolf Dobbertin heißt der Gefangene. Der 45jährige Naturwissenschaftler wurde am 19. Januar 1979 verhaftet, einen Tag nachdem der DDR-Geheimdienstler Werner Stiller in den Westen übergelaufen war. Unter den zwei Dutzend Agenten des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), die Stiller enttarnen half, ist Dobbertin, so glauben westliche Staatsschützer, der wichtigste.
Seit 22 Jahren lebt er in Frankreich, und ebenso lange ist er fest besoldeter Mitarbeiter des MfS. Dobbertin arbeitete am "Nationalen Rat für Wissenschaftliche Forschung" (C.N.R.S.) in Paris und beschäftigte sich zuletzt mit Kernfusion per Laser -- einer gewiß anspruchsvollen wissenschaftlichen Aufgabe. Aus seiner Position, argwöhnen die Franzosen, habe er Hochkarätiges verraten, zumindest Geheimnisse über Atomtechnik und Laserforschung.
Aus Ost-Berlin bezog Dobbertin unbestritten ein Zusatzgehalt, bis heute ist er Mitglied der SED -- und er steht dazu. Ein Überzeugungstäter, ein "Maulwurf", wie ihn der "Express" mit Griff in die Figurenwelt von John le Carre nannte?
Das Verhaftungskommando kam morgens um halb zehn, noch vormittags begannen die Verhöre. 30 Mann hatten das Haus in der Nähe der Place d''Italie umstellt, eine Woche lang zogen dort die Spurensucher der französischen Spionageabwehr Direction de la Surveillance du Territoire D. S. T. ein. Die Ausbeute war mager. Nur ein paar wertlose Notizblöcke und eine alte DDR-Filmkamera, Typ AK 7, wurden abtransportiert.
Doch was sonst noch gegen den Untersuchungshäftling vorliegt, wiegt schwer. Doppelagent Stiller hat handfestes Belastungsmaterial zusammengerafft und allein mehrere hundert Aktenseiten über Dobbertin mitgebracht. Stiller hatte sein Wissen aus erster Hand. Er war Dobbertins Führungsoffizier.
Das Tribunal, dem der deutsche Physiker nun in Frankreich entgegensieht, ist denn auch standesgemäß: der Staatssicherheitsgerichtshof, ein, gemessen an sonstigen europäischen Rechtsbräuchen, bizarres Sondergericht mit drei Militär- und zwei Berufsrichtern. Diese Kammer ist für Delikte von politischer Tragweite reserviert. Sie ist gegen Ende des Algerienkrieges zur Aburteilung von Putschoffizieren gegründet und in letzter Zeit vor allem gegen bretonische Separatisten oder korsische Bombenleger eingesetzt worden.
Wie plausibel Dobbertin dort als Staatsfeind, Atomspion, Maulwurf überführt werden kann, steht allerdings trotz aller Indizien dahin. Denn die einschlägige Strafvorschrift, Artikel 80 Abschnitt 3 des Code Penal, setzt ausdrücklich die Spionage "zum Schaden der militärischen oder diplomatischen Lage Frankreichs" voraus. Da aber Dobbertins Agententätigkeit aus unüberprüfbaren Gesprächen mit DDR-Kontaktleuten sowie der Übersendung öffentlich erhältlicher Schriften bestand, ist die Verletzung französischer Interessen nur mühsam zu lokalisieren. S.99
Seit fünfzehn Monaten schon recherchiert der Untersuchungsrichter des Staatssicherheitsgerichts. Zwar soll im Herbst der Prozeß sein, doch bislang scheint der Häftling noch nicht hinreichend überführt. Und seine wichtigste Beteuerung lautet: "Ich habe Frankreich nicht den geringsten Schaden zugefügt."
Im öffentlichen Disput mit Frankreichs Medien, denen gegenüber er sich gegen Beschuldigungen wehrt, hat der Physiker seine Aktionen als normalen wissenschaftlichen Umgang dargestellt. Dobbertin in "Le Monde" über seine DDR-Kontakte: "Der internationale Charakter der Forschung ist nicht eine Frage der Toleranz, einer Großzügigkeit, die die Nationen gewähren, sondern der Funktionsmodus der Wissenschaft." Unverhoffte Stütze dieser Argumentation: die Schlußakte von Helsinki.
In der Tat haben am Ende der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa die Regierungschefs aus West und Ost mit großer Geste auch einen Passus über Forscherfreiheit quergeschrieben. Technische und wissenschaftliche Kooperation, so das Schlußdokument, könne durchaus auf nichtstaatlicher Ebene stattfinden -"auch unter Nutzung verschiedener Arten von Kontakten, einschließlich direkter und individueller Kontakte".
Daß damit die Einschaltung des Ost-Berliner MfS abgedeckt sein sollte, mag zwar auch Dobbertin nicht reklamieren. Solange es aber nicht von Gesetz wegen eingeschränkt ist, sagt er, "bleibt es doch schnurzegal, ob ich auf dem linken oder rechten Bein tanze". Er räumt immerhin aber ein: "Ein ganz so reiner Wissenschaftler wie die anderen war ich nicht."
Die Bedeutung des Falls Dobbertin liegt dennoch weniger in Menge und Gewicht der Informationen, die 22 Jahre lang geflossen sein mögen. Ergiebiger und zugleich faszinierend für westliche Beobachter ist dies Bild einer Agentenkarriere -- am Beispiel eines der Dienstältesten aus dem MfS-Außendienst. Detailliert wie kaum je zuvor vermittelt es Einsichten in technische und politische, auch zeitgeschichtliche und menschliche Aspekte der Ost-Berliner Auslandsaufklärung.
Was Stiller in den Westen brachte, ergab ein Mosaik von der DDR-Spionage. Es verschaffte neue Einblicke in das vom Politbüro-Mitglied und Generaloberst Erich Mielke geführte Stasi-Ministerium, besonders aber in die Bräuche beim Auslandsressort "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) des legendären Generalleutnants Markus Wolf. Stillers Dobbertin-Papiere helfen, diese Apparate zu entmystifizieren, zeigen in Einzelheiten den täglichen Geschäftsgang einer Spionagebehörde. Die Dossiers informieren über
* Führungsmethoden: Die Kundschafter haben reguläre Verträge, in denen Gehälter wie auch die Modalitäten der späteren DDR-Rückkehr geregelt sind; die Agenten vereinbaren Kontakte mit Ost-Berliner Abgesandten gern an ständig wechselnden Treffstellen in verschiedenen Westländern, gelegentlich wird der Treff dabei vom MfS noch mal gesondert überwacht;
* Ermittlungsziele: Statt Material im herkömmlichen Spionagestil zu beschaffen, dienen Zuarbeiter in bestimmten technischen Schlüsselpositionen oft mehr als Gutachter und liefern der DDR regelrecht Systemberatung;
* Behördenleerlauf: Bürokratische Schwierigkeiten führen zu grotesken Pannen bei der Übermittlung von Material, das MfS-Rechnungswesen verwickelt die auswärtigen Mitarbeiter in kleinliche Spesenstreitigkeiten;
* politische Kontroversen: Abweichung von der SED-Linie wird zwar in Dossiers registriert, beim verdienten Agenten aber bisweilen jahrelang geduldet; der gemäßigte Abweichler behält seinen Beschäftigungsbereich;
* Fehlinformationen: Durch Eitelkeit, Erfolgszwänge oder Mißverständnisse bei Kurieren und Führungsoffizieren werden der Zentrale oftmals die Alltagsbekanntschaften des Residenten als wichtige Quellen, Zeitungsmeldungen als S.101 Hintergrundinformation aufgebauscht.
Zu Beginn seiner Westkarriere, 1958, wartete MfS-Mann Dobbertin den Bundesbehörden erst einmal mit der Wahrheit auf, wenn auch etwas hintergründig: Als der damals 23jährige Student aus Rostock sich anläßlich einer Nobelpreisträgertagung in Lindau bei der Polizei um Aufnahme in die Bundesrepublik bewarb, fragte man ihn, ob er politischer Flüchtling sei. Diese Frage verneinte er; den Paß gab es aber trotzdem binnen drei Tagen.
Schon 1953 war Rolf Dobbertin der SED beigetreten. Während des Studiums an der Universität Rostock war er FDJ-Vorsitzender der Naturwissenschaftlichen Fakultät und schrieb politische Beurteilungen über Kommilitonen. Die Partei fand ihn engagiert und linientreu genug für ein Auslandsstipendium nach MfS-Art.
Als einer von jährlich Hunderttausenden DDR-Flüchtlingen ging Dobbertin über die deutsch-deutsche Grenze und schrieb sich dann bei der Pariser Universität ein. Ost-Berliner Monatswechsel: 400 Mark; Studienziel: erst einmal Wissen erwerben, nebenbei Kontakte knüpfen und kleine Informationen beschaffen.
Daß die DDR der fünfziger Jahre durch bundesdeutsche Ausgrenzungspolitik systematisch isoliert wurde, beschwerte auch den Bereich Wissenschaft. An den Hochschulen herrschte deshalb nicht nur unter den SED-Kadern Ungeduld und der Wunsch, "der DDR-Wissenschaft den Zugang zur Welt zu verschaffen, auf den sie ein Anrecht hat" (Dobbertin).
Entsprechend argumentierten die Werber des Ministeriums für Staatssicherheit beim Hochschulnachwuchs: Da die DDR vom diplomatischen Verkehr im Westen und damit vom allgemeinen Informationsfluß ausgeschlossen sei, müsse das Stasi-Ministerium eine Art Hilfsnetz spannen; die Zuarbeit von Wissenschaftlern sei dabei ein wichtiger Teil dieses gleichsam von Bonn erzwungenen Notsystems.
Der Auftrag vom MfS diente den jungen Streitern von den DDR-Hochschulen jedoch meist "nur als formale Abdeckung", Hauptmotiv war "spontanes politisches Engagement". Rolf Dobbertin glaubte: "Die DDR hatte ein Recht darauf, das alles zu kriegen, die Frage war nur, wie."
Fürs MfS keine Frage. Der Nachwuchskundschafter erhielt eine Kurzunterweisung in konspirativen Techniken. Westdeutsche Geheimdienstexperten taxieren die Grundausbildung für DDR-Auslandshelfer zwar auf drei bis sieben Monate. Dobbertin aber berichtet, er habe sein Pensum in kaum mehr als zwei Nachmittagen aufgenommen.
Die Ausstattung, mit der er nach Paris abrückte, war danach: Unterlagen zum Entschlüsseln chiffrierter Rundfunkanweisungen, Hilfsmittel zum Präparieren von Briefen, die mit der offiziellen Post gingen, sonst nichts.
Wenn der Agent Ost-Berlin kontaktieren wollte, pflanzte er in unverbindliche Brieftexte "Mikrate" ein, auf Winzigformat verkleinerte Mitteilungen. Dobbertin mußte mit der Zentrale oft per Mikrat umgehen, vor allem der Empfang von Funkbotschaften war so zu bestätigen, und der Physiker fand bald heraus, daß das rege konspirative Zwiegespräch, zu dem das MfS seine Agenten anhält, psychologische Nebenzwecke hat.
Die Geheimnishuberei soll dem Mitarbeiter auch in der Ferne die Beruhigung vermitteln, ständig in den Apparat eingebunden zu sein -- "wie wenn man einem Christen den Rosenkranz gibt" (Dobbertin). Zugleich aber läßt der konspirative Charakter dieses Umgangs den Agenten fühlen, daß er jederzeit seinem Auftraggeber, andernfalls aber seinen Jägern ausgeliefert ist -- "daß er nun nicht mehr weg kann". Außerdem gibt die Auflage, Funkbotschaften ständig bestätigen zu lassen, der Zentrale die Kontrolle, ob der Agent auch, wie ausgemacht, fleißig Radio hört.
Rolf Dobbertin wurde, als er noch studierte, von Paris aus vorwiegend im Bundesgebiet und in West-Berlin tätig. Er besuchte nach eigener Wahl ehemalige Bekannte aus der DDR und republikflüchtige Exkommilitonen. Meist befragte er sie über die Gründe ihres Übertritts. Einmal sprach er sogar im West-Berliner Ostbüro der SPD vor. Ein Spezi aus DDR-Tagen, so diesmal ein Auftrag des MfS, sollte überredet werden, zu einem Treffen nach Ost-Berlin zu kommen. Das am Ende erfolglose Vorhaben hielt Dobbertin, wie er später erklärte, für "Blödsinn".
Bei diesem dubiosen Fall hat Werner Stiller Dobbertin in die Nähe von Menschenraub gerückt. Im MfS war man da nicht so sicher. Jedenfalls wurde in Dobbertins Ost-Berliner Akte lediglich der vag-wirre Vermerk eingetragen: "Fuhr nach Berlin, um an der Verhaftung von X teilzunehmen, war aber Blödsinn."
Ohnedies deutet der Fall des Pariser Physikers an, daß die berüchtigte HVA keineswegs immer mit jener schneidenden Zielstrebigkeit arbeitet, die ihr im westlichen Ausland oft zugemessen wird. Auch bei der HVA gibt es offenbar den mehr halbseidenen Informationsbereich, wo es im Stil des legendären "Mann in Havanna" zugeht; wie in Graham Greenes Buch der Bauplan eines Staubsaugers als Geheimwaffenkonstruktion weitergemeldet wird, schieben sich auch in Ost-Berlin gelegentlich geheimdienstliche Wichtigtuer in den Vordergrund.
So hatte Dobbertin seinem Führungsoffizier "Armin" einmal berichtet, daß eine nette Bekanntschaft von der letzten Silvesterfeier als Sekretärin bei der Flugzeugfirma Sud-Aviation beschäftigt sei; ein andermal hatte er Armin Produktionszahlen des Militärtransportflugzeugs Transall aus der Zeitung vorgelesen. Auf dem Instanzenweg dann strickten MfS-Leute daraus die Erfolgsmeldung, daß eine Werksangehörige auf Interna der Sud-Aviation angesetzt und bereits geheimes Zahlenmaterial über Flugrüstung beschafft worden sei. Und so wurde es beim MfS dann auch gespeichert.
Dagegen aber fiel den Stasi-Kontrollleuten übel auf, daß Rolf Dobbertin S.103 sich auf eine dreimonatige Chinareise gemeinsam mit Fakultätskollegen vorbereitete und auch noch die Landessprache studierte. So kam in das persönliche Dossier des Physikers der Verdachtseintrag "prochinesisch".
Unprofessionell ging es bisweilen auch bei der Übermittlung größerer Materialmengen zu. Einmal sollte Dobbertin seinen Auftraggebern einen Koffer voller Kongreßunterlagen zukommen lassen. Es gab unerwartete Probleme: Beim Direkttransport in die DDR, so fürchteten die Zwischenträger offenbar, könnte ein nicht eingeweihter DDR-Grenzer im Übereifer die Papiere als verpönten Weststoff in den Reißwolf geben.
Die Lösung: Das Gepäck wurde, bis zur Abholung durch einen Spezialkurier, in Frankfurt am Main bei der Gepäckaufbewahrung untergebracht, den Gepäckschein mußte Dobbertin in ein eigens aus Ost-Berlin übersandtes Reisenecessaire mit doppeltem Boden stecken und in die DDR schicken. Nur, der Waschbeutel blieb zwei Wochen beim DDR-Zoll liegen.
1961 hatte Rolf Dobbertin die Universitätsausbildung beendet und trat bald darauf in die Dienste des C.N.R.S. Das diskrete Stipendium aus der DDR lief nun aus, es stand die Gehaltsfrage an. Beim MfS ist Hausbrauch, Mitarbeiter im Ausland sehr ausgewogen zu besolden -- ein westlicher Experte: "Die bekommen gerade so viel, daß sie bei Laune bleiben, aber nicht so viel, daß sie zu unabhängig werden."
Dobbertin bekam zunächst ein monatliches Zubrot von 200, später von 450 Mark, Spesen nicht inbegriffen. Die beliefen sich, vor allem wegen zahlreicher Auslandsreisen, jährlich noch einmal auf rund 3000 Mark.
Nun begann für den Ostdeutschen in Paris "ein ewiger Kampf um Geld". Mit seinem Prinzip "Ich will jeden Pfennig zurück, den ich aufgewendet habe" eckte der Wissenschaftler mehrmals bei den Ost-Berliner Rechnungsstellen an. Wollte der Kundschafter mehr Geld, so hielten ihm knickerige MfS-Buchhalter Zahlen über den nicht ganz so stark gestiegenen französischen Lebenshaltungsindex entgegen.
Einmal bekam Dobbertin, mittlerweile mit einer Westdeutschen verheiratet, auf einen neuen Gehaltswunsch den Ratschlag, seine Frau möge eine Stelle annehmen. Ein andermal, als er den Arbeitsaufenthalt bei einem Salzburger Kongreß mit dem Besuch der Festspiele verband und hinterher die Theaterkarten für sich und seine Frau abrechnen wollte, wurde beim MfS daraus sogar ein vielbeachteter Vorgang.
Rolf Dobbertin, dessen Eltern in Rostock wohnen, reiste oft in Begleitung seiner Frau in die DDR. Geheimdienstkontakte hatte er aber auch regelmäßig im Ausland, so immer wieder in der Bundesrepublik und in Jugoslawien. Dabei hatte er es im Laufe von 22 Jahren nacheinander mit vier Führungsoffizieren zu tun. Die wiederum hatten Assistenten, denen meist die niederen Kurierdienste ("Koffer in West-Berlin abholen") blieben. Manchem gelang es, eines Tages selbst zum Führungsoffizier aufzusteigen.
Diese MfS-Operateure arbeiteten stets unter Decknamen. Mitte der siebziger Jahre führte Armin vom MfS bei Dobbertin "den Werner" ein, einen neuen Mitarbeiter, ebenfalls Physiker, der bald auch seinen Zunamen preisgab: "Stiller" -- für Dobbertin ein Indiz, daß Werner Stiller in Wirklichkeit auf diesen Namen wohl kaum getauft worden ist.
Werner Stiller, schlank, mittelgroß, sprach in gemäßigt ostdeutscher Tonart und hielt auf betont gepflegten Stil. Beobachter erinnern sich: "Der lief immer in der neuesten Mode herum." Er bevorzugte Tuche nach westlichem Geschmack, helle, meist graue oder blaue Anzüge und wirkte auf Dobbertin "wie vermutlich einmal der junge Mende ausgesehen hat". Eine Weile lang hatte "der Werner" mehr mit Koffern zu tun, schließlich, 1977, löste er den Armin als Führungsoffizier des Pariser Wissenschaftlers ab.
Bereits seit 1974 war Dobbertin nicht mehr in die DDR gereist, und dem neuen Führungsoffizier Stiller war das auch recht. Er schien von den nun regelmäßigen Treffs im westlichen Ausland sehr angetan. Von Physik allerdings, so schien es dem versierten Wissenschaftler Dobbertin, besaß der Diplomphysiker Stiller "eigentlich nicht soviel Ahnung". Kein Wunder, er hatte anderes zu tun.
Stiller war in dem für Technologiespionage zuständigen Bereich der HVA nur Oberleutnant, erhielt jedoch als Parteiaktivist (Erster Sekretär) regelmäßig Zugang zu Spitzengenossen und Topinformationen aus den anderen Ressorts. Seine operativen Westaufgaben als Führungsoffizier erleichterten ihm die mutmaßlich langjährige Doppelagentenschaft zugeunsten des Bundesnachrichtendienstes.
Bei Gesprächen im Westen signalisierte Oberleutnant Stiller aufmerksamen Zuhörern gelegentlich Anzeichen dafür, daß der einstmals eingefleischte SED-Parteigänger von den zahlreichen ungelösten Widersprüchen zwischen Ideologie und Wirklichkeit in der DDR enttäuscht war. "Richtig herausgerückt ist er nie mit seiner Meinung", erinnert sich Gesprächspartner Dobbertin, "aber man merkte, daß etwas faul ist mit ihm."
Einmal trafen sich beide in einer Bar im jugoslawischen Ljubljana; nach einigen Gläsern ging Stiller zu ungewohnt persönlichem Stil über und offenbarte Anfechtungen: "Ich habe deine Akte gelesen, ich verstehe fast, warum du so kritisch denkst."
Wie Dobbertin dachte, war nämlich auch ausführlich beim Stasi dokumentiert. MfS-Besucher hatten hinterher oft zu Protokoll gegeben, daß der Genosse in Paris sich bisweilen skeptische Distanz zur Ost-Berliner Parteilinie leistete und aus seiner Sympathie für sozialistische Sozialistenkritiker wie Bahro und Havemann kein Hehl machte.
So finden sich in der von Stiller in den Westen geschafften Akte Dobbertin Bewertungen wie "anarchistisch" und "unwissenschaftlich". Wegen des Prag-Einmarsches hat Ehefrau Ellen Dobbertin, so das Dossier, gegenüber S.106 einem Mann von drüben "die DDR in provokatorischer Weise als aggressiv bezeichnet" -- hinter dergleichen stecke aber Dobbertin selbst.
Die Zeugen solcher Abweichungserscheinungen können nicht allzuviel Einfluß besessen haben. Denn höheren Orts in der Zentrale änderte sich, scheint''s, wenig an der Wertschätzung für den Mann in Paris; er wurde unverändert von den so mißtrauischen Ostgeheimdienstlern konsultiert, denen ansonsten gemäß MfS-Ulk allein schon "Fragen fragen verdächtig" ist.
Materialversand hat Rolf Dobbertin nach eigener Einstufung eigentlich nur nebenbei besorgt. Seine Hauptaufgabe sei es gewesen, "mehr Ratschläge als Informationen zu liefern". Beispielsweise mußte er bei längeren Fachgesprächen mit DDR-Experten kompetente Einschätzungen abgeben, etwa zu Kapiteln wie Schneller Brüter oder Laser-Fusion.
Dabei ging es dann weniger um Details, die der östlichen Seite aufgrund eigener Grundlagenforschung meist wohlvertraut sind. Allem Anschein nach lag Dobbertins Gesprächspartnern vor allem daran, im ständigen Gespräch mit einem westlichen Spitzentechnologen ihres Vertrauens stets die eigenen Entwicklungen am westlichen Diskussionsstand messen zu können -gefragt war mehr Beratung also als Spionage.
Dobbertin sah sich stets als "ganz spezieller Fall", wobei oft nicht einmal seine engsten Gesprächspartner beim MfS zu folgen vermochten. 1967 wurde der Wissenschaftler einmal in Ost-Berlin "zum Chef" beordert. Der -- wie Dobbertin annimmt: Markus Wolf -gab die Devise aus: "Sie müssen sich ausbilden, um allgemeine Einschätzungen liefern zu können, das darf ruhig fünf bis zehn Jahre dauern." Hinterher monierte ein Wolf-Untergebener: "Der hat gut reden. Und von uns werden detaillierte Tätigkeitsberichte verlangt."
Des Physikers Ansehen in der Zentrale war immerhin so gut, daß ihm neben ideologischen Auffälligkeiten auch schon mal ein kleiner Disziplinmangel verziehen wurde. Anfang der siebziger Jahre beschloß das MfS, Dobbertin in Paris abzulösen. 1973 in Rostock eröffnete ihm ein Geheimer: "Du bleibst jetzt hier. Wir haben dich studieren lassen und brauchen jetzt deine Fähigkeiten hier."
Dobbertin, der sich nicht aus Paris in die DDR verpflanzen lassen wollte, zögerte die Sache hinaus. MfS-Abgesandte versuchten es mit moralischem Druck ("Genosse") und drohten mit Exkommunikation ("Dann kennen wir dich nicht mehr"). Am Ende erreichte der Physiker, wenigstens nicht in die DDR zurückgeholt zu werden. Für ein Jahr ging er nach Oxford und verwies dann, 1975, auf ein erneutes gutes Angebot vom C.N.R.S. Die Ost-Berliner lenkten ein, Dobbertin kam wieder mit offiziellem Auftrag nach Paris.
Ihren Auslandsleuten sichert die HVA in eingehenden Abreden den Aufgabenbereich, die Bezahlung, die Rückkehrmodalitäten und, zur Belohnung, spätere DDR-Privilegien zu, teils in exakter Vertragsform. Dobbertin, so sagt er, erhielt dagegen "niemals etwas präzise formuliert". So habe er auch seine Gesprächspartner meist selbst ausgewählt und eigenständig entschieden, was zu liefern war. "Wenn die mir amtlich kamen, sagte ich, ihr habt ja kein Mittel gegen mich." Ost-Berlin hat diesen Schwebezustand anscheinend stets akzeptiert.
Nun ist Rolf Dobbertin dennoch zwischen die Fronten geraten. Seiner Rolle als Wissenschaftler und Zuträger für die DDR mag er nicht abschwören. Doch die Aussicht auf Rückkehr zu den Auftraggebern in die DDR trübt -- noch eine, makabre, Parallele zu Graham Greene -- ein "menschlicher Faktor": Es droht die Trennung von der im Westen verwurzelten Familie. Die Ehefrau ist in Paris berufstätig, der zwölfjährige Sohn auf einer französischen Schule; nach Ostdeutschland wollen sie keinesfalls umsiedeln.
Dobbertin hat sich die Chance geboten, durch umfassende Geständnisse und Kooperation am Ende des Verfahrens in Frankreich bleiben zu können, und sei es unter politischem Asyl und Tarnung vor MfS-Rache. Eine einschlägige Offerte der D.S.T. lag vor. Doch der Agent, der zu seinen Motivationen "ein bißchen DDR-Geist" zählt, hat nicht angenommen.
Der Preis dafür ist hoch. Denn unter den noch ungewissen Folgen des Gerichtsverfahrens ist die am meisten gefürchtete wohl noch am wahrscheinlichsten: Ausweisung Rolf Dobbertins und damit praktisch Abschiebung in die DDR.
S.106 Mit DDR-Ministerpräsident Willi Stoph, SED-Parteichef Erich Honecker. *

DER SPIEGEL 17/1980
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